mini|Jonathan Meese fotografiert von Oliver Mark, Berlin 2017

Jonathan Robin Meese (* 23. Januar 1970 in Tokio) ist ein deutscher Künstler. Seine Werke umfassen Malerei, Skulpturen, Installationen, Performances, Collagen, Videokunst und Theaterarbeiten. Dabei thematisiert er überwiegend Persönlichkeiten der Weltgeschichte, Ur-Mythen und Heldensagen. Jonathan Meese lebt und arbeitet in Ahrensburg und Berlin.

Leben und Werk Kindheit und Jugend (1970–1995) Jonathan Meese wurde als drittes Kind einer Deutschen und eines Walisers in Tokio geboren. Seine Mutter, die in Stuttgart geborene Brigitte Renate Meese (1929–2026), Geburtsname Wetzel, kehrte Mitte der 1970er Jahre mit den Kindern nach Deutschland zurück und ließ sich in Hamburg nieder. Sein Vater, der Bankier Reginald Selby Meese, geboren in Newport (Wales), lebte bis zu seinem Tod 1988 weiterhin in Japan.

Da Meese nach seiner Rückkehr nach Deutschland anfangs nur japanisch sprach,Deutschlandfunk: „Ich fühle mich kunstdeutsch“ - Jonathan Meese zum Brexit, 31. Januar 2020 hatte er Anpassungsschwierigkeiten.ARD Mediathek: Sendung vom 17. Juli 2008 . 1989 machte er sein Abitur an der Stormarnschule im holsteinischen Ahrensburg. Als ein „Spätentwickler“ war er mit 22 Jahren auf dem Entwicklungsstand eines 16-Jährigen. Nach einem Sprachaufenthalt Meeses in Schottland meldete ihn die alleinerziehende Mutter für ein Studium der Volkswirtschaft an, was nach Angaben der Mutter „ein Desaster war“.Radikal schon vor dem Zähneputzen. In: Die Weltwoche, Nr. 26/2006

Das Interesse für Kunst begann im Alter von 22 Jahren. Darauf folgten Zeichen- und Radierkurse.Alain Bieber: In meiner Rüstung. In: Artnet, 19. Mai 2006. (abgerufen am 10. Dezember 2008)

Studium und erster Erfolg (1995–1998) Meese studierte von 1995 bis 1998 an der Hochschule für bildende Künste Hamburg bei Franz Erhard Walther, brach das Studium jedoch ohne Abschluss ab. Der Maler Daniel Richter empfahl seinen Freund Meese den Galeristen Nicole Hackert und Bruno Brunnet von der Berliner Galerie „Contemporary Fine Arts“, woraufhin diese den jungen Künstler unter Vertrag nahmen. Der Kunstverein Kehdingen stellte in einer Gruppenausstellung Jonathan Meese erstmals öffentlich aus. Die erste Einzelausstellung „Glockengeschrei nach Deutz“ folgte in der Galerie Buchholz in Köln. In: Art – das Kunstmagazin, März 2004. (Abgerufen am 10. Dezember 2008.)

Begeistert von Meeses Rauminstallationen beauftragten ihn im Herbst 1998 der Produzent Claus Boje und der Regisseur Leander Haußmann für ihren gemeinsamen Film Sonnenallee eine Kulisse herzustellen. Schließlich erhielt er auch eine Rolle in dem Film und spielte einen verrückten Künstler. Meeses Arbeiten für Sonnenallee wurden 1999 in einer Ausstellung im Neuen Aachener Kunstverein gezeigt. Ausstellung im Neuen Aachener Kunstverein, abgerufen am 10. Dezember 2008.

Erste Berlin Biennale und der Schritt ins Ausland (1998) Seit 1998 macht Meese mit Installationen, Performances und Aktionen in der Kunstszene auf sich aufmerksam. Auf der Berlin Biennale, kuratiert von Klaus Biesenbach, Hans-Ulrich Obrist und Nancy Spector, trat Meese erstmals einer breiten Öffentlichkeit gegenüber. art-magazin.de, 03/1999. Meese präsentierte die Installation „Ahoi der Angst“, eine Photocollage und Widmung an den Marquis de Sade, der auch später im Werk von Meese Beachtung finden sollte. Politiker, Schauspieler und Musiker wurden dabei in Photocollagen dargestellt. Dazu konnte der Besucher Musik hören, Gedichte von Rolf Dieter Brinkmann lesen oder das Video Caligula anschauen. In: Art Magazin, 11/1989 (abgerufen am 12. Dezember 2008) Zudem waren Poster von Rainer Werner Fassbinder, Klaus Kinski, Nina Hagen, Little Joe und Oscar Wilde zu sehen.Jan Verwoert: In: Frieze Magazin, Issue 44, Jan-Feb 1999 (abgerufen am 22. Dezember 2008)

