mini|Illustration von Frédéric Baudry Der Teufel mit den drei goldenen Haaren ist ein Märchen (ATU 930, 461). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 29 (KHM 29). In der 1. Auflage lautete der Titel Von dem Teufel mit drei goldenen Haaren. Das Märchen ist auch im estnischen,Richard Viidalepp (Hrsg.): Estnische Volksmärchen. Akademie-Verlag, Berlin 1980, S. 132–137, 441; Übersetzung von Eugenie Meyer. norwegischen,Peter Christen Asbjørnsen, Jørgen Engebretsen Moe: Der reiche Peter Krämer. In: Norwegische Volksmärchen. Teil 1 und 2, Hans Bondy, Berlin 1908, S. 19–30; tschechischen,Jaromír Jech (Hrsg.): Tschechische Volksmärchen. Rütten & Loening, Berlin 1961, S. 100–109, 559–560; aus dem Tschechischen übersetzt von Franz Peter Künzel. und slowakischenMärchen der Völker – Ungarn – Polen – Slowakei. Magnus Verlag, Essen, S. 306–318; nacherzählt von Bodo von Petersdorf. Sprachraum bekannt.
Inhalt (ab der 2. Auflage) mini|Illustration von Otto Ubbelohde, 1909 Eine arme Frau bringt einen Sohn mit Glückshaut zur Welt. Diese soll in seinem weiteren Leben dafür sorgen, dass alles, was er anfängt, sich zum Guten wenden wird. Des Weiteren wird ihm geweissagt, er werde im Alter von 14 Jahren die Königstochter heiraten.
Der König aber hat ein hartes Herz. Er kauft den armen Leuten ihr Kind ab, legt es in eine Schachtel und wirft diese ins Wasser. Sie geht jedoch nicht unter, sondern treibt zu einer Mühle, wo das Kind von den Müllersleuten aufgenommen und in Liebe aufgezogen wird. Als der König vierzehn Jahre später in die Mühle kommt und die Geschichte hört, schickt er den Jüngling mit einem Brief zur Königin mit dem Befehl, man solle ihn sofort töten. Auf dem Weg zur Königin übernachtet der junge Mann im Wald bei Räubern. Diese lesen den Brief, vertauschen aus Mitleid den Brief, so dass er mit der Königstochter vermählt wird. Doch der König fordert von ihm die drei goldenen Haare des Teufels.
Unterwegs zur Hölle fragen zwei Torwächter den Jüngling, warum ein Brunnen austrocknet, aus dem sonst Wein quoll, und warum ein Baum verdorrt, der sonst Goldäpfel trug, und ein Fährmann fragt, warum ihn keiner ablöst.
In der Hölle versteckt ihn des Teufels Ellermutter (niederdeutsch für Großmutter) als Ameise in ihren Rockfalten. Sie reißt dem schlafenden Teufel dreimal ein Haar aus und sagt, sie habe von dem Brunnen, dem Baum und dem Fährmann geträumt. Der Teufel erläutert der Großmutter jeweils, wie das Problem zu lösen ist. So erhält das Glückskind die Haare, gibt dem Fährmann des Teufels Rat weiter, dem nächsten die Ruderstange zu geben, und lässt die Kröte im Brunnen und die Maus in der Baumwurzel töten, wofür er je zwei Esel mit Gold bekommt.
Dem gierigen König sagt das Glückskind, das Gold liege wie Sand am anderen Ufer. Der König begibt sich aus Gier rasch dorthin, der Fährmann setzt ihn über und übergibt ihm danach die Stange, auf dass er nun zur Strafe fahren muss.
Sprache und Textstruktur mini|Illustration von Otto Ubbelohde, 1909 Der für Grimms Märchen vergleichsweise lange Text hat viele wörtliche Reden: „wo kommst du her und wo willst du hin?“ fragt die Räubermutter den Knaben, der findet: „Mag kommen, wer will“ (vgl. KHM 88, 114), „ich fürchte mich nicht“. Auch Teufels Mutter fürchtet: „so geht dirs an den Kragen“ (vgl. KHM 27, 44, 98, 171, 199). Den Teufel charakterisiert der Ausspruch „Ich rieche, rieche Menschenfleisch“ (vgl. KHM 25, 59, 75, 82a).Lothar Bluhm, Heinz Rölleke: „Redensarten des Volks, auf die ich immer horche“. Märchen – Sprichwort – Redensart. Zur volkspoetischen Ausgestaltung der Kinder- und Hausmärchen durch die Brüder Grimm. Neue Ausgabe. S. Hirzel Verlag, Stuttgart / Leipzig 1997, ISBN 3-7776-0733-9, S. 67–68.
