Dirck Heynricxzoon de Raeff van Mullem (auch Dierick Mullem, Dierc Mulm; * vor 1550 am Niederrhein, vielleicht in Mülheim; † um 1604 in Vianen) war ein Buchdrucker und Verleger, der bis etwa 1570 in Wesel, seit etwa 1573 und wieder ab 1587/89 in Rotterdam und von 1583 bis 1587 in Vianen wirkte.

Leben Die Familie van Mullem stammte aus Mülheim (im örtlichen niederfränkischen Dialekt: Mölm) an der Ruhr. Dirck Mullem wurde „in den lande van Cleeff“ (Landesteil Kleve der Vereinigten Herzogtümer Jülich-Kleve-Berg) geboren.Jacob Smit: De aanslag van Cornelis de Hooghe tegen de veiligheid van den Staat 1583. In: Bijdragen voor vaderlandsche geschiedenis en oudheidkunde 10 (1939), S. 73–106, bes. S. 85. „Land van Cleeff“, das in einem Rotterdamer Verhörprotokoll von 1583 als Herkunftsangabe festgehalten wurde, kann auch für die Vereinigten Herzogtümer insgesamt stehen, deren gemeinsame Residenz sich in Kleve befand. Dann wäre – das ursprünglich bergische – Mülheim als der Geburtsort von Dirck de Raeff aus Mullem zu verstehen. Sein Vater hieß Heinrich.Jacob Smit: Dierck Mullem en zijn gevangenschap als medeplichtige aan den aanslag van Cornelis de Hooghe tegen de veiligheid van den Staat 1583. In: Het Boek 24 (1936/37), S. 101–108, bes. S. 107f. Der Beiname „de Raeff“Lijst der Nederlandsche Vertaal- en Woordenboeken, gedrukt voor 1700. In: Verslagen en mededeelingen der Koninklijke Vlaamsche Academie voor Taal- en Letterkunde (1891), S. 256–285, bes. S. 272 (PDF der Digitale Bibliotheek voor de Nederlandse Letteren). (mit Dehnungs-e = niederfränkisch „Raav“, „Raw“ u. ä.) bedeutet „Rabe“.

Wesel 1569 arbeitete „Dierik Mullem“ als Drucker in Wesel,Guillaume van Gemert: Der niederländische Bestand (zur früheren Sulzbacher Hofbibliothek). In: Morgen-Glantz. Zeitschrift der Christian Knorr von Rosenroth-Gesellschaft 19 (2009), S. 393–452, bes. S. 415 (Google-Books; eingeschränkte Vorschau). wo er in die Offizin von Pieter Overd’hage (* 1520; † 1604) eintrat, die dieser seinerseits von Jodocus Lambrecht (* um 1481; † um 1556/57)Aus Gent, um 1553/54 nach Wesel übersiedelt; vgl. ; Peter Jürgen Mennenöh: Duisburg in der Geschichte des niederrheinischen Buchdrucks und Buchhandels bis zum Ende der alten Universität (1818). (Duisburger Forschungen. Beiheft 13). (diss. phil. Bonn 1969). W. Braun, Duisburg 1970, ISBN 3-87096-024-8, S. 17, 39 und 265. übernommen hatte.Mechthild Bierbach: Die „Coniugaisons flamen-françoyses“ des Peter de Zuttere (Hyperphragme) und die Behandlung von Tempus und Modus am Beispiel von passé simple und conditionnel. In: Wolfgang Dahmen u. a. (Hrsg.): „Gebrauchsgrammatik“ und „Gelehrte Grammatik“. Narr, Tübingen 2001, S. 43–73. Mullems erste bekannte Drucke sind Werke des Mystikers Mathijs Wier († 1560), der am Druckort Wesel gelebt hatte.

Verbindungen nach Emden Dirck Mullem verfügte später über gute Kontakte nach Emden, druckte dort veröffentlichte Werke nach und verwendete Druckermarken dortiger Buchdrucker. Es spricht dafür, dass er seinem Mentor Pieter Overd’hage nach Emden gefolgt ist und Anfang der 1570er Jahre dort kurzzeitig in der Offizin Gailliart gearbeitet hat, die vom Emder reformierten Kirchenrat spiritualistischer, zwinglianischer oder täuferischer Neigungen verdächtigt wurde. Seine in Vianen gedruckte Ausgabe von t’Wonderboeck des David JorisDavid Joris: T'wonder-boeck: waer in dat van der uuerldt aen versloten gheopenbaert is. 2., überarbeitete Auflage mit Holzschnitten von Hieronymus Wierix. o. N. [Dirck Mullem] o. O. [Viannen] 1551 [= 1583/84] (Google-Books); vielleicht erschien auch eine unveränderte 3. Auflage Dirck Mullem, Rotterdam 1595. Erstausgabe bei Dirk van Borne, Deventer 1542-44. ließ Mullem 1583/84 von einem Emder Kaufmann vertreiben.Paul Valkema Blouw: Printers to the ‚Arch-Heretic‘ David Joris (1991). In: Ton Croiset van Uchelen, Paul Dijstelberge (Hrsg.): Dutch Typography in the Sixteenth Century. The Collected Works of Paul Valkema Blouw. Brill, Leiden 2013, S. 495–542, bes. S. 522.

