mini|hochkant|Robert Lipsyte (* 1938), einer der Pioniere der modernen amerikanischen Jugendliteratur
Die amerikanische Jugendliteratur () umfasst alle literarischen Arbeiten, die für den Buchmarkt der Vereinigten Staaten geschrieben wurden und insbesondere jugendliche Leser zwischen 12 und 18 Jahren ansprechen sollen.
Obwohl Literaturformen, die speziell an Jugendliche adressiert waren, bereits vorher existierten, entstand die amerikanische Jugendliteratur in der charakteristischen Gestalt, die sie bis heute hat, im Kontext der soziokulturellen Umwälzungen der 1960er-Jahre mit drei Entwicklungsromanen, die in ihrem Realismus der Darstellung der Erfahrungswelt zeitgenössischer Jugendlicher radikal mit dem brachen, was junge Menschen bis dahin üblicherweise zu lesen bekommen hatten: The Outsiders von Susan E. Hinton, The Contender von Robert Lipsyte und The Pigman von Paul Zindel. Die für adoleszente Leser geschriebene Literatur zeigt Jugendliche von da an immer wieder ungeschönt in der ganzen Konflikthaftigkeit und inneren Widersprüchlichkeit, die für das Alter typisch ist. Oft stehen die Protagonisten vor ganz besonderen Herausforderungen, müssen Krankheiten, psychosoziale Probleme, schwierige Familienverhältnisse, soziale Ausgrenzung, Gewalterfahrungen oder andere Extremsituationen durchmachen, und zeigen gleichzeitig, dass man daran nicht in jedem Fall zerbricht, sondern auch resilient werden und reifen kann.
Der Begriff „Jugendliteratur“, Abgrenzung Eine autoritative Definition des Begriffes Young-Adult Literature hat 1980 der amerikanische Literaturwissenschaftler und zeitweilige Präsident des National Council of Teachers of English G. Robert Carlsen gegeben:
Die Jugendliteratur unterscheidet sich von der Erwachsenenliteratur darüber hinaus auch in ihrem Gebrauch der narrativen Mittel. Während die Erzähler in der letztgenannten häufig aus distanzierter oder gar allwissender Perspektive berichten, überwiegt in der Jugendliteratur heute ein sehr direktes Erzählen des in diesem Augenblick sich Ereignenden; oft ist dieses Erzählen jedoch lyrischer Art, nämlich weniger auf das äußere Geschehen selbst, sondern vielmehr darauf ausgerichtet, was der Erzähler angesichts des Geschehens fühlt und denkt.
Als Young-Adult Fiction oder Teen Fiction wird im Englischen diejenige Literatur bezeichnet, die für junge Leser zwischen 12 und 18 Jahren bestimmt ist. Sie wird im englischsprachigen Raum von der Middle-Grade Fiction unterschieden, deren Zielgruppe zwischen 9 und 14 Jahren alt ist. Hintergrund dieser Unterscheidung ist die horizontale Gliederung des amerikanischen Schulsystems in Middle School („middle grades“, für die 11- bis 13-Jährigen) und High School (für die 14- bis 18-Jährigen). Unter Autoren gilt heute die Faustregel, dass die Protagonisten von Young-Adult Fiction zwischen 15 und 19 Jahren alt sein sollten, während Literatur, deren Hauptfiguren jünger sind, tendenziell als Middle Grade Fiction einzustufen sei.
Ein ganz junges Segment auf dem amerikanischen Buchmarkt, das 2009 erstmals beschrieben wurde, ist die New Adult Fiction: Literatur für die 18- bis 30-Jährigen. Anders als bei der Young-Adult Fiction handelt es sich bei der New Adult Fiction meist um serielle Literatur, die hauptsächlich von Frauen für Frauen geschrieben wird. Einschlägige Autorinnen sind u. a. Jennifer L. Armentrout, Gemma Burgess, Cora Carmack, Katy Evans, Colleen Hoover, Elle Kennedy, Sarah J. Maas, Jamie McGuire, Jessica Sorensen und Tammara Webber.
Geschichte der amerikanischen Jugendliteratur Traditionsgenres mini|hochkant|Mark Twain (1884). Sein Titelheld Huckleberry Finn zählt zu den berühmtesten Teenagern der amerikanischen Literaturgeschichte. Die moderne amerikanische Jugendliteratur („Young-Adult Fiction“) erhielt ihre heutige, durch ihren Realismus und ihre „brisanten“ Themen geprägte Gestalt in den späten 1960er-Jahren. Literatur, die adoleszente Leser besonders ansprach oder sogar speziell an sie gerichtet war, existierte jedoch schon lange vorher. Zu den wichtigsten Genres zählte unter anderem Entwicklungsromane, Geschichtsromane, Action-orientierte Romane und Pferderomane.
