mini|Tadschikisches Zeremonialmusikensemble bei einer Hochzeit mit einer Langtrompete karnai, einer Kegeloboe surnai und mehreren Rahmentrommeln doira.

Karna (arabisch, , Hindi karnā, , auch karnaj, usbekisch karnay, ) ist eine Naturtrompete aus Metall, deren Name zuerst im biblischen Buch Daniel erwähnt wird, die im Mittelalter zu den persischen Militärmusikkapellen und im indischen Mogulreich zum Repräsentationsorchester naqqāra-khāna gehörte und die bis heute mit diesem Namen in der Zeremonialmusik in Zentralasien und Nordindien verbreitet ist.

Die seit der Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. aus Mesopotamien und dem Alten Ägypten bekannten Trompeten dienten in beiden Regionen als Signalinstrumente bei Zeremonien, Kriegen und Arbeitseinsätzen. Sie konnten nur ein oder zwei Töne in einem bestimmten Rhythmus produzieren. Karnā geht auf Aramäisch qarnāʾ, Hebräisch qeren und Akkadisch qarnu zurück. Neben dem arabischen Wort būq für Blechblasinstrumente allgemein (Hörner und Trompeten) bezeichnete in mittelalterlichen arabischen Texten nafīr überwiegend eine schlanke, zylindrische, schrill tönende Metalltrompete, būq eine etwas kürzere, konische Trompete und karnā eine bis zu zwei Meter lange konische, manchmal S-förmig gebogene Trompete. Die Trompetentypen nafīr und karnā wurden in Iran zusammen mit diversen Trommeln und anderen Perkussionsinstrumenten bis Anfang des 20. Jahrhunderts im naqqāra-khāna eingesetzt. Heute ist die karnā in Usbekistan und Tadschikistan eine lange, überwiegend zylindrische Metalltrompete und in Nordindien eine gerade, konische Metalltrompete, die lang und dünn oder kurz und weit sein kann.

Herkunft Ritualtrompeten mini|Zweiteilige konische Messingtrompete karnal mit breitem Schallbecher vor einem Tempel in Mandi im nordindischen Bundesstaat Himachal Pradesh.

Die ältesten Trompeteninstrumente, die durch eine periodisch veränderte Lippenspannung nach dem Tonerzeugungsprinzip der Polsterpfeife die Blasluft in einer Röhre in Schwingungen versetzen, bestanden aus vorgefundenen Tierhörnern, Knochen, Schneckenhörnern oder pflanzlichen Materialien wie Kalebassen oder Bambusröhren. Später wurden die Naturformen mit Rinde, Holz oder Metallblech nachgebaut. Die Unterscheidung dieser einfachen Blasinstrumente in Naturtrompeten oder Naturhörner ist nicht mit eindeutigen Kriterien festzulegen; tierische Hörner oder kurze, gekrümmte und konische Röhren bezeichnet man eher als „Horn“ und längere, gerade und überwiegend zylindrische Röhren aus Pflanzenmaterial oder Metall eher als „Trompete“.Alfons Michael Dauer: Tradition afrikanischer Blasorchester und Entstehung des Jazz (Beiträge zur Jazzforschung, Band 7). Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1985, S. 45 Trompetenistrumente werden allgemein meist längs, afrikanische Tierhörner wie das südafrikanische Antilopenhorn phalaphala werden jedoch überwiegend quer angeblasen.Anthony Baines, 1976, S. 45

Unabhängig von Form, Material und Benennung dienen Naturtrompeten seit alter Zeit in erster Linie magisch-religiösen Zwecken und weniger als Musikinstrumente. Hierzu sind sie auch kaum geeignet, weil sie nur einen, zwei oder wenige Töne der Naturtonreihe produzieren können. Am Anfang standen zylindrische Holzröhren („Längstuben“) wie bis heute die aporo in Ostafrika, die von beiden Seiten geblasen werden kann. Frauen der Labwor in Nordostuganda begrüßten mit einem tiefen Brummton ihre erfolgreich von der Jagd oder der Plünderung eines Nachbardorfes heimkehrenden Männer.Timkehet Teffera: Aerophone im Instrumentarium der Völker Ostafrikas. (Habilitationsschrift) Trafo Wissenschaftsverlag, Berlin 2009, S. 303f Ansonsten vernahmen Teilnehmer bei Beerdigungen im Brummen solcher magischen Längstuben (darunter beispielsweise die mabu der Salomonen) die Stimmen der Ahnen. Mutmaßlich jünger als Schwirrgeräte, aber noch älter als Trommeln, gehörten die Längstuben zu den ersten rituellen Klangproduzenten.Anthony Baines, 1976, S. 41

Holztrompeten vom Typus des Schweizer Alphorns wie die ukrainische trembita und die nordpolnische bazuna sind vielleicht als Nachahmungen antiker Metalltrompeten in die Hirtenkultur übergegangen, wahrscheinlicher gehören sie zu einer allgemeinen indoeuropäischen Hirtentradition. In dieser dienen die Trompeten eher als Signalinstrumente und nur teilweise rituellen Zwecken, etwa bei Begräbnissen und im Fall der Holztrompete puch der Mari in Russland zur Baumverehrung. Eine ähnliche rituelle Funktion bei Begräbnissen wird von Langtrompeten der Naga in Assam (Nordostindien) erwähnt, deren konische Röhre – möglicherweise als Nachbildung der in der Himalayaregion verwendeten metallenen Ritualtrompeten (dungchen) – aus mehreren ineinandergesteckten Bambusröhren unterschiedlicher Größe besteht und die ansonsten von Hirtenjungen als Signalinstrumente eingesetzt wurden.Anthony Baines, 1976, S. 49, 52

