mini|Staaten Südasiens Das Frauenwahlrecht in Südasien, also in den Staaten Afghanistan, Bangladesch, Bhutan, Indien, den Malediven, Nepal, Pakistan und Sri Lanka, weist keine einheitliche Entwicklung auf. Die verschiedenen Religionen, der Umgang mit der kolonialen Vergangenheit sowie unterschiedliche Epochen politischer Wirren und kriegerischer Auseinandersetzung beeinflussten die Entwicklung. Häufig wurde das Frauenwahlrecht bei seiner Einführung an Bedingungen wie das Beherrschen von Lesen und Schreiben oder ein bestimmtes Vermögen geknüpft, sodass Frauen zwar wählen durften, aber nicht unter denselben Bedingungen wie Männer. Sri Lanka war eines der ersten Länder in Asien und Afrika, in denen das Frauenwahlrecht erreicht wurde.

Untersuchung möglicher Einflussfaktoren auf die politische Repräsentation von Frauen Religion In den ehemaligen Kolonien mit zahlreicher islamischer Bevölkerung, etwa Pakistan, gab es eine Tendenz, die Frauenemanzipation mit dem Westen und damit den Kolonialherren in Verbindung zu bringen. Hieraus erwuchs in der Phase der Entkolonialisierung die Bestrebung, die Frauenemanzipation abzulehnen, um ihre nationale Identität zur Geltung bringen zu können.

Sri Lanka hatte einen ähnlichen Hintergrund wie Indien, unterlag aber erheblichem buddhistischen Einfluss. Der Buddhismus gesteht Frauen einen hohen Stellenwert zu. Dies führte zu einer umfangreicheren Alphabetisierung von Frauen als in Staaten mit anderen Religionen, was Grundlage für ein stärkeres Selbstbewusstsein der Frauen war und sich auf die Entwicklung des Frauenwahlrechts positiv auswirkte.

Verdienste der Frauen im Kampf um die Unabhängigkeit Wie in Finnland so ist auch in Indien das Erlangen des Frauenwahlrechts in Verbindung mit dem Einsatz der Frauen im Kampf um Unabhängigkeit zu sehen.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 350. Vor der Unabhängigkeit hatten Frauen nur ein beschränktes Wahlrecht erreichen können.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 349.

Nationalistisches Gedankengut aus anderen Staaten Der Einfluss des nationalistischen Gedankenguts Indiens auf die Nachbarstaaten führte dazu, dass in einigen Staaten, etwa Sri Lanka, Frauen das Wahlrecht sogar noch früher erlangten als in Indien.

Vorreiterrolle abgelegener Gebiete Auf subkontinentaler Ebene bestätigt sich am Beispiel von Sri Lanka und anderen Nachbarstaaten Indiens, dass das Frauenwahlrecht in abgelegeneren Gebieten, die politisch nicht im Zentrum standen, früher erlangt wurde als dort, wo es ein hoch entwickelte politische Kultur gab.

Männerwahlrecht 1912 erhielten in Sri Lanka Männer aus der Mittelschicht das Wahlrecht, und dies ermutigte wie in Europa Frauen, für ihresgleichen ein Wahlrecht zu gleichen Bedingungen wie das der Männer zu fordern.

Krieg und neue Verfassungen Krieg und die anschließende Ausarbeitung neuer Verfassungen brachte häufig die Einführung des Frauenwahlrechts mit sich, und zwar unabhängig von der neuen Ausrichtung des Staates: In Indien war es eine liberale Demokratie, während in Burma Gewalt und politische Wirren herrschten.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 372.

Einzelne Staaten Afghanistan miniatur|Meena Keshwar Kamal (1956–1987), afghanische Frauenrechtlerin Unter Amanullah Khan gab es 1923 den Vorschlag einer neuen Verfassung, die Wahlrechte für Frauen enthielt. Die Reformvorschläge wie die Abschaffung der Verschleierung und die Verbesserung der Bildungsmöglichkeiten für Frauen stießen auf den Widerstand der Stammesfürsten, deren Macht auf strenger Kontrolle beruhte.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 416. Diese setzten Amanullah Khan 1929 ab und machten die Reformen rückgängig: Nader Shah und Zaher Shah strichen die frauenfreundlichen Maßnahmen, Mädchenschulen wurden geschlossen, der Schleier wurde Pflicht und Frauen durften nicht wählen.Kumari Jayawardena: Feminism and nationalism in the Third World. Zed Books London, 5. Auflage 1994, S. 71–72.

