Eunapios von Sardes (, ; * im Zeitraum 347–349 in Sardes; † nach 414) war ein spätantiker Philosoph, Geschichtsschreiber und Rhetoriklehrer. Er gehörte der neuplatonischen Richtung an. Das soziale Umfeld, dem er entstammte und in dem er sich zeitlebens bewegte, war die Welt der Philosophen und Rhetoriker, die als Anhänger der alten Religion zum damals im Römischen Reich vorherrschenden Christentum in Opposition standen.
Leben Der größte Teil der Fakten, die über Eunapios’ Leben bekannt sind, wird durch die Selbstzeugnisse in seiner Biographiensammlung von Sophisten überliefert.
Die Familie des Eunapios gehörte zur lokalen Prominenz seiner Heimatstadt Sardes, der Hauptstadt der Provinz Lydia im Westen Kleinasiens. Er war wohl mit dem Rhetor Eunapios verwandt, den die Lydier mit einer Gesandtschaftsreise zu Kaiser Julian betrauten; seine Cousine Melite heiratete den Neuplatoniker Chrysanthios von Sardes, den Julian zum Oberpriester der Provinz Lydia ernannte.
Eunapios wurde im Zeitraum von 347 bis 349 geboren. Die traditionelle Chronologie, der zufolge seine Geburt 345 oder 346 zu datieren ist, ist von Richard Goulet in einer eingehenden Untersuchung verworfen worden,Richard Goulet: Sur la chronologie de la vie et des œuvres d’Eunape de Sardes. In: The Journal of Hellenic Studies 100, 1980, S. 60–72, hier: 60–64, 67; zustimmend dazu François Paschoud: Eunape, Olympiodore, Zosime. Scripta minora, Bari 2006, S. 169 Anm. 43; Roger C. Blockley (Hrsg.): The Fragmentary Classicising Historians of the Later Roman Empire. Eunapius, Olympiodorus, Priscus and Malchus, Bd. 1, Liverpool 1981, S. IX. doch ist Goulets Datierung (349) auf Widerspruch gestoßen;Beispielsweise bei Thomas M. Banchich: On Goulet’s Chronology of Eunapius’ Life and Works. In: The Journal of Hellenic Studies 107, 1987, S. 164–167. Antwort darauf: Richard Goulet: Études sur les Vies de philosophes dans l’Antiquité tardive, Paris 2001, S. 337–344. ein anderer Vorschlag lautet 347 oder 348.Robert J. Penella: Greek Philosophers and Sophists in the Fourth Century A.D., Leeds 1990, S. 2–4; Andrea Luciani: Note sulla cronologia della vita e sui maestri di Eunapio di Sardi. In: Rivista Storica dell’Antichità 32, 2002, S. 237–249, hier: 244; Aaron E. Baker: Eunapius and Zosimus: Problems of Chronology and Composition, Diss. Brown University 1987 (Mikrofilm), S. 1–18, 103–110. Folgt man Goulets Argumentation, so verschieben sich dementsprechend auch spätere Ereignisse. Seine erste Schulbildung erhielt Eunapios in seiner Heimatstadt bei Chrysanthios, der ihm grammatische und literarische Kenntnisse beibrachte. Eunapios gibt an, dass seine Familie ihn in seinem sechzehnten Lebensjahr zum Studium nach Athen schickte;Nach Goulets Ansatz im September 364, siehe Richard Goulet: Sur la chronologie de la vie et des œuvres d’Eunape de Sardes. In: The Journal of Hellenic Studies 100, 1980, S. 60–72, hier: 60–64; Alan D. Booth: On the Date of Eunapius’ Coming to Athens. In: The Ancient History Bulletin 1, 1987, S. 14–15. Nach der traditionellen Chronologie traf Eunapios im September 362 in Athen ein; siehe dazu Thomas M. Banchich: On Goulet’s Chronology of Eunapius’ Life and Works. In: The Journal of Hellenic Studies 107, 1987, S. 164–167, hier: 164; Richard Goulet: Eunape de Sardes. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Bd. 3, Paris 2000, S. 310–324, hier: 311 f. Vgl. Aaron E. Baker: Eunapius and Zosimus: Problems of Chronology and Composition, Diss. Brown University 1987 (Mikrofilm), S. 11–13, 18. er sollte sich für eine Tätigkeit als Sophist qualifizieren. Sein dortiger Lehrer war der dem christlichen Glauben anhängende berühmte Sophist Prohairesios, bei dem er rund fünf Jahre blieb und den er als väterlichen Freund beschreibt. Er besuchte aber auch den Unterricht des Diophantos und Sopolis, die Konkurrenten des Prohairesios waren. Seine Familie war zwar, wie aus seinen Worten hervorgeht, relativ arm, konnte sich aber immerhin diese Ausbildung für ihn leisten.Eunapios, Vitae sophistarum 10,1,6. Siehe dazu Richard Goulet: Eunape de Sardes. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Bd. 3, Paris 2000, S. 310–324, hier: 310 f.; Robert J. Penella: Greek Philosophers and Sophists in the Fourth Century A.D., Leeds 1990, S. 1 f. Während seiner Studienzeit wurde er in die Mysterien von Eleusis durch den namentlich nicht genannten Hierophanten eingeweiht, bei dem auch Kaiser Julian seine Initiation empfangen hatte.
