mini|Julius Hülsemann (1824 bis 1888), Oberbürgermeister von Arnstadt ab 1872. Julius August Heinrich Hülsemann (* 18. Oktober 1824 in Arnstadt;Kirchenamtsangabe in Arnstädtisches Regierungs- und Intelligenz-Blatt vom 20. November 1824, S. 202. † 24. März 1888 ebendaTodesnachricht und Anzeige in Regierungs- und Nachrichtsblatt für das Fürstenthum Schwarzburg-Sondershausen vom 27. März 1888, S. 146 und 147.) war ein Jurist und Politiker im Fürstentum Schwarzburg-Sondershausen. Er war 16 Jahre Oberbürgermeister von Arnstadt und 9 Jahre Mitglied des Landtags in Sondershausen.
Leben Familie Der Vater von Julius war Johann Heinrich Christian Hülsemann (1783–1854)Verzeichnis der Abiturienten S. 12; Todes- und Geburtsangabe in Privilegirtes Arnstädtisches Regierungs- und Intelligenz-Blatt vom 27. Januar 1855, S. 32., ein Nachkomme (in 5. Generation) des lutherischen Theologen Johann Hülsemann (1602–1661).Stammtafel I; Paul Hülsemann: Die ältesten, bis jetzt bekannt gewordenen urkundlichen Nachrichten über das Vorkommen des Namens „Hülsemann“, die einzelnen Linien der Familie und ihre Stifter. In Hülsemann-Bundesblatt Jg. 1 (1928), Nr. 1 (Dezember 1928), S. 4–7. (hier: S. 5.) Heinrichs Urgroßvater Johann (* 1676 in Altenburg, † 1729 in Arnstadt) war spätestens seit 1708 in Arnstadt ansässig;Seine Tochter Sophie Charlotte (1708–1748) wurde in Arnstadt geboren. Die Bürgerrechte hat er jedoch erst 1713 erworben: Bürgerbuch 1700–1753 S. 106 (Nr. 516). die männlichen Namensträger dieses Familienzweigs waren sämtlich Juristen. Heinrich selbst war Regierungsadvokat, Hof- und Kammerrat in Arnstadt.Heinrich hatte sieben Geschwister. Zwei seiner Schwestern waren später Schwiegermütter von zweien seiner Kinder (s. u.). Seine zwei Brüder wurden beide Kreisgerichtsdirektoren: Wilhelm Friedrich Julius (1802–1883) in Sondershausen, Wilhelm Friedrich Karl (1804–1892) in Arnstadt (Verzeichnis der Abiturienten S. 15).
Die Mutter von Julius war Friederike Christiane Auguste geb. Ebart (1791–1825), Tochter des Hofmedikus Friedrich Christian Wilhelm Ebart (1761–1806) in Sondershausen und seiner ersten Ehefrau Katharina Jacobina geb. Proband (1765–1798).Bürgerbuch 1753–1797 S. 259 (Nr. 1495). Sie war eine Schwester des langjährigen Bürgermeisters Johann Christian Proband (1761–1839) (Verzeichnis der Abiturienten S. 10; Kirchschlager, Bürgermeister S. 112). Friederike starb fünf Monate nach der Geburt von Julius;Arnstädtisches Regierungs- und Intelligenz-Blatt vom 30. April 1825, S. 90. ein Jahr später heirateteHeiratsangabe in Regierungs- und Intelligenz-Blatt vom 1. Juli 1826, S. 210. Heinrich ihre Halbschwesteraus der zweiten Ehe von Friedrich Ebart mit Sophia Elisabetha Friederica geb. Falckner (1769–1828); vgl. Pfarrerbuch S. 142f. Luise Emilie Ebart (1804–1886)Todesanzeige in Der Deutsche 1886 Nr. 205.. Die Kinder der ersten Ehe wurden von Emilie und Heinrichs Mutter Sophie Jacobine Hülsemann geb. Franke (1763–1848)Todesanzeige und Kirchenamtsangabe in Privilegirtes Arnstädtisches Regierungs- und Intelligenz-Blatt vom 1. April 1848, S. 112, und vom 8. Juli, Beilage; Bürgerbuch 1753–1797 S. 262 (Nr. 1520). betreut. (Die zweite Ehe blieb kinderlos.)
Julius, der Jüngste, hatte fünf Geschwister.Stammtafel I A. Der Älteste war sein Bruder Wilhelm August Friedrich (1812–1862).Sein zweiter Bruder Karl Friedrich Robert starb jung: * 29. September 1815, † 10. April 1840 (Arnstädtische wöchentliche Anzeigen und Nachrichten vom 7. Oktober 1815, S. 326; Privilegirtes Arnstädtisches Regierungs- und Intelligenz-Blatt vom 20. Juni 1840, S. 108). Wilhelm hatte von 1846 bis zu seinem Tod in der Regierung des Fürstentums in Sondershausen bedeutende Positionen inne.Lengemann S. 33, 60 (Porträt), 195f. (Kurzbiographie).