In der Verfassung von 1963, die eine konstitutionelle Monarchie vorsah und 1964 in Kraft trat, erhielten Frauen das aktive und passive Wahlrecht und übten es 1965 erstmals aus. Doch es war auf Frauen beschränkt, die lesen und schreiben konnten; diese Beschränkung wurde später aufgehoben. Die erste Wahl einer Frau in das Nationale Parlament Afghanistans fand im Juli 1965 statt.Mart Martin: The Almanac of Women and Minorities in World Politics. Westview Press Boulder, Colorado, 2000, S. 2.

Nach dieser Wahl kamen instabile Zeiten für die Demokratie und 1973 wurde der König abgesetzt und mit Hilfe der Sowjets, die in Afghanistan eigene Interessen verfolgten, eine Republik ausgerufen, politische Parteien gab es nicht. Doch die Zukunft des Landes wurde öffentlich diskutiert und Feministinnen wie Meena Keshwar Kamalkonnten sich organisieren. Nach dem Rückzug der Sowjets 1989 war das Land den Chefs militärischer Banden überlassen, bis 1996 die Taliban siegten.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 419. In diesen turbulenten Zeiten herrschte die Meinung vor, die traditionellen afghanischen Werte müssten hochgehalten, westliche Mächte zurückgedrängt und das Frauenwahlrecht als Attribut des westlichen Demokratiegedankens abgelehnt werden. Unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen konnte im Dezember 2001 das Gipfeltreffen der afghanischen Frauen für Demokratie, bei dem gleiche Rechte für die Geschlechter inklusive des Wahlrechts gefordert wurden, stattfinden. Bildung galt als Schlüssel für die Gleichberechtigung: Nach dem Sturz der Talibanregierung 2001 wurden die Mädchenschulen wieder eingeführt, doch wurden diese von den Fundamentalisten bekämpft, sodass es Ende 2006 ganze Provinzen ohne Mädchenschulen gab. Die Revolutionäre Vereinigung der Frauen Afghanistans RAWA setzte ihren Kampf für eine säkulare Regierung fort. Es wurden große Anstrengungen unternommen, um Frauen für die 2004 stattfindenden Präsidentenwahlen zu registrieren; mehr als vier Millionen Frauen trugen sich ein und stellten damit 41 Prozent der 10,5 Millionen Registrierten.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 420. Als Zeichen der Bereitschaft zu einer öffentlichen Bekundung für die Gleichstellung von Frauen wurden bei den Parlamentswahlen 2005 für Frauen 25 % der Sitze reserviert.

Bangladesch mini|hochkant|Frauen in Bangladesch stehen Schlange für die Stimmabgabe, 2004 1937 trat der Government of India Act, der 1935 verabschiedet worden war, in Kraft, der das Stimmrecht für alphabetisierte Frauen, die ein Einkommen hatten und Steuern zahlten, enthielt. Als Pakistan 1947 ein unabhängiges Herrschaftsgebiet geworden war, wurde dieses Recht bestätigt und auch auf Bangladesch, damals Ostpakistan, angewendet. 1956, als Bangladesch noch Teil von Pakistan war, erhielten Frauen das allgemeine Wahlrecht.

1971 wurde Bangladesch als Folge der Abtrennung von Ostpakistan von Pakistan unabhängig. Am 4. November 1972 wurde eine neue Verfassung beschlossen und im Dezember 1972 in Kraft gesetzt, die ein allgemeines Wahlrecht für alle Bürgerinnen und Bürger ab 18 Jahre garantierte.June Hannam, Mitzi Auchterlonie, Katherine Holden: International Encyclopedia of Women’s Suffrage. ABC-Clio, Santa Barbara, Denver, Oxford 2000, ISBN 1-57607-064-6, S. 222.Mart Martin: The Almanac of Women and Minorities in World Politics. Westview Press Boulder, Colorado, 2000, S. 28.

Im nationalen Parlament werden 300 Sitze durch Wahl vergeben, 50 weitere (vor dem Fifteenth Amendment Act, der am 30. Juni 2011 vom Parlament verabschiedet wurde, waren es nur 45) sind für Frauen reserviert. Sie werden den Parteien entsprechend dem erlangten Stimmenanteil in den Wahlen zugeteilt, die von ihnen ausgewählten Kandidatinnen werden vom Parlament bestätigt (Stand 2016).

