miniatur|hochkant=1.5|Musikkorps der norwegischen Garde mini|Militärmusik mit Pfeifen und Trommeln mini|Militärmusik mit einem Blasorchester

Als Militärmusik werden musikalische Darbietungen von Soldaten bezeichnet. Neben der oft ausschließlich damit assoziierten Marschmusik umfasst sie ebenfalls feierliche Musik mit manchmal auch religiösem Charakter (Choräle) sowie Unterhaltungs- und Tanzmusik. Auch die Aufführung klassischer Werke aus allen Epochen ist in heutiger Zeit fester Bestandteil der Militärmusik.

Entwicklung der Militärmusik miniatur|Landsknechte aus der Zeit des 16. Jahrhunderts mit Pfeifer und Trommler (2. und 3.v.l.) miniatur|Mehter takımı , Bild von 1839: hinten Mitte davul-Spieler, hinten rechts zurna-Spieler. Links Trompeter mit nafīr, vorne sitzend: paarweise gespielte Bechertrommel nakkare. Der rot gekleidete zurna-Spieler innerhalb des Kreises ist einer der beiden „Kapellmeister“

Die Militärmusik hat sich schon in der Frühzeit der Militärgeschichte entwickelt. Bereits in der Antike waren weithin hörbare Blasinstrumente und für den Nahbereich der Truppe Trommeln als Signal- und Nachrichtenmittel unverzichtbarer Bestandteil der Kriegsführung, mit der Bewegungsbefehle übermittelt wurden. Im Mittelalter entwickelte sich aus der rein für den militärischen Gebrauch entwickelten Signalmusik zur Übermittlung von Befehlen für die Bewegung auf dem Schlachtfeld und das Gefecht ein Bestandteil höfischen Zeremoniells, so wurden z. B. Besucher mit Fanfarenrufen begrüßt, aus denen Rang und Stand erkannt werden konnte.

Etwa ab dem 16. Jahrhundert begann man dann, zwei Hauptgruppen von Militärmusikern zu unterscheiden: Trommler und Pfeifer (das sogenannte Spil) als Musiker der Fußtruppen und die besser gestellten Pauker und Trompeter als Musiker der Kavallerie. Die europäische Militärmusik gewann dann durch den Kontakt mit den Osmanen (Türken) in den Kriegen des 16. und 17. Jahrhunderts (Belagerung von Wien 1683) einen wichtigen Aspekt hinzu.

Neuartige Instrumente wie der Schellenbaum und neue Formen der musikalischen Darbietung (Janitscharenmusik) prägten das heute bekannte Bild der Militärmusik. Auch der Dreißigjährige Krieg bedeutete einen wesentlichen Entwicklungsschritt, da hier die militärische Marschmusik als Erkennungszeichen einzelner Verbände und zur Anfeuerung der Soldaten im Kampf erstmals voll zur Geltung kam. Diese neue Funktion der Militärmusik hängt mit der Einführung des Exerzierens und dem Waffendrill zusammen. Wesentliche Musikinstrumente des 18. Jahrhunderts waren die Trompete, Querflöte und Trommeln, die dazu dienten, den Gleichschritt der in Linienformation marschierenden Infanterie einzuhalten. Bei der leichten Infanterie diente das Horn nur zur Befehlsübermittlung.

Im 19. Jahrhundert wurde die Militärmusik nochmals weiterentwickelt, vor allem wurden die Besetzungen der Militärorchester, die Professionalisierung der Musiker und die Ausweitung des Repertoires vorangetrieben. Viele Militärkapellen konnten im Ballsaal oder in kleineren Räumen auch als Streichorchester auftreten. Es wurde üblich, dass Violinisten auch Saxophon spielten. So machten die Militärkapellen den Tanzkapellen zunehmend Konkurrenz. Während Johann Strauß Sohn seit Mitte des 19. Jahrhunderts noch ganz unabhängig von der Militärmusik agierte, begann Franz Lehár am Ende des 19. Jahrhunderts seine Laufbahn in der Militärmusik.

In heutiger Zeit ist die Militärmusik neben ihrer klassischen Rolle zur Untermalung militärischen Zeremoniells auch wesentlicher Bestandteil der Öffentlichkeitsarbeit moderner Streitkräfte. Konzerte und Tourneen im In- und Ausland mit unterschiedlichem Repertoire belegen die Vielfältigkeit der Musiker. So treten Musikkorps nicht mehr nur als Blasorchester in Marschformation, sondern auch in sinfonischer oder Big-Band-Besetzung auf und spiegeln damit den Einfluss der 1970er Jahre wider.

