Die DSS-Arbeitspapiere sind Publikationen zur kritischen Sicherheitsforschung, die seit 1990 über ein Vierteljahrhundert als Schriftenreihe/Zeitschrift von der Dresdener Studiengemeinschaft Sicherheitspolitik e. V. (DSS) herausgegeben wurden.

Anliegen der Studiengemeinschaft und ihrer Schriftenreihe war es, mit dem Ideengut, das im Ost-West-Konflikt den Ausweg aus der tödlichen Bedrohung durch gegenseitige atomare Abschreckung geöffnet hatte, grundsätzlich einen Neuansatz der Sicherheitspolitik und (Verteidigungs-)Militärpolitik nach dem Kalten Krieg zu begründen. In Kurzform lautet er:

Nur der Übergang von konfrontativer zu gemeinsamer, kooperativer Sicherheit ermöglicht die Entmilitarisierung der Sicherheitspolitik und schafft so die Garantie für den Frieden.

Seit 2017 greift die Monatszeitschrift WeltTrends – Das außenpolitische Journal das Anliegen auf, das die DSS-Arbeitspapiere verfolgten. Unter dem Titel „multipolar“ diskutiert WeltTrends in regelmäßigen Abständen über militärische und sicherheitspolitische Themen.WeltTrends – Das außenpolitische Journal. (Hrsg.) WeltTrends e. V. / Institut Zachodni Poznań, Nr. 139, Potsdam 2018, Mai, S. 18. welttrends.de/multipolar

Geschichte

Vorgeschichte Seit Anfang der 1980er Jahre erfuhr das sicherheitspolitische und militärtheoretische Denken in der DDR in seinen methodologischen und weltanschaulichen Grundlagen eine fundamentale Umwälzung. Sie gründete sich auf Einsichten, dass eine militärische Systemauseinandersetzung zur Vernichtung der Menschheit führt und dieser Krieg kein Mittel der Politik mehr sein kann.

An der Militärakademie „Friedrich Engels“ in Dresden wuchs, beginnend im Lehrstuhl Philosophie, schrittweise neues sicherheitspolitisches Denken über Krieg, Frieden und Streitkräfte. Das ging von der Annahme aus, dass infolge der übersteigerten Waffenwirkungen ein „Großer Krieg“ keine politischen Ziele mehr durchsetzen könne; er bedeute im Nuklearzeitalter das Ende der Politik.Philosophisches Denken über Krieg und Frieden – Umwälzende Einsichten an der Militärakademie und ihr Fortwirken in der Dresdener Studiengemeinschaft Sicherheitspolitik e. V. Beiträge zum Kolloquium am 13. September 2005. In: Dresdener Studiengemeinschaft Sicherheitspolitik (DSS) e. V. (Hrsg.): DSS-Arbeitspapiere, Nr. 76, Dresden 2005. 85 S.; slub.qucosa.de

Ausgehend vom Spannungsverhältnis zwischen einer Friedensmotivation und Kriegführungsfähigkeit ergab sich die Notwendigkeit, in den Gegenstand der Forschung an der Militärakademie auch den Frieden, ebenso wie den Krieg, aufzunehmen. So hielt nach und nach die Friedensforschung – mit Ideen zur Wesensveränderung des Krieges im Atomzeitalter, zum Frieden als höchstem Wert für das Überleben der Menschheit – Einzug in die militärakademische Tätigkeit. Durch Vorschläge zur kooperativen und entmilitarisierten Sicherheit erreichte die militärakademische Friedensforschung 1989/90 in der Staatskrise und in der Militärreform Einfluss in Staat und Gesellschaft.

Ab dem Spätherbst 1989 waren in die Erarbeitung ‘Militärpolitischer Leitsätze der DDR’Militärpolitische Leitsätze der DDR (vom 28. Februar 1990). In: (Hrsg.) Interdisziplinärer Wissenschaftsbereich Sicherheitspolitik (IWBS): IWBS Arbeitspapiere, Nr. 1, Dresden 1990. Anlage, S. 100–105; slub.qucosa.de mehrere Wissenschaftler der Akademie führend einbezogen.Wilfried Schreiber: Von einer Militärdoktrin der Abschreckung zu Leitsätzen entmilitarisierter Sicherheit (1987–1990). Ein Zeitzeugenbericht. In: DSS-Arbeitspapiere, Nr. 86, Dresden 2007. 121 S.; slub.qucosa.de Im Februar 1990 bildeten sie an der Militärakademie den Kern im nichtstrukturmäßigen Interdisziplinären Wissenschaftsbereich Sicherheit (IWBS), in dem zunächst 24 OffizierenEinen schriftlichen Befehl zur Gründung des IWBS gab es nicht. Die Angaben entstammen Aufzeichnungen von Rolf Lehmann. Sie können im Detail korrekturbedürftig sein. die Arbeit aufnahmen. Konsequent wissenschaftliches Herangehen an alle Fragen der sich permanent verändernden innen- und außenpolitischen Entwicklung, mit der Untersuchung aller denkbaren, auch unerwünschten Varianten fand seinen Niederschlag in den wissenschaftlichen Arbeitsergebnissen, die in der neuen Schriftenreihe der Militärakademie ‘Friedrich Engels’ unter der Bezeichnung ‘IWBS-Arbeitspapiere’ ab Mai 1990 veröffentlicht wurden.IWBS Arbeitspapiere. (Hrsg.) Militärakademie „Friedrich Engels“, Interdisziplinärer Wissenschaftsbereich Sicherheit[spolitik]: Nr. 1–3, Dresden 1990, Mai bis Juli; slub-dresden.de

