Als Traktur oder Traktatur bezeichnet man bei einer Orgel das Übertragungssystem von den Betätigungselementen des Spieltischs am einen Ende zum Ventilsystem in der Windlade am anderen Ende. Sie wird unterschieden in Spieltraktur (auch Tontraktur) für das Spielen mit der Klaviatur und die Registertraktur zum Ein- und Ausschalten der Register.

Spieltraktur Die Spieltraktur ist die Verbindung zwischen den Tasten und den Pfeifenventilen. Sie bewirkt, dass beim Niederdrücken einer Taste eine oder mehrere Pfeifen erklingen. Die genaue Auswahl der erklingenden Pfeifen hängt von der Registrierung ab. Es gibt unterschiedliche Arten von Ton- oder Spieltrakturen: mechanisch, pneumatisch, elektromechanisch und elektropneumatisch. Die verschiedenen Systeme kommen gelegentlich und in bestimmten Kombinationen auch nebeneinander in einer Orgel vor.

Mechanisch Die älteste und ursprüngliche Art ist die mechanische Spieltraktur. Diese hat von der Gotik bis zur heute (wieder) gebauten Form eine lange Entwicklungsgeschichte. Früheste Tontrakturen waren nicht für schnelles Spiel gedacht und geeignet und glichen eher der heutigen Registermechanik. Bei der mechanischen Traktur wird jede Taste der Klaviatur über verschiedene mechanische Elemente mit dem zugehörigen Tonventil verbunden. Die Mechanik setzt sich zusammen aus Abstrakten, die die Bewegung durch Zug horizontal oder vertikal übertragen, sowie aus Winkeln und Wellen, die auf sogenannten Wellenbrettern zusammengefasst werden und die Bewegung, wenn benötigt, in verschiedene Richtungen umleiten. Abstrakten bestehen meist aus sehr dünnen „Holzstreifen“ (etwa 10 mm breit und 1 mm dick). Zeitweise wurden gelegentlich auch andere Materialien wie Aluminium- oder Messingdraht oder Stahllitze (Seilzugtraktur) benutzt. Bei Druckbeanspruchung können statt der Abstrakten auch Stecher aus dünnen Holz- oder Metallstäben verwendet werden.Vogel: Kleine Orgelkunde. 2008, S. 16. Die Wellen des Wellenbretts wurden früher meist aus Holz gefertigt, aber auch Eisenwellen sind keine ausschließlich moderne Neuerung. Heute werden oftmals industriell gefertigte Stahl- oder Aluminiumrohre eingesetzt. Diese haben den großen Vorteil, bei relativ kleinem Durchmesser deutlich verwindungssteifer als Holzwellen zu sein, welche deutlich dicker sein müssten. Dadurch benötigen Wellenbretter mit Stahl- oder Aluminiumwellen wesentlich weniger Platz als Wellenbretter mit Holzwellen.

Die direkte mechanische Verbindung zwischen der Taste und dem Ventil der Tonkanzelle ermöglicht dem Organisten im Vergleich zu den anderen Bauweisen eine, wenn auch geringe, Möglichkeit der Kontrolle über die Ansprache der Pfeifen, je nachdem, wie hart und schnell bzw. weich und langsam die Tasten angeschlagen werden. Nennenswerter ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass der Organist den tatsächlichen Druckpunkt (Punkt, an dem das Spielventil öffnet und den Luftdruck des Spielwindes im Windkasten überwindet, s. Schleiflade) real spürt und dieser nicht technisch simuliert werden muss. Dieser Vorteil unterscheidet die mechanische grundlegend von der elektrischen Traktur. Ein Nachteil dieser Bauform kann darin liegen, dass die Größe der Ventile und Windladen und somit der Registerzahl beschränkt ist, solange eine Orgel gut und ausreichend leicht spielbar bleiben soll. In der Praxis setzt diese Grenze heute aber erst bei einer Größe ein, die viele Orgeln nicht erreichen. Falls in Ausnahmefällen doch, können problemlos Spielhilfen zur Druckpunktreduzierung (Balancier oder Vorventile) eingesetzt werden.

