mini|Sitz der Nachrichtenstelle für den Orient: Berlin, Mauerstraße 45/46
Die Nachrichtenstelle für den Orient (NfO) war eine während des Ersten Weltkrieges im Nahen Osten tätige Einrichtung des deutschen Generalstabs und des Auswärtigen Amtes. Sie war für pro-deutsche Propagandaaktivitäten in den Ländern des Orients und Britisch-Indiens zuständig und erfüllte zugleich nachrichtendienstliche Aufgaben.
Mit geringem Erfolg bemühte sich die Nachrichtenstelle darum, Soldaten islamischen Glaubens aus den französischen, britischen und russischen Heeren zum Überlaufen zu bewegen. Kriegsgefangene islamischen Glaubens wurden auf Veranlassung der Nachrichtenstelle im sogenannten „Halbmondlager“ bei Berlin konzentriert. Hier wurden islamische Praktiken wie Essgebote oder der Ramadan ausdrücklich berücksichtigt und für die Gefangenen die erste Moschee auf deutschem Boden errichtet. „Gastredner“ aus der Türkei versuchten, die Gefangenen zu agitieren und zum Seitenwechsel zu überreden. In Kriegsgefangenenlagern wurde eine Propagandazeitung mit dem Titel „El Dschihad“ verteilt.
Die Nachrichtenstelle unterstützte nationalistische und unabhängigkeitsorientierte Strömungen in den Ländern des arabischen, indischen und osmanischen Raumes, Persiens sowie Chinas, Organisation und Struktur der NfO in: Salvador Obernhaus: Zum wilden Aufstand entflammen. VDN Verlag Dr. Müller, Saarbrücken, 2007, S. 280ff. um damit die deutsche Position im Nahen Osten, mittleren Osten und in Transkaukasien zu stärken und die Entente-Mächte Frankreich, Großbritannien und Russland zu schwächen. Die Politisierung des Begriffs „Dschihad“ in der islamischen Welt ist u. a. auf die Propagandaaktivitäten der Nachrichtenstelle zurückzuführen. Im Umfeld der NfO kam laut Wolfgang G. Schwanitz oft der Begriff „Islamismus“ auf. Dies im heutigen politischen Sinne, einst durch Kaiser Wilhelm II. als Kurzform für „Pan-Islamismus“ benutzt, wie ihn Max von Oppenheim vor der Palästinareise Kaiser Wilhelms II. 1898 dem Monarchen als mögliche verbündete Jihad-Bewegung beschrieben hat.Faksimile: An den Reichskanzler, Von Oppenheims Bericht Nr. 48, Die Panislamische Bewegung, Kairo, den 5. Juli 1898. In: Schwanitz: Islam in Europa. 2013, S. 64–65.
Geschichte und Struktur Idee und Ausgangssituation
Die Beziehungen zwischen Deutschland und dem Osmanischen Reich waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr gut. Während sich Deutschland personell und waffentechnisch an militärischen Auseinandersetzungen der osmanischen Machthaber beteiligte, die deutschen Militärmissionen für eine Modernisierung der türkischen Armee sorgten, wurde mit dem prestigeträchtigen deutsch-osmanischen Großprojekt, dem Bau der Bagdadbahn, auch abgelegene Teile des Vielvölkerstaates erschlossen. Die aufsteigende Großmacht Deutschland versuchte damit, die Osmanen als Verbündete zu gewinnen. Das Osmanische Reich dagegen lag am Boden: Die europäischen Mächte sprachen wegen des stetigen wirtschaftlichen und politischen Niedergangs vom „kranken Mann am Bosporus“. Die „Orientalische Frage“, ob das Osmanische Reich fortbestehen oder als Kolonien aufgeteilt und so zerfallen würde, war ein bedeutender Aspekt in der Außenpolitik des Imperialismus.
Im August 1914 begann der Erste Weltkrieg. Der deutsche Orientalist und Diplomat Max von Oppenheim (1860–1946) übergab aus diesem Anlass im Oktober dem Auswärtigen Amt ein Memorandum mit dem Titel „Denkschrift betreffend die Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde“. Darin schrieb er:
Oppenheim hatte als deutscher Diplomat und Amateur-Archäologe im arabischen Raum viel Erfahrung gesammelt und galt als außenpolitischer Experte für das Osmanische Reich. Er sah großes Potential in der Möglichkeit, unter den Muslimen einen Heiligen Krieg (Djihad, arab. جهاد) gegen die Entente-Mächte Frankreich, Großbritannien und Russland zu entfachen, um so die eigene Kriegssituation zu verbessern. Oppenheim sah propagandistische Maßnahmen sowie ein Vorgehen des deutschen Heeres im Osmanischen Reich als notwendige Vorbedingungen einer Revolutionierung an. Für die Koordination dieser Vorhaben regte er die Gründung einer Nachrichtenstelle, die sich aus Orientalisten, arabischen oder türkischen Muttersprachlern und ausgebildeten Lektoren zusammensetzen würde und „angepasste wahrheitsgetreue Kriegsberichte (Aufrufe etc.)“ erarbeiten und verschicken sollte.Bragulla: Die Nachrichtenstelle für den Orient. 2007, S. 17.