Durch die erhöhte Medienpräsenz der Berlin Biennale wurde auch das Werk Meeses erstmals öffentlich im In- und Ausland in einem breiteren Umfang analysiert und kommentiert. Das Kunstmagazin Art bezeichnete die Installation als ein „Labyrinth der Sentimentalitäten“. Der Autor Peter Richter griff ebenfalls den räumlichen Aspekt auf, indem er das Werk als ein „Horrorkabinett zwischen Porno, Charles Bronson und Slayer“ beschrieb.Peter Richter: Freies Radikal des Kunstbetriebs: Jonathan Meese. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. Januar 2004. Die Berliner Zeitung bezeichnete es als ein „zugemülltes Jungs-Zimmer“.Petra Ahne: Der Verstörer. In: Berliner Zeitung, 29. Januar 2004.

Im gleichen Jahr präsentierte Meese erstmals sein Werk im Ausland. In der Schweiz nahm er an der Basler Kunstmesse „Liste 98“ teil, in Wien beteiligte er sich an der Gruppenausstellung „Junge Szene ’98“, in der „South London Gallery“ in London machte er bei der Ausstellung „Site Construction“ mit und in Frankreich in der „Galerie de l’Ecole Supérieure des Beaux-Arts de Marseille“ bei der Ausstellung „Today Tomorrow“.

Vermehrte internationale Ausstellungen (1999–2005) Ab 1999 nahm Meese an einer Vielzahl von nationalen und internationalen Gruppen- und Einzelausstellungen teil. Dabei wurden besonders Rauminstallationen und Performances gezeigt. Im Zentrum seines Œuvres steht Meese selbst: ob in Form von Selbstporträts oder verkleidet in persona, in Aktionen, Collagen, Bildern und Zeichnungen. Die thematischen Inhalte entstammen überwiegend dem Nationalsozialismus, daneben gibt es sprachliche und theatralische Bezüge zur deutschen Philosophie- und Literaturgeschichte. Bei Aktionen und Performances thematisierte Meese besonders Adolf Hitler und zeigte dabei wiederholt und provokativ den seit 1945 in Deutschland und Österreich verbotenen Hitlergruß.

Bühnenbild und Theaterarbeit Zuerst auf Installationen, Aktionen und Performances konzentriert, wandte sich Meese ab 2004 auch der Theaterbühne zu, wobei die Zusammenballung verschiedener Materialien, Bedeutungsträger, Gegenstände und Medien (Fotografien, Bücher oder Musik) im Rahmen der Bühnenarbeit weiterhin als bildnerisches Mittel Verwendung finden.

Für die Inszenierung des Pitigrilli-Romans Kokain von Frank Castorf entwarf Meese das Bühnenbild, welches in seinem Grundriss an das Eiserne Kreuz erinnerte, vom Zuschauerraum aus gesehen aber lediglich als „normales“ Bühnenbild mit Treppen und Rampen erschien. Im selben Jahr inszeniert er gemeinsam mit Regisseur Martin Wuttke ein Theaterstück im Schlosspark zu Neuhardenberg. In dem Stück Zarathustra. Die Gestalten sind unterwegs. setzt er sich mit dem Philosophen Friedrich Nietzsche auseinander.Gerhard Ahrens: Stiftung Schloss Neuhardenberg: „Zarathustra“ – Eine theatralische Exkursion nach Friedrich Nietzsche. In: Berliner Zeitung, 30. Juni 2006. 2006 zählte das Magazin Capital ihn erstmals zu den hundert bedeutendsten Künstlern. Capital.de, Vorabmeldung 23/2006 (abgerufen am 14. Dezember 2008)

„Die Peitsche der Erinnerung“ – gemeinsam mit Daniel Richter Das Stader Erzbischofsgrab Gottfried von Arnsbergs aus dem 14. Jahrhundert diente als Vorlage für den Arbeitszyklus „Die Peitsche der Erinnerung“. In einer ersten Serie entstanden gemeinsam mit Daniel Richter Arbeiten, die den Umgang der beiden Künstler mit der Geschichte dokumentieren. Die Ausstellung wurde erstmals im Kunsthaus Stade gezeigt, in den folgenden Jahren wurde die Werkgruppe in Hamburg (2006 und 2008), Berlin (2006), Freiburg (2007), Grenoble (2006), Rosenheim (2007) und Biel (2011) gezeigt. Für die unterschiedlichen Ausstellungsorte wurden von Jonathan Meese weitere Arbeiten geschaffen.

