mini|598x598px|Wiener Tümmler Tauben von Alfred Baldia (Foto 1980)|alt=Wiener Tümmler Tauben von Alfred Baldia (1980) mini|Alfred Baldia mit seinen Wiener Tümmler Tauben (Film von 1984) Die Wiener Tümmler, kurz Tümmler, sind Rassetauben, die für ihre Leistung im Hochflug, ihr besonderes Aussehen oder für beides gezüchtet werden. Ihren Höhepunkt erlangte die Begeisterung für diese Tauben in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Wien und verbreitete sich schließlich von da in viele Länder Europas. Die Leidenschaft zu den Wiener Tümmler Tauben hielt Einzug in fast allen gesellschaftlichen Schichten bis zum Hochadel. Ursprünglich lag der Schwerpunkt auf dem Hochflug, doch später wurden auch Farben und Formen der Tauben immer bedeutender.

Namensgebung In Europa werden jene Tauben, die sich in der Luft überschlugen (purzeln), unter dem Begriff „Tümmler“ zusammengefasst, im Süddeutschen Raum unter „Purzler“ und in Wien unter „Burzeln“. Richard Seliger schreibt: „Der Wiener nennt alle Tümmlertauben von altersher kurzweg 'Burzeltauben', ein Beweis, dass auch seinen Arten das Umschlagen, Purzeln in früherer Zeit mehr oder weniger eigen war, und woraus er sich seine Flieger geschaffen hat“. Die Bezeichnung Tümmler für diese Taubengruppe stammt von einer Delfinart, deren Bewegungen des Überschlagens im Wasser dem Flugstil der Tümmler Tauben in der Luft ähneln.

Frühe Einteilungen der Wiener Tümmler Tauben Heinrich Zaoralek (1851–1906), der Altmeister der Wiener Tümmler Tauben, teilte 1894 in der Fachzeitschrift „Mittheilungen des ornithologischen Vereines in Wien, Die Schwalbe“ die Wiener Tümmler Tauben in zwei Kategorien:

Kategorie A: Hochstirnige Kurzschnäbel mini|347x347px|alt=Kurzschnäbelige Tümmler Tauben

1) Geganselte Tümmler in den Farben schwarz, gelb, rot und blau. 2) Wiener Tümmler einfärbig oder geschwingt in weiß, gelb, rot und schwarz. 3) Harlekin (gris-pique) (= weiß-bunt) Tümmler, „nur noch in wenigen Exemplaren vorhanden“, schrieb damals Heinrich Zaoralaek. Der Name Harlekin wurde früher für mehrfarbige Tauben verwendet. 4) Rot- und gelbgescheckte Wiener Tümmler Tauben, die einige weiße Federn an den Achseln haben, welche als Rosen bezeichnet wurden, hatten die zu dieser Kategorie passende Kopf- und Schnabelform, während die „groß- und reinschildigen“ rot- oder gelbgescheckten Wiener Tümmler Tauben, welche aus einer Kreuzung zwischen Rosenschecken und den in Kategorie B angeführten gelb- oder rotgestorchten Wiener Tümmler Tauben stammen, nicht mehr exakt diese Kopf- und Schnabelform aufwiesen.

Kategorie B: Flachstirnige Langschnäbelmini|348x348px|alt=Mittel- und langschnäbelige Tümmler Tauben

1) Dunkelgestorchte Wiener Tümmler. 2) Schimmelige Wiener Tümmler. 3) Blaugedachelte Wiener Tümmler. 4) Der sogenannte Wilde Wiener Tümmler. 5) Genagelte (Gehämmerte) Wiener Tümmler. 6) Stockblaue Wiener Tümmler. 7) Kiebitz Tümmler in den Farben schwarz, blau und rot, wobei rot damals die neueste Errungenschaft von Josef Österreicher (29. Oktober 1849 – 1. September 1919) war. 8) Weißgestorchte Wiener Tümmler. 9) Schwarzgescheckte Wiener Tümmler. 10) Schwarzgestorchte Wiener Tümmler. 11) Rot- und Gelbgestorchte Wiener Tümmler. 12) Rot- oder Gelbgedachelte Wiener Tümmler.

In Kategorie A waren mit wenigen Ausnahmen reine Ziertauben (Ausstellungstauben). In Kategorie B waren die „wirklichen“ Hochflugtauben, wobei Heinrich Zaoralek die blutsverwandten (Nummer zwei bis sieben) besonders hervorhob.

Franz Panek (1867–1944) hat in seinem Buch „Die Wiener Tümmler“ (1926), also rund 30 Jahre nach der Einteilung von Heinrich Zaoralek, die Wiener Tümmler Tauben in folgende zwei Gruppen eingeteilt:

Die erste Gruppe: Hochstirnige Kurzschnäbel Tümmler Tauben

1) Einfärbige in weiß, gelb, rot, schwarz, blau und außerdem noch Geschwingte (= die letzten 3 bis 5 Schwungfedern sind weiß). 2) Geganselte in gelb, rot, schwarz und blau. 3) Kurze Spiegelschecken (Spiegelschecken = später Wiener Weißschild) in gelb, rot und schwarz.

