Sorry We Missed You (entspricht etwa der Mitteilung „Wir haben Sie leider nicht angetroffen“) ist ein Filmdrama von Ken Loach, das am 16. Mai 2019 im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele von Cannes seine Premiere feierte und hier im Wettbewerb um die Goldene Palme konkurrierte. Ende Januar 2020 kam der Film in die deutschen Kinos.

Handlung mini|hochkant=1.15|Die Dreharbeiten fanden in Byker in Newcastle upon Tyne statt, unter anderem in der Shields Road Der verschuldete Ricky Turner fängt bei einem Paketdienst eine Tätigkeit als scheinselbständiger Zusteller an und glaubt, dadurch werde er mehr Zeit für seine Familie haben – seine Frau Abby, den etwa 15-jährigen Sebastian (Seb) und die 11-jährige Liza Jane. Seinen Kleintransporter muss er allerdings selbst aufbringen; für die Anzahlung wird Abbys Kleinwagen verkauft, so dass diese ihren Job im häuslichen Pflegedienst nun zeitraubend per Bus verrichten muss. Ricky ist nun sechs Tage die Woche und 14 Stunden pro Tag unterwegs. Für Fehlzeiten müsste er einen Ersatzfahrer stellen oder eine saftige Geldstrafe in Kauf nehmen. Das Familienleben kommt zum Erliegen, beide Eltern kommen erst spät nach Hause und kommunizieren mit den Kindern nur noch telefonisch.

Liza Jane packt die veränderte Situation zunächst selbstbewusst und optimistisch an, aber Seb steckt selbst in einer Krise, er lässt die Schule schleifen und geht mit Freunden Graffiti sprühen. Ricky findet in seinem Arbeitsdruck niemals Zeit, sich an kritischen Punkten um ihn zu kümmern. Als Seb schließlich wegen eines Ladendiebstahls festgenommen wird, verliert Ricky die Beherrschung, Seb verlässt zornig das Haus. Am nächsten Morgen ist der Schlüssel des Transporters nicht auffindbar. Als Seb schließlich nach Hause kommt, schlägt Ricky ihn in einer heftigen Auseinandersetzung ins Gesicht und wird von Abby hinausgeworfen. Später gesteht Liza Jane, den Schlüssel versteckt zu haben, damit sie endlich wieder eine Familie sind.

Kurz darauf wird Ricky auf seiner Pakettour von mehreren Männern zusammengeschlagen und ausgeraubt. Während der Wartezeit in der Notaufnahme erfährt er telefonisch, dass die Waren zwar größtenteils versichert sind, aber zwei gestohlene Pässe sowie den vom Paketdienst gestellten und beim Überfall zerstörten Scanner müsse er selbst zahlen. Darauf rastet Abby am Telefon aus und beschimpft Rickys Chef. Zu Hause bietet Seb, offenbar zu einer Einsicht gekommen, Ricky seine Unterstützung an.

Am folgenden Tag bricht Ricky in seinem schwer verletzten Zustand zur Arbeit auf, obwohl seine ganze Familie ihn davon abzubringen versucht. Der Film endet offen während seiner Anfahrt.

Produktion Stab, Idee und Filmtitel

Regie führte Ken Loach, das Drehbuch stammt von Paul Laverty. Gegenüber dem Filmdienst erklärte Loach, die Art und Weise, wie sich die Arbeit verändert hat, sei ungerecht. Früher hätten die Menschen einen Job gehabt, der sicher war, mit Kündigungsschutz und Gehältern, die ausreichten, um eine Familie zu ernähren. Das habe sich jedoch entscheidend verändert: „Arbeit ist prekär geworden. Es gibt keine Garantie mehr, ob man morgen noch einen Job hat oder nicht. Die Gehälter sind gesunken, und man weiß nicht mehr, ob man in der nächsten Woche noch dasselbe verdient.“ Es gehe in seinem Film um eine Familie, die in Not gerät, die sich aber wehrt und ihr Bestes tut. Doch am Ende sei der Vater ein Gefangener in seinem eigenen Lastwagen. Sie hätten eine Geschichte erzählen wollen, die vielen Menschen zustößt und keine extreme Geschichte, so Loach, denn was sie beschreiben, passiere Millionen von Familien: „In Großbritannien leben 14 Millionen Menschen in Armut, darunter vier Millionen Kinder. 1,5 Millionen Menschen sind völlig mittellos, sie haben nicht die Möglichkeit, sich Lebensmittel oder ein Dach über dem Kopf zu leisten.“ Der Filmtitel (dt.: „Wir haben Sie leider nicht angetroffen“) bezieht sich auf die Benachrichtigungskarte, die der Paketbote nach einem nicht erfolgreichen Zustellversuch beim Kunden einwirft.