Nach der fünfjährigen Studienzeit verließ er Athen, nachdem der schon sehr betagte Prohairesios seine Lehrtätigkeit eingestellt hatte.Zur Dauer des Aufenthalts in Athen siehe Thomas M. Banchich: Eunapius in Athens. In: Phoenix 50, 1996, S. 304–311. Er wollte sich nach Ägypten begeben, vielleicht um sich dort medizinische Kenntnisse anzueignen, wurde aber von seinen Eltern nach Sardes zurückgerufen, da er dort den Beruf eines Rhetoriklehrers ausüben sollte. In Sardes setzte er sein Philosophiestudium bei Chrysanthios fort, dessen Vertrauter er bis zum Tod des verehrten Lehrers um 390 blieb. Er suchte auch den berühmten Neuplatoniker Maximos von Ephesos auf und nahm an seinem Unterricht teil. 414 muss Eunapios noch am Leben gewesen sein; sein späteres Schicksal ist unbekannt.
Ein Freund des Eunapios war Oreibasios von Pergamon, der Leibarzt Kaiser Julians. Oreibasios, der ein bedeutender medizinischer Schriftsteller war, verfasste auf Wunsch des Eunapios ein medizinisches Handbuch, das er ihm widmete, und regte ihn seinerseits zur Abfassung seines Geschichtswerks an. Eunapios interessierte sich für medizinische Fragen und besaß auf diesem Gebiet einige Kenntnisse.Eunapios, Vitae sophistarum 23,6,3–8. Siehe dazu Robert J. Penella: Greek Philosophers and Sophists in the Fourth Century A.D., Leeds 1990, S. 6 f. So wirkte er mehrmals bei Aderlässen des Chrysanthios mit, auch bei dessen letztem, tödlich verlaufenden Aderlass, wobei er sich zusammen mit Oreibasios umsonst bemühte, das Leben seines betagten Lehrers zu erhalten.
Werke Historien Eunapios verfasste ein Geschichtswerk in griechischer Sprache, das gewöhnlich als Historien bezeichnet wird; der ursprüngliche Titel lautete wohl Historische Aufzeichnungen (historiká hypomnḗmata) oder Geschichte nach Dexippos (historía hē metá Déxippon).Zu den verschiedenen überlieferten Titeln siehe Roger C. Blockley (Hrsg.): The Fragmentary Classicising Historians of the Later Roman Empire. Eunapius, Olympiodorus, Priscus and Malchus, Bd. 1, Liverpool 1981, S. 2; Richard Goulet: Eunape de Sardes. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Bd. 3, Paris 2000, S. 310–324, hier: 319 f. Die letztere Bezeichnung bezieht sich darauf, dass Eunapios die Historien als Fortsetzung der von Dexippos verfassten Chronika betrachtete; daher begann er mit dem Jahr 270, dem Todesjahr des Kaisers Claudius Gothicus, mit dessen Regierungszeit Dexippos dieses Werk beendet hatte.