Die zweite Gruppe: Flachstirnige Mittelschnäbel Tümmler Tauben

1) Weißgestorchte Wiener Hochflugtümmler. 2) Weißschwänzige Wiener Weißgestorchte. 3) Violette und grüne Wiener Dunkelgestorchte. 4) Gestorchte Plattentümmler in gelb, rot, schwarz und blau. 5) Mittelschnäbelige Spiegelscheck (Spiegelscheck = später Wiener Weißschild) in gelb, rot und schwarz. 6) Gedachelte in gelb, rot, blau und schwarz. 7) Mittelschnäbelige Geganselte in gelb, rot, schwarz und blau. 8) Mittelschnäbelige Einfärbige in weiß, gelb, rot, schwarz und stockblau, sowie auch der Geschwingte. 9) Kiebitztümmler in gelb, rot, schwarz und blau.

Weiters schreibt Franz Panek, dass es noch viele anzuführen gäbe, wie Mohreck, Resserlscheck, Achselscheck, Wilde, Schimmel, Gestrichte, Gespritzte, Plattl, Harlekin, Fasanenscheck usw. Besonderes Lob zollte Franz Panek den Kurzschnäbeligen Wiener Tümmler Tauben. In einem Artikel vom 5. März 1934 in der Illustrierten Kronen-Zeitung schrieb er: „Der kurzschnäbelige Wiener Tümmler ist eine Edeltaube ersten Ranges, und seine Freunde halten ihn für die edelste der Wiener Tauben.“

Frühe Gemälde der Wiener Tümmler „Burzeltauben“ Im Sommer 1791 ließ der Erzherzog und spätere Kaiser Franz II. / I. (1768–1835) auf der Wiener Hofburg eine Terrasse mit einem kleinen Garten und Vogelkäfigen errichten. Kaiser Franz II. / I. war auch ein großer Tauben-Liebhaber. Einige Tauben-Präparate des Naturhistorischen Museums in Wien tragen den Vermerk „von der Terrasse des Kaisers“.

Der Hofbotanikermaler und Hofzeichenmeister Matthias Schmutzer (1752–1824) malte gegen Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Vielzahl an Blumen- und Tieraquarelle. Im Jahre 1796 malte er auch Wiener Gansel Tümmler. Ob es sich dabei um Tauben aus der Zucht des Kaisers handelte, ist nicht dokumentiert, darf allerdings angenommen werden. Matthias Schmutzer war ein Mitglied der bekannten Künstlerfamilie, der zum Beispiel Jacob Matthias Schmutzer (1733–1811) und Ferdinand Schmutzer (1870–1928) angehörten.

Im Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek befinden sich nahezu 3000 Werke, davon rund 500 Darstellungen von Tauben, gemalt von Leopold Brunner der Ältere (12. Februar 1788 – 23. Juli 1866). Leopold Brunner der Ältere malte ab 1816 auch für Kaiser Franz II. / I. und wurde ab 1835 zum k.k. Hofmaler ernannt. Diese Aquarelle stammen aus der Sammlung von Kaiser Ferdinand I. (1793–1875) und gehen bis in das frühe 19. Jahrhundert zurück. Seltene Wiener Burzeltauben wurden zum Beispiel in seinen Gemälden „Gelbe Moreck-Burzeltaube“, „Perlblauganselte weißkehlige Burzeltaube“ oder „Harlekin-Burzeltaube“ dargestellt. Auf vielen Aquarellen wurden sie auch als „Burseltauben“ benannt.

Leopold Brunner war ein Freund von Ferdinand Georg Waldmüller (1793–1865), Leopold Kuppelwieser (1796–1862) und Karl Markó (1791–1860). Seine beiden Söhne Leopold Brunner der Jüngere (26. September 1822 – 24. Dezember 1849) und Joseph Brunner (14. März 1826 – 13. August 1893) waren ebenfalls bekannte Maler.

Wiener Hochflugtauben 394x394px|mini|alt=Wiener Hochflugtauben in historischen Ausstellungs-Steigen (Foto ca. 1989)|Wiener Hochflugtauben in historischen Ausstellungs-Steigen (Foto 1989)

Einteilung Wiener Hochflugtauben, auch Wiener Hochflieger genannt, gibt es in 28 Farbschlägen. Die bekanntesten davon sind: Dunkelgestorchte (Dunkelstörche), Weißgestorchte (Hellstörche), früher auch Lichtgestorchte genannt, die Gekranzelten, sowie die Gelbgestrichten und Rotgestrichten und die Farbgestorchten.

