mini|Bönekerskapelle, Westansicht Die Bönekerskapelle (eigentlich Kapelle Beata Mariae Virginis) ist die ehemalige Kapelle des Neuen Hospitals zum Hl. Geist in Rheine. Von dem zum Ende des 15. Jahrhunderts erbauten Hospitalbau ist seit seinem Abbruch wegen Baufälligkeit im Jahr 1841 nichts mehr zu sehen. Die Kapelle war hingegen so solide gebaut, dass sie nach einer Instandsetzung wieder ihrer Funktion als Gotteshaus übergeben werden konnte und (dank einiger weiterer Renovierungen) die Zeiten bis in die Gegenwart überstanden hat. Sie ist heute, seit der Fusion aller ursprünglich selbstständigen Pfarreien links der Ems im Jahr 2013 eine von sechs Kirchen und Kapellen der Pfarrei Sankt Dionysius. Darüber hinaus ist das Gebäude seit 1982 Teil der Liste der Baudenkmäler in Rheine. Es stellt ein letztes Beispiel vorindustrieller Sozialeinrichtungen der Stadt Rheine dar. Seinen heutigen Namen Bönekerskapelle erhielt das Kirchlein durch den seit 1682 angestellten, ersten Verwalter des Neuen Hospitals zum Hl. Geist, Vikar Bernhard Böneker. Die Kapelle ist gegenwärtig täglich von 9:00–18:00 für Besucher geöffnet.

Geschichte Anlass für den Bau Ein Hospital der Zeit um 1500 hatte eine andere Funktion als eine Einrichtung gleichen Titels heutzutage. Als ein zu der Zeit bedeutender Rheinenser Bürger zum Weihnachtsfest des Jahres 1484 testamentarisch anordnete, dass ein Teil seines Vermögens zur Stiftung eines Hospitals verwandt werden sollte, so ging es ihm hierbei um ein Haus, welches mittellose, alte und erwerbsunfähige Bürger aufnehmen sollte. Der Begriff hospitium also in seiner ursprünglichen Bedeutung für Gastfreundschaft. Es stellte in der Stadt den Nachfolgebau eines alten Hospitals dar, dessen Patronat die Neustiftung nun übernahm: Neues Hospital zum Heiligen Geist. In Erinnerung an das mittlerweile verschwundene Hospital heißt der Platz, den das Stift zum Teil einnahm, noch heute Heilig-Geist-Platz. Wie üblich war einer Einrichtung wie dieser eine Priesterstelle mitsamt dem dazugehörigen Gotteshaus zugeordnet. In diesem Fall stand die Kapelle unter dem Patronat Beata Mariae Virginis, war also der Hl. Jungfrau Maria geweiht. Dieses Patronat sorgte dafür, dass das Hospital von der Bevölkerung im Laufe der Zeit Marienstift genannt wurde, die Kapelle hingegen nach ihrem verdienstvollen ersten Vikar Bönekerskapelle.

Der Bau des Stiftsgebäudes gelang recht schnell: Es war im Jahr 1683 bezugsfertig, wohingegen die Errichtung der Kapelle sich mit der Vollendung aller Details im Inneren und am Äußeren bis in das Jahr 1689 zog. Zwar fand die Altarweihe und damit die offizielle Inbetriebnahme des Kirchleins bereits 1685 statt, jedoch wurde an der Außengestaltung (Bossieren, Putz etc.) noch länger gearbeitet. Auch der Dachreiter und die Uhr waren zu diesem Zeitpunkt noch unvollendet. Erst im Jahr 1687 waren auch diese Arbeiten abgeschlossen. Ganz zum Schluss der Bauperiode schaffte man noch passende Bänke für den Innenraum an und die Kapelle konnte letztendlich ihrer Funktion übergeben werden.

In ihrer Mischung von aus Barock, der Renaissance und vor allem der Gotik übernommenen Stilelementen stellt die Kapelle ein typisches Beispiel der in Westfalen beheimateten Nachgotik dar. Diese Art des Rückgriffs auf die vorreformatorische gotische Formensprache möchte als bewusster Gegenpol zum Protestantismus verstanden werden und ist somit ein in Stein gebautes Zeichen der Gegenreformation in Nordwestdeutschland. Das nächstliegende Beispiel dieser Strömung stellt die Pfarrkirche St. Ludgerus in Elte dar. Stilistische Ähnlichkeiten lassen sogar vermuten, dass hier zum Teil die gleichen Bauhandwerker, Künstler oder gar derselbe Baumeister am Werk waren.

