mini|Marokkanische nafīr aus Messing. Länge 110 Zentimeter, vor 1978. Nafīr (), auch nfīr, Plural anfār, , ist eine schrill klingende gerade Naturtrompete mit einer zylindrischen Röhre und einem konischen Schallbecher aus Metall, die einen oder zwei Töne produziert. Sie wurde in von der islamischen Kultur geprägten Ländern in Nordafrika, im Nahen Osten und in Südasien als militärisches Signalinstrument und als Zeremonialinstrument verwendet. In osmanischen, persischen und mogulindischen Miniaturen ist die nafīr auf Schlachtszenen abgebildet.
Entsprechend verwendete Signaltrompeten sind seit altägyptischer Zeit bekannt. Vom Mittelalter bis Anfang des 20. Jahrhunderts gehörten die nafīr und die gerade oder S-förmig gebogene, konische Metalltrompete kārna zu den persischen Militärmusikkapellen und Repräsentationsorchestern naqqāra-khāna, die in Iran, Indien (naubat) und bis in den Malaiischen Archipel (nobat) verbreitet waren. Über das mittelalterliche al-Andalus wurde der auf Spanisch añafil genannte gerade Trompetentyp im Mittelalter in Europa bekannt. In den späteren osmanischen Militärkapellen (mehterhâne) wurde die gerade nafīr von der gewundenen Trompete boru nach europäischem Vorbild unterschieden.
Zeremonielle Funktionen haben bis heute die nafīr in Marokko (im Monat Ramadan) und die silberne nafiri im nobat-Orchester in Malaysia (als Repräsentationsinstrument der Sultanate).
Herkunft mini|Römische Militärtrompeter mit geraden Langtrompeten tuba auf der Trajanssäule, 112/113 n. Chr. mini|Cornicines, römische Militärmusiker mit gebogenen cornu auf der Trajanssäule. Trompeteninstrumente, bei denen zur Tonerzeugung die Luftsäule in einer Röhre durch eine periodisch veränderte Anspannung der Lippen in Schwingung versetzt wird, bestanden ursprünglich entweder aus relativ kurzen Tierhörnern, Knochen und Schneckenhörnern oder aus langen, eher zylindrischen Holz- und Bambusröhren. Die erstgenannten und ihre späteren Nachbildungen aus Holz oder Metall (wie die nordeuropäischen bronzezeitlichen luren) werden den Naturhörnern zugerechnet, während Curt Sachs (1930) den Ursprung der heutigen Trompeten und Posaunen bei den geraden Naturtrompeten aus Bambus oder Holz vermutet.Curt Sachs, 1967, S. 282 Die einfachen geraden Trompeten werden tubaförmig genannt, abgeleitet von der im Römischen Reich verwendeten tuba. Andere gerade Trompeten in der Antike waren der etruskisch-römische lituus und die griechische salpinx.
Tubaförmige Trompeten sind seit der Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. von Abbildungen aus Mesopotamien und dem Alten Ägypten bekannt. Sie wurden den schriftlichen Erwähnungen zufolge als Signalinstrumente in einem militärischen Zusammenhang oder als Ritualinstrumente bei religiösen Kulten geblasen. Wie bei der altägyptischen scheneb, von der zwei Exemplare aus dem Grab des Tutanchamun (reg. um 1332–1323) in gutem Zustand erhalten blieben, nachgewiesen werden konnte, produzierten die Langtrompeten nur ein oder zwei Töne, weshalb sie für ein musikalisches Spiel nicht geeignet waren. Zu den frühen Ritualinstrumenten, die im Alten Testament erwähnt werden, gehören das gebogene Widderhorn schofar und die gerade Metalltrompete chazozra (hasosrah) aus gehämmertem Silberblech.Joachim Braun: Music in Ancient Israel/Palestine. Archaeological, Written, and Comparative Sources. William B. Eerdmans Publishing Company, Grand Rapids (Michigan) 2002, S. 11 In der hebräischen Bibel steht ferner qeren für ein Tierhorn, das auf unterschiedliche Weise verwendet wird, aber nur an einer Stelle für ein zur Tonerzeugung geblasenes Horn. Queren wird in den aramäischen Bibelübersetzungen (Targumim) mit dem etymologisch abgeleiteten qarnā wiedergegeben, das später im Buch Daniel (167–164 v. Chr. verfasst) als Musikinstrument (Trompete aus Ton oder Metall) vorkommt. In der griechischen Bibel Septuaginta wird qarnā, das ursprüngliche Tierhorn, mit salpinx und in der lateinischen Vulgata mit tuba wiedergegeben und damit zu einer geraden Metalltrompete umgedeutet.Jeremy Montagu: Musical Instruments of the Bible. Scarecrow Press, Lanham 2002, S. 56f, 97 Das Wort qarnā wird in den mittelalterlichen arabischen Texten zu karnā für eine gerade oder gebogene Trompete mit konischer Röhre (zur genaueren Herkunft der antiken Trompeten siehe dort).