Die einfachste Art der Trakturführung ist die hängende Traktur. Diese kommt ohne Winkel und Wippen aus. Die Ventile müssen sich dabei fast senkrecht über dem eingebauten Spielschrank (also nach vorne zum Prospekt hin) befinden, da beim Niederdrücken der Tasten über Abstrakten und eventuell ein Wellenbrett die Ventile direkt geöffnet werden. Diese Art der Trakturführung ist für das Brustwerk, das Hauptwerk und das Oberwerk möglich. Die Traktur zum Rückpositiv ist bei klassischen französischen Orgeln meist so realisiert, dass beim Niederdrücken der Taste ein Stecher nach unten auf eine Wippe drückt, die auf der anderen Seite das Ventil nach oben zieht. Die Länge der Wippe und damit der Abstand zwischen Klaviatur und Rückpositivwindlade ist dabei auf ca. 1,50 m begrenzt, da der Tastengang sonst zu groß würde. Auf ein Wellenbrett kann dabei in der Regel verzichtet werden, da die Wippen strahlenförmig angeordnet werden können.Jürgen Weyers: Er heißt Silbermann, und sein Werk seyn gülden... In: Organ. Heft 2/98. Mainz, 1998. S. 12.

Obwohl sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts die pneumatische Traktur immer mehr durchsetzte, experimentierten die Orgelbauer zunächst mit elektrischen Systemen. Auf Grund der zahlreichen Vorteile ist die mechanische Traktur seit Mitte des 20. Jahrhunderts wieder die oft gewählte Spieltraktur.Klotz: Das Buch von der Orgel. 2004, S. 28.

Pneumatisch mini|Bleirohre der pneumatischen Traktur, Schwarz-Orgel des Salemer Münsters, 1900–1901 mini|Alter originaler pneumatischer Spieltisch in St. Petri Liebenrode. Links unten Windversorgung des Spieltisches, rechts davon Abgänge zu den Steuerungsmembranen der Windladen

Als erster Orgelbauer stattete Henry Willis bereits ab 1870 einige seiner Orgeln mit einer pneumatischen Traktur aus, die im Prinzip einem aus dem Spieltisch hin zur Windlade verlagerten Barkerhebel entspricht. Die pneumatische Spieltraktur setzte sich dann in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts langsam durch und wurde gegen Ende jenes Jahrhunderts zur wohl gebräuchlichsten Trakturart bei Orgelneubauten, besonders bei größeren Orgelneubauten.

Im Laufe der Zeit entwickelten sich mehrere verschiedene Formen der Pneumatik. Ihnen allen liegt aber ein gemeinsames Prinzip zu Grunde: Die Tasten selbst betätigen nur kleine Steuerventile. Diese lassen oder entlassen die Luft durch lange, dünne Bleirohre (Bleikondukten). Damit werden weitere Bälgchen und Ventile gesteuert, die letztlich dafür sorgen, dass die Pfeifen erklingen.Vogel: Kleine Orgelkunde. 2008, S. 17.

So sehr diese Bauform für einige Zeit besonders bei größeren Orgeln zum Standard wurde, so vielschichtig sind die Gründe für ihre allmähliche Einführung: Obgleich sich im 18. Jahrhundert barocke Orgelbauer selbst vornehmlich als Handwerker und nicht als Künstler ansahen, erschufen sie sowohl klanglich als auch technisch oft hervorragende Instrumente. Mit der im 19. Jahrhundert einsetzenden Industrialisierung galten aber grundlegend andere Ideale. Die Orgel wandelte sich vom künstlerischen Unikat zur sogenannten Fabrikorgel. Die ersten Schritte auf diesem Weg waren in dem Simplifikationssystem von Georg Joseph Vogler zu sehen. Für eine simple, preisgünstig und schnell gebaute Fabrikorgel war es entschieden einfacher, zahlreiche lange Bleikondukten zu verlegen, als eine präzise und hochwertige mechanische Traktur zu bauen. Der Bereich der Musik, besonders der Kirchenmusik, hatte nicht mehr den hohen Stellenwert wie in den Jahrhunderten zuvor. Obgleich vor allem frühe Formen der Pneumatik deutliche Verzögerungen beim Spiel verursachten, nahm man diesen Nachteil letztlich hin, zumal sich nur mit dieser Trakturart ein weiterer Vorteil realisieren ließ: Der romantische Zeitgeschmack forderte Orgeln mit vielen tiefen, weichen und grundtönigen Registern, welche relativ viel Wind verbrauchten. Eine mechanische Traktur für derartige Orgeln wäre besonders im Bassbereich sehr schwer spielbar gewesen. Ferner wurden in dieser Zeit gerne zahlreiche Sub- und Superoktavkoppeln gebaut, um den gewünschten Orgelklang erzeugen zu können. Sowohl technisch (einfache Herstellung) wie auch spieltechnisch (leichte Spielart) hat in dieser Hinsicht die pneumatische Traktur deutliche Vorteile.