Auf der Basis der durch die Militärakademie schon geknüpften internationalen Kontakte erreichten die Druckexemplare Interessenten und Institutionen in (West-)Deutschland (Berlin, Bonn, Hamburg, München, Siegen, Starnberg), Finnland (Helsinki, Tampere), Frankreich (Paris), Großbritannien (London), Luxemburg, Niederlande (Groningen), Norwegen (Oslo), Österreich (Wien), Schweden (Lund, Solna), in den Vereinigten Staaten (Washington, Stanford/California, Cambridge/Mass.). Die Folge war eine Vielzahl schriftlicher Reaktionen von Institutionen und namhaften Wissenschaftlern und Politikern aus der Bundesrepublik, aus anderen Ländern Westeuropas und den USA.Rolf Lehmann: Wissenschaftler in Uniform vor neuen Herausforderungen. In: Für Entmilitari-sierung der Sicherheit. 20 Jahre Dresdener Studiengemeinschaft Sicherheitspolitik e. V. In: DSS-Arbeitspapiere, Nr. 100, Dresden 2010, S. 20–27; slub.qucosa.de

Im Juli/August 1990 war die Existenz einer eigenständigen DDR illusorisch geworden. Arbeitskontakte zwischen Ost und West, gewachsen im Ringen um gewaltfreie Zukunftslösungen, wurden zunehmend abgebaut. Mit dem Beschluss der Volkskammer der DDR über den Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland bereits am 3. Oktober 1990 mussten auf Veranlassung der Noch-DDR-Regierung Ende September 1990 die meisten IWBS-Wissenschaftler das Dienstverhältnis beenden.Eberhard Haueis: Die Auflösung der Militärakademie Dresden. In: Die Militärakademie in der demokratischen Revolution 1989/90, Aufbruch und Ende. In: DSS-Arbeitspapiere, Nr. 114, Dresden 2015. S. 212–253; slub.qucosa.de Die Militärakademie Dresden wurde bis Jahresende 1990 aufgelöst, alle Wissenschaftler wurden entlassen. Somit war die materielle, institutionelle und personelle Basis des IWBS verloren gegangen.

Unter diesen Rahmenbedingungen trafen interessierte Wissenschaftler des IWBS eine gewagte und mutige Entscheidung zum eigenständigen Erhalt der praktizierten interdisziplinären Zusammenarbeit in einem nicht mehr geteilten Deutschland und zur Herausgabe einer Publikation im Selbstverlag. Über einen eingetragenen Verein (e. V.) auf Basis des Bürgerlichen Gesetzbuchs konnte dies noch im September 1990 vorbereitet werden. Die ab Ende 1990 herausgegebenen, nachfolgenden DSS-Arbeitspapiere griffen diese Anliegen auf.Aufgrund Auflösung der Militärakademie Dresden ging im Oktober 1990 aus dem IWBS die Dresdener Studiengemeinschaft Sicherheitspolitik (DSS) hervor. In: Wolfgang Demmer, Eberhard Haueis: Militärakademie „Friedrich Engels“, 1959–1990. Eine Dokumentation. (Hrsg.) Dresdener Studiengemeinschaft Sicherheitspolitik e. V.: DSS-Arbeitspapiere, Nr. 95 (Sonderausgabe), Dresden 2008. S. 91; slub.qucosa.de Status der Herausgeberin – DSS e. V. Die Dresdener Studiengemeinschaft Sicherheitspolitik (DSS) wurde in Dresden am 16. Oktober 1990 als wissenschaftlicher (ideeller) Verein errichtet und in das Vereinsregister beim Kreisgericht Dresden unter VR 877 eingetragen.Amtliche Bekanntmachung über Neueintragung VR 877 – 4. Februar 1991. In: Sächsische Zeitung vom 21. Februar 1991.

Die Satzung erläutert die Herkunft der Studiengemeinschaft in Absatz 3:slub.qucosa.de

Zeitgleich mit dem 25-jährigen Jubiläum der DSS e. V. ist die Tätigkeit des eingetragenen Vereins, mit amtlicher Bekanntmachung der Löschung im Bundesanzeiger vom 27. Januar 2017, beendet worden.

