Das Frauenwahlrecht in Nordafrika und im Nahen Osten steht im Zusammenhang mit der Geschichte des Kolonialismus. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren fast der ganze Nahe Osten, Nordafrika und die asiatischen Länder mit überwiegend islamischer Bevölkerung unter Kolonialherrschaft. Der Einsatz von Frauen für die Unabhängigkeit hatte jedoch nur in wenigen dieser Staaten, etwa Algerien, einen positiven Einfluss auf die Frauenemanzipation.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 399.

Die Kolonialherren hatten vor ihrem Abzug die Weichen für die Einführung des Frauenwahlrechts gestellt:Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 400. In gewissem Umfang zeigte dies in den ehemaligen französischen Kolonien Tunesien und Mauretanien und im französisch-spanischen Marokko eine entsprechende Wirkung. Im Sudan garantierten die Briten 1953 beim Übergang zur Selbstverwaltung den wenigen Frauen, die einen Sekundarschulabschluss hatten, das Wahlrecht. Doch anders als in den afrikanischen Gebieten südlich der Sahara kollidierten die Bestrebungen der abziehenden Kolonialmächte mit dem Verhältnis der Geschlechter in überwiegend islamischen Ländern.

Mit Ausnahme der Türkei, wo Frauen schon 1934 wählen konnten, vollzog sich die Einführung des Frauenwahlrechts in Ländern mit islamischer Mehrheit innerhalb von weniger als zwanzig Jahren. Auf Syrien folgten der Libanon, Ägypten, Pakistan, der Irak, Marokko und Tunesien in den 1950er Jahren und Mauretanien, Algerien, der Iran, Libyen, der Sudan in den frühen 1960ern.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 401.

Dann aber kam die Bewegung zu einem Ende: Die arabischen Staaten und die Golfstaaten standen der Beteiligung von Frauen am politischen Leben bis ins 21. Jahrhundert ablehnend gegenüber. Hier musste das Frauenwahlrecht entweder durch politischen Kampf errungen oder von den abziehenden Kolonialmächten garantiert werden oder aber es kam zum Stillstand, weil das Frauenwahlrecht als unislamisch generell abgelehnt wurde.

Untersuchung möglicher Einflussfaktoren auf die politische Repräsentation von Frauen Religion In den ehemaligen Kolonien mit zahlreicher islamischer Bevölkerung, etwa Pakistan, gab es eine Tendenz, die Frauenemanzipation mit dem Westen und damit den Kolonialherren in Verbindung zu bringen. Hieraus erwuchs in der Phase der Entkolonialisierung die Bestrebung, die Frauenemanzipation abzulehnen, um ihre nationale Identität zur Geltung bringen zu können.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 412. In Algerien wurden beispielsweise nach 1962 Frauen, die sich für ein Wahlrecht der Frauen für die Verschleierung aussprachen, als ausländische Agentinnen bestraft; ebenso erging es Frauen im Iran nach 1978.Maxine Molyneux. Women's Emancipation Under Socialism: A Model for the Third World? Brighton, Sussex, ID Publications 1981, S. 7. Zitiert nach: Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 412.

Islamische Feministen führen an, dass in ihren Gesellschaften ein männlicher Blick vorherrscht, der die weibliche Sexualität als gefährlich und überwachungsbedürfig ansieht. Auch sei der Islam von männlichen Rechtsgelehrten verfälscht worden, die frauenfeindliche Tendenzen in den Islam einbrachten, die sich beim Propheten Mohammed nicht fanden. Die Verwestlichung von Frauen solle nach Meinung konservativer Männer ebenso unterbunden werden wie andere westliche Einflüsse. Intellektuelle sahen dagegen eine Veränderung der Frauenrolle als wesentlich für den Weg in die Moderne an, der über technischen Fortschritt und die westlich geprägte monogame Familie führte.

