mini|hochkant|Logo der Identitären Bewegung, dessen Verwendung seit Juli 2021 in Österreich verboten ist
Die Identitäre Bewegung Österreich (IBÖ) ist eine 2012 gegründete rechtsextreme Gruppierung der Neuen Rechten, die den österreichischen Ableger der Identitären Bewegung darstellt.
Geschichte mini|Kundgebung der Identitären Bewegung Österreich 2013 mini|Martin Sellner, der Leiter der IBÖ, betrieb bis ins Jahr 2020 einen der meistabonnierten YouTube-Kanäle der rechten Szene
Die Identitäre Bewegung Österreich wurde 2012 als Gruppe „Wiens Identitäre Richtung“ (W.I.R.) von Alexander Markovics gegründet, die noch im selben Jahr im „Verein zur Erhaltung und Förderung der kulturellen Identität“ aufging. Am 30. September 2012 trat die Bewegung erstmals öffentlich in Erscheinung, als mit Affen- und Schweinemasken vermummte Aktivisten Teilnehmer eines von der Caritas veranstalteten afro-haitianischen Tanzworkshops in Wien umzingelten und in Angst versetzten. 2013 besetzten Aktivisten der IBÖ medienwirksam die von Flüchtlingen besetzte Wiener Votivkirche und verteilten Flugblätter mit dem Slogan „Asyl ja. Missbrauch nein“. Im Mai 2014 erfolgte erstmals eine Demonstration der Bewegung in Wien. Im April 2016 erregte zuerst die Erstürmung der Bühne des Audimax der Universität Wien bei der Aufführung des Theaterstücks Die Schutzbefohlenen durch ein hauptsächlich aus Flüchtlingen bestehendes Ensemble Aufsehen, wenig später die Enthüllung eines Transparents auf dem Wiener Burgtheater, in dem dasselbe Stück gegeben wurde. Für die Störaktion im Audimax, bei der Kunstblut verspritzt und Parolen geschrien wurden, verurteilte 2016 ein Bezirksgericht zehn Aktivisten zivilrechtlich wegen Besitzstörung.
Im Oktober 2016 waren die Identitären auf dem Kongress Verteidiger Europas vertreten.
Bei der Aktion Defend Europe, bei der europäische Identitäre 2017 das Schiff C Star charterten, um im Mittelmeer Flüchtlinge daran zu hindern, Europa zu erreichen, waren der Leiter der IBÖ Martin Sellner und ein ehemaliger Mitarbeiter des FPÖ-Politikers Christian Höbart an Bord.
Wieder im Zusammenhang mit der Audimax-Störaktion wurden im März 2018 Aktivisten der Identitären vom Vorwurf der Verhinderung einer Versammlung von einem Bezirksgericht freigesprochen, Sellner zusätzlich vom Vorwurf der Körperverletzung. Im April 2018 ermittelte die Staatsanwaltschaft Graz wegen Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung und Verhetzung und ließ mehrere Hausdurchsuchungen bei Identitären durchführen. Im Juli 2018 wurden 17 angeklagte Mitglieder der Identitären Bewegung Österreich – darunter ihr Leiter Martin Sellner – im Grazer Landesgericht von den Anklagepunkten Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und Verhetzung in dubio pro reo freigesprochen. Ein dabei auch behandelter tätlicher Angriff auf den Rektor der Universität Klagenfurt, Oliver Vitouch, musste auf Anordnung des Oberlandesgerichts neu verhandelt werden. Im Juli 2019 wurde ein Identitärer dafür (nicht rechtskräftig) zu sechs Monaten Haft verurteilt.
Im März 2019 wurde bekannt, dass der Attentäter der Terroranschläge von Christchurch etwa 1500 Euro an den Leiter der IBÖ Martin Sellner gespendet hatte. Daher führte der Verfassungsschutz bei ihm Hausdurchsuchungen durch. Gegen diese Maßnahmen legte Sellner Beschwerde ein, der das Oberlandesgericht Graz am 3. Dezember 2019 stattgab. Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) ließ die rechtliche Möglichkeit einer Auflösung der Organisation prüfen. Infolge der erhöhten medialen Aufmerksamkeit wurden zahlreiche Verflechtungen zwischen den Identitären und der FPÖ bekannt. Vizekanzler und FPÖ-Parteiobmann Heinz-Christian Strache schwor daraufhin auf einem Landesparteitag Anfang März 2019 die Partei auf eine strikte Abgrenzung von der Identitären Bewegung ein.