Schriftenreihe DSS-Arbeitspapiere

Zweck, Herausgabe, Autoren, Redaktion, Vertrieb Unter dem Leitgedanken – „Übergang von konfrontativer zu gemeinsamer, kooperativer Sicherheit ermöglicht die Entmilitarisierung der Sicherheitspolitik als Garantie des Friedens“ – gelang schon ab Dezember 1990, in Kontinuität zu den IWBS-Arbeitspapieren, die Herausgabe der DSS-Arbeitspapiere (siehe Abbildung unten links).

Die Herausgabe der Hefte DSS-Arbeitspapiere geschah in unregelmäßiger Folge, jeweils in Abhängigkeit von der Ausarbeitung eigener Studien oder von Beiträgen auf wissenschaftlichen Veranstaltungen. Laut Satzung der DSS e. V.

Die Schriftenreihe DSS-Arbeitspapiere verschaffte zahlreichen Autoren, Friedensforschern, Sicherheitspolitikern und Militärwissenschaftlern, Politik- und Rechtswissenschaftlern, Philosophen, Ökonomen, Historikern sowie Persönlichkeiten der Friedensbewegung ein Medium. An den Publikationen haben rund 150 Autoren mitgewirkt. slub.qucosa.de Sie konnten ihre Ansichten zu einem breit gefächerten Themenkreis der europäischen, transatlantischen und globalen Friedens- und Sicherheitspolitik öffentlich machen und ihnen im deutschsprachigen Schriftgut einen bleibenden Platz sichern.

In Eigenregie der DSS e. V. wurden Übersetzungen aus dem Russischen bzw. Englischen geleistet, Fotos und Abbildungen bereitgestellt, die wissenschaftliche und sprachliche Redaktion durchgeführt sowie die Druckvorbereitung vorgenommen, der Vertrieb organisiert und die Finanzierung abgesichert. Ein geringes Druckkostenentgelt und Versandkosten wurde durch die DSS-‘Schatzmeister’ eingefordert. (Ständige Bezieher und Einzelbesteller – Pkt. 2.5)

In den zehn Jahren von 2005 bis 2015 wurden etwa 5.200 Exemplare versandt.

Hauptgegenstand der DSS-Arbeitspapiere Im Zentrum der kritischen Auseinandersetzung standen folgende Gegenstände: die Militarisierung der Außen- und Sicherheitspolitik Deutschlands und der Europäischen Union (EU); die Neuausrichtung der Bundeswehr auf Kampfeinsätze; die neuen Weltordnungskriege der USA und der NATO; das Kriegsgeschehen in bedeutenden Krisenregionen.

Einen wichtigen Studienbereich bildete: die Analyse und Bewertung der Sicherheitspolitik und (Verteidigungs-)Militärpolitik Russlands sowie die Übersetzertätigkeit für sicherheits- und militärpolitische Originaldokumente aus dem Russischen, um ein fachwissenschaftlich adäquates, deutschsprachiges Lese- und Studienmaterial bereitzustellen.

Immer wieder aufgegriffener Gegenstand von Studien war die Theorie über Frieden Krieg und Streitkräfte. Sie wurde als Erkenntnismittel für das Verstehen der sicherheitspolitischen Probleme in der Weltlage fruchtbar gemacht.

Eine Reihe von Studien sind veröffentlicht worden zur historisch-kritischen Analyse und Bewertung des sicherheitspolitischen Denkens in der DDR und seines Umbruchs, vornehmlich an der Militärakademie der Nationalen Volksarmee.

Entstehungsanlass der Schriften mini|Dreikönigskirche Dresden, Seiteneingang. Die meisten dieser Autorenbeiträge entstanden im Zusammenhang mit zwei Reihen jährlich abgehaltener Symposien (siehe unten).

Mehrere Artikel ergaben sich aus dem, zum warnenden Gedenken an den Zweiten Weltkrieg, jährlich im September durchgeführten, öffentlichen Podiumsgespräch zum Weltfriedenstag, das durch die Studiengemeinschaft DSS e. V. gemeinsam mit der Sächsischen Friedensinitiative Dresden e. V. 21-mal (1993 bis 2013) zu aktuellen Themen der Friedensbewegung in der Dreikönigskirche veranstaltet wurde.

Schriften zum ‘Dresdner Friedenssymposium’ mini|Tagungsort: Dresdner Volkshaus Das gemeinsam mit der Sächsischen Friedensinitiative Dresden e. V. veranstaltete Dresdner Friedenssymposium führte ab 1996 (insgesamt 18-mal) jeweils im Februar, mahnend an die Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg, Friedensfreunde aus dem gesamten Bundesgebiet und aus Nachbarländern zusammen. Autorenbeiträge: sieben Referenten der DSS e. V. sowie zehn Gastreferenten (Berlin, Bremen, Hamburg, Kassel, München, Prag, Wien).