Die Obergrabenpresse war eine freie Druckwerkstatt, Druckerei, Galerie sowie ein Verlag in Dresden. Sie wurde 1978 von den Malern Eberhard Göschel, Peter Herrmann, Ralf Winkler (A. R. Penck), dem Drucker Jochen Lorenz und dem Lyriker Bernhard Theilmann gegründet und existierte bis 2008. mini|hochkant=1.3|Haus Obergraben 9, Namensgeber der Obergrabenpresse

Standorte Die Obergrabenpresse befand sich vor ihrer offiziellen Gründung ab 1976 zunächst im ehemaligen Atelier Eberhard Göschels auf der Gostritzer Straße 92 in Gostritz.Bernhard Theilmann: Unter Druck und über Wasser. In: Frank Eckhardt, Paul Kaiser (Hrsg.): Ohne uns! Kunst & alternative Kultur in Dresden vor und nach ’89. efau-Verlag, Dresden 2009, S. 88. Es war ein zweigeschossiger Flachbau im rückwärtigen Bereich des Grundstücks: Im Erdgeschoss befand sich zu der Zeit eine Sanitärtischlerei; die Obergrabenpresse nutzte mehrere Räume in der zweiten Etage.J. R. Bernhard Theilmann: Momente einer Landnahme. In: Ulrich Bischoff (Hrsg.): E. Göschel: Gemälde, Gouachen, Terrakotten. Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Dresden 1994, S. 88. Nach dem Umzug der Obergrabenpresse bezog zunächst Siegmar Faust die Wohnung; Ralf Winkler nutzte sie anschließend bis 1980 als Wohnatelier.Bernhard Theilmann: Unter Druck und über Wasser. In: Freunde des Kupferstichkabinetts e. V., Obergrabenpresse GbR (Hrsg.): Unter Druck. 20 Jahre Obergrabenpresse Dresden. Stoba-Druck, Dresden 1999, S. 73.

Die Obergrabenpresse zog 1978 in eine Wohnung in der ersten Etage des Hauses Obergraben 9 in der Inneren Neustadt um, die zuvor Göschels Atelier gewesen war.Bernhard Theilmann: Unter Druck und über Wasser. In: Freunde des Kupferstichkabinetts e. V., Obergrabenpresse GbR (Hrsg.): Unter Druck. 20 Jahre Obergrabenpresse Dresden. Stoba-Druck, Dresden 1999, S. 74. Im Jahr 1982 erweiterte sich die Obergrabenpresse und bezog zusätzlich eine Zweiraumwohnung im Gebäude Obergraben 9.J. R. Bernhard Theilmann: Momente einer Landnahme. In: Ulrich Bischoff (Hrsg.): E. Göschel: Gemälde, Gouachen, Terrakotten. Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Dresden 1994, S. 104. Als das Haus Obergraben 9 saniert werden sollte, zog die Obergrabenpresse Ende 1982 in das Haus Ritzenbergstraße 5 in der Wilsdruffer Vorstadt um. Von September 1997 bis Sommer 2008 nutzte die Obergrabenpresse das Gebäude Eisenbahnstraße 2 auf dem Gelände des ehemaligen Leipziger Bahnhofs.

Geschichte Anfänge mini|Jochen Lorenz, Eberhard Göschel und Bernhard Theilmann (v. l. n. r.), 1993 mini|A. R. Penck, 1994. Porträt von Oliver Mark. mini|Peter Herrmann, 2012 Die Gründer der Obergrabenpresse waren Eberhard Göschel, Peter Herrmann, Ralf Winkler, Jochen Lorenz und Bernhard Theilmann. Theilmann und Göschel waren seit frühester Kindheit miteinander befreundet, Herrmann und Winkler kannten sich seit ihrer Jugend und waren mit Göschel seit 1968 befreundetDetlef Krell: Unabhängige Künstlerwerkstätten in Dresden. In: Günter Feist, Eckhart Gillen und Beatrice Vierneisel (Hrsg.): Kunstdokumentation SBZ/DDR 1945–1990. Aufsätze, Berichte, Materialien. DuMont, Köln 1996, S. 742. und Lorenz war Teil des engeren Freundeskreises von Theilmann.Henrik Busch: Gegendruck in zwei Systemen. Beobachtungen zur Obergrabenpresse als einem Modell künstlerischer Selbstorganisation vor und nach 1989. In: Frank Eckhardt, Paul Kaiser (Hrsg.): Ohne uns! Kunst & alternative Kultur in Dresden vor und nach ’89. efau-Verlag, Dresden 2009, S. 346. Bereits im Sommer 1976 hatte die Gruppe die Idee, Grafiken Göschels und Gedichte Theilmanns miteinander zu kombinieren und zu drucken. Zur Verfügung stand der Gruppe eine Andruckpresse der J. G. Mailänder Druckmaschinenfabrik aus dem Jahr 1908,Birgit Grimm: Volkstümliche Preise für elitäre Grafik. 20 Jahre Obergrabenpresse Dresden – eine Exposition zur Kunst des Druckens. In: Sächsische Zeitung, 5. Mai 1999, S. 13. die Peter Herrmann gehörte und die der Druckmaschinenbauer Bernhard Theilmann instand setzte. Der gelernte Drucker Jochen Lorenz, der zu der Zeit als Offsetdrucker bei der Deutschen Reichsbahn arbeitete und im Rahmen von Abendschulkursen an der Hochschule für Bildende Künste Dresden auch Radierungen gedruckt hatte,Detlef Krell: Unabhängige Künstlerwerkstätten in Dresden. In: Günter Feist, Eckhart Gillen und Beatrice Vierneisel (Hrsg.): Kunstdokumentation SBZ/DDR 1945–1990. Aufsätze, Berichte, Materialien. DuMont, Köln 1996, S. 743. fertigte 1977 im ehemaligen Atelier Göschels in Gostritz erste Probedrucke mit Radierungen Göschels und Herrmanns an.Bernhard Theilmann: Unter Druck und über Wasser. In: Frank Eckhardt, Paul Kaiser (Hrsg.): Ohne uns! Kunst & alternative Kultur in Dresden vor und nach ’89. efau-Verlag, Dresden 2009, S. 89. Zudem entstanden Probedrucke für eine „grafiklyrik“-Mappe. Schon 1978 zog die Druckwerkstatt in die Wohnung am Standort Obergraben 9 um. Die einzelnen Zimmer der Wohnung dienten dabei als Ätzraum, Druckraum und Papierlager. Die Druckwerkstatt wurde nach Ralf Winklers Credo „Vom Untergrund in den Obergrund“Rudolf Scholz: Abschied von Bernhard Theilmann. In: Signum. Blätter für Literatur & Kritik. Jg. 19, Heft 1, 2018, S. 28. und dem Standort schließlich 1978 „Obergrabenpresse“ genannt.