Für Mitglieder der Identitären wurden im Bundesheer „Sperrvermerke und Entorderung“ wirksam, also die Sperre für bestimmte Funktionen im Heer und die Entlassung von Milizsoldaten aus der Milizfunktion.
In der Folge der Abgrenzungsbestrebungen der FPÖ verlor die IBÖ ihre beiden infrastrukturellen Zentren. In Linz wurde im April der Mietvertrag für ihr Zentrum in der Villa Hagen gekündigt, die einem FPÖ-nahen Studentenverein gehört, im Juni 2019 endete das Mietverhältnis für das IBÖ-Zentrum in Graz, das sich in einer Wohnung des FPÖ-Gemeinderats Heinrich Sickl befand.
Am 27. Juli 2019 eröffneten die steirischen Identitären ein Haus in Eichkögl, das ihnen ein Pensionist für eine symbolische Ein-Euro-Miete angeboten hatte. Die Identitären wollen in der neuen Zentrale Vorträge halten und junge Aktivisten ausbilden.Identitäre eröffnen Zentrale in Eichkögl. In: orf.at. 30. Juli 2019, abgerufen am 30. Juli 2019.
Nach den Terroranschlägen von Christchurch 2019 und den bekannt gewordenen Verbindungen zwischen dem Täter und Sellner zeigten sich Zerfallserscheinungen in der IBÖ, was auch von zentralen Vertretern des Rechtsextremismus konstatiert wurde.Markus Sulzbacher: Rechtsextreme Identitäre Bewegung offenbar am Ende. In: derstandard.at. 21. Februar 2020, abgerufen am 1. August 2021.Neues von ganz rechts: „Identitäres“ Rebranding. In: doew.at. Jänner 2020, abgerufen am 1. August 2021. Als Reaktion auf den Verlust politischer Relevanz gründete Sellner die Gruppe Die Österreicher - DO5, die im Jänner 2020 erstmals öffentlich in Erscheinung trat. Mit ihr sollen auch ältere Bevölkerungsschichten angesprochen werden, die Abkürzung DO5 spielt auf die Widerstandsgruppe O5 an. Die Gruppe bespielt inhaltlich dieselben Themen wie die IBÖ,Martin Blumenau: Das Ende der Identitären als Jugendbewegung. In: orf.at. 24. Februar 2020, abgerufen am 1. August 2021.Jan Thies: Rechtsextreme Bürgerbewegung DO5: Alte Ideen in neuem Gewand. In: addendum.org. 12. Jänner 2020, abgerufen am 1. August 2021. und wird daher auch als reines Rebranding der IBÖ rezipiert.
Nach der Verbannung der IBÖ von Facebook und Instagram sperrten im Juli 2020 auch Twitter und YouTube Kanäle der Identitären.YouTube sperrt Konten von rechtsextremen Identitären. In: orf.at. 24. Februar 2020, abgerufen am 1. August 2021. Seither setzte die Gruppe bei Sozialen Medien hauptsächlich auf Telegram.Gerald Gartner, Valentin Peter, Peter Walchhofer: Das Telegram-Netzwerk um Martin Sellner, visualisiert. In: addendum.org. 3. August 2020, abgerufen am 1. August 2021. 2024 wurden die Konten der Identitären Bewegungen Österreich auf dem mittlerweile auf X umbenannten Twitter wieder entsperrt.X entsperrt Konto rechtsextremer Identitärer. In: orf.at. 21. März 2024, abgerufen am 21. März 2024.
Im Juli 2021 wurde bekannt, dass die Identitären bereits im Frühjahr 2020 ein Haus in Steyregg gekauft haben.Identitäre wollen offenbar Basis in Steyregg. In: orf.at. 18. Juli 2021, abgerufen am 1. August 2021. Das Haus ist zugleich Firmensitz des Softwareunternehmens Kvltgames, das 2020 ein von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien für den deutschen Markt indiziertes Computerspiel veröffentlicht hat, welches als rechtsextrem, homophob, antisemitisch und antiziganistisch eingeordnet wird.Markus Sulzbacher: Videogame mit antisemitischen Codes: Steyregg will Identitäre loswerden. In: derstandard.at. 30. Juli 2021, abgerufen am 1. August 2021.
Anfang 2023 zog sich Martin Sellner von seiner aktiven Rolle bei der IB Österreich zurück. Nachfolger in der Leitung wurden Gernot Schmidt, Mitglied in der rechtsextremen Wiener akademische Burschenschaft Olympia, und Jakob Gunacker, der auch das Identitären-Spin-off Die Österreicher - DO5 anführt.
