Die Große Wanderspinne oder Wandernde Tigerspinne (Cupiennius salei) ist eine Spinne aus der Familie der Langbeinigen Wasserspinnen (Trechaleidae). Sie kommt im Süden Nordamerikas und vorwiegend in Mittelamerika vor und bewohnt dort tropische Regenwälder. Die Bezeichnung „Tigerspinne“ rührt von den Ringeln der Beine beim Weibchen her. Die Art ist der größte Vertreter seiner Familie.

Die wie alle Langbeinigen Wasserspinnen nachtaktive Große Wanderspinne legt entsprechend ihrer Trivialbezeichnung in der Nacht weite Wanderungen zurück und legt kein Spinnennetz an, sondern erlegt Beutetiere freilaufend als Lauerjäger. In das Beuteschema der vergleichsweise großen Spinne fallen dabei neben anderen Gliederfüßern auch kleinere Wirbeltiere. Die Große Wanderspinne verbringt den Großteil des Tages in selbst geschaffenen Zufluchtsorten an von der Art bevorzugten Pflanzen, etwa einigen Bromeliengewächsen oder in Plantagen angebauten Pflanzen der Dessertbanane (Musa × paradisiaca). Das Paarungsverhalten verläuft wie bei anderen Mitgliedern der Überfamilie der Lycosoidea und schließt somit ein Balzverhalten, jedoch wie bei der Gattung üblich auch eine Kommunikation über Vibrationen und Pheromone (Botenstoffe) mit ein. Das begattete Weibchen fertigt nacheinander mehrere Eikokons und bewacht diese zumeist bis zum Schlupf der Nachkommen in seinem Wohngespinst. Sollte die Möglichkeit gegeben sein, taucht die Spinne in den dann mit Wasser gefüllten Zufluchtsorten (dabei insbesondere in den Blatttrichtern von Bromeliengewächsen) unter und verbleibt dort für einige Zeit. Die geschlüpften Jungtiere wachsen selbstständig heran.

Bedingt durch die Tatsache, dass die Große Wanderspinne auch die Dessertbanane als Versteck nutzt, kommt es gelegentlich wie einige andere oftmals als „Bananenspinnen“ bezeichneten Spinnen durch Exporte dieser dazu, dass die Spinne in andere Teile der Welt eingeführt wird. Dies ist auch bei einigen anderen Arten der Gattung belegt worden. Für den Menschen ist die Art allerdings nicht wirklich gefährlich. Die Große Wanderspinne erhält außerdem eine gewisse Bedeutung dadurch, dass sie nicht selten als Forschungsobjekt wissenschaftlicher Untersuchungen Verwendung findet und gelegentlich als Heimtier in der Terraristik gehalten wird.

Merkmale Mit einer Körperlänge von 27 bis 45 Millimetern als Weibchen und 22 bis 30 Millimetern als Männchen ist die Große Wanderspinne die größte Art der Gattung Cupiennius. Sie ist außerdem der größte Vertreter aus der Familie der Langbeinigen Wasserspinnen (Trechaleidae). Der grundsätzliche Körperbau entspricht dem anderer Arten der Gattung, womit auch die Große Wanderspinne ein langbeiniges Erscheinungsbild besitzt. Die Beinspannweite beider Geschlechter kann über 100 Millimeter betragen. Die Beine ermöglichen der Spinne eine agile und schnelle Fortbewegung. Die dichte Scopula (Beinbehaarung), die die Extremitäten einschließlich der Tarsen (Fußglieder) der Großen Wanderspinne bedeckt, ermöglicht ihr zudem die problemlose Fortbewegung auf glatten Oberflächen, etwa Glasscheiben.

Zumindest das Weibchen der Großen Wanderspinne kann überdies erfolgreich untertauchen und sich unter Wasser fortbewegen. Der Sauerstoffvorrat wird dabei mithilfe der Setae (Behaarung) gespeichert, was der Spinne ein maximal 90-minütiges Aufhalten unter Wasser ermöglicht. Dies wird aber nur von Weibchen angewandt, die einen Eikokon bewachen. Ob das Männchen der Art schwimmen kann, ist unbekannt.

Wahrnehmungsvermögen Die Große Wanderspinne verfügt über ein gutes Wahrnehmungsvermögen durch ihren guten Seh- und Vibrationssinn. Diese Eigenschaften haben die Art zu einem begehrten Forschungsobjekt der Arachnologie (Spinnenkunde) gemacht.

