mini|Einband R 26 mit Namensnennung, Thurgauische Kantonsbibliothek Johannes Richenbach († 1486) war ein deutscher Geistlicher und Buchbinder in Geislingen an der Steige. Er gilt als einer der bedeutendsten Buchbinder des 15. Jahrhunderts. In den 1480er Jahren wurde er in seiner Werkstatt von seinem Bruder Bernhardin unterstützt. Richenbach band vor allem für Geistliche aus der Umgebung von Geislingen und Ulm sowie für solche in Schwäbisch Gmünd. Die datierten Einbände stammen aus dem Zeitraum 1467 bis 1484.

Nach Konrad Forster in Nürnberg war Richenbach der zweite Buchbinder, der für seine Einbände Schriftaufdruck wählte. Auf den Vorderdeckel prägte er üblicherweise Verfasser und/oder Titel des Werks, in einigen Fällen auch den Namen des Besitzers. Den Rückdeckel versah er meist mit einer selbstbewussten Signatur per me richenbach oder ähnlich. Richenbach verfügte über etwa 50 Einzelstempel, deren anderweitige Nachweise auf den Ulmer Raum verweisen. Daneben besaß er sieben Rollen. Vermutlich war er der erste Buchbinder, der Rollenstempel einsetzte.Amelung 2003, S. 303. Auf eine ästhetische Wirkung zielte die ungewöhnliche Verwendung von roter und grüner Bemalung der Schrift.

Leben Aus Eintragungen der Investiturprotokolle des Bistums KonstanzWortlaut bei Rest, S. 48. geht hervor, dass Johannes Richenbach am 22. September 1463 die Kaplaneipfründe auf dem Allerheiligenaltar der Geislinger Pfarrkirche erhielt. Im Sommer 1486 muss er gestorben sein, da aufgrund des Todes Richenbachs ein Nachfolger am 6. September 1486 bestellt wurde.

Bernhardin, in dem man den jüngeren Bruder von Johannes erkennen will, signierte ebenfalls einige Einbände. Auf dem Einband der Eichstätter Handschrift st 193 heißt es: per me bernhardinum richenbach illigatum in gyslingen. Bernhardin studierte 1489 in Tübingen und arbeitete wohl frühestens 1480 mit seinem Bruder zusammen. Seine Einbände sind deutlich weniger qualitätvoll. Nach dem Tod von Johannes scheint er das Buchbinden aufgegeben zu haben. Er war ab 1480 ebenfalls Kaplan in Geislingen, von wo er 1492 als Pfarrer nach Unterböhringen ging, wo er noch 1507 bezeugt ist.Kyriss 1944/48, S. 273 f.

mini|Signierter Einband des Bernhardin Richenbach R 52

Beide dürften das Buchbinden betrieben haben, um ihre bescheidenen Pfründen finanziell aufzubessern.

Verzeichnis der Einbände nach Scott Husby 2011 2011 verband Scott Husby die Mitteilung eines Richenbach-Funds in der Huntington-Library mit der Veröffentlichung einer auf Vollständigkeit abzielenden Liste aller bekannten Einbände: (R1) bis (R56). Es handelt sich um die zweite Zählung der Einbände. Die erste Zählung geht auf Franz Falk zurück, der die ersten vier Bände zusammenstellte, ohne auch nur einen einzigen selbst gesehen zu haben.In der Gutenberg-Festschrift 1900 (Internet Archive). 1910 setzten Seymour de Ricci und der einen Nachtrag (Nr. 10) liefernde Paul Schwenke die Zählung fort. Otto Glauning stellte 1927 23 Nummern (unter Übernahme der Zählung von De Ricci) zusammen. Die von Falk begründete Durchnummerierung endete mit dem Aufsatz von Ernst Kyriss 1944. Die Nummern 24 bis 39 werden im Folgenden in Klammern den Literaturangaben hinzugesetzt.