Militärische Marschmusik miniatur|Kavalleriemusikkorps der französischen Garde républicaine miniatur|Kavalleriemusik der Schweizer Armee 1937

Diese traditionelle Domäne der Militärmusik dient heute vor allem als Element der Traditionspflege zur Erhaltung der Musikkultur des Marsches und ist in Deutschland und Österreich besonders ausgeprägt. Allgemein verfügt jeder Verband einer Armee über einen Truppenmarsch, der meist aufgrund seiner Entstehungsgeschichte oder seines Titels die Geschichte des Verbandes symbolisiert. In modernen Armeen sind diese Grenzen aber fließend, oft werden heute Märsche wahllos als Traditionsmärsche an neu aufgestellte Truppenteile vergeben.

Man unterscheidet vor allem: Infanteriemärsche (meist im Alla Breve-Takt/4/4-Takt, Verwendung kleiner Trommeln, Pfeifen und Trompeten) Kavalleriemärsche (meist im 6/8-Takt, Verwendung von Pauken und Fanfaren)

Seit dem späten 19. Jahrhundert findet zunehmend ein internationaler Austausch von Marschkompositionen statt. So wurden z. B. deutsche Märsche unter neuem Titel in Großbritannien und den USA populär. Eines der bekanntesten Beispiele dafür ist Hermann Ludwig Blankenburgs Marsch Abschied der Gladiatoren, der unter dem Titel Farewell of the Gladiators zu den bekanntesten Militärmärschen in Großbritannien zählt. Entsprechend beeinflussten auch die Europatourneen des amerikanischen „Marschkönigs“ John Philip Sousa zu Beginn des 20. Jahrhunderts europäische Komponisten (Julius Fučík: Uncle-Teddy-Marsch). Auch für einige von Sousas Werken wurden offizielle deutsche Übersetzungen gefunden (Stars and Stripes forever wurde zu Unter dem Sternenbanner).

Die bis zum Ersten Weltkrieg noch geläufige Differenzierung bei Infanteriemärschen zwischen Avancier-, Defilier- und Sturmmärschen, die sich im Tempo unterschieden, ist heute durch die Angleichung aller Tempi an eine allgemeine Marschgeschwindigkeit hinfällig geworden.

Wichtiger Bestandteil der militärischen Marschmusik sind auch die sog. Spielmannszüge, die aus kleinen Trommeln und Querpfeifen (Piccoloflöten) bestehen. Ihre rhythmische Führung obliegt nicht dem Dirigenten des Musikkorps, sondern einem sogenannten Tambourmajor mit seinem charakteristischen Tambourstab (Küs). Insbesondere bei Auftritten bei militärischen Anlässen (Großer Zapfenstreich, Vorbeimärsche) werden solche Spielmannszüge an das marschierende Musikkorps angeschlossen. Sie können aber auch auf sich allein gestellt eingesetzt werden.

Ihre Aufgabe liegt neben der rhythmischen Untermalung des Musikkorps vor allem im Schlagen des sog. Generalmarsches. Dieser nur von den Trommlern intonierte Marsch dient beim Marschieren ohne „klingendes Spiel“ (d. h. bei schweigendem Musikkorps) als Takthilfe für die Truppe. Die Generalmärsche sind in vielen Ländern unterschiedlich, in Europa besonders charakteristisch sind der deutsche, der österreichische und der französische Generalmarsch. Den Übergang vom Generalmarsch zum klingenden Spiel (in Deutschland mit dem sog. Lockmarsch verbunden) ordnet der Dirigent des Musikkorps durch Zeichen mit dem Taktstock an.