Die jüngste Schwester Emilie Karoline (1819–1878), genannt Lina, war mit dem Juristen und Politiker Bernhard Maempel (1816–1870) verheiratet, Sohn ihrer Tante Wilhelmine Charlotte Maempel geb. Hülsemann (1793–1858).Graphik bei Lengemann S. 328. – Ab 1855 war Bernhard Landrat in Sondershausen. Nach seinem Tod zog Lina im Mai 1874 zurück nach Arnstadt; dort wohnte sie (spätestens 1878) zusammen mit ihrer Stiefmutter Emilie. (Der Deutsche 1874 Nr. 125; Adreßbuch der Stadt Arnstadt. 1878. Arnstadt o. J. S. 30.)
Die Schwester Theodore Friederike Jacobine (1817–1850)Todesanzeige in Privilegirtes Arnstädtisches Regierungs- und Intelligenz-Blatt vom 7. Dezember 1850, S. 405. war mit dem Kaufmann Louis Lucius in Erfurt verheiratet.
Die älteste Schwester Emma Sophie Ernestine (1814–1889) heiratete 1835 in erster Ehe den verwitweten Gymnasiallehrer Johann Jacob Wilhelm Bärwinkel (1802–1842)Neuer Nekrolog der Deutschen 20. Jg., 1842. Weimar 1844, S. 760–762.. Dessen Sohn Reinhold Oscar Bärwinkel (1834–1898) war dann viele Jahre Mitglied des Stadtrats – ab 1872 als dessen Vorsitzender – und des Landtags.Lengemann S. 142f. Reinhold Bärwinkel war wiederum mit einer Cousine von Bernhard Maempel verheiratet: mit Ernestine Louise Anna Cäcilie Maempel (1843–1911); Graphik S. 328. Emma heiratete in zweiter Ehe am 20. Juli 1847 den Musiklehrer, Organisten und späteren Stadtkantor und Musikdirektor Heinrich Bernhard Stade (* 2. Mai 1816 in Ettischleben, † 29. Mai 1882 in Arnstadt).Dieser Ehe entstammte der Alttestamentler Bernhard Wilhelm Stade (* 11. Mai 1848 in Arnstadt; † 6. Dezember 1906 in Gießen). Sein jüngerer Bruder Heinrich wurde Arzt in Baden. (Chronik 2003 S. 428; Verzeichnis der Abiturienten S. 20 bzw. S. 22.)
Julius verlobte sich im Oktober 1848 mit Auguste Hermine Friederi(c)ke Falke (1827–1896Todesanzeige in Der Deutsche 1896 Nr. 229.), Tochter seiner Tante Auguste Dorothee Henriette Falke geb. Hülsemann (1788–1873)Pfarrerbuch S. 144.; Heirat am 16. Juni 1850.Verlobungsanzeige, Heiratsanzeige und amtliche Angabe in Privilegirtes Arnstädtisches Regierungs- und Intelligenz-Blatt vom 28. Oktober 1848, S. 367, vom 22. Juni 1850, S. 204, und vom 10. August 1850, S. 271. Sie wohnten im Haus ihrer gemeinsamen Tante Charlotte Maempel geb. Hülsemann (Haus 201, Zimmergasse).Privilegirtes Arnstädtisches Regierungs- und Intelligenz-Blatt vom 15. Juni 1850, S. 197; Adressbuch von Arnstadt 1853, S. 52.
Das Ehepaar hatte fünf Kinder. Die Töchter Karoline Friederike Wilhelmine, genannt Frieda (1851–1896)Todesanzeige in Der Deutsche 1896 Nr. 62. und Helene Therese Wilhelmine (1866–1936Reinhold S. 1818.) blieben ledig. Luise Auguste Elisabeth (* 1858) war mit Carl Bernhard von Obstfelder (1856–1929) verheiratet, Gymnasiallehrer in Arnstadt und, ab 1883, in Crossen an der Oder.[Nachruf auf C. v. Obstfelder.] In Hülsemann-Bundesblatt Jg. 2 (1929), Nr. 2 (Juli 1929), S. 18f.
Der jüngere Sohn Heinrich Christian (* 1856 in Arnstadt, † 1925 in Sondershausen) wurde Amtsrichter in GehrenVerzeichnis der Abiturienten S. 21. und war ab 1895 Amtsgerichtsrat in Sondershausen, 1907 Geheimer JustizratDer Deutsche 1907 Nr. 183..Nachruf und Traueranzeigen in Der Deutsche 1925 Nr. 44.
Der ältere Sohn Karl Heinrich Wilhelm (* 1853 in Arnstadt, † 1932 in Sigmaringen) war zunächst Regierungsassessor in Sondershausen und Kammerdirektor bei den Grafen Stolberg-Stolberg in Stolberg.Verzeichnis der Abiturienten S. 21. Danach war er (ab 1891) 30 Jahre in den preußischen Hohenzollernschen Landen in der Verwaltung des Besitzes der Fürsten von Hohenzollern tätig und, in deren Auftrag, in der Selbstverwaltung des Landes.[Nachruf auf Wilhelm Hülsemann (mit Porträt).] In Hülsemann-Bundesblatt Jg. 6 (1933), Nr. 6 (Juli 1933), S. 77f.; Josef Mühlebach, Der Landeskommunalverband der Hohenzollerischen Lande. 1972, S. 89–92, 101, 105 (Kurzbiographie), 125 (Porträt).