Unter „Literatur“ werden nur die von Husby angegebenen ersten Nennungen/Beschreibungen in der Literatur, in der Richenbach-Spezialliteratur (von De Ricci, Glauning, Kyriss und Pingree) und in den wichtigsten Inkunabeldatenbanken (Bod-Inc, BSB-Ink, INKA) verzeichnet. Weitere Literatur zu den einzelnen Exemplaren ist, soweit bekannt, in den Anmerkungen zu finden.

Abbildungen werden nur nachgewiesen, wenn sie online sind.

Einbände von Handschriften (R1) Sammelhandschrift: Pseudo-Bonaventura: Speculum BMV und anderes, Papierhandschrift mit Datierungen 1456–1466 und Schreibervermerk (Bl. 160r: per me Bartholomaeum plebanum pro tunc in Welzheim 1466).Beschreibung. New York, Morgan Library & Museum, MS M. 629 Abbildungen: Morgan Library. Gebunden für: Bartholomäus Scherrenbach (Einband: d(omi)no bartholomeo scherenbach), Pfarrer in Welzheim, später Kaplan in Schwäbisch Gmünd Provenienzen: S. Leigh Sothebyhttps://data.cerl.org/owners/00014376.; George B. Blomfieldhttps://library.leeds.ac.uk/special-collections/collection/1606.; Guy Feilden (Verkauf Sotheby’s London 10. November 1906, Nr. 165). Von der Firma Bernard Quaritch 1907 von J. Pierpont Morgan erworben. Literatur: De Ricci; Glauning, Nr. 7; Kyriss 1951; Pingree 1977.

(R2) Vergil: Opera, Papierhandschrift 15. JahrhundertHandschriftenkatalog. British Library London, Add. MS 11958 Gebunden für: Magister Bartholomäus Stolcz von Schwäbisch Gmünd (Einband: pro m(a)g(ist)ro bartolome° stolcz de gmund).Wortlaut nach Weale/Taylor, S. 31 Nr. 77. Zur Person: https://oberdeutsche-personendatenbank.digitale-sammlungen.de/Datenbank/Stolz,_Bartholom%C3%A4us_(Schw%C3%A4bisch_Gm%C3%BCnd). Provenienzen: Samuel ButlerKatalog der Auktion 1840: Bibliotheca Butleriana, Nr. 519 Google Books. Literatur: Weale, Nr. 615; Weale/Taylor, Nr. 77; Glauning, Nr. 9; Kyriss 1951.

(R3) Jacobus de Voragine: Sermones dominicales, Papierhandschrift datiert 1459.Handschriftenkatalog von Karl Halm und anderen 1894. Bayerische Staatsbibliothek München, Clm 2784 Digitalisat: MDZ (Schwarz-weiß). Gebunden für: Johannes Naegelin (Einband: d(omi)no iohani na+egelin, kleines e am a),https://archivalia.hypotheses.org/7541 datiert 1469. Provenienz: Zisterzienserkloster Aldersbach (aufgehoben 1803) Literatur: Paul Schwenke (Nachtrag zu De Ricii); Glauning, Nr. 10; Kyriss 1951.

mini|Darstellung des Marcus Wolf (Eigner von R4) auf der Wolfstal-Tafel um 1500 (R4) Petrus Lombardus: Glossa in epistolas Pauli, Papierhandschrift 2. Hälfte 15. Jahrhundert (nicht nach 1471)Beschreibung: Manuscripta Mediaevalia (2019); Hedwig Röckelein/Alexandra Lahr: Sum ex Bibliotheca Gamundiana. Bücherschätze verlorener Gmünder Klosterbibliotheken. Schwäbisch Gmünd 1989, S. 20 Nr. 8. Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Cod. theol. et phil. fol. 154 Gebunden für: Marcus Wolf, Halbbruder von Georg Ruch (Einband: p(ro) m(a)g(ist)ro marco wolf)https://oberdeutsche-personendatenbank.digitale-sammlungen.de/Datenbank/Wolf,_Markus_(Schw%C3%A4bisch_Gm%C3%BCnd)., datiert 1471. Provenienzen: Augustinereremitenkloster Schwäbisch Gmünd (aufgehoben 1803) Literatur: Leuze; Glauning, Nr. 16; Kyriss 1951.

