mini|Alexandre Arsène Girault, um 1904 Alexandre Arsène Girault (geboren am 9. Januar 1884 in Annapolis, Maryland; gestorben am 2. Mai 1941 in Dunwich, Queensland) war ein US-amerikanischer Entomologe und Parasitologe. Mit mehr als 3.000 Erstbeschreibungen von Gattungen und Arten und einer großen Anzahl entomologischer Publikationen war er einer der bedeutendsten Experten für die Taxonomie der Erzwespen (Chalcidoidea). Darüber hinaus forschte er in geringerem Umfang zu Fransenflüglern und Weichwanzen.

Obgleich Giraults Veröffentlichungen zum großen Teil im Selbstverlag erfolgten und in ihrer Oberflächlichkeit heutigen wissenschaftlichen Ansprüchen nicht mehr genügen, sind viele der von ihm beschriebenen Taxa gültig. Girault zeigte in seinen Veröffentlichungen und im Umgang mit Kollegen und Vorgesetzten ein exzentrisches Wesen, große Streitlust, von Vorurteilen geprägte Einstellungen. Sein Verhalten gegenüber seinen Kollegen und seine umfangreiche Tätigkeit in berufsfremden Feldern bereiteten ihm wiederholt große Probleme. Girault litt nach dem Tod seiner Ehefrau und dem Verlust seines Arbeitsplatzes an Depressionen und Wahnvorstellungen. Er verbrachte die letzten beiden Jahre seines Lebens überwiegend in Heimen.

Familie mini|Alexandre Arsène Girault mit seiner Familie, April 1924 mini|Bewohner des Dunwich Benevolent Asylum vor seinem Zelt Alexandre Arsène Girault wurde in Annapolis, Maryland als Sohn einer alteingesessenen französischstämmigen Familie geboren. Sein Großvater Arsène Napoléon Alexandre Girault de San Fargeau gehörte als Französischlehrer zum ersten Lehrkörper der 1845 gegründeten United States Naval Academy, wurde 1848 in den Dienstgrad eines Professor of Mathematics erhoben (wie alle Lehrkräfte, unabhängig vom unterrichteten Fach) und leitete bis 1866 den Fachbereich Französisch der Naval Academy. Giraults Vater Joseph Bonaparte Girault und seine Mutter Elizabeth Frances Goosdwin Girault waren Mitbegründer einer presbyterianischen Kirchengemeinde in Annapolis.

Im Januar 1913 heiratete Girault Elizabeth Jeanette Pilcher, eine 21-jährige Lehrerin aus Gordonvale, Queensland, wo er seinerzeit arbeitete. Trauzeuge war Giraults junger Assistent Alan Parkhurst Dodd. Im November 1913 wurde das erste Kind der Giraults geboren, 1925 das fünfte. Die Familie musste nach der Rückkehr aus den Vereinigten Staaten im Jahr 1919 etliche Male umziehen und litt wegen Giraults prekären Beschäftigungsverhältnissen stets unter wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Elizabeth Girault erkrankte bald nach der Rückkehr nach Australien an Tuberkulose und starb im September 1931.

Im Juli 1939 kam es nach Streitigkeiten mit Nachbarn zu einem Polizeieinsatz wegen Giraults aggressiven Auftretens. Er wurde erstmals in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, aber nach wenigen Monaten wieder in die Obhut seiner Kinder entlassen. 1940 wurde er erneut in das Dunwich Benevolent Asylum in Dunwich eingewiesen, einer Unterbringungseinrichtung für psychisch Kranke und Altersheim. Dort verbrachte er das letzte Jahr seines Lebens. Zunächst war er in einem Schlafsaal untergebracht, bekam aber schließlich das Privileg eines Zelts mit der entsprechenden Privatsphäre zugestanden. Die überlieferte Korrespondenz mit dem Queensland Museum zeigt sein anhaltendes Interesse an der wissenschaftlichen Arbeit und an seinen letzten Veröffentlichungen, lässt aber auch auf einen zunehmenden körperlichen und geistigen Verfall schließen. Anfang Mai 1941 ist Girault im Dunwich Benevolent Asylum verstorben.