Sehsinn mini|Grafik zur Veranschaulichung der Sehfähigkeit der Großen Wanderspinne Der gute Sehsinn der Großen Wanderspinne wird ihr durch die wie bei vielen der Überfamilie Lycosoidea angehörigen Spinnenarten leistungsfähigen Augen verliehen. Die acht Augen sind in die zwei geringfügig größeren und nach vorne gerichteten Haupt- und die sechs kleineren, entweder zur Seite oder nach hinten gerichteten Nebenaugen aufgeteilt. Die Hauptaugen dienen zur Wahrnehmung von Formen, die seitlichen Nebenaugen zur Wahrnehmung von Bewegungen. Ebenso ermöglicht der Sehsinn der Spinne das Abschätzen von Entfernungen und Formen und hilft bevorzugt dabei, Unterschlüpfe zu finden. Der Aufbau der Augen der Großen Wanderspinne und deren Stellung ist mit der anderer Vertreter der Gattung Cupiennius identisch und gliedert sich, wie für Spinnen der Überfamilie Lycosoidea üblich, in zwei übereinander gegliederte Augenreihen, die je vier Augen enthalten. Die zwei Hauptaugen, denen ein Tapetum lucidum (reflektierende Netzhaut) fehlt, sind im Zentrum der oberen Reihe angelegt. Im Gegensatz dazu weisen die Nebenaugen ein rostfarbenes Tapetum lucidum mit in Reihen angeordneten Rezeptoren auf. Die Winkelabstände dieser Rezeptoren entlang und zwischen den Reihen betragen 3,6° und 9,3°, 0,9° und 2,3° sowie 1,0° und 3,0°.

Früher wurde aufgrund der Nachtaktivität der Art vermutet, dass ihr Sehsinn eine untergeordnete Rolle spielt. Diese Annahme wurde bei 2015 stattgefundenen Versuchen, die dazu dienten, den Sehsinn der Großen Wanderspinne zu erforschen, widerlegt. Dabei wurde auch herausgefunden, dass die Augen aufgrund der nachtaktiven Lebensweise äußerst lichtempfindlich sind und die Spinne insbesondere größere und dunklere Objekte (bei den Versuchen in Form von Projektionen) aufsucht, was vermutlich daran liegt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass diese sich als geeigneter Unterschlupf erweisen können, größer ausfällt. Auch werden näher gelegene Objekte dieser Art bevorzugt aufgesucht, was die Fähigkeit zur Abschätzung von Entfernung seitens der Großen Wanderspinne bestätigt. Diese Fähigkeit ist für Wirbellose und für Tiere, die kein stereoskopisches Sichtfeld besitzen, ungewöhnlich. Da die Versuchstiere der Großen Wanderspinne sich nicht in einer geraden Linie, sondern im Zickzack auf die dunklen Projektionen zubewegten, wird angenommen, dass die Art Bewegungsparallaxen nutzt, sich also im Sichtfeld nähergelegene Objekte schneller verrücken als solche, die weiter entfernt liegen.

Vibrationssinn Der wie der Sehsinn gut entwickelte Vibrationssinn der Großen Wanderspinne ermöglicht ihr das Wahrnehmen von sehr leichten Vibrationen und anderen Luftbewegungen. Dieser Sinn spielt besonders beim Jagen eine wichtige Rolle und ermöglicht es der Spinne unter anderem, fliegende Insekten in der Luft zu lokalisieren.

Der feine Vibrationssinn wird durch über 3.000 über das gesamte Exoskelett (Chitinpanzer) der Spinne verteilte Sensillen (Spaltsinnesorgane, bzw. Sensormembranen) ermöglicht. Davon sind bis zu 30 nah an den Gelenken gelegene und dort fast parallel angeordnete Sensillen zu sog. Lyraförmigen Organen ausgebildet. Sie sind die Sensillen mit dem höchsten Wahrnehmungsvermögen und ermöglichen es der Spinne auch, Vibrationen, die nur noch im Nanometer-Bereich messbar sind, zu registrieren. Die Formation der Lyraförmigen Organe ist ebenfalls mit der anderer Arten der Gattung identisch. Bedingt durch die Lage registriert die Spinne Auslenkungen benachbarter Beinglieder, die auf bewegungsbedingte Kräfte im Exoskelett reagieren. Die Strukturen der einzelnen Lyraförmigen Organe, die der Registrierung von Erschütterungen dienen, sind ungefähr zwei Mikrometer breit und bis zu 200 Mikrometer lang. Bedeckt werden sie von einer Hautmembran des Exoskeletts, die wiederum einen sog. Kopplungszylinder beinhaltet, in dem der Dendrit einer Nervenzelle endet.