Werkschau „Mama Johnny“ und die Zeit danach (2006–2008) Mit insgesamt 150 Gemälden, Skulpturen, fotografischen und installativen Arbeiten entstand unter dem Titel „mama johnny“ in den Deichtorhallen in Hamburg die erste umfassende Werkübersicht. Im Rahmen der viermonatigen, umfassenden Werkschau auf rund 2.500 Quadratmetern wurde eine 8 × 20 × 40 Meter große „Black Box“ gezeigt, in der das 2004 von Meese entworfene Bühnenbild für Frank Castorfs Inszenierung „Kokain“ ausgestellt und im Rahmen eines einmaligen Gastspiels der Berliner Volksbühne als Theaterraum genutzt wurde. Zwei weitere große, freistehende und begehbare Skulpturen wurden neben einer Burg und der Black Box ausgestellt.

Der fünf Meter hohe „Maldororturm“ beinhaltet Fotocollagen, Schriften, Skulpturen und Videos, in denen sich Meese mit der Tyrannei des Staates künstlerisch auseinandersetzt. Zudem wurde ein drehbarer „Parzifalkopf“ ausgestellt, ein Schädel Richard Wagners, den Meese bei der Performance „Jonathan Meese ist Mutter Parzifal“ in der Berliner Staatsoper verwendete.

2007 inszenierte Jonathan Meese erstmals als Regisseur das Theaterstück „De Frau: Dr. Poundaddylein – Dr. Ezodysseusszeusuzur“ an der Volksbühne Berlin.

2009 gestaltete er eine Ausstellung zum Thema Atlantis für das Arp Museum Bahnhof Rolandseck.

Seit 2008 gestaltet Meese die Medaille zum Roland Berger Preis für Menschenwürde.

mini|Jonathan Meese fotografiert von Oliver Mark, Berlin 2009

Ausstellungen „Erzstaat Atlantisis“ und „Fleisch ist härter als Stahl...“ (2009) Im Arp Museum Bahnhof Rolandseck, in Remagen inszenierte Jonathan Meese vom 1. Mai bis 30. August 2009 unter dem Titel „Erzstaat Atlantisis“ eine von Daniel J. Schreiber kuratierte Ausstellung, bestehend aus 170 Plastiken und Skulpturen, 14 Gemälden, elf Künstlerbüchern in Vitrinen, zehn Filmen, vier Klangquellen und einer Großcollage. (MS Word; 233 kB) des Arp Museum Bahnhof Rolandseck Die Arbeiten wurden im Dialog mit den Werken von Joseph Beuys zum Thema Atlantis präsentiert. Beuys zeichnete 1955 auf einem in der Mitte gefalteten Blatt Papier zwei Darstellungen, die er etwas später Atlantis nannte.Eva Beuys, Wenzel Beuys: ATLANTIS. Joseph Beuys, 3 Aktionen 1964–1965. Steidl-Verlag, Göttingen 2008. Zur Ausstellungseröffnung überquerte Meese im Rahmen einer Performance vom Marsch einer Blaskapelle begleitet, mit einer Uniform bekleidet und in einem Militärjeep sitzend auf einer Fähre mehrmals den Rhein, um dann nach dem Ausrufen von Parolen mit Bezug auf seine Diktatur der Kunst von Presse und Medienvertretern begleitet ins Arp Museum Rolandseck einzukehren.Jonathan Meese und der «Erzstaat Atlantisis». Deutsche Welle Kultur.21, auf youtube.com Atlantis ist, so Meese, „nicht untergegangen, sondern hat sich getarnt. Seit der Dalai Lama im Spiel ist, ist eben Atlantis weg. Die Reise ins Innere, die endet immer mit dem Tod. Das ist ein Synonym für den Tod. Und wenn irgendein Prediger oder Prophet oder Guru einem die Reise ins Innere anbietet, dann bietet er den Tod an.“Christoph Gehring: Am Vorabend der Diktatur der Kunst – Jonathan Meese im Arp-Museum. (aufgerufen am 20. August 2009)

Auf dem ausrangierten musealen Bug des Kreuzers Puglia im Garten des Vittoriale degli italiani in Gardone Riviera in Italien präsentierte Meese vom 6. Juni bis 5. Juli 2009 die Installation „AHAB sagt: MOBY DICK ist KEINE DEMOKRATIE, ALLE DEMOKRATEN sitzen bald NICHT MEHR in einem BOOT (Schlachtschiff der KUNST sinkt nimmer)“. Leitmotiv ist dabei der Schriftsteller Gabriele D’Annunzio, einer der Mentoren Benito Mussolinis und Leitfigur für den italienischen Faschismus, der die Puglia 1923 von der italienischen Marine als Geschenk erhielt. Von der Brücke der ehemaligen Kommandozentrale erklärte Meese in der am 5. Juni 2009 aufgezeichneten Radioperformance „DON LOLLYTADZIOZ Metabolismys stinkt nicht (PUPS)“ dem Beispiel D’Annunzios folgend, mit einer Diktatur der Kunst auf Sendung zu gehen.Dannunzioz