Mammut pacificus ist eine Art der Rüsseltiere aus der ausgestorbenen Gattung Mammut innerhalb der Verwandtschaftsgruppe der Mammutiden (Mammutidae; im Deutschen teilweise auch „Echte Mastodonten“ genannt). Sie war im Mittleren und Oberen Pleistozän vor etwa 190.000 bis 16.000 Jahren im heutigen westlichen Nordamerika verbreitet. Der Großteil der bekannten Fossilfunde liegt aus Kalifornien vor, einige wenige stammen auch aus Idaho. Die Tiere ähnelten äußerlich den Vertretern des nahe verwandten Amerikanischen Mastodon. Unterschiede lassen sich im Skelett- und Zahnbau erkennen. Im Vergleich zum Amerikanischen Mastodon besaß Mammut pacificus deutlich schmalere Backenzähne. Außerdem waren im Unterkiefer keine Stoßzähne ausgebildet. Ursprünglich wurden die Funde des westlichen Nordamerikas zum Amerikanischen Mastodon gezählt. Die auffallenden Abweichungen führten im Jahr 2019 zur Aufstellung einer eigenständigen Art für die westlichen Populationen.
Merkmale mini|links|Unterkiefer von Mammut pacificus (Holotyp) Im äußeren Erscheinungsbild und generellen Skelettbau glich Mammut pacificus weitgehend dem Amerikanischen Mastodon (Mammut americanum). Letzteres war kräftig gebaut mit langgestrecktem, tiefen Körper, dessen höchster Punkt am Schultergürtel erreicht wurde und dessen Rückenlinie nur mäßig nach hinten abfiel, Die Gliedmaßen waren kurz und breit und das Becken relativ ausladend. Der Schädel des Holotyp-Exemplars von Mammut pacificus, ein ausgewachsenes männliches Individuum, war 100 cm lang und erreichte am Bereich der Augen eine Breite von 65 cm. Im Vergleich zu etwa gleichalten Tieren des Amerikanischen Mastodons zeichnete er sich dadurch als deutlich kürzer aus. Der Unterkiefer maß 81,5 cm in der Länge, die Gelenkenden standen 54,2 cm auseinander. Generell war der Unterkiefer langgestreckt, die Symphyse am vorderen Ende wies mit der Oberseite deutlich nach unten, was als typisches Kennzeichen der Gattung Mammut gilt. Am hinteren Mahlzahn erreichte der horizontale Knochenkörper eine Tiefe von 16,5 cm. Alveolen für die unteren Stoßzähne waren nicht ausgebildet. Dies ist ein markanter Unterschied zum Amerikanischen Mastodon, bei dem Unterkieferstoßzähne bei männlichen Tieren teilweise noch vorkamen.
mini|links|Schädel von Mammut pacificus mit Blick auf den hintersten Mahlzahn mini|Backenzähne von Mammut pacificus (A–D; I–L; Q und R; U; W; Y; AA; CC; EE; GG; II; KK) und Mammut americanum (E–H; M–P; S und T; V; X; Z; BB; DD; FF; HH; JJ; LL) Das Gebiss bestand aus den oberen Stoßzähnen und der hinteren Bezahnung, die sich wiederum aus drei Prämolaren und drei Molaren je Kieferhälfte zusammensetzte. Die oberen Stoßzähne entsprachen wie bei fast allen Rüsseltieren den inneren Schneidezähnen (I1) und waren entsprechend hypertrophiert. Sie standen am Alveolenansatz in einem Winkel von 5 ° zur oberen Zahnreihe und zeigten 20 ° nach außen in Bezug auf die Schädelmittellinie. Ihr Verlauf war deutlich nach außen und nach oben gekrümmt, so dass die Spitze aufwärts zeigte. Am Holotyp-Individuum maß der rechte Stoßzahn über die Krümmung gemessen 200 cm bei einem maximalen Durchmesser am Alveolenaustritsspunkt von 17,6 cm. Die Backenzähne wechselten typisch für stammesgeschichtlich entwickeltere Rüsseltiere horizontal, so dass in der Regel nur ein Zahn je Kieferhälfte zum Kauen zur Verfügung stand. Demnach konnten die Zähne im Verlauf der Individualentwicklung fünfmal ausgetauscht werden. Das Zahnmuster war entsprechend dem Amerikanischen Mastodonten zygodont mit querstehenden scharfen Leisten, die in der Mittellinie durch eine Längsfurche geteilt wurden. Die ersten beiden Prämolaren (dP 2 und 3 sowie dp2 und 3) besaßen jeweils zwei Leisten (bilophodont), der letzte Prämolar (dP4 sowie dp4) sowie die ersten beiden Molaren (M1 und 2 sowie m1 und 2) verfügten über drei (trilophodont). Der letzte Molar wies im Oberkiefer (M3) vier bis fünf, im Unterkiefer (m3) immer fünf Leisten auf (tetra- beziehungsweise pentalophodont). Ein Cingulum, also