mini|Karl-Otto Apel ca. 1990 Karl-Otto Apel (* 15. März 1922 in Düsseldorf; † 15. Mai 2017 in Niedernhausen) war ein deutscher Philosoph. Er war ein Vertreter der Diskursethik sowie einer sprachpragmatischen, intersubjektiven Transzendentalphilosophie oder Transzendentalpragmatik.Andreas Dorschel (Hrsg.), Transzendentalpragmatik. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993. suhrkamp.de (PDF; 319 kB). Apel strebte eine „Transformation der Philosophie“ an.So der Titel seines Hauptwerkes, einer 1973 erschienenen Aufsatzsammlung. Der Ausgang vom Subjekt müsse zugunsten einer intersubjektiven Perspektive überwunden werden, ohne dass die von Immanuel Kant gewonnenen Einsichten in die unhintergehbaren Konstitutionsbedingungen der Objektivität verloren gehen.

Wesentliche Intention von Apel war die Abwehr relativistischer Positionen, insbesondere in der Ethik. Zusammen mit seinem seit Studienzeiten befreundeten Kollegen Jürgen Habermas unternahm Apel den Versuch, die kantische Moraltheorie im Hinblick auf die Frage der Normenbegründung mit kommunikationstheoretischen Mitteln neu zu formulieren.

Leben und Denkweg Apel wuchs während der politischen Krisen der Weimarer Republik auf. 1940 wurde er mit seiner ganzen Abiturklasse Kriegsfreiwilliger. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte Apel von 1945 bis 1950 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn zunächst Geschichte und Geistesgeschichte, bevor er sich als Schüler von Erich Rothacker auf die Philosophie festlegte.Zur Biographie Apels vgl. Vittorio Hösle: Die Krise der Gegenwart und die Verantwortung der Philosophie. S. 110–115; Walter Reese Reese-Schäfer: Karl-Otto Apel zur Einführung. S. 15–21.

Im Jahr 1950 wurde er in Bonn mit einer Arbeit über Heidegger promoviert, 1961 habilitierte er sich in Mainz über die humanistische Sprachidee (Die Idee der Sprache in der Tradition des Humanismus von Dante bis Vico). Von 1962 bis 1969 war er ordentlicher Professor für Philosophie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, von 1969 bis 1972 ordentlicher Professor für Philosophie an der Universität Saarbrücken und von 1972 bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1990 ordentlicher Professor für Philosophie an der Universität Frankfurt am Main.

Als Grunderfahrung seiner frühen Studienjahre – die bestimmend für seinen späteren philosophischen Werdegang wurde – schildert Apel das „dumpfe Gefühl“, dass „alles falsch war, für das wir uns eingesetzt hatten“.Apel: Diskurs und Verantwortung. S. 374. Das geistige Angebot, das in der Zeit des Wiederaufbaus zur Verfügung stand (Dilthey, Heidegger), konnte die Fragen, die ihn beschäftigten, nicht beantworten.

Dennoch folgte in Apels Biographie zunächst eine unpolitische Phase. Er beschäftigte sich aus „trotziger Indifferenz gegenüber den politisch-historischen Schatten der jüngsten Vergangenheit“ mit der Existenzphilosophie, da es bei ihr nicht darauf ankam, „für was man sich eingesetzt hatte, sondern wie man es getan hatte“.Apel: Diskurs und Verantwortung. S. 377. So promovierte er im Jahr 1950 in Bonn mit der nie als Buch veröffentlichten Arbeit über Heidegger Dasein und Erkennen. Eine erkenntnistheoretische Interpretation der Philosophie M. Heideggers. Auch seine Schrift Die Idee der Sprache in der Tradition des Humanismus von Dante bis Vico, mit der er sich 1961 in Mainz habilitierte, bewegte sich noch in den Bahnen der hermeneutischen Philosophie. Diese Arbeit gilt inzwischen als Standardwerk zur Geschichte der Sprachphilosophie.Vittorio Hösle: Die Krise der Gegenwart und die Verantwortung der Philosophie. S. 112.

Obwohl sich Apel bereits seit den späten 1950er Jahren mit der analytischen Philosophie auseinandersetzte, begann er erst in den 1960er Jahren, sich mit deren Mitteln von der Hermeneutik zu lösen. Apel kommt dabei das Verdienst zu, zwischen den zu dieser Zeit einflussreichsten Strömungen der Philosophie vermittelt zu haben. Vor allem dem Verhältnis von Heidegger und Wittgenstein galten umfangreiche Studien. Besonders konzentrierte sich Apel auf das Problem der Beziehung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften und ihren Methoden, „Erklären und Verstehen“.