Die Obergrabenpresse verstand sich als „selbstverwaltete Werkstatt, Druckerei, Verlag, Galerie“Detlef Krell: Moderne aus zweiter Hand. Kunstarbeit versus Staatssicherheit: Das Albertinum in Dresden zeigt Arbeiten von Eberhard Goeschel. In: taz. die tageszeitung, 29. August 1994, S. 17. und war „ein für DDR-Verhältnisse unerhörtes und deshalb einmaliges Unternehmen“. Bernhard Theilmann resümierte rückblickend: „Eine private Druckwerkstatt zu gründen, war schon ein bisschen anarchistisch. Dabei schufen wir nur für uns und befreundete Künstler Raum zum Arbeiten, Ausstellen und Verlegen – allerdings ohne gesetzliche Erlaubnisse“.Bernhard Theilmann: Geschichte der Obergrabenpresse auf obergrabenpresse.de, abgerufen am 14. April 2019. Er fasste in einem Interview 2004 zusammen: „Es war alles nicht verboten – und es war auch alles nicht erlaubt.“Oliver Batista-Borjas: Druck auf dem Obergraben. In: Zeitzeichen. Zeitschrift für regionale Politik und Geschichte. Heft 4, 2004, S. 12.

Editionen ab 1978 Die erste Publikation der Obergrabenpresse war 1978 die auf 50 Exemplare begrenzte Edition grafiklyrik 1 mit Gedichten von Theilmann und Aquatinta-Radierungen von Göschel, die mit offizieller Druckgenehmigung erschien. Die Grafiken druckte Jochen Lorenz, während Buchdrucker Lutz Wolfram die Gedichte setzte und druckte. grafiklyrik 1 wurde per Selbstvermarktung vertrieben und war schnell vergriffen. Die Kosten für eine Mappe beliefen sich auf 150 Mark.Detlef Krell: Unabhängige Künstlerwerkstätten in Dresden. In: Günter Feist, Eckhart Gillen und Beatrice Vierneisel (Hrsg.): Kunstdokumentation SBZ/DDR 1945–1990. Aufsätze, Berichte, Materialien. DuMont, Köln 1996, S. 744. Da die Obergrabenpresse kein offizieller Verlag war und daher keine Gewinne erzielen durfte, kamen die Einnahmen den Künstlern zu, deren Werke verkauft wurden; ein kleiner Teil wurde als Materialkosten umgelegt bzw. half als Spende, neue Projekte vorzufinanzieren.Bernhard Theilmann: Unter Druck und über Wasser. In: Freunde des Kupferstichkabinetts e. V., Obergrabenpresse GbR (Hrsg.): Unter Druck. 20 Jahre Obergrabenpresse Dresden. Stoba-Druck, Dresden 1999, S. 76. Bereits 1979 erschien mit grafiklyrik 2 die zweite Kunstedition der Obergrabenpresse, die diesmal Holzschnitte von Peter Herrmann und Gedichte von Michael Wüstefeld vereinte. Die auf 50 Exemplare limitierte Edition hatte ebenfalls eine offizielle Druckgenehmigung erhalten. Beide Druckgenehmigungen wurden 1985 vom Rat des Bezirkes Dresden, Abteilung Kultur, als „in Unkenntnis erteilt…“ bezeichnet, da nur „Einrichtungen des sozialistischen Handels, der Verlage und des Kulturbundes“ Grafikeditionen drucken durften.Vgl. Aktennotiz des Rats des Bezirkes Dresden, Abteilung Kultur, vom 10. Mai 1985. Abgedruckt in Bernhard Theilmann: Unter Druck und über Wasser. In: Freunde des Kupferstichkabinetts e. V., Obergrabenpresse GbR (Hrsg.): Unter Druck. 20 Jahre Obergrabenpresse Dresden. Stoba-Druck, Dresden 1999, S. 82.