Werdegang mini|Muscidifurax raptor & , 1910 (bei der Eiablage in der Puppe einer Fliege) Studium und erste Jahre in Illinois (1903 bis 1911) Girault studierte am Virginia Polytechnic Institute und graduierte dort 1903 zum Bachelor of Science. Es folgten nicht besonders lange währende Tätigkeiten als Mathematiklehrer und als Chemiker in einer Werft in Sparrows Point in Maryland. 1904 trat er in den Dienst des U.S. Department of Agriculture und arbeitete unter der Leitung von Altus Lacy Quaintance im Bereich der Agrarentomologie. Zu seinen Aufgaben gehörte die Erforschung des Nordamerikanischen Pflaumenrüsslers (Conotrachelus nenuphar), des Kartoffelkäfers (Leptinotarsa decemlineata) und des Pfirsich-Glasflüglers (Synanthedon pictipes). 1908 ging Girault als Assistent des State Entomologist nach Illinois und 1909 als Assistent an die University of Illinois. Dort befasste er sich mit Vorratsschädlingen, dem Kartoffelkäfer und Bettwanzen, entwickelte aber auch sein Interesse an den Erzwespen. Zusammen mit seinem Kollegen George E. Sanders verfasste er die Erstbeschreibung von Muscidifurax raptor und mehrere Aufsätze zu ihrer Ökologie. Das war eine der wenigen frühen Arbeiten Giraults, die in der Zusammenarbeit mit Kollegen entstanden.

Nelson, Queensland, Australien (1911 bis 1914) Im australischen Queensland hatte sich ein bedeutender Zuckerrohranbau entwickelt, der ab 1890 zunehmend von Schädlingen beeinträchtigt wurde. Die dramatische Situation führte 1900 zur Verabschiedung des Sugar Experimental Stations Act, mit der eine Behörde und drei Forschungsstationen zur Erforschung und Bekämpfung der Zuckerrohr-Schädlinge eingerichtet wurden. Eine der Forschungsstationen befand sich in Nelson, heute Gordonvale, im nördlichen Queensland. Im März 1911 war die Lage so dramatisch, dass die Regierung von Queensland beim U.S. Department of Agriculture um die Empfehlung eines qualifizierten Entomologen bat, der in einer der Forschungsstationen arbeiten sollte. Das Gehalt war niedrig und die erwünschte Qualifikation im Bereich der Entomologie, Mykologie und Pflanzenkrankheiten stand dazu in keinem Verhältnis. Der Leiter des Bureau of Entomology, Leland Ossian Howard, empfahl schließlich Girault als jungen und engagierten Wissenschaftler, der sich bereits mit den Parasiten von Pflanzenschädlingen befasst hatte.

Im Oktober 1911 kam Girault in Australien an. Bis 1914 arbeitete er überwiegend in der Forschungseinrichtung in Nelson, unternahm aber auch Feldforschungen in anderen Teilen von Queensland. Seine Aufgabe war die Erforschung von Schädlingen des Zuckerrohrs wie verschiedenen Blatthornkäfer (Scarabaeidae), deren Larvenstadien die Wurzeln der Pflanzen fraßen. Von besonderem Interesse waren dabei die natürlichen Feinde der Käfer und ihrer Larven, wie parasitoide Erzwespen und ihre Verwandten. Die Erforschung der bis dahin noch nicht eingehend untersuchten australischen Erzwespenfauna und ihre systematische Erfassung nahmen einen großen Teil seiner Zeit, auch seiner Freizeit, in Anspruch. Bereits wenige Wochen nach seiner Ankunft verhandelte Girault mit Ronald Hamlyn-Harris, dem Leiter des Queensland Museum, über die Veröffentlichung seiner Arbeiten zur Taxonomie australischer Spinnen und Insekten. Daraus entwickelte sich eine fast drei Jahrzehnte bis zu Giraults Tod währende Korrespondenz und eine langjährige Zusammenarbeit mit Hamlyn-Harris und seinen Nachfolgern. Seine taxonomischen Studien an Erzwespen interessierten Girault deutlich mehr als die Schädlinge der Zuckerrohrs. Da er in Australien keine Möglichkeit sah, seinen Vorstellungen entsprechend zu forschen, kündigte er sein Arbeitsverhältnis zum 30. August 1914, informierte seinen Arbeitgeber aber bereits im August 1913 über seine Absichten.

