mini|hochkant|Gedenktafel für die 30 Opfer der Hinrichtungen im Burgholz mini|hochkant|Ehrengrabstätte mit Gedenkstein auf dem Friedhof Schorfer Straße

Die NS-Morde im Burgholz (auch Burgholz-Massaker) waren ein Endphaseverbrechen im März 1945, bei dem im Wuppertaler Staatsforst Burgholz 30 Menschen – Frauen und Männer – von Angehörigen der Gestapo und der Wuppertaler Kriminalpolizei getötet wurden. Bei diesem Verbrechen handelt es sich um den einzigen bisher bekannten Massenmord auf Wuppertaler Stadtgebiet während der NS-Zeit.

Hintergrund Im Laufe des Jahres 1944 flohen vermehrt Zwangsarbeiter, darunter zahlreiche sogenannte „Ostarbeiter“, aus den Lagern, in denen sie untergebracht waren, und tauchten unter, indem sie sich beispielsweise in teilzerstörten Gebäuden versteckten. „Meist waren es Angehörige eines zerbombten Lagers, die nach einem Luftangriff obdachlos geworden waren und zusehen mußten, wie sie sich selbst ernähren konnten.“Herbert, Fremdarbeiter, S. 385. Lebensnotwendige Dinge beschafften sie sich häufig durch Einbrüche, Überfälle und Plünderungen, weshalb sie von den NS-Behörden als „ausländische Banden“ bezeichnet wurden.Speer, Zivile Arbeitskräfte, S. 465. In diesen Gruppen schlossen sich Menschen verschiedener Nationalitäten – hauptsächlich „Ostarbeiter“ und sowjetische Kriegsgefangene, aber auch Deutsche – zusammen, die aus verschiedenen Gründen als „illegal“ galten. Die Mitglieder dieser Gruppen hatten in der Regel keine politischen Motive, sondern handelten aus „schlichtem Überlebenswillen“, aus „Not, Wut und wilder Entschlossenheit“. Berührungen zum politischen Widerstand gab es eher selten.

Das Zentrum der „Banden“ im westdeutschen Raum befand sich ab Herbst 1944 in Köln, da es dort viele Unternehmen gab, in denen Ausländer arbeiten mussten. In der Stadt und ihrer Umgebung waren im Sommer 1944 rund 30.000 ausländische Zivilarbeiter, davon die Hälfte „Ostarbeiter“, registriert, hinzu kam eine unbekannte Zahl von Kriegsgefangenen; es gab rund 120 Lager. Der „Inspektor der Sicherheitspolizei und SD im Wehrkreis VI“ (Wehrersatzbezirk Düsseldorf) Walter Albath gab in einer späteren Zeugenaussage an, dass mit Näherrücken der Front besonders in Köln die „Bandenbildung“ aus ausländischen Arbeitern, deutschen Deserteuren und „anderen dunklen Elementen“ zugenommen habe, mit denen es zu regelrechten Kämpfen gekommen sei. Bis Ende des Jahres 1944 zerschlug die Kölner Gestapo mehrere dieser Gruppen. Mitglieder der Gruppen hätten sich deshalb und wegen der zunehmenden Zerstörung Kölns aufgeteilt und seien unter anderem in Wuppertal und in Essen wieder aufgetaucht. Die Gestapo vermutete auch politische Motive und befürchtete, dass sich die „Banden“ nach Partisanenart zu zentral gesteuerten und militärisch organisierten Einheiten entwickeln würden.Herbert, Fremdarbeiter, S. 384.

Nachdem die Alliierten im Herbst 1944 die Reichsgrenzen überschritten hatten, schrieb der Reichsführer SS und Reichsinnenminister Heinrich Himmler an den Höheren SS- und Polizeiführer West Karl Gutenberger in Düsseldorf: „Ich mache Sie für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung in Ihrem Wehrkreis persönlich verantwortlich und erteile Ihnen alle hierzu erforderliche Vollmacht.“Speer, Zivile Arbeitskräfte, S. 471. Am 24. Januar 1945 gab Walter Albath die Anweisung: „Die gegenwärtige Gesamtlage wird Elemente unter den ausländischen Arbeitern und auch ehemalige deutsche Kommunisten veranlassen, sich umstürzlerisch zu betätigen. Größte Aufmerksamkeit ist daher geboten. Dass der Feind Vorbereitungen getroffen hat, geht aus einer Meldung des O.B-West [Oberbefehlshaber West] hervor. Es ist in allen sich zeigenden Fällen sofort und brutal zuzuschlagen. Die Betreffenden sind zu vernichten […] ohne im formellen Weg vorher beim RSHA Sonderbehandlung zu beantragen.“ Am 26. Januar 1945 verfügte er, dass eine „Sonderbehandlung ausländischer Arbeiter bei der besonderen Lage im Wehrkreis VI auch ohne vorherige Genehmigung des Reichssicherheitshauptamtes durchzuführen“ sei. Danach konnten Tötungsbefehle von den Dienstvorgesetzten der Wuppertaler Gestapo und Kripo, dem Höheren SS- und Polizeiführer West Gutenberger, von Albath selbst oder vom Leiter der Gestapo-Leitstelle Düsseldorf Hans Henschke direkt, ohne den Umweg über Berlin, an das Wuppertaler Polizeipräsidium erlassen werden.