Bereits früh wurde die Obergrabenpresse im Kunstbetrieb wahrgenommen, so erwähnte Lothar Lang die Gruppe 1979 in der Publikation Der Graphiksammler. Werner Schmidt, dessen „Integrität hilft, das anarchistische Tun der Obergrabenpresse zu legalisieren“, erwarb regelmäßig Grafikmappen und Einzeldrucke für das Kupferstichkabinett Dresden. Drucker Jochen Lorenz wurde 1979 in den Verband Bildender Künstler aufgenommen und konnte so seiner künstlerischen Arbeit offiziell nachgehen.Bernhard Theilmann: Unter Druck und über Wasser. In: Freunde des Kupferstichkabinetts e. V., Obergrabenpresse GbR (Hrsg.): Unter Druck. 20 Jahre Obergrabenpresse Dresden. Stoba-Druck, Dresden 1999, S. 78. Neben eigenen Veröffentlichungen verwirklichte die Obergrabenpresse auch Ausstellungen, in der Regel von Künstlern, die in der Obergrabenpresse drucken ließen.

Die dritte Edition der Obergrabenpresse war für 1980 geplant und sollte unter dem Titel grafiklyrik 3 – Kneipen und Kneipentexte Radierungen und Gedichte von Ralf Winkler enthalten. Eine Druckgenehmigung erhielt die Obergrabenpresse nicht, sodass Winkler „seine Sprüche mit der Nadel ins Zink [furchte]“Zitat von Bernhard Theilmann. In: Bernhard Theilmann: Unter Druck und über Wasser. In: Freunde des Kupferstichkabinetts e. V., Obergrabenpresse GbR (Hrsg.): Unter Druck. 20 Jahre Obergrabenpresse Dresden. Stoba-Druck, Dresden 1999, S. 77. und so die Druckgenehmigung umging. Kneipen und Kneipentexte erschien 1980 gedruckt von Jochen Lorenz in einer Auflage von 50 Exemplaren; Grafikdrucke waren bis zu einer Anzahl von 99 Exemplaren genehmigungsfrei.Detlef Krell: Unabhängige Künstlerwerkstätten in Dresden. In: Günter Feist, Eckhart Gillen und Beatrice Vierneisel (Hrsg.): Kunstdokumentation SBZ/DDR 1945–1990. Aufsätze, Berichte, Materialien. DuMont, Köln 1996, S. 745. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung war Winkler bereits ausgebürgert worden und in die Bundesrepublik gezogen; im Jahr 1983 verließ Peter Herrmann die DDR und ging nach Hamburg.

Die Obergrabenpresse erweiterte sich 1982 und bezog zusätzlich eine Zweizimmerwohnung im Gebäude Obergraben 9. Neben der Andruckpresse stand der Gruppe nun zudem eine Kupferdruckpresse zur Verfügung, die Eberhard Göschel organisiert hatte und die in den neuen Räumlichkeiten aufgestellt wurde. Neben dem Band gedichte mit radierten Gedichten von Sascha Anderson, Bernhard Theilmann und Michael Wüstefeld erschien 1982 ebenso der Gedichtband das normale versteh wäre krieg mit Werken von Bernhard Theilmann, die dieser als Radierungen in Asphaltlack umsetzte.

Als das marode Haus Obergraben 9 renoviert wurde, zog die Obergrabenpresse im Spätherbst 1982 in die Erdgeschossräume einer früheren Ladenwohnung im Haus Ritzenbergstraße 5 um. Das erste in den neuen Räumen entstandene Werk hieß Ritze und erschien 1983.J. R. Bernhard Theilmann: Momente einer Landnahme. In: Ulrich Bischoff (Hrsg.): E. Göschel: Gemälde, Gouachen, Terrakotten. Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Dresden 1994, S. 106. Die vierte grafiklyrik-Edition versammelte Grafiken von Dieter Goltzsche, Michael Morgner, Strawalde, Max Uhlig, Claus Weidensdorfer und Ralf Winkler und Lyrik von Adolf Endler, Elke Erb, Eberhard Häfner, Uwe Hübner, Bert Papenfuß und Rüdiger Rosenthal. Um das Druckverbot zu umgehen, schrieben die Lyriker ihre Gedichte für alle 40 Druckexemplare mit der Hand ab. In den Räumen der Obergrabenpresse arbeiteten 1983 während der Internationalen Dresdner Graphikwerkstatt auch ausländische Künstler, was einer staatlichen Duldung der Obergrabenpresse gleichkam.

Verfolgung durch die Staatssicherheit und Entwicklung bis 1989 mini|Haus Ritzenbergstraße 5, Sitz der Obergrabenpresse von 1982 bis 1997