(R5) Expositio hymnorum et sequentiarium, Papierhandschrift, geschrieben 1473/75 im Ulmer RaumHandschriftenkatalog von Hermann Hauke und anderen 1984. Bayerische Staatsbibliothek München, Clm 28315 Digitalisat: MDZ (Schwarz-weiß). Gebunden für: einen Lehrer, der 1473 in Ulm (eram pedagogus Vlme), später in Geislingen wirkteMitteilung von lateinischen Einträgen des Besitzers über den Empfang Kaiser Friedrichs III. in Ulm 1473 und des päpstlichen Legaten in Geislingen 1474 durch Joseph Schlecht in: Jahrbuch des Historischen Vereins Dillingen 9 (1896), S. 246–250 UB Augsburg. Provenienz: Kreis- und Studienbibliothek Dillingen, Cod. XV 69 (1915 an München ausgeliefert) Literatur: Glauning, Nr. 17; Kyriss 1951.

(R6) Biblia Latina, Handschrift auf Pergament, 15. Jahrhundert (oder früher?).Topographie der historischen und Kunst-Denkmale im politischen Bezirke Selcan. Prag 1899, S. 160 f. Internet Archive. Franziskanerkloster St. Maria Schnee Prag Provenienz: Graf Ferdinand Franz von Wrtbyhttps://stt.opac.nm.cz/authorities/44647. schenkt 1709 an Franziskanerkloster Wotitz (Votice).Besitzvermerk bei Rest, S. 53. Zum Exemplar: Matyáš Franciszek Bajger: Czech Franciscan Book Culture. Dissertation Ostrava, englische Fassung 2016, S. 482 (PDF), tschechische Fassung: http://bajger.wz.cz/frk/nota.html. Literature: Glauning, Nr. 21; Rest; Kyriss 1951; Hamanová; Kyriss 1966.

(R7) Johannes Nider: 'Die 24 goldenen Harfen', Papierhandschrift, geschrieben 1464 von Pfaff Otmar Roser von Wiesensteig, Frühmesser zu Reichenbach, für Agnes Gräfin von Helfenstein geborene von Weinsberg, Witwe von Graf Friedrich I. von Helfenstein.Handschriftencensus. Über Agnes: manfred-hiebl.de. Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Cod. Donaueschingen 243 Digitalisat: WLB Gebunden für: Agnes Gräfin von Helfenstein, 1470. Provenienz: Hofbibliothek Donaueschingen, Cod. 243. Literature: Glauning, Nr. 22; Rest; Kyriss 1951.

Einband eines Blockbuchs (R8) Apokalypse (Blockbuch) + Biblia pauperum (Blockbuch). John Rylands Library Manchester, Blockbook Collection 16119.1) Digitalisat: UB Manchester, UB Manchester Gebunden für: Ulrich Geislinger (Einband: Iste liber est fr(at)ris v+olrici gyslinger lectoris i(n) vlma mino(rum), kleines o schräg über dem v), Franziskaner in Ulm, datiert 1467.https://archivalia.hypotheses.org/99100. Provenienzen: Pariser Verkauf durch einen Horn aus Regensburg (?); Luigi Duca de Cassano Serrahttps://data.cerl.org/owners/2642.; George Spencer, 2. Earl Spencer; Enriqueta Rylands (ab 1892). Literatur: De Ricci; Glauning, Nr. 4; Kyriss 1951.

