mini|hochkant=1.2|Der Ethnograph Bronisław Malinowski bei den pazifischen Trobriandern (um 1918)

Ethnographie oder Ethnografie ( „Menge, Volk“ und -graphie, sinngemäß „Völkerbeschreibung“) ist eine Methode der Ethnologie (Völkerkunde) und übergeordnet der Anthropologie (Menschenkunde). Als systematische Beschreibung der mittels Feldforschung vor Ort gewonnenen Erkenntnisse können auch Eindrücke aus der teilnehmenden Beobachtung schriftlich festgehalten werden. In vielen Disziplinen bezeichnet der Begriff zugleich den Forschungsprozess und das daraus entstehende schriftliche Produkt (Ethnographie als Feldarbeit und als Text).Repenning, N., & DeMott, K. (2023). Navigating the emotional challenges of ethnographic accounting research: notes from first-time ethnographers. Qualitative Research in Accounting & Management. https://doi.org/10.1108/QRAM-09-2022-0142

Eine Ethnographie versucht das Zusammenleben, die soziale und politische Organisation und die kulturellen Ausprägungen einer abgegrenzten Gesellschaft aus der Sichtweise ihrer Angehörigen zu beschreiben und zu verstehen. Allgemein ist heute jedoch umstritten, inwieweit dies grundsätzlich möglich ist. So weist beispielsweise der Ethnologe Clifford Geertz 1988 in seinem Buch Die künstlichen Wilden darauf hin, dass es keine objektive Ethnographie gebe und Ethnographen durch die Abbildung einer fremden Welt zugleich eine Fiktion schaffen. In der organisations- und managementbezogenen Ethnographie wird diese Spannung häufig als Frage nach der Plausibilität von „Wahrheitsansprüchen“ ethnographischer Texte diskutiert, die wesentlich über dichte Beschreibung und narrative Evidenz erzeugt werden.Jarzabkowski, P., Bednarek, R., & Lê, J. K. (2014). Producing persuasive findings: Demystifying ethnographic textwork in strategy and organization research. Strategic Organization, 12(4), 274–287. https://doi.org/10.1177/1476127014554575

Unabhängig von der Ethnologie hat auch die Soziologie ab den 1920er Jahren ethnographische Methoden entwickelt, die im Unterschied zur Völkerkunde in der eigenen Gesellschaft durchgeführt werden. Ethnographische Forschung ist daher nicht auf außereuropäische Gesellschaften beschränkt und betrachtet nicht nur einzelne ethnische Gruppen oder indigene Völker. Auch kleinere, multiethnische Gruppen, die Bewohner eines Stadtteils, die Belegschaft eines Büros, die Wissenschaftler in einem Labor oder einzelne Jugendgruppen können Gegenstand soziologischer Ethnographien sein (siehe auch Soziographien zur Beschreibung sozialer Tatbestände).

Der deutsche Soziologe Karl-Heinz Hillmann fasste 1994 zusammen: „Die Entwicklung der Ethnographie ist eng verbunden mit der Horizonterweiterung europäischer Sozialwissenschaften infolge immer neuer, geographischer Entdeckungen und Erkundungen durch kapitalistisch-koloniale Expansion und christliche Missionierung.“Karl-Heinz Hillmann: Ethnographie. In: Derselbe: Wörterbuch der Soziologie (= Kröners Taschenausgabe. Band 410). 4., überarbeitete und ergänzte Auflage. Kröner, Stuttgart 1994, ISBN 3-520-41004-4.

Methoden Über Reiseberichte (etwa von Georg Forster über die Südsee) bis hin zum Einsatz digitaler Medien gibt es verschiedene ethnographische Methoden der Datenerhebung (siehe auch visuelle Anthropologie), die bekanntesten sind: ethnographische Fotografie ethnographischer Film ethnographisches Interview ethnographische Beobachtung Autoethnographie: Um kulturelle Erfahrungen zu verstehen, werden eigene persönliche Erfahrungen systematisch beschrieben und analysiert. Autoethnographie hat das Ziel, einen breiteren Blick auf die Welt zu ermöglichen und verzichtet auf Definitionen von „richtiger“ Forschung. Forschung wird in der Autoethnographie als politischer und sozialer Akt begriffen. Multispezies-Ethnographie: Erweiterung der Ethnographie um Tiere und die belebte und unbelebte Natur reflexive Fotografie: Interviewmethode unter Einsatz von Fotos Videographie: Ethnographie mit bewegten Bildern, etwa Walking with Video von Sarah Pink Netnographie: Internetstudien, vor allem in der Marktforschung