ein niedriger Zahnschmelzwulst am Zahnrand, war generell schwach ausgebildet. Ein markanter Unterschied zu den Zähnen des Amerikanischen Mastodons betrifft die generellen Zahnproportionen. So besaß der letzte Unterkiefermolar ein Längen-Breiten-Verhältnis von durchschnittlich 2,24, der entsprechende Oberkiefermolar von 1,98. Bei letzteren zeigte sich nur eine geringe Beeinflussung durch die Anzahl der Leisten bei den tetra- (1,91) und den pentalophodonten (2,02) Zähnen. Dem gegenüber verfügte das Amerikanische Mastodon über breitere Zähne, da das Verhältnis von Länge zur Breite beim dritten Molaren im Unterkiefer einen Durchschnittswert von 1.91, im Oberkiefer von 1.77 erreichte. Die Länge der Zähne war bei beiden Arten relativ gleich, vor allem im Unterkiefer, wo der letzte Molar jeweils rund 18,3 cm lang wurde. Die Breite wich jedoch mit 8,2 (Mammut pacificus) beziehungsweise 9,7 cm (Mammut americanum) auffallend voneinander ab. Im Oberkiefer sind die Werte allerdings unterschiedlicher (Mammut pacificus Länge 16,7 cm, Breite 8,5 cm; Mammut americanum Länge 17,5 cm, Breite 9,9 cm), was auf einige sehr große Zähne beim Amerikanischen Mastodon zurückgeführt werden kann. Für die beiden vorderen Molaren war der Unterschied im Längen-Breiten-Verhältnis zwischen den beiden Arten weniger auffällig.
Im postcranialen Skelett treten weitere Abweichungen zwischen Mammut pacificus und dem Amerikanischen Mastodon auf. Markanterweise setzte sich das Kreuzbein aus sechs verwachsenen Wirbelkörpern zusammen, während beim Amerikanischen Mastodon in der Regel nur fünf auftraten, jedoch war die Variationsbreite hier relativ hoch. Der Oberschenkelknochen wirkte kürzer und breiter als beim Amerikanischen Mastodon. Zwei vollständige Femora von Mammut pacificus wiesen Längen von 82 beziehungsweise 96 cm bei einer Breite der unteren Epiphyse von 22 beziehungsweise 26 cm. Vergleichbare Werte lagen beim Amerikanischen Mastodon bei 90 beziehungsweise 95 cm bei Gelenkbreiten von 22 beziehungsweise 24 cm. Die durchschnittliche Länge des Oberschenkelknochens bei Mammut pacificus betrug 92 cm im Vergleich zu 104 cm beim Amerikanischen Mastodon.
Fossilfunde mini|hochkant|Verbreitungskarte der Fundstellen von Mammut pacificus (rote Kreise) und Mammut americanum (blaue Kreise) mini|hochkant|Teilskelett von Mammut pacificus mit Stoßzahn, Backenzahn, Oberschenkelknochen und verschiedenen Wirbeln Das Vorkommen von Mammut pacificus war auf Nordamerikas beschränkt, dort erreichte die Art vor allem in den westlichen Bereichen eine weite Verbreitung. Der überwiegende Teil der Funde wurde im US-Bundesstaat Kalifornien geborgen. Einige weitere sind aber auch aus dem südöstlichen Idaho überliefert, während in Oberkieferfragment aus der Doeden-Kiesgrube im Custer County in Montana den bisher östlichsten Beleg darstellt. Die gegenwärtig bekannte nördliche Verbreitungsgrenze wurde im zentralen Alberta in Kanada erreicht. Wie ihr naher Verwandter, das Amerikanische Mastodon (Mammut americanum), war die Mammutiden-Art mit einer überwiegenden Ernährung basierend auf Blättern an baumreiche Landschaften gebunden. Demnach dürften karge Regionen wie die Mojave-Wüste oder die Sonora-Wüste im Südosten sowie die Hochlagen der Sierra Nevada im Osten als Ausbreitungsbarrieren fungiert haben. In einigen Regionen wurde daher Mammut wohl durch andere Rüsseltierformen wie die Gomphotherien mit Cuvieronius oder Elefanten wie Mammuthus abgelöst. Fossilreste von Mammutiden sind unter anderem in Arizona, New Mexico, Nevada oder Wyoming generell selten. Ähnliches kann wohl für die vegetationsarmen Gebiete im südlich angrenzenden Mexiko gesagt werden, allerdings sind einzelne Zahnfunde aus Hidalgo und Jalisco im zentralen Teil des Landes dokumentiert. Die Verbreitungsgrenzen weiter nördlich von Kalifornien sind unklar, da aus den Bundesstaaten wie Oregon und Washington ebenfalls nur spärliches Fossilmaterial der Gattung Mammut vorliegt, das zudem taxonomisch wenig aussagekräftig ist.