Einbände von Inkunabeln (R9) Augustinus: De civitate Dei. [Straßburg: Johann Mentelin, nicht nach 1468]. ISTC https://data.cerl.org/istc/ia01239000. Königliche Bibliothek Kopenhagen, Inc. Haun. 397 2º.Madsen Nr. 397. Abbildungen: KB Kopenhagen. Gebunden für: Georg Ruch, Priester in Schwäbisch Gmünd, datiert 1470.https://archivalia.hypotheses.org/2656. Provenienzen: Georg Kloss.Catalogue of the Library of Dr. Kloss. London 1835, S. 34 Nr. 460 Google Books. 1835 für die Bibliothek erworben. Literatur: De Ricci; Glauning, Nr. 2; Kyriss 1951.

(R10) Hieronymus: Epistolae. [Straßburg: Johann Mentelin, nicht nach 25. September 1469]. ISTC https://data.cerl.org/istc/ih00162000. Bibliothèque nationale de France Paris, Res. C. 431.1791 gab François Xavier Laire: Index librorum [...]. Bd. 1, Sens 1791, S. 42 (MDZ) in einer schematischen Darstellung des Einbands den Namen Richenbachs wieder. Abbildung: Gruel 1887 (Schwarz-weiß) Gebunden für: Magister Jacobus, Schulrektor in Schwäbisch Gmünd (Einband: m(a)g(ist)ro iacobo rectori scolarum in gmind), datiert 1469.Wortlaut nach Weale, S. 240 Nr. 612. Provenienzen: Étienne Charles de Loménie de Brienne. Seit 1792 in der Bibliothek. Literatur: Weale; De Ricci; Glauning, Nr. 1; Kyriss 1951.

(R11) Paulus de Sancta Maria: Scrutinium scripturarum. [Straßburg: Johann Mentelin, nicht nach Mai 1470]. ISTC https://data.cerl.org/istc/ip00201000. John Carter Brown Library Providence, 1-SIZE BA470.P 111s Digitalisat: John Carter Brown Library. Gebunden für: Bruder Sy[mon] Sella[rius] (Einband: pro f(atr)re sy sella p(ro)f(essus) i(n) adelberg), Professe des Prämonstratenserklosters Adelberg, datiert 1470.https://archivalia.hypotheses.org/2077. Provenienzen: Karmeliterkloster Heilbronn; Henry George Bohn Literatur: Rest (Nr. 24); Kyriss 1951; Pingree 1977.

mini|Zeichnung von R12 aus dem Jahr 1872 (R12) Augustinus: Confessiones. Straßburg: Johann Mentelin, nicht nach 1470. ISTC https://data.cerl.org/istc/ia01250000. Zuletzt Antiquariat Jörn Günther, davor Bibliothek Otto Schäfer Schweinfurt, OS 92.Arnim, S. 141–143 Nr. 25; https://kulturgut.hypotheses.org/files/2015/01/schaefer_liste.pdf. Gebunden für: Georg Ruch wie oben, datiert 1470. Provenienzen: Georg Kloss wie obenCatalogue 1835, S. 35 Nr. 468.; Herzöge von Arenberghttps://data.cerl.org/owners/00011218. Bezeugt für ca. 1900 und ca. 1933 für die Bibliothek in Brüssel durch Willem de Vreese: De handschriften van Jan Ruusbroec’s werken. Gent 1900, S. 87 Anm. 2 Internet Archive und Het Boek 21 (1933), S. 107. 1872 gehörte der Band einer belgischen Privatsammlung (eventuell Arenberg): Le bibliophile belge 7 (1872), S. 56 f. Google Books.; Gilhofer und Ranschburg Luzern 42 (1956), Nr. 60. 1957 für Otto Schäfer erworben. Literatur: De Ricci; Glauning, Nr. 3.

(R13) Servius Maurus, Honoratus: Commentarii in Vergilii opera. [Straßburg: Adolf Rusch, nicht nach 1471]. ISTC https://data.cerl.org/istc/is00480000. Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Inc. fol. 14703