Die späten 1960er Jahre bedeuteten für Apel eine „politisch-emanzipatorische Erweckungszeit“.Apel: Diskurs und Verantwortung. S. 378. Es begann eine intensive Auseinandersetzung mit der politischen Philosophie, v. a. mit dem jungen Marx, dem westlichen Neomarxismus, und der Kritischen Theorie. Dabei wurde er stark von seinem ehemaligen Bonner Studienkollegen, Jürgen Habermas, beeinflusst. Der Studentenbewegung stand er kritisch gegenüber, da er in ihr eine Verkennung demokratisch-rechtsstaatlichen Denkens und die Gefahr eines utopischen Realitätsverlusts sah. Dennoch attestierte er ihr, dass sie den für die Nachkriegssituation überfälligen Durchbruch zur öffentlichen Diskussion der politischen Situation erzwungen und ein politisch-philosophisches Bewusstsein hergestellt habe.Apel: Diskurs und Verantwortung. S. 379.

In dem in dieser Zeit entstehenden Diskursklima begann Apel sein Hauptwerk, Transformation der Philosophie, zu entwickeln. Im Zusammenhang mit seinem Studium Wittgensteins und Heideggers hatte Apel die Intersubjektivität als gemeinsame große Entdeckung erkannt. Da ihm diese Ansätze jedoch als inkonsistent erschienen,Vittorio Hösle: Die Krise der Gegenwart und die Verantwortung der Philosophie. S. 114. ließ sich Apel seit Ende der 1960er Jahre auf transzendentale Fragestellungen ein, die er mit dem Intersubjektivitätsansatz zu vermitteln suchte. Gleichzeitig erfolgte eine intensive Auseinandersetzung mit Charles Sanders Peirce, von dessen Schriften er 1967 und 1970 eine mit umfangreichen Einführungen versehene Auswahl in deutscher Übersetzung herausgab. Ausgehend von Peirce’ Konsensustheorie der Wahrheit und der darauf aufbauenden Begründung der Ethik kam Apel zu der Auffassung, dass die Voraussetzung allen Erkennens nicht das einsame Subjekt, sondern immer die menschliche Kommunikationsgemeinschaft sei. Auf dieser Grundlage entwickelte Apel seit Anfang der 1970er Jahre seine „Transzendentalpragmatik“ mit dem Ziel, aus der traditionellen Philosophie des Einzelbewusstseins und des Subjekts zu einer Philosophie der intersubjektiven Verständigung zu gelangen.

1989 wurde er zum Mitglied der Academia Europaea gewählt.Eintrag auf der Internetseite der Academia Europaea

Karl-Otto Apel starb im Mai 2017 im Alter von 95 Jahren.

Werk

Hermeneutik und Sprachkritik Apel kann als einer der ersten deutschen Philosophen gelten, die die bis dahin getrennten und gegensätzlichen Strömungen der an Heidegger anknüpfenden hermeneutischen Philosophie und der sprachanalytischen Philosophie im Gefolge Wittgensteins verbunden haben. Apel versucht durch eine Kritik sowohl an Heidegger, dem er Logosvergessenheit vorwirft, als auch am frühen Wittgenstein, dessen Tractatus er als selbstwidersprüchliche Grenzziehung der Vernunft ansieht, nicht nur die Unterschiede, sondern auch die Gemeinsamkeiten beider Strömungen zu erfassen. So sei sowohl Heideggers als auch Wittgensteins Philosophie durch eine Überwindung oder 'Verwindung' der Metaphysik gekennzeichnet. Beide Richtungen zielen auf die pragmatische Lebenswelt, wie dies bei Heidegger durch den Vorrang der Zuhandenheit über die theoretische Vorhandenheit zum Ausdruck kommt. In eben jene Richtung gehe auch die Sprachspielanalyse Wittgensteins. Indem die Pragmatik und die Sprache als intersubjektive Struktur bei beiden Denkern eine zentrale Rolle spielen, sei der Übergang zur Philosophie der Gegenwart als Philosophie der Intersubjektivität in beiden Fällen vollzogen. Ausgehend von einer Auseinandersetzung mit diesen beiden philosophischen Richtungen versucht Apel in seiner transzendentalen Hermeneutik zwischen den Modellen des Welterklärens der Naturwissenschaften und des Weltverstehens der Geisteswissenschaften zu vermitteln.

