Die Goldene 110 (auch: „Gold’ne Hundertzehn“, „Erstes Deutsches Vereins-Magazin“ und „Berliner Concurrenz-Geschäft“) war ein von 1871 bis 1911 bestehendes Kaufhaus für Konfektionstextilien in Berlin in der Leipziger Straße 110, das für die niedrigen Preise (und die eher dürftige Qualität) seiner im Massen-Absatz angebotenen Textilien für Männer bekannt war. Überregionale Bekanntheit erlangte die Goldene 110 durch ihre originelle Werbung (Gedichte, die in humoristischer Weise auf aktuelle Ereignisse anspielten, bevor sie in Werbung für das Angebot der Goldenen 110 einmündeten).

Werdegang des Unternehmens Das Textilkaufhaus Goldene 110 wurde im Jahr 1871 eröffnet.Siehe: Vermischtes. Die „Goldene 110“ verschwindet!. In: Saale-Zeitung / Hallesche neueste Nachrichten, Abend-Ausgabe, 24. September 1903, S. 3, Digitalisat: „Das Geschäft konnte im Jahre 1896 in dem Hause Leipzigerstraße 110 das 25jährige Geschäftsjubiläum feiern.“ Inhaber dieses Kaufhauses für Herren- und Knabengarderobe war zunächst der Kaufmann Isaac Cohn, zugleich Eigner einer „Herren-Garderobe- und Schlafrockfabrik“, der in Berlin Am Schöneberger Ufer 43 wohnte. Im Jahr 1901 übernahmen die Kaufleute Max (Mayer) Schoeps und Gustav Lipschitz (Max Schoeps & Co.) die Goldene 110Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger, 31. Januar 1901, S. 24, Digitalisat; und führten sie noch bis 1911 weiter, allerdings nicht mehr in der Leipziger Straße 110, sondern in der Mauerstraße 68, wohin das Bekleidungsgeschäft im Jahr 1903 umgezogen war.

Die Goldene 110 gehörte zu den frühen Vertretern des Handels mit Konfektionstextilien. Die serienmäßige Herstellung von Kleidungsstücken (Konfektion) verbreitete sich erst seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts in größerem Maßstab; im Jahr 1841 hatten Clemens und August Brenninkmeijer ihr Handelshaus für Konfektionstextilien „C&A“ gegründet.

Im Februar 1888 feierte die Goldene 110 ihren hunderttausendsten Paletot.Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Morgen-Ausgabe, 12. Februar 1888, S. 9, Digitalisat; ebenso: Norddeutsche allgemeine Zeitung, Morgen-Ausgabe, 10. Februar 1888, S. 2, Digitalisat

Die Goldene 110 war an der Berliner Gewerbeausstellung von 1896 beteiligt.Offizieller Haupt-Katalog der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896, Berlin: Mosse, 1896, Gruppe II., Bekleidungs-Industrie, S. 15, Nr. 305 (Saal B.) ; zlb.de – siehe dort auch S. 66: zlb.de

Auf der Berliner Gewerbeausstellung 1896Von der Gewerberausstellung. Bekleidungs-Industrie. In: Vorwärts, 19. Juli 1896, S. 13, Digitalisat: [...] „Die Goldene 110 bringt das wichtigste Inventarstück: Die Reklamedichterin „Ida“ in Wachs modellirt mit der Feder in der Hand über ein neues „Poem“ brütend. Die „Ida“ verdient die meiste Bewunderung. Die ausgestellten Sachen dieser Firma sind sehr mangelhaft, selbst wenn man als mildernden Umstand gelten läßt, daß sie von der „Goldenen 110“ sind.“ Siehe auch: Die berliner Gewerbe-Ausstellung. IV. In: Gladbacher Volkszeitung, Do., 16.07.1896, S. 2, Digitalisat: „Praktisch wie immer ist die „Goldene 110“. Die berühmte Dichterin dieser berühmten Firma, Ida Cohn, die Frau des Inhabers, präsentirt sich hochselbst in Wachs. Selbstverständlich hat sie inzwischen in ihren Reklame-Poesien, die ich übrigens als witzig und originell anerkenne, auch schon ihr eigenes Bild besungen.“ und danach im Panoptikum in der Kaiser-PassageHannoverscher Kurier. Hannoversches Tageblatt; Morgenzeitung für Niedersachsen, 25. Oktober 1897, S. 5, Digitalisat: „(Spitzbubenhumor.) Ein Gaunerstückchen wird aus dem Berliner Panopticum berichtet. Unter den dort ausgestellten Wachsfiguren befindet sich auch die bekannte Dichterin der »Goldenen Hundertzehn«, welche in sitzender Haltung wiedergegeben ist, den Kopf sinnend gebeugt, in der einen Hand eine Papierrolle, in der anderen einen Bleistift. Vor Kurzem verschwand der letztere, und auch in der Folgezeit wurden die stets erneuerten Bleistifte escamotirt. Die Direction ersetzte darauf den Bleistift durch einen an der Spitze geschwärzten Holzstift von gleichem Aussehen. Auch dieser verschwand spurlos. Dafür erhielt die Direction gestern einen Brief aus Magdeburg folgenden Inhalts: »Anbei sende Ihnen die Imitation des Bleistifts, welchen ich bei meinem Dortsein in der Annahme, daß es ein echter sei, der »Dichterin der Goldenen 110« (siehe Katalog 126) für immer entliehen habe, zurück. Solche harte Nummer ist mir noch nicht vorgekommen. Sie haben mich entschieden damit betrogen. Von einem Strafantrag wegen Vorspiegelung falscher Thatsachen will ich vorläufig noch absehen. Ich bin allwöchentlich in Kleptomanie-Angelegenheiten drüben, und werde ich beim nächsten Dortsein controliren, ob dann ein Original (ich empfehle Faber Nr. 2 als meine Lieblingsnummer) an Stelle dieser raffinirten Imitation getreten ist. Ich überlasse es Ihren Gerechtigkeitsgefühlen, mir das Porto zurückzuerstatten. Auf Wiedersehen! Fränzchen Langfinger, Schriftführer des Internationalen Verbrecher-Verbandes.« In dem Briefumschlag, welcher den Vermerk »Vorsicht! Ausstellungsobject!« trug, befand sich der falsche Bleistift.“ wurde eine Wachsfigur der „Ida“ ausgestellt, der Ehefrau von Isaac Cohn und angeblichen Verfasserin der Werbegedicht der Goldenen 110.