Besetzung und Dreharbeiten Die Hauptrolle von Ricky Turner wurde mit Kris Hitchen besetzt, die seiner Frau Abby mit Debbie Honeywood. Rhys Stone spielt ihren Sohn Seb, Katie Proctor ihre Tochter Liza Jane. Hitchen war zwar zuvor bereits als Schauspieler tätig, hatte aber vor allem als Klempner gearbeitet, und er habe einen Lieferwagen besessen, so der Regisseur. Honeywood arbeitet als Assistenzlehrerin mit Kindern, die Lernschwierigkeiten haben und hatte nur wenig Schauspielerfahrung. Die beiden Kinder kommen aus Schulen vor Ort. Die deutsche Synchronisation entstand nach der Dialogregie von Horst Geisler im Auftrag der TaunusFilm Synchron GmbH, Berlin. Florian Clyde leiht in der deutschen Fassung Ricky Turner seine Stimme.

Die Dreharbeiten fanden in Byker in Newcastle upon Tyne, hier unter anderem in der Shields RoadKillian Fox: Interview: Dave Johns: 'I was about to pack it in when Ken Loach got in touch'. In: The Guardian, 13. August 2017., und auf dem Gelände von Team Valley in Gateshead im Nordosten von England statt.Barbara Hodgson: See Ken Loach back in action in Newcastle with new film after success of I, Daniel Blake. In: chroniclelive.co.uk, 7. Januar 2019. In Byker hatte Loach bereits Ich, Daniel Blake gedreht, ein Stadtteil, aus dem auch Dave Johns stammt, der Hauptdarsteller des FilmsKen Loach im Interview: Fruchtbar. In: der Freitag, 24. November 2016., in dem es ebenfalls um Armutsbekämpfung, den Überlebenskampf und grundlegende Menschenrechte ging. Es schien Loach eine gute Idee zu sein, ähnliche Handlungsorte zu verwenden, mit Menschen vor dem gleichen kulturellen Hintergrund. Tim Lindemann von epd Film bemerkt, Loach, der zum Ende der 1980er Jahre den realistischen Stil der britischen New Wave zurück in die Kinos brachte, erzähle seit gut 50 Jahren brillant von der Härte des Lebens am unteren Ende des sozialen Spektrums, wie zuletzt im Drama Ich, Daniel Blake, die er als eine authentische Repräsentation prekärer Lebensumstände beschreibt.Tim Lindemann: Tristes Leben, starkes Kino: Der neue britische Sozialrealismus. In: epd Film, 23. April 2019. Über den Drehort Newcastle sagte der Regisseur: „Die Geschichte könnte überall spielen, aber Newcastle ist gut, weil dort die alten Industrien wie Kohle, Stahl und Schiffbau verschwunden sind. Es gibt eine lange Tradition von Arbeitskämpfen, der Dialekt ist sehr stark, die Sprache ist komisch, sie haben eine Fußballmannschaft, Newcastle United, die jeder unterstützt.“

Filmmusik und Veröffentlichung Die Filmmusik wurde von George Fenton komponiert, mit dem Loach bereits bei mehreren seiner Filme zusammengearbeitet hatte, zuletzt bei Angels’ Share – Ein Schluck für die Engel und Ich, Daniel Blake.https://filmmusicreporter.com/2019/04/17/george-fenton-scoring-ken-loachs-sorry-we-missed-you/

Der Film feierte am 16. Mai 2019 im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele von Cannes seine Premiere, wo er im Wettbewerb um die Goldene Palme konkurrierte. Im August 2019 wurde er beim Melbourne International Film Festival vorgestellt.. In: miff.com. Abgerufen am 9. Juli 2019. Im September 2019 wurde der Film beim Toronto International Film Festival im Rahmen der Sektion Masters gezeigt und im gleichen Monat im Rahmen der Filmkunstmesse Leipzig vorgestellt.Marc Mensch: Viel Neues auf der Filmkunstmesse. In: Blickpunkt:Film, 20. August 2019. Ende September, Anfang Oktober 2019 wurde der Film beim Filmfest Hamburg vorgestellt. In: filmfesthamburg.de, 30. Juli 2019. Ein Kinostart in Frankreich ist am 23. Oktober 2019 geplant, in den Niederlanden am 14. November 2019 und in Deutschland am 30. Januar 2020.Starttermine Deutschland. In: insidekino.com. Abgerufen am 28. September 2019. Im Vereinigten Königreich wird der Film von Entertainment One vertrieben.Robert Mitchell: New Ken Loach Film, ‘Sorry We Missed You,’ Picked Up by eOne for U.K. In: Variety, 11. September 2018.