Im August 2024 veröffentlichten Journalisten von RTL Aussagen, die sie undercover bei einer Veranstaltung der Identitären in Wien aufgenommen hatten. Darin wird eine Besucherin mit den Holocaust relativierenden Aussagen zitiert und mit „Srebrenica 2.0“ ein Völkermord an Muslimen in Deutschland gefordert. Auch wurden Verstrickungen zwischen der AfD und den Identitären beobachtet. Die österreichische DSN leitete Ermittlungen ein.
Programmatik Auf ihrer Website präsentiert sich die Identitäre Bewegung Österreich als patriotische NGO, die sich über Parteigrenzen hinweg für den Erhalt der kulturellen Identität einsetzt. Im Multikulturalismus („Multikulti“) sieht sie eine Bedrohung der Vielfalt der verschiedenen Traditionen, Kulturen und Völker. Sie fordert daher eine Beschränkung der Zuwanderung, eine familienfreundliche Politik, um dem Geburtendefizit entgegenzuwirken und ein Aussterben des Volkes zu verhindern, und die Förderung heimischer Traditionen und Bräuche.
Kritiker bezeichnen die IBÖ als eine rechtsextreme Organisation, die sich in der Tradition des historischen Faschismus als „Kampfbund wehrhafter/soldatischer Männer“ sehe. Sie würde „das Volk“ als „organische Gemeinschaft“ dem Individuum überordnen und sieht es vom Zerfall bedroht. Die Bedrohung komme aus der kulturellen Herrschaft des „zersetzenden“ Liberalismus, dem egalitären Denken und dem Multikulturalismus. Für die „völkische Immunschwäche“ Europas seien eine „Umerziehung“ nach 1945 und der von der 68er-Bewegung angestoßene Wertewandel verantwortlich. Als Idealzustand würde eine Welt mit säuberlich getrennt lebenden Völkern ohne kulturelle Vermischung angestrebt. Althergebrachte rechtsextreme Ideologeme versuche die Bewegung in historisch unbelastete Begriffe zu kleiden: Statt rassistisch oder ausländerfeindlich wird etwa der Begriff „identitär“ verwendet, statt Abschiebung „Remigration“, statt Apartheid „Ethnopluralismus“, statt Überfremdung „Großer Austausch“. Da die Gruppierung zahlreiche Kriterien, die Umberto Eco für Faschismus anlegt, erfüllt und weil sie sich auch offen auf Vordenker des Faschismus wie Julius Evola oder Arthur Moeller van den Bruck bezieht, wird die IBÖ auch als neofaschistisch eingeordnet.Heribert Schiedel: Der „immerwährende Faschismus“ der Identitären: Das abendländische Syndrom. In: derstandard.at. 25. September 2019, abgerufen am 1. August 2021.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) berichtete seit 2014 regelmäßig in den Verfassungsschutzberichten über den rechtsextremen Charakter der IBÖ.
Strategie Zunächst fiel die Bewegung durch Störaktionen gegen als „links“ und „multikulturell“ identifizierte Veranstaltungen auf. Dazu kam das Verteilen von Flugblättern, Sprühaktionen, Infotische und das Anbringen von Plakaten im öffentlichen Raum (etwa an Autobahnüberführungen). Seit 2015 werden verstärkt Demonstrationen und Kundgebungen veranstaltet. Durch Pressearbeit und eine professionelle Bespielung sozialer Medien wird eine große Breitenwirkung angestrebt.
In einem an die Öffentlichkeit gelangten Strategiepapier ist beschrieben, wie die Grenzen „des Sagbaren in der Gesellschaft“ verschoben werden sollen. Mit Kampagnen solle der harte Kern der Bewegung aktiviert werden und dem „neutralen Teil“ der Bevölkerung eine „gute Show“ geboten werden. Den „feindlichen Teil“, den man unter den SPÖ- und Grünwählern verortet, solle man meiden, solange diese „keine Gegner“ seien. Wenn der Boden bereitet ist, solle im Zuge eines „Anlasses (Terroranschlag, Massenvergewaltigung, Mord)“ eine „finale Kampagne“ einsetzen und ein „Bürgerparlament“ eingesetzt werden.
Struktur Die Identitäre Bewegung Österreich hat nach Angaben des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes regionale Untergruppen in Wien, Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg, der Steiermark, Kärnten und Tirol. Ihr Bundesleiter ist Martin Sellner, Vereinsobmann ist Patrick Lenart.