In der antiken Zeit waren Kriegs- und Ritualtrompeten im gesamten Mittelmeerraum und in Mesopotamien bis nach Südasien verbreitet. Diese Trompeten durften wie die chazozra der Hebräer nur von Priestern oder von einem ausgewählten Personenkreis geblasen werden. Die Römer kannten von den Etruskern das kreisförmig gebogene Horn cornu mit einem becherförmigen Mundstück aus gegossener Bronze und einer quer durch die Mitte verlaufenden Stabilisierungsstange. In der römischen Kaiserzeit (27 v. Chr. – 284 n. Chr.) führten die Römer eine Variante des cornu mit einer engeren Röhre in der Form eines G in den Militärkapellen ein. Dieser ist auf einem Relief an der Trajanssäule abgebildet. Die Länge der Röhre konnte bis 330 Zentimeter betragen. Von größerem Einfluss auf die Nachwelt als dieses gebogene Blasinstrument war die gerade zylindrische tuba, deren Länge auf den Darstellungen rund 120 Zentimeter beträgt. Im Loiretal, das zum römischen Gallien gehörte, wurden zwei kultisch verwendete Langtrompeten mit in mehrere Teile zerlegbaren zylindrischen Bronzeröhren ausgegraben.Anthony Baines, 1976, S. 61–64 In spätrömischer Zeit wurde eine wie das cornu im Kreis gebogene Trompete bucina genannt. Der Unterschied zwischen beiden lag mutmaßlich weniger in der Form, sondern in der Verwendung. Während cornu und tuba auf dem Schlachtfeld geblasen wurden, diente die bucina mutmaßlich als Signaltrompete im Lager, etwa beim Wachwechsel.James W. McKinnon: Buccina. In: Grove Music Online, 2001 Vom lateinischen bucina, das allgemein kleine Blasinstrumente wie Schäferhörner bezeichnete, ist in Spanien albogue für „Hornpfeifen“, in Georgien buki und in Indien bankia, ein regionaler Name der S-förmig gebogenen Trompete shringa abgeleitet.
Die als Signal- und Ritualinstrument nur von einem bestimmten Personenkreis verwendete Trompete gelangte in die sich ab dem 7. Jahrhundert verbreitende islamische Kultur der Araber und der Perser. Der ebenfalls von buccina abgeleitete arabische Name būq bezeichnete im 7./8. Jahrhundert noch keine Militärtrompete, sondern vermutlich ein auf der Arabischen Halbinsel geblasenes Schneckenhorn.Henry George Farmer: Būķ. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition, Band 1, 1960, S. 1291a Die römischen Trompeten wurden auf den Darstellungen von Fußsoldaten geblasen. Daneben erscheint in einem Relief eines Sarkophagdeckels aus dem Camposanto Monumentale, einem Friedhof in Pisa, ein Tubaspieler auf einem galoppierenden Pferd in einer Schlachtszene. Er trägt einen Helm und hält die Trompete waagrecht mit beiden Händen an den Mund.Abgebildet in: Piotr Bieńkowski: Die Darstellungen der Gallier in der hellenistischen Kunst. Alfred Hölder, Wien 1908, Tafel VIIb
mini|links|Illustration von Yahya ibn Mahmud al-Wasiti zu den Maqāmāt al-Hariris. 7. Maqāma: Reitergruppe mit Fahnen, Standarten und Musikinstrumenten, darunter zwei Langtrompeten nafīr. Baghdad 1237. mini|Elefant mit Musikern. Arabische Schattenspielfigur aus Ägypten, 14.–18. Jahrhundert. In der Sänfte schlägt ein Trommler das Kesseltrommelpaar naqqāra, seitlich blasen zwei Trompeter būq al-nafīr. Elefanten, die vermutlich geschmückt waren, führten dem arabischen Historiker al-Maqrīzī zufolge in Kairo im 14./15. Jahrhundert den Prozessionszug vor dem Sultan an.Paul Kahle: Islamische Schattenspielfiguren aus Egypten. 2. Teil. In C. H. Becker (Hrsg.): Der Islam. Zeitschrift für Geschichte und Kultur des islamischen Orients. 