Rezeption Kritiken Der Film stieß bislang auf die Zustimmung von 88 Prozent aller Kritiker bei Rotten Tomatoes und erreichte hierbei eine durchschnittliche Bewertung von 7,8 der möglichen 10 Punkte. Bei Metacritic erhielt der Film einen Metascore von 82 von 100 möglichen Punkten.Sorry We Missed You . In: Metacritic. Abgerufen am 16. April 2025. In der bei Screen veröffentlichten Kritikerumfrage zu den Festivalbeiträgen in Cannes erhielt er 2,5 von 4 möglichen Punkten.Ben Dalton: Screen reveals Cannes 2019 jury grid critics. In: screendaily.com. Abgerufen am 25. Mai 2019. mini|hochkant=0.75|Ken Loach bei der Premiere des Films im Mai 2019 in Cannes Andreas Busche vom Tagesspiegel schreibt, Ken Loachs Film über den Überlebenskampf einer Familie aus der unteren Mittelschicht gehöre zu seinen schönsten Arbeiten der letzten Zeit: „Unaufgeregt und frei von Klassenpathos erzählt Loach mit poröser Menschlichkeit, die sich allein dank emphatischer Alltagsbeobachtungen einstellt. Es gibt keine Krisen zu bewältigen, der Alltag selbst ist eine einzige Krisensituation. Das Geld reicht in dem Doppelverdienerhaushalt kaum aus, um über die Runden zu kommen.“Andreas Busche: Neue Superhelden in Cannes. In: Der Tagesspiegel, 17. Mai 2019.

In einem Beitrag des mdr kultur Filmmagazins vom 1. Februar 2020 heißt es, Loach, der für eindringliche Sozialdramen steht, in denen seine Mittelschichtprotagonisten immer hilf- und machtlos dem übermächtigen System ausgeliefert sind, zeige mit dem Film, „dass er seinen scharfen Blick auf gesellschaftliche Deformationen nicht verloren hat.“Titus Richter und Hans Henrick Wöhler, mdr kultur Filmmagazin, Sendung vom 1. Februar 2020.

Michael Meyns von der Gilde deutscher Filmkunsttheater schreibt, Loach stelle seinen Figuren, wie im Buch Hiob, ein Hindernis nach dem anderen in den Weg und sei gerade dadurch so hart, gesellschaftskritisch und vor allem realistisch wie nie zuvor: „Mit größter Genauigkeit beschreibt Loach die Strukturen der modernen Gig Economy, bei der Arbeitnehmern die Vorzüge der Selbstständigkeit vorgegaukelt werden, die jedoch in Wirklichkeit zu einer Reduzierung von Sozialstandards und Arbeiterrechten führt.“ Im neoliberalen Streben nach ständiger Optimierung und Einsparung, würden im Film alle Mittel angewandt, um Arbeitnehmer zu benachteiligen, so die mobile Krankenschwester Abby, die etwa nicht nach Stunden bezahlt werde, sondern pro Patienten, so Meyns. Er lasse die Familie immer weiter in die Krise schlittern, Rickys Jähzorn werde immer stärker, die Arbeitszeiten der Eltern immer länger, so dass zudem die beiden Kinder immer mehr vernachlässigt werden. Schuld an dem Übel sei jedoch niemand Bestimmtes, selbst Rickys Chef beim Paketdienst sei nur Teil eines Systems, das im Streben nach Gewinnmaximierung längst die Menschlichkeit verloren hat. Auch wenn der Schauplatz von Sorry We Missed You England sein mag, könne man die Strukturen in ganz Europa finden, in allen Ländern, in denen Sozialsysteme zunehmend schwächer werden und Profitdenken längst alles überstrahlender Raison d’être geworden ist, so Meyns.https://www.programmkino.de/content/Filmkritiken/sorry-we-missed-you/

Einsatz im Unterricht Das Onlineportal kinofenster.de bestimmte Sorry We Missed You zum Film des Monats Februar 2020, empfiehlt den Film für die Unterrichtsfächer Sozialkunde, Wirtschaft, Politik, Ethik und Religion und liefert dazu Material ab der 8. Klasse. Dort schreibt der Filmjournalist und Filmpädagoge Holger Twele, ohne Melodramatik, aber mit viel Mitgefühl erzähle Loach eine universelle Geschichte über Leistungsdruck und Ausbeutung, Pflegenotstand und Nächstenliebe, Menschlichkeit und Menschenwürde.https://www.kinofenster.de/filme/aktueller-film-des-monats/kf2002-sorry-we-missed-you-film/

Auszeichnungen Der Film befindet sich in einer Vorauswahl für den Europäischen Filmpreis 2019.Jochen Müller: Lola-Abräumer in Vorauswahl für Europäischen Filmpreis. In: Blickpunkt:Film, 20. August 2019. In: europeanfilmawards.eu. Abgerufen am 20. August 2019. Im Folgenden weitere Nominierungen.