Bekanntgeworden ist die Goldene 110 – außer durch ihre niedrigen Preise – nicht zuletzt auch durch ihre Reklamegedichte. Diese Form der Werbung war in den 1880er Jahren noch neu, erregte daher Aufsehen und fand Nachahmer.

Der Berliner Journalist Richard Wilde (1872–1938) schrieb im April 1911 folgenden „Nachruf“ auf die Goldene 110:

„[…] Originell muß etwas sein oder scheinen, wenn es sich bei uns die Gunst erringen will. So hatten wir jahrzehntelang im Hause Leipzigerstraße 110 ein Herrenbekleidungsgeschäft, das sich »Zur Goldenen 110« nannte und sich durch die besondere Art seiner Reklame Zuspruch und Beachtung sicherte. Alltäglich nämlich erschienen an den Anschlagssäulen Berlins und in den gelesensten hiesigen und Provinzzeitungen nicht übel gemachte und oft sogar recht witzige Gedichte, die an irgendein im Vordergrunde des Interesses stehendes Ereignis anknüpften, es poetisch verherrlichten und in geschicktem Uebergang schließlich auf eine Anpreisung der »Goldenen 110« hinausliefen. Berlin, das damals noch nicht die Weltstadt von heute war und noch für alles Mögliche Zeit hatte, zerbrach sich intensiv den Kopf darüber, wer der anonyme Dichter sei. Die einen behaupteten, es wäre ein armer Student, andere nannten als Verfasserin die Gattin des Geschäftsinhabers, und tatsächlich war es auch eine Dame, die den Pegasus so munter im Dienste der Reklame tummelte. Ein Umbau des Hauses Leipzigerstraße 110 verwies dann das Unternehmen auf den Hof des Gebäudes, womit es schon viel von seiner Prosperität einbüßte. Ein paar Jahre hielt es der bisherige Inhaber noch, den es zum reichen Mann gemacht hatte, darauf ging es in andere Hände über, und die Gedichte, die ihr ständiges Publikum hatten – es gab sogar Leute, die sie sammelten und andere, die ihre Zimmer geschmackvoll damit tapezierten! – hörten auf. Damit hörte aber die »Goldene 110« selbst auf, für die Oeffentlichkeit zu existieren. Auch als sie wieder einen nach der Straße zu belegenen Laden in der Mauerstraße bezog, hatte sie kein Glück mehr, und dieser Tage ist ihr gegenwärtiger Besitzer in Konkurs geraten. Ihm war das Gold nur im Firmenschild beschieden, und er durfte nicht sagen: »Nomen et omen«.“Richard Wilde, Berliner Stimmungsbilder. Berlin, 6. April , In: General-Anzeiger für Halle und den Saalkreis, 9. April 1911, S. 17, Digitalisat

Beispiele für Reklame-Gedichte der Goldenen 110

mini|Bekleidungsgeschäft „Die Goldene 110“ – Gereimte Werbeanzeige vom 8. April 1894 im Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung mini|Bekleidungsgeschäft „Die Goldene 110“ – Gereimte Werbeanzeige in der Norddeutschen allgemeinen Zeitung

In Zeitungsanzeigen und in Plakaten auf Litfaßsäulen verbreitete die Goldene 110 Reklamegedichte wie folgende:antiquariat.de

Wer hat die schönsten Schäfchen? – Die hat der goldne Mond! Wer hat die schönste Aussicht? – Wer auf dem Kreuzberg wohnt! Wo sitzt die meiste Asche? – In Rothschild’s Portemonnaie … Und wer der feinste Mann ist – Das kann am Rock man seh’n! Wer hat die kleinsten Preise? – Die ‚Goldne Hundertzehn‘!