National Museum of Natural History, Washington, D.C. (1914 bis 1917) mini|hochkant|William Harris Ashmead (1855–1908) Im Januar 1915 traf Girault mit seiner Familie in Washington, D.C. ein. Bis 1917 arbeitete Girault für das Bureau of Entomology, eine Einrichtung des U.S. Department of Agriculture. Der Arbeitsplatz befand sich in den Räumen des National Museum of Natural History, wo er an der Bearbeitung der Erzwespen der Sammlung arbeitete. Im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg wurden die Forschungsmittel stark eingeschränkt und es wurde vom Bureau of Entomology als einer Einrichtung des Landwirtschaftsministeriums erwartet, dass sie ihre knappen Mittel in die Erforschung und Bekämpfung von Agrarschädlingen investiert. Eine für den äußerst produktiven Girault spürbare Beschränkung war die Auflage für alle Mitarbeiter des Bureau of Entomology, monatlich nicht mehr als eine wissenschaftliche Arbeit zu veröffentlichen. Darüber hinaus wurde von ihm gefordert, dass auch seine Veröffentlichungen zur Taxonomie einen inhaltlichen Bezug zur Agrarentomologie behielten, also Nützlinge und Schädlinge behandelten.

Girault war mit den Arbeitsbedingungen dort äußerst unzufrieden. Dabei fühlte er sich von der Anwesenheit einiger Kollegen belästigt, die an seinem ohnehin beengten Arbeitsplatz durch Unterhaltungen und Gelächter für permanente Unruhe sorgten. Er bezeichnete Washington, also sein dortiges Arbeitsumfeld, als ein „Irrenhaus“, in dem wissenschaftliches Arbeiten unmöglich sei. Darüber hinaus übte Girault scharfe Kritik am Zustand der Sammlung und an der fachlichen Kompetenz eines seiner Vorgänger, des bereits 1908 verstorbenen William Harris Ashmead. Einer seiner heftigsten Angriffe gegen Fachkollegen betraf die Zeit in Washington und richtete sich 1929 gegen den zwanzig Jahre zuvor verstorbenen Ashmead:

mini|hochkant|Leland Ossian Howard (1857–1950) Während Girault niemals mit Ashmead Kontakt hatte, war ihm Leland Ossian Howard als direkter Vorgesetzter, Leiter des Bureau of Entomology und Vorsitzender der Entomological Society of Washington persönlich bekannt. Als einer der führenden Vertreter der wirtschaftlichen Nutzung der Entomologie und der biologischen Schädlingsbekämpfung verkörperte Howard das Gegenteil von Giraults Forscherideal. Entsprechend äußerte dieser sich 1917 in einer seiner ersten Veröffentlichungen im Selbstverlag:

Die Situation im National Museum of Natural History war für Girault unerträglich und Girault muss für alle seine Kollegen und Vorgesetzten, insbesondere Howard, unerträglich gewesen sein. Bereits Mitte 1916 fasste Girault den Entschluss, die Vereinigten Staaten zu verlassen. 1917 wurde das Arbeitsverhältnis beendet und Girault ging für immer nach Australien. Die Auseinandersetzungen in Washington, Giraults in der Zeit von 1914 bis 1917 entwickelter Antiamerikanismus und seine kritische Haltung gegenüber der Wirtschaft und verschiedenen Entwicklungen in Politik und Gesellschaft wirkten noch viele Jahre nach und wurden in seinen Pamphleten immer wieder aufgegriffen. Girault ging 1914 als ein umgänglicher junger Wissenschaftler voller Optimismus in die USA und kehrte drei Jahre später als verbitterter und streitsüchtiger Mann zurück.

Meringa Sugar Experiment Station, Gordonvale (1917 bis 1919) mini|Meringa Sugar Experiment Station, Gordonvale, Queensland, um 1935