mini|hochkant=1.7|Zeitungskopf der Betriebszeitung Tatsachen der Ford-Werke AG, Köln. Ausgabe 24 aus dem Jahr 1964. Erscheinungsmonat wahrscheinlich Juni 1964.Abgelegt im Archiv der sozialen Demokratie (Bonn), Signatur 5/IGMA45420228 (Nachlass Alois Wöhrle)
Die Ford-Aktion war eine Kampagne der IG Metall zur Gewinnung von Mitgliedern innerhalb der Belegschaft der Ford-Werke Köln in den Jahren von 1960 bis 1966. Hans Matthöfer, damals Bildungsexperte dieser Gewerkschaft, war bis August 1964 der Spiritus Rector dieser Aktion, die aus seiner Sicht nicht nur den gewerkschaftlichen Organisationsgrad bei Ford erhöhen, sondern auch Impulsgeber für eine betriebsnahe Gewerkschaftspolitik sein sollte. In die Aktion band er gezielt junge Soziologen und Mitglieder des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) ein. Sie scheiterte an der Reaktion des Ford-Managements und an innergewerkschaftlichen Widersprüchen.
Vorgeschichte Ausgangssituation bei Ford Nur fünf Prozent der Arbeiter und zwei Prozent der Angestellten bei Ford in Köln-Niehl waren 1960 Mitglieder der IG Metall. Aufgrund dieses außerordentlich schwachen Organisationsgrades galt Ford in der Gewerkschaft als „Krebsschaden für die Gewerkschaftsbewegung im Kölner Raum“,Hans Matthöfer, zitiert nach W. Abelshauser: Nach dem Wirtschaftswunder. 2009, S. 141. denn die Belegschaft – Ford beschäftigte damals rund 20.000 PersonenK. Krahn: Die Schwerpunktaktion. 1985, S. 38. – war hier im Vergleich mit anderen großen Unternehmen der westdeutschen Metallindustrie am schlechtesten organisiert.W. Abelshauser: Nach dem Wirtschaftswunder. 2009, S. 141.
Ford war kein Mitglied im zuständigen Arbeitgeberverband, darum galten hier keine Flächentarifverträge. Löhne und Arbeitsbedingungen wurden zwischen der Geschäftsleitung und dem Ford-Betriebsrat in Betriebsvereinbarungen fixiert. Im Vergleich zu Tariflöhnen zahlte Ford deutlich mehr, diese positive Lohndrift war rechtlich jedoch schwächer abgesichert.
Schwerpunktaktion der Gewerkschaft Ende 1960 wählte die IG Metall in verschiedenen Bezirken Unternehmen für sogenannte Schwerpunktaktionen aus, um dort die bislang schwache gewerkschaftliche Organisation und Mitgliedersituation zu verbessern. Ford zählte zu diesen Betrieben. Die Kampagne wurde vom neuen Bildungsexperten der IG Metall, Hans Matthöfer, koordiniert.W. Abelshauser: Nach dem Wirtschaftswunder. 2009, S. 131 und S. 140.
Von Schwerpunktaktionen versprach sich die Gewerkschaft nicht allein einen verbesserten Organisationsgrad in traditionell kaum erreichten Betrieben, sondern auch die Hebung des Organisationsgrades in der Metallindustrie insgesamt. Dieser war seit Anfang der 1950er Jahre rückläufig.V. Delp, L. Schmidt, K. Wohlfahrt: Gewerkschaftliche Betriebspolitik bei Ford. 1974, S. 161. K. P. Wittemann: Industriesoziologie und IG Metall. Zum Verhältnis von „interner“ und „externer“ Sozialwissenschaft. 1984, S. 23. K. P. Wittemann: Ford-Aktion. Zum Verhältnis von Industriesoziologie und IG Metall in den sechziger Jahren. 1994, S. 43 f.
Ford und Gewerkschaften Matthöfer verfügte seit langem über exzellente Kontakte zu den United Automobile Workers (UAW). Dieser amerikanischen Gewerkschaft war es 1941 nach langen Kämpfen gelungen, das Ford-Werk am Firmensitz Dearborn nahe Detroit zu organisieren. Wenn die Ford-Aktion Erfolg haben würde, hätte sich vieles auch auf andere Unternehmen übertragen lassen – so das Kalkül.W. Abelshauser: Nach dem Wirtschaftswunder. 2009, S. 142. Das Unternehmen stand außerdem für eine epochemachende Arbeitsorganisation: den Fordismus. Ford erweiterte zudem seine Marktanteile in der expansiven deutschen Automobilindustrie.P. Birke: Wilde Streiks im Wirtschaftswunder. 2007, S. 162.