2. Band, Karl J. Trübner, Straßburg 1911, S. 143–195, hier S. 145 Die Geschichte von berittenen Militärmusikern beginnt bei den persischen Sassaniden (224–651), die Kesseltrommeln auf von Indien eingeführten Elefanten schlugen. Abgesehen von wenig zuverlässigen Hinweisen für die Verwendung von Kriegselefanten im 3. Jahrhundert sprechen die Quellen dafür, dass die Sassaniden ab dem 4. Jahrhundert unter Schapur II. (reg. 309–379) Elefanten im Kampf gegen das römische Heer und gegen die Armenier einsetzten.Michael B. Charles: Elephant ii. In the Sasanian Army. In: Encyclopædia Iranica, 15. Dezember 1998 Die Sassaniden verwendeten auch Trompeten, um den Beginn einer Schlacht und die Truppe zur Ordnung aufzurufen. Im persischen Nationalepos Schāhnāme, einer von Firdausi 1010 vollendeten historisch-mythischen Erzählung, werden Trompetenspieler und Trommler erwähnt, die in den Kämpfen gegen die Araber Anfang des 7. Jahrhunderts auf dem Rücken von Elefanten agierten. Möglicherweise übernahm Firdausi die Situation zu seiner Zeit, für die berittene Kriegsmusiker anderweitig belegt sind, in die Geschichtsdarstellung.Bruce P. Gleason: Cavalry Trumpet and Kettledrum Practice from the Time of the Celts and Romans to the Renaissance. In: The Galpin Society Journal, Bd. 61, April 2008, S. 231–239, 251, hier S. 232
Die Fatimiden unterhielten riesige Repräsentationsorchester mit Trompetenspielern und Trommlern. Der Fatimiden-Kalif al-ʿAzīz (reg. 975–996) marschierte im Jahr 978 von Ägypten aus mit 500 Musikern, die Signalhörner (abwāq oder būqāt, Singular būq) bliesen, nach Syrien ein.Henry George Farmer, 1929, S. 208 Im Jahr 1171 trat Saladin die Nachfolge des letzten Fatimidenkalifen an. In dessen Zeit als Sultan von Ägypten (bis 1193) schrieb der Historiker Ibn at-Tuwair († 1120) über die Parade eines fatimidischen Repräsentationsorchesters am Ende des 11. Jahrhunderts, zu welchem Trompeter und 20 Trommler auf Maultieren gehörten. Jeder Trommler bediente drei zweifellige, auf dem Rücken der Tiere befestigte Zylindertrommeln (t’ubūl), während die Musiker in Zweiergruppen marschierten.Bruce P. Gleason, 2008, S. 233 Die Musikinstrumente dieser Orchester listet der persische Dichter Nāsir-i Chusrau (1004 – nach 1072) auf: Trompete būq (gemäß Henry George Farmer eine gewundene Trompete, Clairon), Doppelrohrballinstrument surnā, Trommel tabl, Röhrentrommel duhul (in Indien dhol), große Kesseltrommel kūs und Zimbeln kāsa. Die genannten Musikinstrumenten waren laut dem arabischen Historiker Ibn Chaldūn (1332–1406) in frühislamischer Zeit noch unbekannt. Man verwendete stattdessen in den Militärkapellen die quadratische Rahmentrommel duff und das Rohrblattinstrument mizmar (zamr). Während der Herrschaft der Abbasiden (750–1258) wurden größere Militärorchester eingeführt, die auch zeremonielle Funktionen hatten und neben surnā und tabl die lange Metalltrompete būq an-nafīr, die Kesseltrommel dabdāb, die flache Kesseltrommel qas’a und die Zimbeln sunūdsch (Singular sindsch) enthielten.Henry George Farmer, 1929, S. 154 Arabische Autoren in der späten Abbasidenzeit unterschieden bei den Blechblasinstrumenten zwischen der gewundenen Trompete būq und der geraden nafīr. Zu den damaligen Holzblasinstrumenten gehörten das Rohrblattinstrument mizmar, das gedoppelte Rohrblattinstrument zummara, die Kegeloboe surnā, die Längsflöten aus Rohr nay und schabbaba sowie die Kernspaltflöte qasaba.Henry George Farmer, 1929, S. 210