Die Stadt hätte dieses Kleinod beinahe verloren, als im Jahr 1974 beschlossen wurde, die Kapelle zugunsten eines mehrgeschossigen Geschäftshauses niederzulegen. Aufgrund der Initiative verschiedener Gruppierungen und engagierter Bürger konnte dies verhindert werden. Anstatt des Abbruchs folgte somit in den Jahren 1982–83 eine grundlegende Sanierung und Renovierung des Gebäudes. Heute wird die Kapelle von den Kirchengemeinden gern als Ort für Friedensgebete oder Mittags-Andachten genutzt, den Rheinensern ist sie ein Ruhe-Ort inmitten des manchmal recht geschäftigen Markttreibens am Rande der Innenstadt.

Der Stifter mini|rechts|Der Staelsche Hof, der hier die Sicht auf die Kapelle verstellt, kurz vor seinem lang diskutierten Abbruch im Jahr 1957 Beim Stifter handelte es sich um den fürstbischöflich münsterschen Drosten und Gografen Johannes von Grüter (* 1425, † 1487). Kraft seines Titels war er in vielerlei Belangen der Vertreter des Landesherren (vergleichbar heute mit einem Regierungspräsidenten oder Landrat). Er erfüllte außerdem die Funktion eines Richters. Seine Bedeutung für die Stadt dokumentiert sich unter anderem in der Tatsache, dass Grüter als eine von vier für die Stadtgeschichte wichtigen Personen noch zum Anfang des 20. Jahrhunderts am Vierungsturm der St. Antonius Basilika in Rheine neben herausragenden Persönlichkeiten wie Karl dem Großen, Bischof Bernhard von Galen und Bischof Ludwig II. in Form einer Porträt-Figur verewigt wurde. Des Weiteren ist eine Schule in Rheine (Förderschule für Schüler mit besonderen Bedürfnissen) nach ihm benanntRudolph Breuing in Rheine, gestern – heute – morgen, Ausgabe 1/86. Der Baugrund des neuen Hospitals lag im Garten des Grüterschen Burgmannshofes (später umbenannt in Staelscher Hof).

Baubeschreibung Äußeres mini|Genordeter Grundriss der Bönekerskapelle, Rheine Der recht kleine Eckbau erstreckt sich auf einer Grundfläche von nur 11,3 m × 5,85 m, hat eine Traufenhöhe von 5,65 m und eine Firsthöhe von 9,50 m. Der Turm in Form eines Dachreiters ragt 16,75 in die Höhe und ist bekrönt von einem Caravaca-Kreuz. Die Schauseite nach Westen zeigt ein einfaches Portal mit Rundbogenabschluss in der Formensprache der Renaissance, darüber ein Rundfenster und hoch unter der Giebelspitze eine Uhrscheibe. Die Fassadenseiten werden mit durch Grobputz nachgeahmtem Bossenwerk und Seitenstaffeln am Giebelfuß strukturiert. Der darüber ragende Dachreiter zeigt mehr gotisches Formenspiel, ebenso die zur ehemaligen Stadtmauer weisende Südseite der Kapelle mit ihren spitzbogigen Maßwerkfenstern.

Die Lage der Kapelle am Staelscher Hof genannten Platz erlaubt es heute, die Westseite aus größerer Entfernung zu betrachten. Zur Zeit der Erbauung lag der Eingang zur Kirche an einer schmalen Gasse; direkt gegenüber dem Portal lag die Rückseite des Burgmannshofes Staelscher Hof, der zum Besitz des Stifters gehörte.

Inneres mini|rechts|Innenansicht nach Osten zum Hauptaltar; links an der Wand das Overberg-Epitaph mini|160px|links|Blick nach Westen, vom Altar zum Hauptportal Das architektonische Hauptgewicht liegt ganz und gar auf dem Äußeren, der Innenraum ist denkbar schlicht und schmucklos. Der kastenartige, einschiffige Saal findet seinen Haupteingang im Westen und einen weiteren Ein-/Ausgang, der ursprünglich einen direkten Zugang vom Hospital zur Kapelle ermöglichte, in der Nordwand auf Höhe des Hauptaltares. Die Altarnische im Osten stellt die einzige architektonische Raumgestaltung dar. Sie nimmt den großen Epitaphaltar von 1685 auf. Die Decke ist flach eingezogen und einfach verputzt. Ihre ursprüngliche Ausmalung in Renaissanceformen wurde im 20. Jahrhundert überstrichen und durch Jugendstil-Ornamentik in einer aus der Renaissance adaptieren Formensprache ersetzt.