Die Kontakte zur UAW gingen auf den USA-Aufenthalt Matthöfers zurück. Er hatte von August 1950 bis Juni 1951 an der University of Wisconsin in Madison studiert.W. Abelshauser: Nach dem Wirtschaftswunder. 2009, S. 692. Im Mittelpunkt hatten dabei die industrial relations gestanden sowie Theorie und Praxis der amerikanischen Gewerkschaften. Ferner war er in Kontakt zur Independent Socialist League um Max Shachtman gekommen, einer am Demokratischen Sozialismus orientierten Splitterpartei mit Einfluss in der UAW. Auf diese Weise hatte Matthöfer die Bandbreite des Demokratischen Sozialismus kennengelernt sowie den Umgang mit unkonventionellen Ideen und praktische Möglichkeiten zur Verbesserung von Gewerkschaftsarbeit vor Ort.Hierzu W. Abelshauser: Nach dem Wirtschaftswunder. 2009, S. 72–79.
Betriebsnahe Gewerkschaftspolitik Für Matthöfer war Ford interessant, weil der Kampf um einen Betriebstarifvertrag der Einstieg für eine betriebsnahe GewerkschaftspolitikSiehe hierzu die Kurzcharakteristik im Vertrauensleutehandbuch der IG Metall (1964), zitiert bei K. P. Wittemann: Industriesoziologie und IG Metall. Zum Verhältnis von „interner“ und „externer“ Sozialwissenschaft. 1984, S. 24. hätte werden können. Ihm ging es in der Auseinandersetzung um die Chance, auch unter schwierigen Umständen eine betriebsnahe Tarifpolitik, Mitbestimmung am Arbeitsplatz und eine betriebsbezogene Bildungsarbeit eng miteinander zu verzahnen.K. Krahn: Die Schwerpunktaktion. 1985, S. 42. Die Fokussierung der Gewerkschaftsarbeit auf betriebliche Belange war für ihn ausschlaggebend, um ihr neuen Schwung zu verleihen. Sie sollte – so Matthöfer rückblickend 1968 – die Gewerkschaftsmitglieder auffordern, sich vor Ort, vor allem im Betrieb, zu engagieren, damit Gefahren der gewerkschaftlichen Bürokratisierung und lähmende Routinen gebannt würden; das Ziel sei eine Demokratisierung der Verhältnisse. Nicht nur in Betrieben sei die Machtfrage zu stellen, sondern auch in der Gewerkschaft selbst. Entscheidungen würden weniger von Gewerkschaftsvorständen und Bezirksleitern getroffen werden, sondern in betrieblichen Gremien, beispielsweise betrieblichen Tarifkommissionen.W. Abelshauser: Nach dem Wirtschaftswunder. 2009, S. 133. An der Basis würde es um die Aktivierung der Gewerkschafter gehen, um die Gewinnung neuer Mitglieder, um Einfluss auf die Arbeitsbedingungen sowie um die Tarifierung von Löhnen und Gehältern.W. Abelshauser: Nach dem Wirtschaftswunder. 2009, S. 138.
Zentrale Akteure für diesen Prozess sollten nicht in erster Linie die gewerkschaftlichen Vertrauensleute oder Betriebsräte sein, sondern die sogenannten Bildungsobleute. Diese Aktivisten wurden von der unter Matthöfers Leitung stehenden Bildungsabteilung in großer Zahl ausgebildet – 1967 waren es bereits 4.000 – und mit modernen Lehrmaterialien ausgestattet. Das Lernen sollte dabei bei den aktuellen und alltäglichen Arbeitserfahrungen der Lernenden ansetzen.P. Birke: Wilde Streiks im Wirtschaftswunder. 2007, S. 164 f. Mit Hilfe dieser Bildungsobleute sei es aussichtsreich, festgefahrene Konflikte zwischen Unternehmen und Gewerkschaften durch flexible und direkte Aktionen in Betrieben in Bewegung zu bringen. Dieser werde zu einem Ort des Kampfes, des Lernens und der Veränderung.W. Abelshauser: Nach dem Wirtschaftswunder. 2009, S. 131–137. Bewusstseinsbildung und Engagement der Gewerkschaftsmitglieder sowie Überwindung einer als Gefahr empfundenen Stagnation der Klassenauseinandersetzungen waren angestrebt. Im Ganzen handelte es sich um das Projekt einer Erneuerung der Gewerkschaften von innen heraus.K. P. Wittemann: Ford-Aktion. Zum Verhältnis von Industriesoziologie und IG Metall in den sechziger Jahren. 