Die Denkschrift Oppenheims gelangte über den Unterstaatssekretär Arthur Zimmermann bis zu Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg und Kaiser Wilhelm II. Während der Kaiser, dem viel daran gelegen war, die Osmanen als Verbündete zu gewinnen, den Plan wohlwollend betrachtete, herrschten im Auswärtigen Amt geteilte Meinungen. Insbesondere der liberale Diplomat und Orientexperte Friedrich Rosen, ein Gegenspieler Oppenheims, warnte eindringlich davor, religiösen Fanatismus zu schüren.Rosen: Aus einem diplomatischen Wanderleben. Bd. 3/4. 1959, S. 54. Da allerdings der Generalstab unter Helmuth von Moltke die Pläne entschieden förderte, erfolgte im November die Gründung der „Nachrichtenstelle für den Orient“ durch das Auswärtige Amt und die Sektion Politik im Stellvertretenden Generalstab.Hagen: Die Türkei im Ersten Weltkrieg. 1990, S. 32 ff. Diese stand unter der Leitung des Diplomaten Rudolf Nadolny, der seit dem Kriegseintritt des Osmanischen Reiches auf Seiten der Mittelmächte am 3. November für die Zusammenarbeit der NfO mit dem Militär zuständig war.
Finanzielle Mittel für die NfO wurden aus dem allgemeinen Propagandahaushalt des Auswärtigen Amtes zur Verfügung gestellt. Die monatliche Grundfinanzierung betrug 5.000, die durch einen „eisernen Reservefonds für außergewöhnliche Aufgaben“ auf 8.000 erhöht wurde. Diese Summe reichte bei weitem nicht aus, weshalb Oppenheim Mittel aus seinem Privatvermögen beisteuerte. Die deutsche Zentrale der NfO war zunächst in fünf Räumen des Berliner Reichskolonialamtes untergebracht. Die Erweiterung der Aufgabenbereiche machte jedoch einen Umzug in die Tauentzienstraße 19a bald erforderlich. Zu Kriegsende wurden 32 Räume von der NfO genutzt.Bragulla: Die Nachrichtenstelle für den Orient. 2007, S. 19.
Organisation und Aufgaben mini|Erster Weltkrieg im Weiteren Mittleren Osten – beteiligte Staaten Die Propaganda unter den Muslimen Russlands, der Französischen Kolonien und des Britischen Empire zugunsten der deutschen Kriegführung war die zentrale Aufgabe der NfO. Dieser Bereich war in folgende vier Bereiche aufgeteilt: Propaganda an den Fronten Propaganda unter muslimischen Kriegsgefangenen Propaganda in den Kolonien der Entente Propaganda in den verbündeten Ländern und dem Deutschen Reich
Die NfO war ihrem Status nach aber weder eine Behörde noch ein privates Unternehmen. Ihre geheime Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt und dem Generalstab verliehen ihr aber einen halbamtlichen Charakter. In der Organisation ähnelte sie einer universitären Fakultät: Neben der Leitung existierte eine Kanzlei sowie eine Pressestelle. Daneben gab es sechs Abteilungen, die juristische, türkische, persische, arabische, indische und russische Angelegenheiten bearbeiteten. Außerdem waren die Redaktionen der Gefangenenzeitung und des Neuen Orients den Abteilungen gleichgestellt. Die gesamte Organisation oblag dem Leiter der Einrichtung, in den Anfangsjahren somit Max von Oppenheim. Um die Nähe zur muslimischen Bevölkerung zu vergrößern und die Arbeiten zu erleichtern, waren in den betreffenden Abteilungen jeweils auch Muttersprachler angestellt.
Als eine der ersten Tätigkeiten der NfO wurden die zu Kriegsbeginn in Berlin anwesenden Orientalen in Komitees zusammengefasst, aus denen sich nationale Organisationen für die Völker des Nahen Ostens bildeten. So entstanden etwa das „Indian Independance Committee“, das „Persische Komitee in Berlin“ und das „Komitee für die Unabhängigkeit Georgiens“. Diese Organisationen standen in ständigem Kontakt zur NfO. Oppenheim regte darüber hinaus die Gründung eines georgischen und eines tatarischen Stipendienfonds der „Deutsch-Georgischen Gesellschaft“ sowie den Aufbau einer „Deutsch-Persischen Gesellschaft“ an.Bragulla: Die Nachrichtenstelle für den Orient. 2007, S. 24.