Beschreibung und Begriffe (Auswahl) Diese kleinen, eher zierlichen Tauben werden speziell für den Hochflug gehalten und gezüchtet. Die Wiener Hochflieger steigen rasch in große Höhen auf und fliegen dort für drei bis dreieinhalb Stunden. Der Taubenschwarm, auch „Stich“ genannt, wird in der Früh vom Heimatschlag hoch gelassen und „schraubt“ sich in Achterschleifen bis zu 2000 m in die Höhe.

Die Wiener Hochflugtauben stammen mit ziemlicher Sicherheit aus Indien. Hanns T. Binder brachte weißgestorchte Tümmler Tauben, ganz ähnlich den Wiener Weißgestorchten, von Kalkutta nach Wien und dies deutet auf die Urheimat dieser Tauben hin. Hanns T. Binder († 1888) war Schiffsarzt des österreichisch-ungarischen Lloyd in Triest und fuhr mindestens einmal jährlich aus beruflichen Gründen nach Indien, China, Südamerika usw. Bei der 9. Internationalen Geflügel-Ausstellung in Wien 1883 erhielt Binder die silberne Staatsmedaille für die Einführung neuer oder in Österreich wenig bekannten Geflügelrassen. Binder war selbst Taubenliebhaber und nahm mit seinen Tieren an Ausstellungen, wie zum Beispiel an der „Allgemeinen Geflügel Ausstellung des ornithologischen Vereins“ in Wien 1884, teil. Von seinen Reisen brachte er auch dem Altmeister der Wiener Taubenzucht Johann Baptist Bruszkay (1830–1915) Tauben mit. Johann Baptist von Bruszkay berichtet, dass in der Glanzzeit der Wiener Hochflugtauben, also um die Mitte des 19. Jahrhunderts, mehrheitlich Wiener Weißgestorchte, Schimmel oder Geganselte als Hochflieger dienten. Zu den Weißgestorchten mischte man gerne rote und schwarze Weißgeschwingte Hochflieger, damit man den Flug der Tauben auch in größter Höhe beim Kreisen noch ausnehmen konnte. Denn weiße oder weißgestorchte Tauben waren in dieser Höhe nur noch wie feiner, weißer Schaum erkennbar, wenn sie für drei bis fünf Stunden am Himmel „standen“.

Zur Differenzierung der optischen Erscheinung der Tauben wurde eine Vielzahl an Bezeichnungen geschaffen, hier einige Beispiele davon: Die Weiß- und Dunkelgestorchten (= Hell- und Dunkelstörche) sind genetisch Schimmel, im Gegensatz zu den Farbgestorchten (= Farbstörche). Nachstehend einige der Zeichnungsvarianten, die gefällig waren und züchterisch gefestigt wurden: Die hellste Zeichnung der Weißgestorchten (= Hellstörche) ist eine graublaue Säumung an den Schwung- und an den Schwanzfedern, oder rein weiße Schwanzfedern. Hat die Taube mehr Farbsubstanz, so können schwarze Binden auf den Flügelschildern auftreten. Sie werden „gestricht“ genannt. Ist die Kopfplatte graublau, wird die Taube als „plattig“ bezeichnet. Hat die Taube einen mit Federchen graublauen, fein gesprenkelten Halskranz, spricht man von „gekranzelt“. Tauben, deren Halskranz mit nur wenigen graublauen Federchen gesprenkelt ist, nennt man „gespritzt“. Wenn die Flügelschilder einer Taube blaugrau und bindig sind, der Kopf und die Kehle (Bart) ebenfalls blaugrau, so bezeichnet man sie als „gedachelt“. Der Dunkelgestorchte (= Dunkelstorch), dessen Bauch- und Schenkelgefieder, Rücken und ein kleines Herz zwischen den Schultern rein weiß sind, ist sonst graublau gefärbt. Die detaillierten Angaben dazu finden sich im Standard der jeweiligen Taube, der immer wieder angepasst wurde. mini|535x535px|Wiener Hochflieger von Alfred Baldia im Anflug auf den Hochflugtaubenschlag (Foto 1984)|alt=Wiener Hochflieger von Alfred Baldia im Anflug auf den Hochflugtaubenschlag (Foto 1984)

Flugstil und Flugeigenschaften 1875 schrieb die Schriftstellerin Aglaia von Enderes (1836–1883) in der Wiener Zeitung vom 7. Mai über die in Wien abgehaltene 1. Internationale Geflügelausstellung in Österreich im Wiener Prater. Von den Tümmler Tauben schilderte sie: „Wir sehen die viel gerühmten Tümmler verschiedener Arten, die eminenten Hochflieger und Burzler, die fröhlichen, übermütigen Vögel, welche freie Luft hinaus und hinauf in die Lüfte treibt, um dort ihr Spiel in wechselvollem Schwunge zu beginnen.“