Der größte Nachteil der pneumatischen Traktur ist die (teilweise sehr große) Verzögerung zwischen Tastendruck und Pfeifenansprache. Besonders gravierend war das Problem der Verzögerung bei den ersten Bauformen, die auf einem Zuluft-Prinzip beruhten: Durch den Tastendruck strömt Luft in ein Bälgchen oder eine aufblasbare Membran. Hierdurch werden ein oder mehrere weitere Ventile betätigt, die schlussendlich den Pfeifenwind in die Pfeifen strömen lassen.Klotz: Das Buch von der Orgel. 2004, S. 30–31. Spätere verbesserte Formen der pneumatischen Traktur beruhten auf dem Entlastungs- oder Windauslasssystem: Bei der Membran- oder Taschenlade stehen die Pfeifen auf Rohrstutzen, die durch eine aufgeblasene Membran oder Tasche am unteren, in der Windlade befindlichen Ende verschlossen werden. Erst beim Druck auf eine Taste fällt diese Membran oder Tasche zusammen und lässt den Pfeifenwind über den Rohrstutzen in die betreffende Pfeife strömen.Klotz: Das Buch von der Orgel. 2004, S. 34. Bei diesem System muss es zwangsläufig eine Windanlage geben, die Wind unterschiedlichen Drucks bereitstellt. Soll eine Pfeife erklingen, ist es einer schnellen Funktionsweise dieses Prinzips sogar sehr zuträglich, dass die Membranen (auch) durch den auf sie wirkenden „Pfeifenwind“ zusammengedrückt werden. Sollen Pfeifen hingegen nicht erklingen, müssen die Membranen aufgeblasen bleiben – und zwar gegen den auf den Teil ihrer Fläche wirkenden Pfeifenwind. Der die pneumatische Traktur versorgende Wind muss dementsprechend einen ausreichend höheren Druck haben.

Das Problem der Verzögerung ist aber auch damit nicht vollständig gelöst. Bei gut gepflegten Auslasssystemen ist diese spürbar, aber nicht dramatisch. Über schlechte, verschlissene Trakturexemplare gibt es (heute nicht mehr nachprüfbare) Schilderungen, dass die Verzögerungen fast bis zu einer Sekunde dauern konnte.

Obgleich mit der Entfernung des Spieltischs und somit der Länge der Bleikondukten vom Prinzip her die Verzögerung zunahm, war man mit der pneumatischen Traktur in vertretbarem Maße auch in der Lage, freistehende Spieltische zu bauen, die wenige Meter von der Orgel entfernt stehen konnten.

Ein Hauptbestandteil jeder pneumatischen Traktur ist eine große Zahl kleiner Bälgchen, Taschen und/oder Membranen. Je nachdem, wie zugänglich diese in den Windladen verbaut wurden, konnte es bei einer Wartung oder Reparatur Probleme geben. Ein ganz besonderer Nachteil war jedoch, dass diese Bauteile recht störanfällig waren und oft schon nach wenigen Jahrzehnten komplett ausgetauscht werden mussten (eine solide mechanische Traktur kann hingegen mehrere Hundert Jahre halten.) Das Fehlen eines spürbaren Druckpunktes beim Anschlagen einer Taste ist ein weiterer Nachteil der pneumatischen Traktur.Klotz: Das Buch von der Orgel. 2004, S. 37–38.

Siehe auch: Barkerhebel

Elektropneumatisch miniatur|Relais einer elektropneumatischen Traktur

Mit dem Aufkommen der Elektrik zum Ende des 19. Jahrhunderts wurden die pneumatischen Trakturen teilweise durch elektrische Elemente ergänzt. Zunächst war die Elektrifizierung mit dem Problem verbunden, eine angenehme und weiche Spielart zu gewinnen. Die Konstruktion der Kontakte an der Wende zum 20. Jahrhundert machte zunächst eine pneumatische Steuerung im Spieltisch notwendig, deren kleine Bälgchen die Betätigung der Kontakte übernahm. Mit der Erfindung von langen, bruchsicheren Tastenkontakten aus Feinsilber wurde diese Konstruktion um 1910 überflüssig.Gerhard Wagner in: Die Voit-Orgel in der Stadthalle Heidelberg. Guderjahn, Heidelberg 1993, ISBN 978-3924973599, S. 24 und 30. Die Kontaktgebung erfolgte jetzt von den Tasten direkt, der elektrische Impuls wird durch ein Kabel mit geringem Querschnitt auf einen Elektromagneten mit eingebauter Funkenlöschung übertragen. Der Trakturweg kann fast unbegrenzt lang und kompliziert sein, und Orgeln konnten mit fahrbaren Spieltischen ausgestattet werden. So waren auch fortan Fernwerke nahezu ohne technische Verzögerung spielbar. Die Verbindung von Elektrik und Pneumatik bietet sich vor allem bei Membran- und Taschenladen sowie Kegelladen an, wobei das Relaisventil dann elektrisch gesteuert wird.