Die NfO verfügte über verschiedene Tochterorganisationen, darunter die sogenannte „Nachrichtensaal-Organisation“ an der deutschen Botschaft in Konstantinopel, die die Vertretung der Nachrichtenstelle im Osmanischen Reich darstellte. Im Verlauf des Ersten Weltkriegs wurden zahlreiche „Nachrichtensäle“, Verbindungsbüros der NfO, in der gesamten Region gegründet, etwa in Tiflis, Mossul, Damaskus und Jerusalem. Für die Koordination zwischen Berlin und den Stellen im Orient war die deutsche Botschaft verantwortlich. So fanden täglich mehrsprachige Berichte des deutschen Generalstabs den Weg bis tief in den Nahen Osten.Farah: Die deutsche Pressepolitik und Propagandatätigkeit im Osmanischen Reich von 1908–1918 unter besonderer Berücksichtigung des „Osmanischen Lloyd“. 1993, S. 241. Zur Verbreitung von propagandistischen Publikationen verfügte die Nachrichtenstelle über eine eigene Vertriebsstelle in Zürich und stand in enger Verbindung zu einigen Buchhandlungen in Lausanne, Amsterdam, Den Haag und Stockholm. Auf diese Weise sollte die deutsche Kriegspropaganda auch im neutralen Ausland Beachtung finden.Bragulla: Die Nachrichtenstelle für den Orient. 2007, S. 26.
Neben der eigentlichen Propagandatätigkeit ging die NfO auch anderen Aufgaben nach. So war die Pflege persönlicher Kontakte zu orientalischen Kreisen im Deutschen Reich, der osmanischen Regierung und dem neutralen Ausland von großer Bedeutung. Außerdem wurde in Berlin ein den Orient betreffendes Zeitungsarchiv gegründet, dass vor allem dem Auswärtigen Amt zur Verfügung stand und anderen amtlichen Stellen Auskünfte erteilen konnte. Zu diesem Zweck beobachtete die NfO die orientalische, europäische und amerikanische Presse und gab periodische Übersichten der russischen, tatarischen, kaukasischen, türkischen, persischen und indischen Presse heraus. Diese Pressespiegel erleichterten die Arbeit der deutschen Diplomatie und des Generalstabs. Die NfO betätigte sich darüber hinaus als offizielle Zensurstelle von auf den Orient bezogene Schriften, Filmen und sogar Briefen für das Auswärtige Amt und den Generalstab. Ebenso wurde die Korrespondenz der muslimischen Kriegsgefangenen einer Zensur unterzogen.Bragulla: Die Nachrichtenstelle für den Orient. 2007, S. 27. Daneben nahm die Nachrichtenstelle auf die deutsche Presse Einfluss, um bei dieser eine „überlegtere Wortwahl“ im Kontext Islam und Osmanisches Reich zu erzielen.Farah: Die deutsche Pressepolitik und Propagandatätigkeit im Osmanischen Reich von 1908–1918 unter besonderer Berücksichtigung des „Osmanischen Lloyd“. 1993, S. 240.
Personelle Struktur Die Nachrichtenstelle setzte sich zunächst „aus einigen schon längst mit Oppenheim irgendwie verbundenen Personen“ zusammen.Karl Emil Frhr. Schabinger von Schowingen: Weltgeschichtliche Mosaiksplitter. Erlebnisse und Erinnerungen eines kaiserlichen Dragomans. K. F. Schabinger Frhr. von Schowingen, Baden-Baden 1967, S. 126. Diese arbeiteten auf möglichst kollegialer Basis freiwillig und teilweise sogar unentgeltlich zusammen. Je weiter der Krieg fortschritt, desto stärker wurde der institutionelle Charakter der NfO. Im Jahr 1915 waren 15 deutsche und 20 orientalische Mitarbeiter in der Nachrichtenstelle beschäftigt.Bragulla: Die Nachrichtenstelle für den Orient. 2007, S. 28. Außerdem gab es elf gelegentliche Übersetzer und elf sonstige Angestellte. Im Jahr 1918 bestand das Gesamtpersonal aus 59 Personen, inklusive einiger Kanzleidiener und Boten. Die deutschen Mitarbeiter waren überwiegend Orientalisten, Diplomaten oder Journalisten.
Leitung der Nachrichtenstelle