Entwicklungsromane Literarische Werke, die den hier aufgeführten Definitionskriterien für Jugendliteratur entsprechen, entstanden als Entwicklungsromane in den Vereinigten Staaten bereits im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zu den berühmtesten Beispielen zählen Louisa May Alcotts Little Women (1868/1869), Mark Twains Adventures of Huckleberry Finn (1884/1885), Theodore Dreisers An American Tragedy (1925), Betty Smiths A Tree Grows in Brooklyn (1943), J. D. Salingers Erstlingsroman The Catcher in the Rye (1951) und Saul Bellows Die Abenteuer des Augie March (1953). Von den 1970er-Jahren an bildet dieses Genre mit seinem ausgeprägten Realismus und seinem häufigen Verzicht auf konventionelle Elemente wie z. B. ein vorhersehbares Happy End den Grundstock der Entwicklungsromane, die gezielt für adoleszente Leser geschrieben wurden.
Geschichtsromane Ein zweites traditionsreiches literarisches Genre, das schon früh genutzt wurde, um gezielt junge Leser anzusprechen, war der Geschichtsroman. Eine große Anzahl von Beispielen findet sich von 1922 an in den Bestenlisten der Association for Library Service to Children (ALSC), die in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens Anstrengungen, Geschichtswissen auf lebendige und unterhaltende Weise zu vermitteln, besonders gefördert hat. Geschichtsromane haben sich in der amerikanischen Jugendliteratur stets leicht behaupten können, und bis heute erreichen Spitzenautoren wie Karen Cushman, Karen Hesse, Laurie Halse Anderson, Ruta Sepetys und Gene Luen Yang ein weites Publikum.
Abenteuer-, Western-, Science-Fiction- und Kriminalromane Ebenso wie im deutschsprachigen Raum männliche Teenager lange Zeit Romane von Karl May verschlungen haben, waren auch bei jungen Amerikanern bis zur Entstehung der Young-Adult Fiction Romane beliebt, die starke Action-Elemente enthielten, wie die Tarzan- und die Barsoom-Reihe (beide ab 1912) von Edgar Rice Burroughs, Riders of the Purple Sage (1912) von Zane Grey, The Ox-Bow Incident (1940) von Walter Van Tilburg Clark und Shane (1949) von Jack Schaefer. Populäre Krimihelden waren Nick Carter, Diamond Dick, Frank Merriwell und Old King Brady. Ein großer Teil dieser Literatur war serieller Natur und erschien in Form von Pulp-Magazinen oder Dime novels.
Pferdegeschichten Ausgehend von britischen Vorbildern wie Black Beauty (1877) von Anna Sewell und National Velvet (1935) von Enid Bagnold, das 1944 in den USA unter demselben Titel mit der 12-jährigen Elizabeth Taylor in der Hauptrolle als Filmadaption erschien, wurden für junge Leser geschriebene Pferderomane auch in den USA beliebt. Dort standen Pferde anfangs zumeist im Mittelpunkt von Wildwestromanen (Will James: Smoky the Cow Horse, 1926; Thomas C. Hinkle: Black Storm, 1929; John Steinbeck: The Red Pony, 1937; Mary O’Hara: My Friend Flicka, 1941; Walter Farley: The Black Stallion, 1941; Marguerite Henry: Justin Morgan Had a Horse (1945) und Misty-Serie (ab 1947); Stephen Holt: Wild Palomino, 1946; Dorothy Potter Benedict: Pagan the Black, 1960; Joseph E. Chipperfield: Checoba, 1964; Albert G. Miller: Fury, 1959; Meindert DeJong: A Horse Came Running, 1970).
Eines der ersten Pferdebücher, die speziell Mädchen ansprachen, war The Gypsy Bridle (1930) von Lenora Mattingly Weber; der Erfolg war so groß, dass Weber weitere, ähnliche Bücher folgen ließ. Demselben Rezept folgten später Dorothy Lyons (Silver Birch, 1939), Betty Cavanna (Spurs for Suzanna, 1947), Patsey Grey (Heads Up!, 1956) und Janet Randall (Saddles for Breakfast, 1961). William Corbin (Horse in the House, 1964), Sam Savitt (True Horse Stories, 1970), und Patricia Leitch (For Love of a Horse, 1976) veröffentlichten ganze Pferdebuchserien. Wie die Beispiele der Phantom-Stallion-Serie (2002) von Terri Farley und von Linda Bensons Roman The Girl Who Remembered Horses (2011) zeigen, hat das Genre der Pferdegeschichten für junge Mädchen bis heute überdauert.