Die Geschehnisse in Wuppertal Überfall und Verhaftungen In der Nacht vom 21. auf den 22. Januar 1945 wurde ein Eisenbahnwaggon der Reichspost am Bahnhof Wuppertal-Wichlinghausen von einer Gruppe von „Ostarbeitern“ überfallen. Hierbei wurde ein Bahnmitarbeiter so schwer verletzt, dass er starb. In derselben Nacht wurde ebenfalls ein ukrainischer Zwangsarbeiter, der für die Reichsbahn arbeitete, erschossen aufgefunden. Zwei Tage später umstellte die Kriminalpolizei auf der Suche nach den Tätern ein Haus in Wuppertal-Heckinghausen, das von Zwangsarbeitern bewohnt war. Bei einem folgenden Feuergefecht kamen ein Polizeibeamter und zwei „unbekannte Russen“ ums Leben, weitere Beteiligte wurden verletzt. In diesem Zusammenhang wurde eine Gruppe von Menschen verhaftet.Bhatia, Stracke: Vergessene Opfer. S. 356.

Am 10. Februar 1945 erhängte sich der Schweißer Karl Igstaedter aus Wuppertal, dem in diesem Zusammenhang vorgeworfen wurde, „Beziehungen zu fremdvölkischen Einbrechern“ gehabt zu haben. Igstaedter war Mitglied der KPD und hatte ab 1943 Kontakte zu einer Gruppe sowjetischer Zwangsarbeiter, die auf dem Güterbahnhof Wichlinghausen arbeitete. Nach seinem Tod wurde seine Frau Hedwig in Haft genommen, wo sie sich ebenfalls erhängte. Drei weitere mutmaßlich beteiligte Deutsche wurden vor ein Sondergericht gestellt und hingerichtet.

Die gefangen genommenen Frauen und Männer wurden schwer misshandelt und gefoltert; so wurden ihnen Papierschnipsel zwischen die Zehen gesteckt und diese angezündet. Ihnen wurden über 70 Überfälle zur Last gelegt, in anderen Aussagen war von 400 Einbrüchen die Rede sowie von 34 Tötungsdelikten. Man habe bei der Festnahme Waffen gefunden sowie ein Lager mit Diebesgut. Laut der späteren Aussage eines Kripobeamten seien zunächst 80 Menschen festgenommen worden, von denen aber nur 38 in die Taten verwickelt gewesen seien.Speer, Zivile Arbeitskräfte, S. 477. Es sei eine „Kommission“ gebildet worden, die nach zwei Sitzungstagen 30 dieser Menschen – darunter sechs Frauen – zum Tode „verurteilt“ habe, von den übrigen acht seien einige nach Buchenwald deportiert worden. Die „Todesurteile“ seien „von Berlin“ (dem Reichssicherheitshauptamt) nachträglich bestätigt worden. Es ist nicht erwiesen, ob sich alle späteren Mordopfer wirklich etwas hatten zu Schulden kommen lassen oder ob darunter auch ausländische Arbeiter waren, die lediglich untergetaucht waren.Speer, Zivile Arbeitskräfte, S. 476.

Eine mitinhaftierte Deutsche, die wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt worden war, berichtete später von den Verbrennungen der sowjetischen Frauen und dass sie nicht behandelt wurden. Sie konnte Verbandszeug und Puder organisieren, weshalb die misshandelten Frauen Vertrauen zu ihr fassten und unter Tränen von den grausamen Verhören berichteten. Darunter befand sich die Kiewer Lehrerin Helena Matrosowa, die von der Zeitzeugin „als feine(n)r Mensch in den Umständen entsprechender noch immer sauberer und guter Kleidung“ beschrieben wurde. Die Zeugin berichtete später weiter, dass sie die „Russinnen“ einmal in der Woche zum Baden begleitete und dabei sah, dass ihre Körper voller blauer Flecken waren, die offensichtlich von Schlägen mit Gummiknüppeln stammten. Bis zum Abtransport der Frauen zum Exekutionsort war die Zeugin mit ihnen zusammen. Sie selbst überlebte bis zur Befreiung Wuppertals durch die Amerikaner am 16. April 1945.Die Zeitzeugin Edith Enz war bei der Präsentation des Buches Vergessene Opfer anwesend. Sie starb 2016 im Alter von 101 Jahren.