Erste Wahl einer Frau ins nationale Parlament: März 1973.Mart Martin: The Almanac of Women and Minorities in World Politics. Westview Press Boulder, Colorado, 2000, S. 29.

Bhutan 1953 erhielten Frauen ein eingeschränktes Wahlrecht auf nationaler Ebene: Es gab nur eine Stimme pro Haushalt. Erst neue gesetzliche Regelungen (Royal Decree vom 30. Juni 2007, Election Act of the Kingdom of Bhutan 2008, Public Election Fund Act of the Kingdom of Bhutan 2008, eine neue Verfassung, die vom Parlament am 21. Juli 2008 angenommen wurde) garantierten ein allgemeines Wahlrecht. Auf lokaler Ebene ist nur eine Stimme pro Familie erlaubt (Stand 2007), was zur Folge hat, dass Frauen in der Praxis oft von der Wahl ausgeschlossen sind.Pamela Paxton, Melanie M. Hughes, Jennifer Green: The International Women|s Movement and Women’s Political Representation, 1893–2003. In: American Sociological Review, Band 71, 2006, S. 898–920, zitiert nach Pamela Paxton, Melanie M. Hughes: Women, Politics and Power. A Global Perspective. Pine Forge Press Los Angeles, London 2007, S. 62.

Passives Frauenwahlrecht: 1953Mart Martin: The Almanac of Women and Minorities in World Politics. Westview Press Boulder, Colorado, 2000, S. 40.

Erste Wahl einer Frau ins nationale Parlament: 1975

Indien Laut Berichten aus dem Jahr 1900 wurde die Beteiligung von Frauen an Lokalwahlen in Bombay mit einem Zusatz zum Bombay Municipal Act (1888) ermöglicht: Hausbesitzer durften dann unabhängig vom Geschlecht wählen.Gail Pearson: Tradition, law and the female suffrage movement in India. In: Louise Edwards, Mina Roces (Hrsg.): Women’s Suffrage in Asia. RoutledgeCurzon New York, 2004, S. 195–219, S. 199. Es gibt aber Hinweise darauf, dass einige Frauen bei den Stadtratswahlen von Bombay schon viele Jahre vorher mit abstimmten.

1918 unterstützte der Nationale Indische Kongress die Einführung des aktiven Frauenwahlrechts, und die Verfassungsreformen von 1919 ermöglichten es den gesetzgebenden Versammlungen in den Provinzen, über die Einführung selbst zu entscheiden.Kumari Jayawardena: Feminism and nationalism in the Third World. Zed Books London, 5. Auflage 1994, S. 99–100. Die Provinz Madras, in der die antibrahmanische Partei die Mehrheit hatte, war die erste, die Frauen 1921 das Stimmrecht gab; andere Provinzen folgten. Frauen, die das Wahlrecht auf Provinzebene besaßen, durften auch an den Wahlen zur Zentralen Gesetzgebenden Versammlung teilnehmen.Gail Pearson: Tradition, law and the female suffrage movement in India. In: Louise Edwards, Mina Roces (Hrsg.): Women’s Suffrage in Asia. RoutledgeCurzon New York, 2004, S. 195–219, S. 196.

1926 erhielten Frauen auch das passive Wahlrecht. 1926 wurde Sarojini Naidu die erste Kongresspräsidentin.

mini|Eleanor Rathbone als Rednerin (um 1910) Die britische Parlamentarierin Eleanor Rathbone setzte sich für das Frauenwahlrecht ein und gründete am 5. Mai 1933 das British Committee for Indian Women's Franchise, das elf Frauenorganisationen repräsentierte.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 348. Es diente als Plattform für die Politikerin, die für die indischen Frauen im Zugang zu Bildung und zum politischen Leben den Weg zu einer fortschreitenden Aufklärung sah. Sie drängte die indischen Frauen, ihre Forderung nach einem allgemeinen Wahlrecht aufzugeben, und setzte sich für ein beschränktes Frauenwahlrecht ein, das Lese- und Schreibkenntnisse verlangte und nicht einmal für alle Ehefrauen galt. Auch war sie dafür, bestimmte Parlamentssitze für Frauen zu reservieren.