Einige Reklamegedichte der Goldenen 110 nahmen auf aktuelle Berliner Ereignisse Bezug. Als beispielsweise der liberale Reichstagsabgeordnete Eduard Lasker (1829–1884) nach einem gesundheitlichen Zusammenbruch im Jahr 1883 zur Erholung in die USA reiste, brachte sich die Goldene 110 durch folgenden Werbevers damit in Verbindung:

Laskers Thräne! Nur eine Thräne ist geflossen, Nur eine Thräne weinte er — Herr Lasker, als er sich entschlossen Zu schiffen über's weite Meer! Wem galt die Thräne, die er weinte? Galt sie dem theuern Vaterhaus? Galt sie dem Reichstag? Nein, er meinte Vergnügt: „Na ich bin — schöne raus!“ So hört, es galt die heiße Thräne Die in den Bart nahm ihren Lauf, Der bill'gen Gold'nen Hundertzehne Und ihrem Schleuder-Ausverkauf.Bottroper Volkszeitung, 28. Juli 1883, S. 3, Digitalisat

Preußen beschlagnahmte in Folge der Annexion des Königreichs Hannover im Deutschen Krieg 1866 das Vermögen der Welfen, des Königshauses in Hannover. Dieses als Welfenfonds bezeichnete Vermögen wurde per Vertrag vom 29. September 1867 dem früheren König Georg V. von Hannover zugewiesen, jedoch am 2. März 1868 wieder unter Zwangsverwaltung gestellt und durch eine preußische Kommission in Hannover verwaltet. Sein Ertrag wurde „zur Bekämpfung welfischer Umtriebe“ verwendet. Dazu veröffentlichte die Goldene 110 folgendes Gedicht:

Der Welfen-Fonds! Da streiten sich die Leut herum Wohl um den Welfen-Fonds; Der Eine nennt Georgen dumm Daß er nicht lernt Raison, Der And're spricht: Die Hälfte blos, Dann wär' ich schöne 'raus! Doch die Reptile zetern los: Nein, nein, da wird nischt d'raus! Das Beste ist, man legt das Geld Als Kleider-Prämie an, Daß einen Anzug frei erhält Ein jeder deutscher Mann; Der Vorschlag ist gewiß ganz schön Und jetzt die beste Zeit,— Es hält die goldne Hundertzehn Im Ausverkauf bereit: Ueber 5000 Winter- und Frühjahrs-Paletots etc. etc.Wattenscheider Zeitung : General-Anzeiger, Sa., 22. Februar 1879, S. 3, Digitalisat

Ein Werbegedicht der Goldenen 110 von November 1884 beschreibt humoristisch das damalige Erscheinungsbild der Leipziger Straße:

Die Leipziger Straße! Als interessant'ste Straße auf der Welt Wird heut die Leipziger Straße hingestellt! Dort ragt so kühn des Landtags stolzer Bau, Wo man erfindet neue Steuern schlau: Das Denkmal vis-à-vis, das ist von Stein; (In Kalau sagt man: „Es soll Bronce sein!“) Die zarte Jungfrau — einen Gatten will se — Sie geht ein Stückchen weiter hin — zu Bilse! Ihm gegenüber 's Münchner Hofbräuhaus Schenkt's beste Bier und ries'ge Affen aus! — Dicht an der Mauerstraße wohnt der Meister Der Deutschen Post – wir wissen, Stephan heißt er — Und hinter ihm das Ministerium beschließt den Krieg - mit lautem Ratabum! Nun kommt des Reichstags hochgeehrtes Haus — (Doch später kommt's zum Königsplatz hinaus!) Und an dem Leip'ger Platz — parole d'honneur — Erfreut uns Brandenburg und Wrangel sehr! — Held Wrangel brummt vom hohen Postamente Den Damen zu: „Wenn ick man'runter könnte!“ Wir sind am Ende - denn nun kommt das Thor! Doch der Bescheidne führt am Schluß sich vor: Dicht an der Mauerstraße könnt Ihr seh'n Die weltbekannte „Gold'ne Hundertzehn!“ Wer dorthin weise seine Schritte lenkt Bekommt im Ausverkaufe halb geschenkt: Ueber 15.000 Winter-Paletots und Kaisermäntel in reinwollenen reellen Stoffen, neueste Mode, jetzt im Ausverkauf…Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Morgen-Ausgabe, So., 02.11.1884, S. 10, Digitalisat

Diese Verse enthalten zahlreiche Anspielungen auf Sehenswürdigkeiten entlang der Leipziger Straße: