mini|hochkant=1.3|Jochen Lorenz, Eberhard Göschel und Bernhard Theilmann (v. l. n. r.) 1993 Jochen Lorenz (* 2. Oktober 1949 in Dresden; † 5. November 2012 ebenda)Traueranzeige auf sz.trauer.de war ein deutscher Drucker und Grafiker. Mit Eberhard Göschel, Bernhard Theilmann, Peter Herrmann und A.R. Penck gründete er 1978 die Obergrabenpresse, die bis 2008 bestand.

Leben Lorenz wurde 1949 in Dresden geboren. Sein Bruder Bernd Lorenz ist Fotograf. Lorenz absolvierte eine Lehre als Offsetdrucker und arbeitete zunächst bei der Deutschen Reichsbahn. Hier war er für den Druck von Fahrplänen für den Aushang zuständig. Im Rahmen von Abendschulkursen an der Hochschule für Bildende Künste Dresden begann Lorenz in den 1960er-Jahren erstmals, Radierungen zu drucken.Detlef Krell: Unabhängige Künstlerwerkstätten in Dresden. In: Günter Feist, Eckhart Gillen und Beatrice Vierneisel (Hrsg.): Kunstdokumentation SBZ/DDR 1945–1990. Aufsätze, Berichte, Materialien. DuMont, Köln 1996, S. 743. Lorenz war mit dem Lyriker Bernhard Theilmann befreundet, der seit 1974 in Dresden lebte. Als Theilmann und der Maler Eberhard Göschel 1976 die Idee hatten, ihre Lyrik und Radierungen als Werk herauszugeben, kontaktierte Theilmann Lorenz, der als Drucker Teil der Gruppe wurde. Für den Druck stand eine Andruckpresse der J. G. Mailänder Druckmaschinenfabrik aus dem Jahr 1908 zur Verfügung,Birgit Grimm: Volkstümliche Preise für elitäre Grafik. 20 Jahre Obergrabenpresse Dresden – eine Exposition zur Kunst des Druckens. In: Sächsische Zeitung, 5. Mai 1999, S. 13. die Maler Peter Herrmann gehörte und die Theilmann instand setzte. Lorenz fertigte 1977 im ehemaligen Atelier Göschels in Gostritz erste Probedrucke mit Radierungen Göschels und Herrmanns an.Bernhard Theilmann: Unter Druck und über Wasser. In: Frank Eckhardt, Paul Kaiser (Hrsg.): Ohne uns! Kunst & alternative Kultur in Dresden vor und nach ’89. efau-Verlag, Dresden 2009, S. 89. Zudem entstanden Probedrucke für eine erste „grafiklyrik“-Mappe. Schon 1978 zog die Druckwerkstatt in eine Wohnung am Standort Obergraben 9 um. Die einzelnen Zimmer der Wohnung dienten dabei als Ätzraum, Druckraum und Papierlager.Bernhard Theilmann: Unter Druck und über Wasser. In: Freunde des Kupferstichkabinetts e. V., Obergrabenpresse GbR (Hrsg.): Unter Druck. 20 Jahre Obergrabenpresse Dresden. Stoba-Druck, Dresden 1999, S. 74. Die Druckwerkstatt wurde schließlich 1978 „Obergrabenpresse“ genannt. Gründungsmitglieder war neben Lorenz, Theilmann, Herrmann und Göschel auch der Künstler Ralf Winkler (späteres Pseudonym A. R. Penck). Winkler „fand in Jochen Lorenz in der Folgezeit einen kongenialen Drucker, der den Wünschen des Künstlers sein wachsendes Können zur Verfügung stellte.“A.R. Penck, Bernhard Theilmann: A.R Penck: verflucht weit weg. Ed. Galerie Michael Schultz, 2003, S. 43.

Die Obergrabenpresse verstand sich als „selbstverwaltete Werkstatt, Druckerei, Verlag, Galerie“Detlef Krell: Moderne aus zweiter Hand. Kunstarbeit versus Staatssicherheit: Das Albertinum in Dresden zeigt Arbeiten von Eberhard Goeschel. In: taz. die tageszeitung, 29. August 1994, S. 17. und war „ein für DDR-Verhältnisse unerhörtes und deshalb einmaliges Unternehmen“. Jochen Lorenz stellte rückblickend fest: „Wir haben nie etwas heimlich gemacht. Wir haben es einfach gemacht.“Jeannine Wanek: „Wir haben nie etwas heimlich gemacht. Wir haben es einfach gemacht“: Obergrabenpresse und Leitwolfverlag – zwei künstlerische Selbstverlage in Dresden. In: Siegfried Lokatis (Hrsg.): Heimliche Leser in der DDR : Kontrolle und Verbreitung unerlaubter Literatur. Links, Berlin 2008, S. 67. Die erste Publikation der Obergrabenpresse war 1978 die auf 50 Exemplare begrenzte Edition grafiklyrik 1 mit Gedichten von Theilmann und Aquatinta-Radierungen von Göschel. Sie erschien mit offizieller Druckgenehmigung. Die Radierungen druckte Jochen Lorenz, während die Gedichte durch Buchdrucker Lutz Wolfram gesetzt und gedruckt wurden. Um die Edition rechtzeitig fertigstellen zu können, hatte Lorenz sich krankschreiben lassen.Bernhard Theilmann: Unter Druck und über Wasser. In: Freunde des Kupferstichkabinetts e. V., Obergrabenpresse GbR (Hrsg.): Unter Druck. 20 Jahre Obergrabenpresse Dresden. Stoba-Druck, Dresden 1999, S. 78. Er kündigte kurz darauf bei der Reichsbahn, um an der zweiten Kunstmappe der Obergrabenpresse, grafiklyrik 2, zu arbeiten.J. R. Bernhard Theilmann: Momente einer Landnahme. In: Ulrich Bischoff (Hrsg.): E. Göschel: Gemälde, Gouachen, Terrakotten. Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Dresden 1994, S. 103. Als Künstler ohne Anstellung und Steuernummer galt er von staatlicher Seite als „asozial“. Als der Verband Bildender Künstler entschied, eine neue Sektion für Drucker grafischer Werkstätten zu gründen, wurde Lorenz 1979 Mitglied im Verband Bildender Künstler und damit als Künstler legitimiert. Er arbeitete in der Folgezeit als selbstständiger Drucker. Für grafiklyrik 2 druckte Lorenz 1979 Holzschnitte von Peter Herrmann.

Die dritte Edition der Obergrabenpresse war für 1980 geplant und sollte unter dem Titel grafiklyrik 3 – Kneipen und Kneipentexte Radierungen und Gedichte von Ralf Winkler enthalten. Eine Druckgenehmigung erhielt die Obergrabenpresse nicht, sodass Winkler „seine Sprüche mit der Nadel ins Zink [furchte]“Zitat von Bernhard Theilmann. In: Bernhard Theilmann: Unter Druck und über Wasser. In: Freunde des Kupferstichkabinetts e. V., Obergrabenpresse GbR (Hrsg.): Unter Druck. 20 Jahre Obergrabenpresse Dresden. Stoba-Druck, Dresden 1999, S. 77. und so die Druckgenehmigung umging. Bevor Kneipen und Kneipentexte veröffentlicht werden konnte, wurde Winkler 1980 ausgebürgert; die Grafiken blieben daher unsigniert. Auf Anraten von Werner Schmidt, zu dem Zeitpunkt Leiter des Kupferstichkabinetts Dresden und Förderer der Obergrabenpresse, autorisierte Lorenz das Werk im Impressum. Es erschien mit dem Zusatz „gedruckt: Jochen Lorenz“.Heimliche Leser in der DDR: Kontrolle und Verbreitung unerlaubter Literatur, S. 69. Auch die auf 30 Exemplare limitierte Mappe gedichte (1982) der Obergrabenpresse mit Werken von Theilmann, Michael Wüstefeld und Sascha Anderson sowie die Mappe das normale versteh wäre krieg mit Gedichten von Theilmann wurden vollständig als Radierungen umgesetzt, die Lorenz druckte. Ab 1982 stand Lorenz neben der Andruckpresse auch eine Kupferdruckpresse zur Verfügung, die Eberhard Göschel organisiert hatte.

Die Mappe gedichte wurde 1984 in der Zeitschrift Die Welt rezensiert, wobei der Band durch Autor Siegmar Faust als erstes illegales Werk der DDR und die Macher als Gegner der „Grundsätze der DDR-Verfassung“ dargestellt wurden.Stasi – Abgesetzt. In: Stern, Nr. 19, 6. Mai 1999. Dies führte von staatlicher Seite zum Operativplan Schreckenstein, der am 14. Mai 1984 umgesetzt wurde: Göschel, Lorenz, Wüstefeld und Theilmann wurden verhaftet und im Volkspolizeikreisamt auf der Schießgasse verhört. Ihre „Zuführung“ erfolgte laut Plan dabei „von den Wohnorten bzw. Arbeitsstellen aus“Vgl. Plan der Absicherung der Maßnahme „B“ zum operativen Material „Schreckenstein“. Abgedruckt in Bernhard Theilmann: Unter Druck und über Wasser. In: Freunde des Kupferstichkabinetts e. V., Obergrabenpresse GbR (Hrsg.): Unter Druck. 20 Jahre Obergrabenpresse Dresden. Stoba-Druck, Dresden 1999, S. 79. mit dem Ziel, die einzelnen Mitglieder an ihren Arbeitsstellen zu isolieren.J. R. Bernhard Theilmann: Momente einer Landnahme. In: Ulrich Bischoff (Hrsg.): E. Göschel: Gemälde, Gouachen, Terrakotten. Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Dresden 1994, S. 106 In ihrer Abwesenheit wurden die neuen Räume der Obergrabenpresse auf der Ritzenbergstraße 5 mit Abhörtechnik versehen.Vgl. Sicherungsplan zur Durchführung der Maßnahme „B“ der Abt. 26 im operativen Material „Schreckenstein“. Abgedruckt in Bernhard Theilmann: Unter Druck und über Wasser. In: Freunde des Kupferstichkabinetts e. V., Obergrabenpresse GbR (Hrsg.): Unter Druck. 20 Jahre Obergrabenpresse Dresden. Stoba-Druck, Dresden 1999, S. 79. Ein Ermittlungsverfahren wegen „staatsfeindlicher Hetze“ wurde nach kurzer Zeit eingestellt,Detlef Krell: Unabhängige Künstlerwerkstätten in Dresden. In: Günter Feist, Eckhart Gillen und Beatrice Vierneisel (Hrsg.): Kunstdokumentation SBZ/DDR 1945–1990. Aufsätze, Berichte, Materialien. DuMont, Köln 1996, S. 747. staatliche Behinderungen ihrer Arbeit erlebte die Obergrabenpresse jedoch bis zur Wende.

Aus dem Bestand eines Bitterfelder Kulturhauses erwarb Eberhard Göschel nach einem Hinweis von Wolfgang Petrovsky für die Obergrabenpresse eine Kupferdruckpresse aus der Zeit um 1900Oliver Batista-Borjas: Druck auf dem Obergraben. In: Zeitzeichen. Zeitschrift für regionale Politik und Geschichte. Heft 4, 2004, S. 11., die ab 1990 im Atelier auf der Ritzenbergstraße 5 zum Einsatz kam: Bereits im Frühjahr 1991 zeigte eine Ausstellung in den Räumen der Obergrabenpresse auf der neuen Kupferdruckpresse durch Lorenz gedruckte, großformatige Aquatinta-Radierungen Göschels.Detlef Krell: Unabhängige Künstlerwerkstätten in Dresden. In: Günter Feist, Eckhart Gillen und Beatrice Vierneisel (Hrsg.): Kunstdokumentation SBZ/DDR 1945–1990. Aufsätze, Berichte, Materialien. DuMont, Köln 1996, S. 749. Ab 1993 hatte die Obergrabenpresse den Status einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts und hieß amtlich Obergrabenpresse GbR Göschel Lorenz Theilmann; die Rechtsform hielt sie bis 2004 bei.Jens-Uwe Sommerschuh: Stachel im faulen Fleisch. In: Sächsische Zeitung, 14. Juni 2008, S. m3.

Neben Editionen der Obergrabenpresse druckte Lorenz in den Räumlichkeiten auch für externe Künstler und Studenten der Hochschule für Bildende Künste Dresden,Henrik Busch: Gegendruck in zwei Systemen. Beobachtungen zur Obergrabenpresse als einem Modell künstlerischer Selbstorganisation vor und nach 1989. In: Frank Eckhardt, Paul Kaiser (Hrsg.): Ohne uns! Kunst & alternative Kultur in Dresden vor und nach ’89. efau-Verlag, Dresden 2009, S. 348. so ließen hier beispielsweise Lutz Fleischer,Gregor Kunz: Eigentlich wäre ich lieber ein Vogel geworden. Porträt Lutz Fleischer. In: Sächsische Zeitung, 20. Mai 1998, S. 18. Ralf Kerbach, Hans Scheib, Christine Schlegel, Katrin Süss und Cornelia Schleime drucken.Jeannine Wanek: „Wir haben nie etwas heimlich gemacht. Wir haben es einfach gemacht“: Obergrabenpresse und Leitwolfverlag – zwei künstlerische Selbstverlage in Dresden. In: Siegfried Lokatis (Hrsg.): Heimliche Leser in der DDR : Kontrolle und Verbreitung unerlaubter Literatur. Links, Berlin 2008, S. 72. Für Regina Kempin druckte Lorenz „[d]ie besonders wichtige Serie der […] Pieschener Schabaquatinten“,Ursula Rimkus: Seite an Seite – über das Leben hinaus. Werke von Christine Littwin und Regina Kempin sind in der galerie am blauen wunder zu sehen. In: Dresdner Neueste Nachrichten, 6. März 2003, S. 13. mit Andreas Dress entstand das Druckexperiment Selbader, bei dem Lorenz auf einem großformatigen Blatt vier in verschiedenen Ätztechniken entstandene Werke Dress’ – in Aquatinta, Mezzotinta, offener Ätzung und Kaltnadelradierung – druckte.Jens-Uwe Sommerschuh: In Ewigkeit jetzt. Lange währende und spontane Bildgeschichten bei Andreas Dress in der Dresdner Galerie Mitte. In: Sächsische Zeitung, 31. Mai 2005, S. 8. Zu Lorenz’ Schülern gehörte unter anderem Grafikerin Friederike Aust.Uwe Salzbrenner: Aber ich lebe von der Ungeduld. Die Grafikerin Friederike Aust zwischen Sehnsucht und Heimat. In: Sächsische Zeitung, 15. Dezember 2003, S. 25.