Intersubjektivität und Reflexivität Apel sieht es als die große Leistung der Philosophie des 20. Jahrhunderts an, den methodischen Solipsismus überwunden zu haben, der in seinen Augen die ganze neuzeitliche Philosophie von Descartes bis zum Deutschen Idealismus gekennzeichnet hatte. Die solipsistische Überzeugung, dass „im Prinzip ‚einer allein‘ etwas als etwas erkennen und dergestalt Wissenschaft treiben könnte“,Apel: Die Kommunikationsgemeinschaft als transzendentale Voraussetzung der Sozialwissenschaften. In: Transformation der Philosophie. Band 2, (1972), S. 220–263, hier S. 234. sei von Wittgenstein und Heidegger zu Recht zurückgewiesen worden. Die positive Kehrseite dieser Ablehnung sei die Orientierung an der Sprache, die nach der vorkantischen Ontologie und der transzendentalen Bewusstseinsphilosophie die sprachlich vermittelte Intersubjektivität als drittes Paradigma der abendländischen Philosophie eingeleitet habe. Diese Ansätze verwickeln sich nach Apel jedoch aufgrund ihres Reflexivitätsverbots in Widersprüche, die ihre Verbindlichkeit gefährden. Ohne die Durchbrechung dieses Verbots sei intersubjektive Verständigung und Letztbegründung unmöglich.Apel: Die Kommunikationsgemeinschaft als transzendentale Voraussetzung der Sozialwissenschaften. S. 237.

Sprechakte Einen Meilenstein zur Entwicklung der Transzendentalpragmatik stellte die Auseinandersetzung Apels mit der Sprechakttheorie Austins und Searles dar. Als wichtigste Leistung der Sprechakttheorie gilt Apel die Entdeckung der performativ-propositionalen Doppelstruktur der menschlichen Rede. Sätze können nur in Sprechakten ausgedrückt werden, die daher die grundlegende Einheit der menschlichen Sprache darstellen. Mit jedem Sprechakt werden vier Geltungsansprüche erhoben: Verständlichkeit der Äußerung, Wahrheit ihres propositionalen Bestandteils, Richtigkeit ihres performativen Bestandteils und Wahrhaftigkeit des sprechenden Subjekts, was Apel als die intersubjektive Dimension jedes Sprechakts interpretiert.

Rationalitätsformen Apel hat in seinen Arbeiten verschiedene Rationalitätsformen unterschieden, wobei sich die einzelnen Gliederungen und Bezeichnungen etwas unterscheiden. Die einzelnen Rationalitätsformen stellen dabei unterschiedliche, aber doch aufeinander bezogene Momente der Erfassung von Wirklichkeit dar.

Eine frühe These von Apel ist die Leib-Gebundenheit der menschlichen Erkenntnis, die er als „Leibapriori“ bezeichnet.Apel: Das Leibapriori der Erkenntnis. In: Archiv für Philosophie. Band 12, Heft 1–2, 1963, S. 152–172. Verbesserter Nachdruck in: Hans-Georg Gadamer, Paul Vogler (Hrsg.): Neue Anthropologie. Band 7, G. Thieme, Stuttgart 1974 und dtv, München 1975, S. 264–288. Leiblichkeit und Bewusstsein ergänzen sich für Apel; beide bilden zusammen komplementäre apriorische Elemente für das menschliche Erkennen: „Das Erkennen ist vom handelnden Eingriff in die Welt prinzipiell nicht mehr zu trennen, und darin liegt die Aufhebung der kartesischen Subjekt-Objekt-Trennung.“Apel: Das Leibapriori der Erkenntnis . S. 280.

In seiner Arbeit Die „Erklären: Verstehen“-Kontroverse in transzendentalpragmatischer Sicht geht er von vier Formen von Rationalität aus: einer „szientifischen“, „technologischen“, „hermeneutischen“ und „ethischen“ Rationalität.Apel: Die „Erklären: Verstehen“-Kontroverse in transzendentalpragmatischer Sicht (1979), S. 27. Apel geht es dabei vor allem um das Verhältnis zwischen Erklären und Verstehen der szientifischen bzw. hermeneutischen Rationalität. Beide Rationalitätsformen beziehen sich zum einen auf unterschiedliche Bereiche der Wirklichkeit: das, was naturwissenschaftlich durch die Angabe von Wirkursachen erklärt wird, kann nicht zugleich als Ausdruck einer Absicht verstanden werden. Beide Rationalitätsformen ergänzen sich aber auch: hermeneutisches Verstehen erfordert Erklärungswissen, während umgekehrt eine naturwissenschaftliche Erklärung nur dadurch möglich ist, dass die beteiligten Forscher sich wechselseitig als Subjekte mit Intentionen verstehen und anerkennen.