Von den 14 Büchern, aus denen die Historien bestanden, sind nur umfangreiche Fragmente erhalten geblieben. Über die Stadien der Abfassung und das Ende des behandelten Zeitraums gehen in der Forschung die Meinungen auseinander. In einer der Fassungen führte Eunapios seine Darstellung bis zum Jahr 404; vermutlich erweiterte er sie später um Nachrichten aus der Zeit bis (mindestens) 414.Richard Goulet: Eunape de Sardes. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Bd. 3, Paris 2000, S. 310–324, hier: 320; anderer Meinung ist Roger C. Blockley: The Ending of Eunapius’ History. In: Antichthon 14, 1980, S. 170–176, hier: 175 f. Jedenfalls ist von Entstehung des Werks in Etappen auszugehen. Es war wohl mindestens eine Fassung bereits im Umlauf, bevor die mit dem Jahr 404 endende entstand. Als Endjahr einer älteren Version sind die Jahre 364 (Todesjahr des Kaisers Jovian), 378 (Tod des Kaisers Valens), 383 (ungefähr), 395 (Tod Kaiser Theodosius’ I.) und 396 in Betracht gezogen worden.Richard Goulet: Eunape de Sardes. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Bd. 3, Paris 2000, S. 310–324, hier: 321 f.; Timothy D. Barnes: Constantine and Eusebius, Cambridge (Mass.) 1981, S. 403 f. Anm. 5; Aaron E. Baker: Eunapius and Zosimus: Problems of Chronology and Composition, Diss. Brown University 1987 (Mikrofilm), S. 28, 39; Robert J. Penella: Greek Philosophers and Sophists in the Fourth Century A.D., Leeds 1990, S. 9–13; François Paschoud: Eunape, Olympiodore, Zosime. Scripta minora, Bari 2006, S. 93–106; Wolf Liebeschuetz: Pagan Historiography and the Decline of the Empire. In: Gabriele Marasco (Hrsg.): Greek and Roman Historiography in Late Antiquity. Fourth to Sixth Century A. D., Leiden 2003, S. 177–218, hier: 179–184.
Während die etappenweise Erweiterung des dargestellten Zeitraums unzweifelhaft ist und nur deren Einzelheiten unklar sind, bestehen hinsichtlich der Frage einer inhaltlichen Überarbeitung durch den Autor grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten in der Forschung. In einer überarbeiteten Fassung (néa ékdosis), die im 9. Jahrhundert dem byzantinischen Gelehrten Photios neben einer älteren vollständig vorlag, war die scharf antichristliche Tendenz durch Entfernung einer Reihe von Passagen abgemildert; der behandelte Zeitraum war Photios’ Bericht zufolge der gleiche (bis 404) und die Überarbeitung war auf so achtlose Weise erfolgt, dass der Sinnzusammenhang empfindlich gestört wurde. Ob die Unterschiede zwischen den Fassungen ausschließlich auf Eingriffe eines späteren christlichen Bearbeiters, der antichristliche Polemik teilweise entfernte, zurückzuführen sind oder ob sowohl der Autor selbst als auch ein Christ inhaltliche Änderungen vornahmen, wird in der Forschung kontrovers diskutiert. Auf jeden Fall ist von Bearbeitung durch einen Christen auszugehen; unklar ist, ob aus einer Äußerung des Eunapios hervorgeht, dass er selbst eine Neufassung geschrieben hat.Gegen Neufassung des Autors: Aaron Baker: Eunapius’ Νέα Ἔκδοσις and Photius. In: Greek, Roman, and Byzantine Studies 29, 1988, S. 389–402; Richard Goulet: Sur la chronologie de la vie et des œuvres d’Eunape de Sardes. In: The Journal of Hellenic Studies 100, 1980, S. 60–72, hier: 69–71; Richard Goulet: Eunape de Sardes. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Bd. 3, Paris 2000, S. 310–324, hier: 322 f.; Richard Goulet: Études sur les Vies de philosophes dans l’Antiquité tardive, Paris 2001, S. 344–347. Für Neufassung des Autors: Walter R. Chalmers: The ΝΕΑ ΈΚΔΟΣΙΣ of Eunapius’ Histories. In: The Classical Quarterly 47 (= New Series Bd. 3), 1953, S. 165–170; François Paschoud: Eunape, Olympiodore, Zosime. Scripta minora, Bari 2006, S. 184–189, 192 f.; Timothy D. Barnes: The Sources of the Historia Augusta, Bruxelles 1978, S. 114.