Feldnotizen und ethnographische Textarbeit Ethnographische Datengrundlagen bestehen häufig aus Feldnotizen, die in der Situation und unmittelbar danach erstellt und später ergänzt werden. Solche Feldnotizen enthalten typischerweise nicht nur Gesprächsfragmente, sondern auch Kontextinformationen, Eindrücke, emotionale Momente und interpretierende „Notizen an sich selbst“ (z. B. zu Spannung, Atmosphäre oder situativen Bedeutungen). Die Aufbereitung ethnographischer Daten ist deshalb in besonderem Maße eine Übersetzungs- und Verdichtungsarbeit, die Feldnotizen zu lesbaren, kontextualisierten und theoretisch anschlussfähigen Darstellungen umformt. Als typische Darstellungsformen werden u. a. „Vignetten“, zusammengesetzte Erzählungen (composite narratives) und Prozessgeschichten beschrieben, die einzelne Beobachtungen zu nachvollziehbaren Sinnzusammenhängen verknüpfen. Die Qualität solcher Darstellungen wird dabei nicht allein an der wörtlichen Genauigkeit von Gesprächssequenzen gemessen, sondern auch daran, ob sie die „Sensation des Dabeiseins“ reproduzieren und die Nuancen einer Situation für Außenstehende verständlich machen. In diesem Sinne gilt das Schreiben (textwork) in vielen ethnographischen Traditionen als zentraler Teil des Forschungsprozesses und als wesentliche Grundlage der Argumentation und Theoriebildung.

Datenarten, Faktizität und Täuschung Für Ethnographien – insbesondere in Organisationen – wird zudem betont, dass Feldforschung die Frage aufwirft, was es heißt, „Mitglied zu sein“ statt nur „Mitgliedschaft zu beobachten“.Van Maanen, J. (1979). The Fact of Fiction in Organizational Ethnography. Administrative Science Quarterly, 24(4), 539–550. Die Erhebung im Feld ist dabei häufig „so sehr von Drift wie von Design“ geleitet und daher methodisch risikobehaftet, weil sie trotz langer Präsenz auch scheitern kann oder theoretisch wenig ergiebige Daten hervorbringt. Zur Analyse wird u. a. zwischen unterschiedlichen Arten von „Erstordnungsdaten“ unterschieden, etwa zwischen presentational data (Darstellungen/Erzählungen der Beteiligten darüber, was vor sich geht) und operational data (Hinweise darauf, wie Handeln tatsächlich organisiert und vollzogen wird). Ethnographische Arbeit umfasst damit auch die Aufgabe, mögliche Irreführungen im Feld zu erkennen, weil ansonsten Fiktionen als Fakten (oder umgekehrt) berichtet werden können.

Reflexivität, Ethik und emotionale Herausforderungen Ethnographische Forschung wird vielfach als Spannungsverhältnis beschrieben, in dem Forschende zugleich Nähe, Vertrauen und Beteiligung herstellen und dennoch analytische Distanz wahren müssen. Dabei werden persönliche und professionelle Dimensionen in der Feldforschung häufig als untrennbar verstanden, sodass Ethnographien eher als partielle, stil- und kontextgebundene Interpretationen denn als Abbildung einer „objektiven“ Realität gelten. Im Feld können darüber hinaus emotionale und ethische Dilemmata entstehen, etwa wenn die Anforderungen der Forschungssituation (z. B. Mitgefühl, Loyalität oder Zurückhaltung) mit akademischen Erwartungen an Kritik, Transparenz und Distanz kollidieren. Zur Bearbeitung dieser Spannungen werden Forschungstagebücher und reflexive Protokolle als wichtige Instrumente beschrieben, um Erlebnisse, Zweifel und emotionale Reaktionen zu dokumentieren und später analytisch fruchtbar zu machen. Gerade für Nachwuchsforschende wird Feldforschung zudem als „einsame Odyssee“ thematisiert, in der Isolation, Selbstzweifel und emotionale Belastung die Durchführung und Qualität ethnographischer Arbeit beeinflussen können.Skade, L. (2024). “All by Myself”: Navigating the Lonely Odyssey of Ethnographic Fieldwork in the Business and Society Domain. Business & Society, 1–6. https://doi.org/10.1177/00076503241298092 In solchen Situationen wird kollektive Forschungspraxis (z. B. Team-Ethnographie, Mentoring, Peer-Support) als Möglichkeit diskutiert, emotionale Belastungen zu reduzieren und gleichzeitig die Forschung transparenter über ihre Bedingungen zu machen. Auch strukturelle Faktoren wie verzögerter oder entzogener Feldzugang, aufwendige Ethik- und Genehmigungsprozesse oder externe Krisen (z. B. Pandemien) können ethnographische Designs erheblich verändern und als Quelle epistemologischer und methodischer Fehlschläge beschrieben werden.Rosell, C. (2024). The risks of choosing practice theory for ethnographic research: experiences of epistemological and methodological failures. Journal of Organizational Ethnography, 13(1), 1–12. https://doi.org/10.1108/JOE-11-2023-0064