Ausstattung Übersicht Aufgrund der bescheidenen Ausmaße des Gebäudes ist die Ausstattung (abgesehen von der Ausmalung) eher übersichtlich zu nennen. Die wenigen Ausstattungsobjekte (besonders der Epitaphaltar) jedoch stehen mit ihrer Opulenz im starken Kontrast zur ansonsten insgesamt überaus schlichten Innenraumgestaltung der Kapelle:

Epitaph-Altar von Bernd Meyering (1631–1703), bezeichnet mit dem Entstehungsjahr 1685. Obwohl das Werk nicht signiert ist, so lässt es sich ihm doch durch Stilvergleich mit belegten Arbeiten des Meisters in z. B. Mesum oder Elte eindeutig zuordnen. Epitaph für den Theologen und Schulreformer Bernhard Overberg von 1897; bemaltes Metallrelief nach Entwurf von Theodor Appelmann (1858–1915); Pfeilerfragment, vermutlich von der 1680 gesprengten Burg Bevergern. Der Pfeiler wurde bei Renovierungsarbeiten im Jahr 1983 in der Ostwand der Kapelle gefunden. Er diente dort als Füllmaterial. Das Stück wird heute als Postament für den Tabernakel benutzt. Dieser war vormals Teil des Hochaltars und auf der Mensa in diesen integriert. Die einzigen größeren Fenster befinden sich in der Südwand, ein kleineres rundes über dem Portal. Alle Fenster zeigen schlichte Ornamentik mit Kreuz- und Kronensymbolen in (bis auf einige Details) blasser Farbigkeit. Sowohl Entstehungsjahr als auch Künstler und Werkstatt sind unbekannthttps://www.glasmalerei-ev-web.de/pages/b4295/b4295.shtml

Der Epitaph-Altar Das Kernstück der Inneneinrichtung, der Hauptaltar aus dem Jahr 1685, ist das Spätwerk des Bildhauers Bernd Meyering und gilt als seine reifste und beste Arbeit. Trotz seiner künstlerischen Qualität und raumbeherrschenden Wirkung wird dieser offensichtlich sehr kostspielige Altar in den Bauakten kaum genannt. Dies hat verschiedene Gründe, die alle für eine günstige Erstellung des Objektes sorgten: der Stipes, also der Unterbau wurde von den Bauhandwerkern einfach hochgemauert; als Mensa (Altarplatte) wurde die des alten Altares aus dem Vorgängerbau wiederbenutzt. Sie besteht aus dem bei Bildhauern der Region sehr beliebten Baumberger Sandstein; das Retabel, der kostbare Altaraufsatz aus Sandstein, ist die Stiftung eines Dietrich Recke († 1639). Dies wird aus einer ausführlichen Inschrift an dem Retabel deutlich. Er war Angehöriger des sog. Fiscal oder auch advocatus fisci pro interesse principalis, und somit Vertreter der Vermögensangelegenheiten des Fürstbischofs und einer der ranghöchsten Landesbeamten.

mini|links|Menschwerdung (Christi Geburt) Weder aus der Inschrift noch aus dem Bildprogramm des Altars wird eine thematische Anbindung an das Patronat der Kapelle deutlich. Allein der Zeitpunkt der Aufstellung des Werkes am Vorabend des Festes Mariä Himmelfahrt scheint sehr bewusst gewählt und bringt einen Bezug zum Patrozinium. Vielmehr ist das Werk Trost- und Hoffnungsbild für einerseits Lebende und Verstorbene der Stifterfamilie, andererseits aber auch für alle Bewohner des Hospitals, die vor dem Altar die Heilige Messe feierten.

Thema des Altars sind die ersten und letzten Dinge des menschlichen Lebens, dargestellt in Bild und Text. So zeigt das Hauptgeschoss über der Mensa in einem tiefengestaffelten Relief die Menschwerdung, also die Geburt Jesu Christi, vorbildhaft für den Beginn des menschlichen Lebens. Die historische und theologische Richtigkeit dieser Darstellung wurde von den zwei mittlerweile von ihrem Platz verschwundenen Assistenzfiguren links und rechts der Darstellung bezeugt: die Heiligen Petrus und Paulus, beide ebenfalls aus der Werkstatt des Bernhard Meyering (Petrus 1980 aus der Kapelle gestohlen, Paulus heute als Leihgabe im Falkenhof, dem stadthistorischen Museum sichergestellt)Rheine – Die Kunst- und Kulturdenkmäler; Rudolph Breuing; Teil I; Seite 213; 2013; Tecklenborg Verlag.

mini|rechts|Darstellung des Herrn Im Stipes ist die Darstellung des Herrn abgebildet. Mit dieser Begebenheit aus dem Leben Christi ist das Kind Gott übergeben und wird ab dem Zeitpunkt als sein Eigentum, als Kind Gottes, gesehen.

mini|links|Himmelfahrt Christi