1994, S. 42. Matthöfer entwickelte seine Überlegungen unter Rückgriff auf militärstrategische Ausführungen von Basil Liddell HartBasil Liddell Hart: Strategie. Aus dem Englischen übertragen von Horst Jordan. Rheinische Verlags-Anstalt, Wiesbaden 1955. Zur Rezeption von Liddell Hart durch Matthöfer siehe K. P. Wittemann: Ford-Aktion. Zum Verhältnis von Industriesoziologie und IG Metall in den sechziger Jahren. 1994, S. 96–98 und S. 102–104. und Erkenntnisse der westdeutschen Industrie- und Betriebssoziologie,M. Schumann, K. P. Wittemann: Betriebsnahe Politik – fast vergessener Versuch einer gewerkschaftlichen Offensive. 1985, S. 44 f. die sich bereits in den 1950er Jahren als Kreis interessierter, empirisch arbeitender Soziologen sowie als Sektion der Deutschen Gesellschaft für Soziologie gefunden hatte.Siehe hierzu Ferner:
Durchführung Informationsbeschaffung Über die konkreten Arbeitsbedingungen und über das Betriebsklima bei Ford lagen anfänglich nur wenige Informationen vor. Das resultierte aus dem geringen gewerkschaftlichen Organisationsgrad. Auch die zögerlich-abwehrende Position der um ihren Einfluss fürchtenden Kölner Verwaltungsstelle der IG Metall und des weitgehend autonom agierenden Betriebsrats unter Leitung von Peter Görres, einem charismatischen Arbeiterführer alten Stils, kamen hinzu.M. Schumann, K. P. Wittemann: Betriebsnahe Politik – fast vergessener Versuch einer gewerkschaftlichen Offensive. 1985, S. 46. V. Delp, L. Schmidt, K. Wohlfahrt: Gewerkschaftliche Betriebspolitik bei Ford. 1974, S. 163. W. Abelshauser: Nach dem Wirtschaftswunder. 2009, S. 142 f.
Die Informationen wurden durch eine subversive Studie zum BetriebsklimaSo der Begriff bei M. Schumann, K. P. Wittemann: Betriebsnahe Politik – fast vergessener Versuch einer gewerkschaftlichen Offensive. 1985, S. 47. erhoben. Den Auftrag dazu erhielt das Frankfurter Institut für Sozialforschung. Die Durchführung übernahmen 1961 überwiegend dem SDS angehörende Frankfurter Soziologiestudenten. 50 organisierte und 50 nicht-organisierte Arbeitnehmer wurden dazu in halbstandardisierten Hausinterviews befragt.M. Schumann, K. P. Wittemann: Betriebsnahe Politik – fast vergessener Versuch einer gewerkschaftlichen Offensive. 1985, S. 47.W. Abelshauser: Nach dem Wirtschaftswunder. 2009, S. 143.P. Birke: Wilde Streiks im Wirtschaftswunder. 2007, S. 165. Manfred Teschner und Michael Schumann leiteten die Untersuchung und werteten sie aus.K. P. Wittemann: Ford-Aktion. Zum Verhältnis von Industriesoziologie und IG Metall in den sechziger Jahren. 1994, S. 156–158.
Zwei zentrale Ergebnisse kristallisierten sich unabhängig von der Gewerkschaftsmitgliedschaft der Befragten heraus: Zum einen galt das Arbeitstempo durch die hohe Geschwindigkeit des Fließbands als extrem belastend. Sie verlangte von den Arbeitern eine sehr hohe Leistung. Zum anderen übten die Befragten Kritik an der Willkür der Vorgesetzten. Im Mittelpunkt standen hier „Nasenprämien“,K. Krahn: Die Schwerpunktaktion. 1985, S. 39. die die Meister willkürlich als Leistungsprämie gewähren oder entziehen konnten. In den Interviews stellte sich zudem eine überraschend hohe Bereitschaft heraus, der Gewerkschaft beizutreten. Der geringe Organisationsgrad hing also offensichtlich nicht damit zusammen, dass Ford-Arbeiter zufrieden waren und Gewerkschaften grundsätzlich für überflüssig hielten. Erkennbar wurde auch eine weit verbreitete Skepsis gegenüber dem Betriebsrat, diesem mangele es an Kontakt zur Basis.V. Delp, L. Schmidt, K. Wohlfahrt: Gewerkschaftliche Betriebspolitik bei Ford. 1974, S. 163.Details der Umfrage-Ergebnisse bei K. P. Wittemann: Ford-Aktion. Zum Verhältnis von Industriesoziologie und IG Metall in den sechziger Jahren. 1994, S. 158–174.
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