Der Text der 1. Auflage erzählt, wie der Geliebte der Prinzessin, ein furchtloser Holzhacker, die drei goldenen Haare holt und mit Soldaten und Wagen voll Gold zurückkommt. Erst die 2. Auflage stellt den drei übernatürlichen Aufgaben (AaTh 461) das Schicksalsmärchen von der übernatürlichen Herkunft (AaTh 930) voran. Der Besuch der Hölle bildet somit den Abschluss sowohl als vierte Gefährdung des Helden nach Geburt, Aussetzung und Räuberhaus als auch Auflösung der drei Aufgaben.
Herkunft mini|Illustration von Otto Ubbelohde, 1909 mini|Illustration von Robert Anning Bell, 1912 Grimms Anmerkung vermerkt „Aus Zwehrn“ (von Dorothea Viehmann) und nennt eine unvollständigere „Erzählung aus den Maingegenden“, die in der 1. Auflage noch eigenständig als Vogel Phönix abgedruckt war (KHM 75a), und eine „aus Niederhessen“ (von Amalie Hassenpflug), die den Text der 1. Auflage lieferte (KHM 29a): Die Königstochter verliebt sich in einen Holzhacker vor ihrem Fenster. Er holt die Goldhaare, was vielen Königssöhnen misslang, beantwortet, warum ein Marktbrunnen austrocknet und ein Feigenbaum verdorrt (vgl. , ), und erhält zwei Regimenter, die den König zum Worthalten zwingen. Sie nennen noch KHM 165 Der Vogel Greif; Büschings Volksmärchen Nr. 59; Wolfs Hausmärchen S. 184: Die fünf FragenJohann Wilhelm Wolf: Die fünf Fragen. In: Deutsche Hausmärchen. Göttingen: Dieterich’sche Buchhandlung/Leipzig: Vogel, 1851, S. 183–197; .; Meier Nr. 73: Die drei Federn des DrachenErnst Heinrich Meier: Die drei Federn des Drachen. In: Deutsche Volksmärchen aus Schwaben. C.P. Scheitlin’s Verlagshandlung, Stuttgart 1852, S. 253–256; . und 79: Die Reise zum Vogel StraußErnst Heinrich Meier: Die Reise zum Vogel Strauß. In: Deutsche Volksmärchen aus Schwaben. C.P. Scheitlin’s Verlagshandlung, Stuttgart 1852, S. 272–279; .; Pröhles Märchen für die Jugend Nr. 8: Von der Stadt Sedelfia und dem Vogel FabianHeinrich Pröhle: Von der Stadt Sedelfia und dem Vogel Fabian. In: Märchen für die Jugend. Halle 1854, S. 29–37; ; Zingerle S. 69 Die DrachenfedernIgnaz Vinzenz Zingerle, Josef Zingerle: Die Drachenfedern. In: Kinder- und Hausmärchen aus Süddeutschland. Friedrich Pustet, Regensburg 1854; (mündlich aus dem Zillertal)Waltraud Woeller (Hrsg.): Deutsche Volksmärchen von arm und reich. Rütten & Loening, Berlin 1959, S. 148–152, 426.Waltraud Woeller (Hrsg.): Deutsche Volksmärchen. Insel-Verlag, Leipzig 1985, S. 260–263, 529–530.; schwedisch in Afzelius’ Volkssagen 2, S. 161–167; norwegisch bei Asbjörnsen Nr. 5; wendisch (sorbisch) bei Haupt und Schmaler Nr. 17; ungarisch bei Mailath Nr. 8: Die Brüder; mongolisch im Gesser Chan S. 142; zur Einleitung Grimms Deutsche Sagen Nr. 486 und Gesta Romanorum Nr. 2; Pentameron 4, 3. Bei Saxo Grammaticus, 8. Buch reist Thorkill zur Hölle Utgard und reißt dem Utgardsloke ein feuriges Haar aus. In Island bewahrt man die Glückshaut versteckt auf, der Geist darin begleitet das Kind lebenslang. In Belgien sagt man Helm dazu und schließt von der Farbe auf das Glück („Del Rio disquisitt. magicae 4, 2. 9. 7“); Edda Sämundar „2, 653 Anmerk.“. Des Teufels Mutter, Großmutter oder des Riesen Töchter helfen gern dem Fremden, wie in Hans und die Bohnenranke.