Wandel des Schulsystems und Entstehung der Teenagerkultur mini|Entwicklung des Anteils der jungen Amerikaner, die die High School absolvieren, von 1900 bis 2017 Obwohl die Bezeichnung Teenager (für junge Menschen zwischen 13 und 19 Jahren) sich im Englischen vereinzelt bereits in den 1910er-Jahren nachweisen lässt, ging sie erst um 1940 in den allgemeinen Wortschatz über. Zu den Hintergründen der Entstehung einer selbstständigen amerikanischen Jugendkultur zählt die von der Weltwirtschaftskrise verursachte Massenarbeitslosigkeit, in deren Folge mehr Jugendliche als je zuvor die High School besuchten. Da diese Generation über Taschengeld bzw. über Einkommen aus Gelegenheitsjobs verfügte, wurde sie auch früh von der Wirtschaft als Zielgruppe identifiziert, die für die jugendliche Zielgruppe Radioprogramme und Filme zu produzieren begann. 1941 kam die erste Teenagerzeitschrift – Calling All Girls – auf den Markt; das Produkt, das hauptsächlich Comics enthielt, wurde 1949 schon wieder eingestellt. Weitaus mehr Erfolg war der Mädchenzeitschrift Seventeen beschieden, die ihr Debüt im Jahre 1944 hatte und eine ganze Bandbreite von Themen behandelte, die junge Frauen interessieren. Weil die Redaktion Zeitströmungen stets aufgriff, ist Seventeen bis in die Gegenwart Marktführer geblieben.
Neben Zeitschriften lasen die jungen Frauen dieser Generation auch Junior Novels, ein neu geschaffenes Genre leichter Liebesromane (siehe weiter unten), die den Lebensstil der Teenager in der Malt Shop Era widerspiegelten. Wie das Beispiel von Amelia Elizabeth Walden zeigt, entstand jedoch bereits in dieser Zeit auch hochwertige Jugendliteratur. Angefangen mit Gateway (1946) veröffentlichte Walden bis in die 1970er-Jahre gut 40 Teenagerromane, die ihrer überwiegend weiblichen Leserschaft mehr als nur oberflächliche Unterhaltung boten.
Lektürebedarf der High Schools Die Herausbildung einer speziellen Jugendliteratur folgte jedoch nicht allein den Gesetzen des Buchmarktes. Nach dem Umbau des Schulsystems hatten auch die High Schools zunehmenden Bedarf an Lesematerialien, die für 14- bis 18-Jährige geeignet waren. Noch nie zuvor in der Geschichte des Landes hatten so viele Jugendliche qualifizierten Literaturunterricht erhalten. Die Hochliteratur schien für die Verwendung im Englischunterricht oft jedoch ungeeignet. So schrieb der Literaturwissenschaftler Reed Smith 1935: „High-School-Schüler sind geistig und emotional für Hochliteratur noch nicht reif. […] Es ist besser für einen Jungen, Nick Carter oder Frank Merriwell zu lesen, als gar nicht zu lesen, und es ist viel besser für ihn, Tarzan of the Apes und The Shepherd of the Hills zu lesen und sie zu mögen, als Vanity Fair und Moby Dick zu lesen und sie zu hassen.“ Seine Fachkollegin Lou L. LaBrant hatte die neue Herausforderung, die sich im Englischunterricht stellte, bereits 1931 so beschrieben: „manchmal ist es notwendig, zwischen Kinderbüchern oder Short Storys und einen Erwachsenenroman wie Silas Marner eine Zwischenstufe einzufügen.“
Einfluss der American Library Association (ALA) Eine Einrichtung, die für die Entwicklung der amerikanischen Jugendliteratur mindestens ebenso wichtig war wie die Schule, ist die American Library Association. In den öffentlichen Bibliotheken hatten bereits seit den 1910er-Jahren Pionierinnen wie Mabel Williams, Margaret Scoggin und Jean Roos gewirkt, die mit den örtlichen Schulen zusammenarbeiteten und Literatur zu identifizieren versuchten, die für heranwachsende Leser besonders ansprechend und geeignet war. Margaret A. Edwards (1902–1988) verbrachte als langjährige Leiterin des Jugendbuchprogramms der Enoch Pratt Free Library in Baltimore ihr gesamtes Berufsleben damit, Teenager im Rahmen neuartiger Programme mit Büchern zusammenzubringen und Bibliothekare für die Arbeit mit adoleszenten Lesern auszubilden.