Hervorragende Fossilreste von Mammut pacificus finden sich unter anderem in der Diamond Valley Lake Local Fauna im Diamond Valley und im Domenigoni Valley im Riverside County im Südwesten von Kalifornien. Geborgen während der Konstruktion des Diamond Valley Lake beginnend Mitte der 1990er Jahre liegen bis heute mehr als 100.000 Fundobjekte vor, die sich auf über 100 Taxa verteilen und von über 2600 verschiedenen Fundstellen stammen. Die Sammlung gehört zu den umfangreichsten Offenlandfundkomplexen des südwestlichen Nordamerikas. Neben der außerordentlich guten Fossilerhaltung sind vor allem das häufige Auftreten großer Pflanzenfresser und der geringe Anteil an größeren Beutegreifern bemerkenswert, was der Faunengemeinschaft einen ungestörten Charakter verleiht. Unter den Säugetieren kommt Mammut pacificus mit knapp 700 Fossilresten von gut 100 Individuen vor, was etwa ein Fünftel aller identifizierbaren Säugetierreste ausmacht. Damit ist Mammut pacificus der dritthäufigste Vertreter der Säugetiere nach den Bisons und den Pferden. Neben einzelnen Schädel- und Gebissreste konnten auch zusammengehörige Teilskelette dokumentiert werden. Die paläontologischen Befunde sprechen für eine Mosaiklandschaft aus Wäldern und offenen Gebieten in unmittelbarer Nähe offener Gewässer. Radiocarbondaten stufen die Diamond Valley Lake Local Fauna in das Oberpleistozän (lokalstratigraphisch Rancholabreum) ein, die absoluten Altersangaben reichen von mehr als 40.000 Jahren bis zu etwa 15.900 Jahren vor heute. Des Weiteren werden alle Mammutidenreste aus den Asphaltgruben von Rancho La Brea im Stadtgebiet von Los Angeles zu Mammut pacificus gestellt. Die Untersuchungen begannen hier bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Heute bildet die Sammlung von Rancho La Brea mit mehr als 3 Millionen Einzelfunden von über 650 Taxa einen der größten Fundkomplexe aus dem Oberpleistozän weltweit und ist somit von außerordentlicher Bedeutung. Im Gegensatz zur gleichalten Diamond Valley Lake Local Fauna dominieren hier aber große Raubtiere gegenüber den Pflanzenfressern, was auf die besonderen Fundumstände in den asphalthaltigen Ablagerungen zurückgeführt werden kann, welche damals als natürliche Fallen wirkten. Dadurch ist der Anteil an Resten von Mammut pacificus eher gering und besteht aus weniger als zwei Dutzend Individuen.
Neben diesen beiden herausragenden Fundstellen liegen noch einzelne Fossilreste unter anderem aus McKittrick im Kern County, vom Lakes at Thousand Oaks im Ventura County oder von der Bengard Ranch im San Benito County vor, von wo jeweils verschiedene Unterkieferteile berichtet wurden. Andere Lokalitäten wie im Lassen County oder im Contra Costa County bargen wiederum Reste des Oberkiefers. Einige Teilskelette dagegen sind aus dem Gebiet um San Diego dokumentiert, so von der Robertson Ranch oder der Wanis View Estate. Aus dem Bundesstaat Idaho wurden bisher lediglich isolierte Zähne aus dem Bingham County berichtet. Die ältesten bekannten Funde hingegen sind bisher aus Murieta im Riverside County belegt und bestehen aus einzelnen Kieferfragmenten. Sie gehören dem ausgehenden Mittleren Pleistozän an (lokalstratigraphisch Irvingtonium), das absolute Alter beträgt möglicherweise 190.000 bis 135.000 Jahre.
Paläobiologie mini|Skelettrekonstruktion von Mammut pacificus nach Funden aus dem Simi Valley, Kalifornien