Als erziehungswissenschaftlicher Fachbegriff bezeichnet Pädagogizität die Stringenz des pädagogischen Charakters einer Sache. Mit „Sache“ kann in diesem Zusammenhang so ziemlich jedes Objekt, was pädagogisch relevant sein könnte, sei es abstrakt oder konkret, gemeint sein, etwa ein pädagogisches Konzept oder Theorieelement, des Weiteren auch Unterricht oder ein bestimmter Teilaspekt davon, Einzelaufgaben von Lehrkräften, aber auch so banale Dinge wie das Essen in einer Bildungseinrichtung, um nur einige Beispiele zu nennen.

Die Anfänge der Verwendung des Begriffs der Pädagogizität sind nicht so ganz klar. Für die 1970er Jahre lässt sich der Begriffsgebrauch bereits ganz sicher nachweisen.Wolfgang Ritzel: Über den Wissenschaftscharakter der Pädagogik. In: Kant-Studien. () 62. Jg., H. 1–4 (1971), S. 185–201, darin auf S. 190.Erwin Hufnagel: Richard Hönigwalds Pädagogikbegriff: zur Verhältnisbestimmung von Philosophie und Pädagogik. Bouvier Verl., Bonn 1979 [zugl. Habil.-Schr. Univ. Bonn 1978], ISBN 3-416-01512-6, S. 91. In einer einigermaßen frühen Phase ist der Terminus unter anderem bei Erwin Hufnagel und Marian Heitger anzutreffen.Erwin Hufnagel: Der Wissenschaftscharakter der Pädagogik: Studien zur pädagogischen Grundlehre von Kant, Natorp und Hönigswald. Königshausen & Neumann, Würzburg 1990, ISBN 3-88479-488-4, S. 370.Marian Heitger: Das Allgemeine der allgemeinen Pädagogik. In: Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Pädagogik. () 75. Jg., H. 1 (1999), S. 1–11, darin auf S. 11.Marian Heitger: Systematische Pädagogik – wozu? F. Schöningh Verl., Paderborn usw. 2003, ISBN 3-506-73911-5, S. 13. Beide haben ihn wiederholt in Publikationen verwendet. In der Folge nimmt dessen Gebrauch und seine Verbreitung weiter zu.

Marian Heitger verweist 1999 in dem von ihm verfassten Aufsatz Das Allgemeine der allgemeinen Pädagogik, in welchem der Begriff der Pädagogizität Verwendung findet, auf das grundlegende Problem des Widerstreits von Selbstbestimmung und Individualität, der sich in der Bildung vollzieht und in Form gesellschaftlichen Pluralismus existiert. Als Petzelt-Schüler gilt ihm die Vernunft als Bezugspunkt, deren Anerkennung als Allgemeines die Voraussetzung für pädagogisches Handeln prinzipiell setzt. „Wenn das Allgemeine als Bedingung für jede Form von Bestimmung anerkannt werden muß, dann gewinnt auch die Behauptung von Individualität und Einmaligkeit einen sinnvollen Zusammenhang. Die beiden gelten dann nicht als Gegensatz, sondern verstehen sich in einem gegenseitigen ‚Bedingungsverhältnis‘.“ Für Heitger geht es darum, wie man die Ermöglichung von Bildung (im Unterricht und auch außerhalb) und die Selbstbestimmung des lernenden Individuums bildungsphilosophisch widerspruchsfrei zusammendenken kann; Heitger verortet die Allgemeine Pädagogik als eine Instanz, die den Spezialisierungen kein neues Wissen hinzufügt, stattdessen die Reflexion im Bedenken der Pädagogizität der Einzelaufgaben, der methodischen Ratschläge und der organisatorischen Konstruktionen beim Unterrichten, Bilden, Erziehen der Lernenden dem eigenen nicht-trivialen Selbstverständnis zufolge fordert und antreibt. Dabei sollen Fachdidaktiken und Spezialisierungen in sich gelten gelassen werden, so Heitger.

Für Klaus Prange ist ein Zeigen dann ein pädagogisches, wenn es auf Lernen gerichtet ist. Wolfgang Meseth, Matthias Proske und Frank-Olaf Radtke verwenden den Begriff der Pädagogizität im Kontext „Unterricht“ in ähnlicher Weise, „um den operativen Modus einer bestimmten Kommunikationsform empirisch beschreibbar zu machen, in der Lernen durch die sequenzielle Verkettung von kommunikativen Ereignissen ermöglicht und bestimmt werden soll.“

Literatur Spezielle Themen: Lotte Rose, Friederike Schmidt, Marc Schulz: Kinder und ihr Essen: Erziehungswissenschaftliche Perspektiven zur Pädagogizität des Essens. In: Marc Schulz, Friederike Schmidt, Lotte Rose (Hrsg.): Pädagogisierungen des Essens: Kinderernährung in Institutionen der Bildung und Erziehung, Familien und Medien. Beltz Juventa, Weinheim 2021, ISBN 978-3-7799-6132-1, S. 244–282. Dominik Krinninger: Familiale Anerkennung diesseits und jenseits des Äquivalenzprinzips: zur Pädagogizität der Familie aus einer Perspektive des Ökonomischen. In: Johannes Bilstein, Jörg Zirfas (Hrsg.): Das Geben und Nehmen: pädagogisch-anthropologische Zugänge zur Sozialökonomie. Beltz Juventa, Weinheim/Basel 2017, ISBN 978-3-7799-3650-3, S. 68–81. Thomas Rucker, Kira Ammann: Ignatianische Pädagogik und ihre Pädagogizität. In: Kira Ammann et al. (Hrsg.): Ignatianische Pädagogik: eine Standortbestimmung aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2025, ISBN 978-3-17-045772-0, S. 79–114 [bezieht sich auf Ignacio de Loyola (1491–1556)].

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Kategorie:Pädagogik