Antwerpen und Rotterdam Um 1570 wurde Dierck Mullems Sohn Jacob offenbar in Antwerpen geboren. Seit etwa 1573 war Mullem der erste dauerhaft in Rotterdam tätige Drucker (bouckprinter). Er druckte unter anderem niederdeutsche Ausgaben der Nachfolge Christi des Thomas von Kempen († 1471), des Neuen Testaments und der Bibel in duyts von Jacob van Liesvelt bzw. des Mennoniten Nikolaes Biestkens d. Ä. († 1562),Martin Tielke: Nicolaes BIESTKENS. In: Biographisches Lexikon für Ostfriesland, Bd. II. Ostfriesische Landschaft, Aurich 1997, S. 33f (PDF der Ostfriesischen Landschaft). des Heidelberger Katechismus und ein Liedboeck des Hans de RiesAnonym [= Hans de Ries]: Lietboeck Inhoudende Schriftuerlijcke Vermaen Liederen. Dirck Mullem, Rotterdam 1582 (Google-Books). oder Werke von Pieter Overd’hage (zweisprachig Flämisch-Französisch),Pierre Anastaise Hyperphragme, Gentoise (= Pieter Overd’hage): Eene forme ende maniere der coniugatien in nederduytsch ende fransoys. Dierk de Raef van Mullem, Rotterdam 1576 (Google-Books). Johannes Saliger und Noël de Berlaymont († 1530).

Konspiration des Cornelis de Hooghe 1583 wurde in s’Gravenhage der Kupferstecher Cornelis de Hooghe (Cornelius Hogius) (1541–1583) wegen Konspiration für Spanien gegen Wilhelm I. von Oranien und die Generalstaaten als Landesverräter enthauptet und gevierteilt. In Rotterdam wurde Dirk Mullem in diesem Zusammenhang verhaftet und der Mitwirkung an der Verschwörung beschuldigt. Cornelis de Hooghe wollte 4000 Exemplare einer Schrift Hoognoodig Advertissement drucken und 600 von ihm selbst als „Cornelis van Ostenrijk, bastaard van den Keiser Kaerle de Vijfde“ unterzeichnete Flugblätter an die führenden Repräsentanten aller Städte verteilen lassen. Dirck Mullem hatte sich zwar geweigert, die aufrührerischen Pamphlete – deren Inhalt ihm angeblich unbekannt geblieben war – zu drucken, aber den Magistrat der Stadt nicht informiert. Nach alternativen Druckorten gefragt, hatte er auf den Tod des Druckers in Emden (gemeint ist wohl Willem Gailliart)Martin Tielke: Johan GAILLIART (GALLIART, GAILLART, GEILLYAERT, GHEYLLIAERT, GUAILLART). In: Biographisches Lexikon für Ostfriesland, Bd. I. Ostfriesische Landschaft, Aurich 1993, S. 156f (PDF der Ostfriesischen Landschaft). hingewiesen und bezweifelt, dass jemand in Rees (dort arbeitete Derick Wylick van Xanten) den brisanten Auftrag übernehmen würde. Mullem, der aus dem Gefängnis Eingaben an die Generalstaaten und Wilhelm I. gerichtet hatte, wurde wegen Mitwisserschaft für sechs Jahre aus Holland ausgewiesen.Dirck Pietersz. Pers: De Verwarde Adelaer, en Ontstelde Leeuw. Dirck Pietersz. Pers, Amsterdam 1647, S. 850 (Google-Books) u. a.

Viannen Von 1583 bis 1587 war Mullem im Exil in der Stadt Vianen tätig, die in einer reichsfreien Herrschaft der Grafen von Brederode in der Nähe von Utrecht lag. Dirck Mullem trat hier besonders als Verleger der mystisch-spiritualistisch, täuferisch (mennonitisch) oder unitarisch gesinnten Dissidenten Mathijs Wier, David Joris, Caspar Jansz. Coolhaes (1536–1615), Hermann Herbertsz. (1540–1607)Hermann Herbertsz.: Corte verclaringhe over de woorden Pauli gescreven totten Romeynen Cap. 2. vs. 28. Dierick Mullen o. O. [Viannen] 1584 (Google-Books). und Erasmus JohannisPhilip Knijff, Sibbe Jan Visser: Bibliographia Sociniana. A Bibliographical Reference Tool for the Study of Dutch Socinianism and Antitrinitarianism. Uitgeverij Verloren, Hilversum 2004, Nr. 1045, S. 48 (Google-Books). hervor. Zur Tarnung versah er manche Druckausgaben – wie z. B. eine von dem Emder Kaufmann und Schiffer Hendrick Jacobsz. 1582 bestellteOtto S. Knottnerus: ‚Gijlieden / die aen alle wateren zaeyt‘. Doperse immigranten in het Noordduitse kustgebied (1500-1700). In: Doopsgezinden Bijdragen 20 (1994), S. 11–60, bes. Anm. 67. und finanzierteMartin Tielke: David JORIS (Pseudonym: Johann von BRUCK). In: Biographisches Lexikon für Ostfriesland, Bd. IV. Ostfriesische Landschaft, Aurich 2007, S. 238–242 (PDF der Ostfriesischen Landschaft).Eugénie Droz: Sur quelques traductions françaises d'écrits de David Joris. In: Het boek 37 (1965), S. 152–162, bes. S. 161. Neuauflage von t’Wonderboeck des David Joris († 1556) – mit der falschen Datumsangabe „1551“. In Vianen besaß Mullem darüber hinaus eine Brauerei.

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