Amalie Hassenpflugs Text der 1. Auflage entfiel wohl, da die Brüder Grimm französischen Einfluss zu sehen vermeinten. Trotzdem nutzten sie ab der 2. Auflage neben Dorothea Viehmanns Text stillschweigend auch Kebal aus der Bibliothèque universelle des romans (1777). Einzelheiten der Höllenszene verblieben aber nach Hassenpflugs hier sehr lebendiger Fassung.Heinz Rölleke, Albert Schindehütte: Es war einmal …. Die wahren Märchen der Brüder Grimm und wer sie ihnen erzählte. Eichborn, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-8218-6247-7, S. 394–395, 400.
Die Brüder Grimm besaßen einen tschechischen Roman von 1794, der die Struktur des ersten Märchenteils mit Todesbrief besitzt. Die erste deutsche Fassung des unstandesgemäßen Freiers mit unlösbaren Aufgaben und Haaren vom Dämon ist Johann Gustav Gottlieb Büschings Märchen vom Popanz, 1812. Das Haar ist Hans-Jörg Uther zufolge seit alters Sitz der Weisheit und Kraft von Dämonen.Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. de Gruyter, Berlin 2008, ISBN 978-3-11-019441-8, S. 77. Vgl. den biblischen Simson (), zum ausgesetzten Kind , , zum Urias-Brief .
Ältester literarischer Vorläufer des ersten Teils ist die Herkunftssage des iberischen Königs Habis, nach Junianus Justinus: Der uneheliche Königsenkel überlebt alle Verfolgungen des Großvaters und wächst, gesäugt von einer Hirschkuh, im Rudel auf (ähnlich wie Kyros, Romulus und Remus, die von einer Hündin bzw. Wölfin genährt werden). Der Todesbrief kommt zuerst in einem buddhistischen Text über Bodhisattva vor. Der zweite Teil ähnelt einem Keilschriftbruchstück aus Ninive (7. Jahrhundert v. Chr.): Izdubar besucht seinen Ahn jenseits des Weltmeeres, er wird von einem Fährmann übergesetzt, es ist von einem wunderbaren Baum, einem versiegten Brunnen, einem Mädchen im Schloss die Rede. Besonders ähnlich sind noch die Kinder der Parizade (AaTh 707), Geh ich weiß nicht wohin, hol ich weiß nicht was (AaTh 465a), Marko der Reiche und Vasilij Ohnglück aus Aleksandr Afanas’evs Sammlung.Walter Scherf: Das Märchenlexikon. 2. Band: L–Z. Beck, München 1995, ISBN 3-406-39911-8, S. 1184–1185.
Versionen Das Märchen ist auch in Estland bekannt, wo eine entsprechende Version von Jakob Hurt 1892 in Tarvastu von Jaan Viira aufgezeichnet wurde. Diese bekam im Deutschen den Titel Drei Haare vom Kopf des Teufels. In Estland sind sechs Varianten des Typs AT 930 + 461 bekannt. In einer Westfriesischen Version aus der Sammlung von Dam Jaarsma muss ein menschenfressender Riese aufgesucht werden. Diese Version, die dem Typ AaTh 461 zuzuordnen ist, wurde 1977 nach der Erzählerin Anna Postma-Bies aus Bergum aufgezeichnet und erhielt im Deutschen den Titel Die drei goldenen Haare.Jurjen van der Kooi, Babs A. Gezelle Meerburg (Hrsg. und Übers.): Die Märchen der Weltliteratur – Friesische Märchen. Eugen Diederichs Verlag, München 1990, S. 48–55, 334.
Eine Roma-Version aus Transsilvanien, Rumänien, die im Deutschen den Titel Die drei goldenen Haare des Sonnenkönigs trägt, veröffentlichte Heinrich von Wlislocki in seinem Werk Märchen und Sagen der transsilvanischen Zigeuner (Berlin 1886, Nr. 10).Heinz Mode, Milena Hübschmannová (Hrsg.): Zigeunermärchen aus aller Welt – Erste Sammlung. Insel-Verlag, Leipzig 1983, S. 127–134, 516. Ebenfalls ähnlich ist Karel Jaromír Erbens tschechische Version, die erstmals 1859 im Almanach Máj veröffentlicht wurde und im Deutschen die Titel Die drei goldenen Haare von Vater Allwissend und Die drei goldenen Haare von Großvater AllwissendKarel Jaromír Erben, Božena Němcová: Märchen. Albatros, Prag 1994, S. 15–23; übersetzt von Günther Jarosch und Valtr Kraus. bzw. Die drei goldenen Haare von Grossvater AllwissendKarel Jaromír Erben: Prinzessin Goldhaar und andere tschechische Märchen. Albatros-Verlag, Prag 1981, S. 47–62; Deutsche Übersetzung von Günther Jarosch. erhielt.
Versionen mit Vogel-Motiv