Die Anwendung der ethnographischen Methoden wird in der Literatur nicht einheitlich beschrieben. Allerdings lassen sich einige Gemeinsamkeiten ableiten, die keine Regeln sind, sondern Empfehlungen. Die Autoren Bloomberg, Mosher und Swenton-Hall haben 1993 vier grundlegende Prinzipien der ethnographischen Feldforschung ausgeführt:Jeanette Bloomberg u. a.: Ethnographic Field Methods and their Relation to Design. In: Douglas Schuler (Hrsg.): Participatory Design: Principles and Practices. Erlbaum, Hillsdale 1993, ISBN 0-8058-0951-1, S. 123–155 (). Alltagsleben (natural settings): Die Feldforschung findet in der natürlichen Lebensumgebung statt – der Ethnograph betrachtet die Leute nicht losgelöst von ihrer natürlichen Umgebung, sondern sucht sie in ihrem alltäglichen Umfeld auf. Ganzheitlichkeit (holism): Die Feldforschung gründet auf dem Prinzip der Ganzheitlichkeit. Einzelnes Verhalten muss in seinem jeweiligen Kontext verstanden werden – der Ethnograph versucht alle Faktoren, die das zu untersuchende Problem beeinflussen könnten in die Betrachtung mit einzubeziehen (Gegenstände, Personen, Handlungsabläufe). Beschreibend (descriptive): Die ethnographische Forschung entwickelt beschreibendes Verständnis im Gegensatz zu verordnetem – der Ethnograph muss also stets objektiv sein (siehe auch dichte Beschreibung: theoretisches Konzept zum ethnologischen Verständnis einer Kultur). Teilnehmende Beobachtung (member’s point-of-view): Die ethnographische Forschung basiert auf der Betrachtungsweise der Mitglieder – der Ethnograph muss sich in die zu betrachtende Gruppe integrieren, um die Welt mit den Augen der Gruppenmitglieder zu sehen (das persönliche Wertungsschema muss zur Seite gedrängt werden).

In vielen interpretativen Traditionen wird „Objektivität“ dabei weniger als wertfreie Neutralität denn als reflektierte, transparente und argumentativ nachvollziehbare Interpretation verstanden. Entsprechend wird die eigene Rolle im Feld (z. B. Nähe/Distanz, Teilnahme, Abhängigkeiten) häufig als Teil der Datenproduktion und damit als Gegenstand methodischer Reflexion behandelt.

Anwendungsbereiche in der Softwareentwicklung zur Ermittlung von Anwenderbedürfnissen: Software-Ergonomen setzen ethnographische Methoden ein mit dem Ziel der Veränderung und Verbesserung von ComputerunterstützungJesper Simonsen, Finn Kensing: Using Ethnography in Contextual Design. In: Communications of the ACM. Band 40, Nr. 7, Juli 1997, S. 2–88 (englisch; doi:10.1145/256175.256190; online auf researchgate.net). in der Marktforschung zur Erschließung von detailliertem Konsumentenverhalten (Einfluss persönlicher Werte auf Markenloyalität, Einfluss des Lebensstils auf Konsumentenbedürfnisse), vor allem von marktpsychologisch orientierten Instituten angewendet (beispielsweise Sinus Sociovision, Spiegel-Institut)Website: sinus-sociovision.de.Website: spiegel-institut.de. in der Sozialpädagogik und bei Milieustudien zur Untersuchung von sozialen Gruppen und ihren Verhaltensmustern in der Schulpädagogik und in den Fachdidaktiken zur Untersuchung des allgemeinen und fachspezifischen Lernverhaltens und des Wissenserwerbs

Museen mini|Helme und Messer aus Alaska (18./19. Jahrhundert) in der St. Petersburger Kunstkammer