Die Hinrichtungen im Burgholz mini|Der Ort des Geschehens (2019)

Etwa Anfang Februar gab der Wuppertaler Gestapo-Chef Josef Hufenstuhl den Auftrag, im Burgholz mit Hilfe von Gefangenen ein Loch auszuheben.Speer, Zivile Arbeitskräfte, S. 478. Das genaue Datum der Exekutionen ist unbekannt. Es wird angenommen, dass sie am 21. März 1945 in den frühen Morgenstunden in der Nähe des Polizei-Schießstandes auf dem Burggrafenberg im Burgholz auf einer Lichtung erfolgten und 45 Minuten dauerten. Verantwortlich für die Durchführung vor Ort war laut Henschke, der selbst nicht dort war, Gestapo-Chef Hufenstuhl. Aber auch dieser überließ das Töten seinen Untergebenen mit der Erklärung, er werde „später nachkommen“.Speer, Zivile Arbeitskräfte, S. 479. Ein Polizeibeamter, der im Vorfeld zur Mitwirkung aufgefordert worden war, weigerte sich und blieb nach eigener Aussage an diesem Tag dem Dienst fern.

Nach Zeugenaussagen waren an den Erschießungen zwölf bis 15 Gestapo-Angehörige sowie zehn Kriminalbeamte beteiligt: „Die Russen mußten vor dem Grab knien, und es wurde ihnen von hinten in das Genick geschossen.“Bhatia, Stracke: Vergessene Opfer. S. 361. Die getöteten Menschen wurden in dem vorbereiteten Massengrab im Wald in der Nähe des Zimmerplatzes auf Küllenhahn verscharrt.

Am 12. oder 13. April 1945 wurde im Burgholz ebenfalls der Polizeioberleutnant Peter Schäfer, Kommandeur der Bonner Schutzpolizei, hingerichtet; einer der Täter war schon bei der Exekution der „Ostarbeiter“ beteiligt gewesen. Diese Exekution wurde nach einem Disziplinarverfahren gegen Schäfer wegen „defätistischer Äußerungen, Feigheit bei Luftangriffen und Vernachlässigung der Vorbereitung der Verteidigung der Stadt Bonn“ vom Höheren SS- und Polizeiführer West Gutenberger veranlasst. Die Lage von Schäfers Grab ist nicht bekannt.Bhatia, Stracke: Vergessene Opfer. S. 390.

Der Fund des Massengrabes Keine vier Wochen nach den Hinrichtungen, am 16. April 1945, wurde Wuppertal durch amerikanische Truppen befreit.

Rund drei Monate später, am 8. August 1945, verfügte der damalige Präsident der zuständigen Reichsbahndirektion,Speer schreibt „Reichsbahndirektion Düsseldorf“, eine solche gab es allerdings nicht. Vermutlich handelte es sich um die Reichsbahndirektion Wuppertal. dass die Hinterbliebenen der bei den Überfällen getöteten Kriminalbeamten sowie die verletzten Beamten eine Belohnung erhalten sollten, da es ihrem „restlosen Einsatz“ zu verdanken gewesen sei, dass eine „ganze Bande von Sackwagenräubern unschädlich“ gemacht worden sei.

Am 27. August 1945 wurden nach Hinweisen aus Widerstandskreisen drei Wuppertaler Kripobeamte vom French War Crimes Investigation Team verhaftet und verhört, dabei gaben sie offenbar die genaue Lage des Massengrabes im Burgholz an. Nur wenige Stunden später beging einer der drei Männer Suizid. Die Leichen der Opfer wurden am 28. August 1945 aufgefunden, die beiden in Haft befindlichen Kripo-Beamten mussten sich an der Bergung beteiligen.

Die Leichen wurden von der Field Investigation Section der War Crimes Group obduziert. Danach wurden 30 Opfer gezählt, sechs Frauen und 24 Männer. 20 von ihnen wurden als sowjetische Staatsbürger identifiziert.Bhatia, Stracke: Vergessene Opfer. S. 360 f. Nach späteren Recherchen waren es 20 russische und 10 ukrainische Opfer. In dem in den britischen National Archives in Kew archivierten Obduktionsbericht ist dem widersprechend von 20 Männern und zehn Frauen die Rede. Bis auf den durch die Zeugenaussage überlieferten Namen der Kiewer Lehrerin Helena Matrosowa konnte keines der Opfer identifiziert werden. Sie sind bis heute unbekannt.