Die Absage an politische Rechte für Frauen ist dem Islam nicht immanent, sondern eine soziale Konstruktion, um bestehende Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten. Christen in Europa und den USA benutzten im 19. Jahrhundert dieselben Argumente.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 427.

Westliche Orientierung In der Zeit nach dem Kalten Krieg, vor allem nach den Anschlägen vom 11. September 2001 war die Welt zwischen islamischen Extremisten und der liberalen kapitalistischen Welt geteilt.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 424. Einer der Hauptunterschiede war die Behandlung von Frauen. Länder, in denen Fundamentalisten Aufschwung hatten, waren oft durch einen fortgesetzten oder neu hinzugekommenen Verschleierungszwang für Frauen gekennzeichnet. Doch diese Trennlinie verlief nicht gerade: Iran und Irak, Gegner des Westens, hatten funktionierende politische Systeme, die Frauen beteiligten. Dagegen versagten Staaten, die dem Westen positiv gegenüberstanden wie Kuwait, Saud-Arabien oder die Golfstaaten Frauen ihren Platz in der Gesellschaft. Bis 2000 hatte von den Golfstaaten nur der Jemen das Frauenwahlrecht auf nationaler Ebene eingeführt. Bahrain, Kuwait, Oman, Katar, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate dagegen, die alle freundschaftliche Beziehungen zum Westen hegten, verweigerten die Frauen ihre Rechte.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 425. Innerhalb von fünf Jahren nach Beginn des Kriegs gegen den Terror hatten alle diese Staaten demokratische Maßnahmen ergriffen und alle außer Saudi-Arabien hatten das Frauenwahlrecht auf nationaler Ebene eingeführt, all dies trotz der konservativen oppositionellen Kräfte.

In modernen Staaten wie der Türkei, Ägypten und dem Iran sollten Frauen sich an die Frauen im Westen anpassen, um dem Staat internationale Anerkennung zu verschaffen. Das Frauenwahlrecht wurde aus symbolischen Gründen gewährt, nicht, um Frauen persönliche Freiheit zu geben; sie sollten das Recht haben, den Staat zu unterstützen.

Krieg gegen den Terror Anfang des 21. Jahrhunderts verlieh eine zweite Gruppe von Staaten mit islamischer Bevölkerungsmehrheit Frauen aufgrund von sozialen Veränderungen im Zusammenhang mit dem Krieg gegen den Terror das Wahlrecht.

Einzelne Staaten Algerien 1944 erhielten Christinnen und Jüdinnen mit französischer Staatsbürgerschaft (Européennes), die im zu Frankreich gehörenden Algerien lebten, das Wahlrecht; Muslimas waren ausgeschlossen.

Frankreich wollte Algerien nicht in die Unabhängigkeit entlassen, was zum Bürgerkrieg führte. Das Statut von 1947 schuf eine Versammlung für europäische Siedlerinnen und Siedler und verdienstvolle männliche Moslems und eine davon getrennte Versammlung für männliche Moslems. Angeblich sollten die Mitglieder 1948 gewählt werden, aber die Wahlen wurden von den Franzosen manipuliert. Ohnehin war vorgesehen, dass wichtige Gesetze von beiden Versammlungen gebilligt hätten werden müssen und die europäische Minderheit die Vorhaben hätte blockieren können. Das Statut von 1947 sah vor, dass Frauen erst später ein Wahlrecht erhalten sollten. Die französische Verwaltung war daran interessiert, die Weltöffentlichkeit glauben zu lassen, dass die Ablehnung des Frauenwahlrechts durch die männlichen Moslems zu dieser Regelung geführt hatte; doch durch die Einführung eines Frauenwahlrechts hätte sich die moslemische Wählerschaft zahlenmäßig verdoppelt und somit die Macht der Franzosen geschwächt.