Mithilfe der Weißlichtinterferometrie und Mikrokraftmessungen ließen sich die Reiztransformation in Dehnungssensoren analysieren. Erforscht wurde u. a. das propriorezeptive Lyraförmige Organ HS-8 nahe der Distalseite der Gelenke der Tibien, das eine Länge von 1,4 und, abhängig von der Anordnung des Schlitzes, eine Breite von geringfügig mehr als 30 Nanometern aufweist. Die mechanische Empfindlichkeit dieser Organe gegenüber äußeren Krafteinwirkungen lag bei im Rahmen von Versuchen erfolgten Messungen, bei denen Kräfte im Bereich von 0,01 Millinewton angewandt wurden, im Bereich von 106 bis 13 Nanometern pro Mikronewton und nahm mit abnehmender Schlitzlänge im minimalen Ausmaß ab. Dieses Lyraförmige Organ ist an der kinästhetischen (bewegungsempfindlichen) Orientierung beteiligt und löst bei Stimulation Muskelreflexe aus. Direkte Messungen von Dehnungen in der Nagelhaut ungehindert freilaufender Individuen der Großen Wanderspinne unter Verwendung miniaturisierter technischer Dehnungsmessstreifen zeigten, dass das Organ während der Standphase eines Schritts komprimiert und stimuliert wird und somit als Belastungssensor des Exoskeletts fungiert.

Anders verhält es sich bei der zweiten untersuchten Gruppe dieser Organe, dem Lyraförmigen Organ HS-10, das am Metatarsus befindlich ist. Die Lage dieses Organs verrät, dass es an die Erfassung von Schwingungsamplituden angepasst ist, wie sie unter natürlichen Bedingungen in größerer Varietät vorkommen können. Mit einer Empfindlichkeit von 522 und 195 Nanometern je Mikronewton bei den untersuchten Schlitzstrukturen dieses Lyraförmigen Organs konnte ein fast dreifacher Unterschied vermerkt werden, was die Fraktionierung des Reizbereichs zwischen diesen Schlitzen hinsichtlich ihrer Anordnung widerspiegelt. Diese Sensoren werden simuliert, wenn sich der Tarsus der Spinne nach oben bewegt und gegen den Metatarsus mitsamt dem dort befindlichen Organ drückt. Das Lyraförmige Organ HS-10 ist ein hochempfindlicher Vibrationssensor, mit dem die Spinne Vibrationen wahrnehmen und unterscheiden kann, die von Beutetieren, Geschlechtspartnern oder Prädatoren (Fressfeinden) stammen. Wie durch Beobachtungen mittels Rasterkraftmikroskopie und UV/VIS-Spektroskopie erwiesen werden konnte, erklären die viskoelastischen (sowohl elastische als auch viskose) Eigenschaften eines Polsters des Exoskeletts vor dem Organ weitgehend seine physiologischen Hochpassfiltereigenschaften.

Sexualdimorphismus Bei der Großen Wanderspinne ist ebenso wie bei anderen Spinnen ein stark ausgeprägter Sexualdimorphismus (Unterschied der Geschlechter) vorhanden, der sich in unterschiedlicher Größe, Färbung und Gestalt beider Geschlechter auszeichnet.

Weibchen mini|Ventralansicht eines Weibchens Ein prägnantes Merkmal des Weibchens gegenüber dem Männchen ist sein kräftigerer Körperbau und seine schokoladenbraune Grundfärbung einschließlich seiner generell kontrastreicheren Farbgebung.

Das Peltidium bzw. der Carapax, das Rückenschild des Prosomas, weist ein an den Seiten angelegtes, hellgrau-braunes Muster aus Längsstreifen und ein dazu im Kontrast stehendes dunkleres Medianband auf. Das Sternum (Brustschild des Prosomas) ist rot gefärbt und auch die Coxen (Hüftglieder) sind ventral dicht mit terrakottaroten Haaren und die Femora (Beinschienen) aller vier Beinpaare mit schwarzen Ringelungen bedeckt.

Dorsal verfügt das Opisthosomas (Hinterleib) ebenfalls über dunklere Längsstreifen und bei einigen Individuen gelbliche bis weißliche Punktpaare je beidseitig im Bereich der Herzregion. Die Ventralseite des Opisthosomas ist wie das Sternum ebenfalls rot und wird durch ein breites, schwarzes Medianband gekennzeichnet.

Männchen mini|Männchen Das weniger kräftig gebaute Männchen verfügt über schmaler ausfallende Beine, wodurch es langbeiniger als das Weibchen erscheint. Es ist wesentlich kontrastarmer gezeichnet und verfügt über eine gräuliche Grundfärbung.

Der Carapax des Männchens ist mit einem Medianband versehen, das aus zwei dunkleren Streifen gebildet wird. Dieses Medianband verläuft auf dem Opisthosoma weiter und wird dabei im Bereich der Herzregion breiter.

Genitalmorphologische Merkmale