Militärmusik außerhalb der Marschmusik Feierliche und religiöse Musik mini|Hans von Bülow als Leiter eines Militärorchesters während einer USA-Tournee im 19. Jahrhundert

Neben der Marschmusik gehört vor allem das Aufführen feierlicher getragener Musikstücke zum festen Bestandteil militärischen Zeremoniells (zum Beispiel bei Gelöbnissen oder beim Großen Zapfenstreich). Dabei handelt es sich vor allem um oft mit religiösen Texten unterlegte Choräle aus Zeiten, in denen das morgend- bzw. abendliche Gebet der Soldaten noch zum regulären Dienstbetrieb gehörte. Heute wird das Spielen dieser Stücke nicht mehr als Aufforderung, sondern nur noch als Gelegenheit zum Gebet für alle Konfessionen betrachtet. Dieser Punkt ist oft ein Grund für die Forderungen linker Gruppierungen, solche Art Musik aus dem militärischen Zeremoniell zu entfernen, da sie als Beeinflussung der Glaubensfreiheit aufgefasst wird. In der Tradition deutscher Militärmusik erhalten haben sich vor allem drei Werke aus dieser Gattung: Altniederländisches Dankgebet von Adrianus Valerius Ich bete an die Macht der Liebe von Dmytro Bortnjanskyj Bayerisches Militärgebet von Johann Kaspar Aiblinger

Dazu kommt beim Großen Ehrengeleit ein Trauerchoral, häufig Jesus, meine Zuversicht von Johann Crüger

Marschgesang Lieder, die auch ohne instrumentale Begleitung von (meist marschierenden) Soldaten gesungen werden, nennt man Marschgesänge oder auch Marschlieder. Bei den Singmelodien handelt es sich dabei oft um die Trios bekannter Militärmärsche, es entstand aber auch eine Vielzahl eigenständiger Melodien. In Deutschland bekannte Marschlieder sind z. B.: Erika (Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein) Westerwaldlied Wildgänse rauschen durch die Nacht

Sinn und Zweck dieser Gesänge war es, den Soldaten durch die musikalische Ablenkung das Marschieren zu erleichtern, wenn kein Musikkorps diese Aufgabe übernehmen konnte (z. B. im Fronteinsatz oder bei längeren Manövern außerhalb der Heimatgarnisonen). In modernen vollmotorisierten Streitkräften, in denen Fußmärsche kaum noch eine Rolle spielen, werden Marschgesänge vor allem während der Formalausbildung verwendet, um durch den Marschtakt den Rekruten das Einüben des Gleichschritts zu erleichtern.

Unterhaltungsmusik Ohne moderne Massenmedien zur Verbreitung von Unterhaltungsmusik gehörten die Auftritte von Militärmusiken in Gaststätten, Parks oder an anderen öffentlichen Plätzen bis weit in die 1930er Jahre zu den wenigen Möglichkeiten, bei denen auch einfache Leute Zugang zu qualitativ gut gespielter Musik aus allen Stilrichtungen finden konnten, aber auch gehobene Stände begeisterten sich für die öffentlichen Konzerte.Roet de Rouet, Henning: Frankfurt am Main als preußische Garnison von 1866 bis 1914. Frankfurt am Main 2016. S. 128. Neben Tanzmusik wie Walzer oder Polkas gehörten dann auch Schlager und klassische Werke zum Repertoire der Kapellen.

Musikhistorisch interessant ist dabei, dass über die Besetzungen der Militärkapellen und ihrer jeweils entsprechenden Partituren auch zivile Musikgruppen beeinflusst wurden. Die Verbreitung von Instrumenten wie Sousaphon oder Saxophon sind solchen Phänomenen zuzuschreiben. Heutzutage ist diese Art von Auftritten kaum mehr von breitem Interesse, wenngleich sich Musikkorps zunehmend bemühen, moderne Unterhaltungsmusik in ihr Repertoire aufzunehmen.

Militärmusik international mini|James Reese Europe mit der afroamerikanischen Hellfighters Band des 369. Infanterie-Regiments der USA auf der Rückreise von Europa (1919)

Aufgrund der gleichen militärischen Notwendigkeiten entstanden im Laufe der Zeit in allen Armeen der Welt Militärmusiken, die sich aber aufgrund unterschiedlicher kultureller und historischer Gegebenheiten teils erheblich voneinander unterscheiden.

In der Militärmusik Europas waren bzw. sind insbesondere die preußische (deutsche), österreichische und russische von großer Bedeutung. Diese Staaten entwickelten eine besondere Vielfalt an Stücken, die speziell für Militärorchester komponiert wurden. Aufgrund der Tatsache, dass auch klassische Komponisten Werke für Militärmusik verfassten oder Einfluss auf Militärmusiker nahmen, sind diese Schöpfungen meist auch von hoher musikalischer Qualität.