Daher stellte die Verwaltung 1957 für die Beteiligung von Muslimas an Wahlen Ausschlusskriterien auf. Dazu gehörten Alphabetisierung, Alter, Personenstand oder die Behauptung, der Schleier würde zu Schwierigkeiten bei der Identifizierung in den Wahllokalen führen. Als Charles de Gaulle im Juni 1958 an die Macht kam, bekamen auch Muslimas durch die loi-cadre Defferre das Wahlrecht, doch war damals die Macht der Franzosen in Algerien schon deutlich im Schwinden begriffen. Einige Algerierinnen unterstützten die Franzosen, weil sie in ihnen die Garanten für mehr Gleichheit zwischen den Geschlechtern sahen.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 413. Doch viele waren auf der Seite der Rebellen und nutzten ihre Verschleierung zum Transport verbotener Güter während des bewaffneten Kampfes.

Nach der Unabhängigkeit wiesen algerische Nationalisten alles Französische zurück und strebten trotz der Verdienste der Frauen im Unabhängigkeitskampf wieder eine Unterordnung der Frauen an. Zwar erhielten Frauen im politischen Bereich und im Bildungswesen mehr Rechte, so am 5. Juli 1962 auch das Wahlrecht. Damit waren das aktive und passive Frauenwahlrecht für den neuen Staat Algerien am 5. Juli 1962 festgeschrieben worden.Mart Martin: The Almanac of Women and Minorities in World Politics. Westview Press Boulder, Colo5ado, 2000, S. 5. Im September 1964 saß erstmals eine gewählte Frau im nationalen Parlament.Mart Martin: The Almanac of Women and Minorities in World Politics. Westview Press Boulder, Colorado, 2000, S. 6.

Doch die liberalen Gesetzentwürfe von 1966 zum Familien- und Personenstandsrecht wurden nicht umgesetzt. Nach 1962 wurden Frauen, die sich für ein Wahlrecht der Frauen für die Verschleierung aussprachen, als ausländische Agentinnen bestraft.

Ägypten miniatur|Die ägyptische Frauenrechtlerin Hudā Schaʿrāwī (* 1879; † 1947) 1922 hoben die Briten ihr Protektorat mit einer formalen Anerkennung der Unabhängigkeit Ägyptens auf.Nadje S. Al-Ali: The Women's Movement in Egypt, with Selected References to Turkey. Genf, United Nations Research Institute for Social Development 2002, S. 22, zitiert nach: Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 407. Die Artikel 74 und 82 der Verfassung vom März 1923 garantierten das allgemeine Wahlrecht. Im Wahlgesetz aus demselben Jahr wurden aber Frauen ausgeschlossen.Margot Badran: Feminists, Islam andNation: Gender and the Making of Modern Egypt. Princeton, Princeton University Press 1994, S. 207, zitiert nach: Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 407. Die Feministin Hudā Schaʿrāwī gründete daraufhin zusammen mit anderen Frauen aus der Oberschicht die Ägyptische Feministische Union (EFU) und wurde ihre Vorsitzende. Die Union setzte sich für politische Rechte für Frauen, für gleiche Rechte der Geschlechter bei der Bildung in den Sekundarschulen und an den Universitäten, für eine Ausweitung der qualifizierten Arbeitsmöglichkeiten für Frauen und eine Kontrolle der Ehegesetze, die die Vielehe und Scheidung betrafen, ein.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 408. Zwischen 1926 und 1934 verfolgte die Union ihr Anliegen in Bezug auf das Frauenwahlrecht nicht weiter, sondern konzentrierte sich auf die Bereiche Bildung und rechtliche Verbesserungen.

1935 erhielten die Ägypterinnen das kommunale Wahlrecht.

Nach der Revolution Gamal Abdel Nassers von 1952 stellte dieser zunächst ein Gremium für die Ausarbeitung einer Verfassung zusammen, in dem keine Frauen saßen.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 409. Erst nach einem Hungerstreik einer Gruppe von Frauen um die Frauenrechtlerin Durrīya Schafīq sagte Nasser zu, deren Forderungen nach Frauenrechten zu berücksichtigen.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 410.