Berufsgang Nach dem Abitur in Arnstadt 1842Verzeichnis der Abiturienten S. 17. studierte Julius Hülsemann ab Herbst 1842 Jura, zunächst in JenaVgl. Verzeichniß der Lehrer, Behörden, Beamten und Studirenden No. 35, WS 1843/44. und ab Frühjahr 1844Eingeschrieben am 20. Mai 1844 (Die Matrikel der Universität Leipzig. Teilband II. Weimar 2007. ISBN 978-3-89739-589-3, S. 236). bis 1845 in Leipzig. Anschließend wurde er in Arnstadt 1846 Akzessist und Gerichtshalter in Plaue,Bericht des Landtagsausschusses vom 30. November 1848, Kap. VII, Posten 5). 1848 Rechtsanwalt,Privilegirtes Arnstädtisches Regierungs- und Intelligenz-Blatt vom 15. Januar 1848, S. 22. später auch Notar, ab 1850 auch Ergänzungsrichter am Kreisgericht Arnstadt.Fürstlich Schwarzb. Regierungs- und Intelligenz-Blatt vom 12. Oktober 1850, S. 430.
Er war ab 1850 Mitglied des Rats von Arnstadt, spätestens ab 1868 als dessen Vorsitzender.Kirchschlager, Bürgermeister S. 68; Der Deutsche 1868 Nr. 105. – Nach der Gemeindeordnung von 1850 waren die Wahlen zum Stadtrat geheim, gleich und direkt; nach der Städteordnung von 1857 waren sie öffentlich nach einem Drei-Klassen-Wahlrecht. (1850: §§67ff.; 1857: §§63ff..) Im September/Oktober 1871 wurde er wegen einer Beurlaubung des Oberbürgermeisters Friedrich EmmerlingKirchschlager, Bürgermeister S. 49 (Porträt S. 48). zu dessen Stellvertreter bestellt.Der Deutsche 1871 Nr. 112 Am 27. Oktober wählte der Stadtrat ihn als Nachfolger von Emmerling für eine Amtszeit von 12 Jahren, beginnend am 1. Januar 1872, zum Ersten Bürgermeister;Der Deutsche 1871 Nr. 157. Seine Anwaltstätigkeit musste er deshalb einstellen. Die Anwaltszulassung für Arnstadt erhielt dann Richard Hülsemann (1836–1914), Sohn seines Onkels Karl; seine Funktion als Armenadvokat ging an Reinhold Bärwinkel (Der Deutsche 1872 Nr. 2 und 32).Als Erster Bürgermeister gehörte er zugleich dem Bezirksausschuss an (Bezirksordnung, §10). darauf wurde er im Mai 1872 vom Fürsten zum Oberbürgermeister ernannt.Der Deutsche 1872 Nr. 59. Im Juli 1883 wurde er (einstimmig) auf 12 Jahre wiedergewählt.Reinhold S. 1422. Der Tod im März 1888 traf ihn im Amt.Das Amt wurde am 5. Januar 1889 neu besetzt mit Georg Christian Trautvetter (1859–1923) (Regierungs- und Nachrichtsblatt für das Fürstenthum Schwarzburg-Sondershausen vom 8. Januar 1889, S. 13; Lengemann S. 254f.; Kirchschlager, Bürgermeister S. 135–137).
Seine Amtszeit – kurz nach der Reichsgründung von 1871 beginnend – war von schneller wirtschaftlicher Entwicklung geprägt. Arnstadt wuchs von etwa 8½ Tausend auf rund 12 Tausend Einwohner.Chronik 2003 S. 105; Adressbuch 1891 S. IV. Die wachsende Arbeiterschaft war aufgrund von Landesgesetzen und, ab Oktober 1878, aufgrund des ‚Sozialistengesetzes‘ heftiger Repression ausgesetzt.Chronik 2003 S. 105. Dabei drang der Fürstliche Landrat darauf, dass die städtischen Behörden – die Polizei und die Bürgermeister – ihren Auftrag extensiv auslegten und konsequent durchführten. Das ging vor allem den zweiten Bürgermeister Friedrich Hopf an, aber auch den Oberbürgermeister Hülsemann. Vgl. z. B. Dokumente in Schörnig S. 52f., 55, 64, 65f.
In die Zeit fielen Bauten (oder Vorarbeiten dazu) wie das neue KrankenhausChronik 2003 S. 317., der neue SchlachthofChronik 2003 S. 415., die Mädchenbürgerschule (auf einem bis dahin Hülsemannschen Gartengrundstück)Chronik 2003 S. 344., der Neue FriedhofChronik 2003 S. 375f., befestigte Bürgersteige, der Ersatz von hölzernen Wasserrohren durch eiserne.Reinhold S. 1417–1422 passim.