Einen besonderen Weg nahm die musikalische Entwicklung von einigen Eintontrompeten in Afrika, die wie beim waza-Orchester im sudanesisch-äthiopischen Grenzgebiet, deren Mitglieder mit unterschiedlich gestimmten Kalebassentrompeten, von denen jede nur einen Ton hervorbringt, Melodien spielen. Die Gruppe der von einem Musiker geblasenen Trompeten verhält sich musikalisch wie eine aus Eintonflöten gebündelte Panflöte. In Europa verhalf dagegen die Einführung von Ventilen, Klappen und Stimmzügen den Blechblasinstrumenten zu einem chromatischen Tonvorrat und dadurch zu den breiten musikalischen Einsatzmöglichkeiten der Trompeten weit über die vorherige Verwendung bei der Jagd und beim Militär hinaus. In Asien fand weder die eine noch die andere Entwicklung statt und traditionelle asiatische Trompeten sind bis heute mit ihrem magisch-religiösen Hintergrund Zeremonialinstrumente bei weltlichen und religiösen Anlässen geblieben, die sich kaum zur Melodiebildung eignen.Sibyl Marcuse, 1975, S. 816

Antike Trompeten mini|Trompetenfund „karna“ vom Iranischen Hochland, um 500 v. Chr. Persepolis-Museum.

Die frühesten trompetenähnlichen Funde aus Silber und Gold sind 10 bis 20 Zentimeter lang und stammen vom Iranischen Hochland (ausgegraben in Tepe Hissar, Gorgan und Schahdad, Provinz Kerman). Sie werden zwischen 2200 und 1750 v. Chr. datiert und gehören zur weiter nördlich in Zentralasien gelegenen Oasenkultur (Bactria–Margiana Archaeological Complex, BMAC).Bo Lawergren: Iran. I. Pre-Islamic. 2. 3rd millennium bce. (iii) Trumpets. In: Grove Music Online, 2001 Die kurzen Trompeten aus dem Gebiet zwischen Nordafghanistan und Südtadschikistan werden nach dem antiken Namen des Flusses Amudarja „Oxus-Trompeten“ genannt. Der sehr hoch tönende und möglicherweise bei der Jagd verwendete Trompetentyp ist durch einen teilweise als ein Kopf oder mehrere Köpfe mit menschlichen Gesichtszügen gestalteten Wulst in der Mitte der Röhre charakterisiert.Vgl. Bo Lawergren: Oxus Trumpets, ca. 2200–1800 BCE. In: Iranica Antiqua, Band 38, Januar 2003, S. 41–118

Die vermutlich älteste Darstellung einer geraden Trompete ist auf einem bruchstückhaft erhaltenen sumerischen Steinrelief aus Ḫafāǧī zu sehen, das auf etwa 2600 v. Chr. in die Mesilim-Zeit datiert wird.Subhi Anwar Rashid: Musikgeschichte in Bildern. Band 2: Musik des Altertums. Lieferung 2: Mesopotamien. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1984, S. 60 Um 2400 v. Chr. wurden in Mesopotamien Trompeten als Ritualinstrumente schriftlich erwähnt. Abbildungen aus der Mitte des 13. Jahrhunderts v. Chr. zufolge handelte es sich um endgeblasene Kupfertrompeten, die als Nachahmung eines Tierhorns leicht gekrümmt waren. Nordeuropäische bronzezeitliche Luren vom Ende des 2. Jahrtausends bis zur Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr., die meist paarweise gefunden wurden, stellen mit ihrer gekrümmten Form vermutlich Weiterentwicklungen von zuvor rituell geblasenen Ochsenhörnern dar.Sibyl Marcuse, 1975, S. 746f

Die mutmaßlich älteste ägyptische Trompetenabbildung ist ein Relief in der Vorhalle der Mastaba des Kagemni (in Sakkara) vom Übergang der 5. zur 6. Dynastie (um 2400 v. Chr.), das eine Reihe von Würdenträgern bei der Überfahrt über den Nil darstellt. Zwischen den Ruderern steht ein Junge, der in der rechten Hand waagrecht ein Blasinstrument hält. Obwohl nur eine dünne Röhre ohne Schallbecher zu sehen ist, erkennt Hans Hickmann (1961) wegen der einhändigen Spielhaltung eine Trompete, die bei einem Totenkult eingesetzt wird.Hans Hickmann: Musikgeschichte in Bildern. Band 2: Musik des Altertums. Lieferung 1: Ägypten. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1961, S. 40 Im Alten Ägypten wurden scheneb genannte Metalltrompeten den meisten bildlichen Darstellungen zufolge von einem Spieler geblasen, der – wie in der Grabkapelle des Nebamun, Anfang 14. Jahrhundert v. Chr.Hans Hickmann, 1961, S. 74 – eine Truppe von marschierenden Soldaten oder eine Parade leitete, die übrigen Trompeten gehörten zu königlichen Zeremonien. Aus dem Grab des Tutanchamun (reg. um 1332–1323) stammen zwei gut erhaltene kurze Trompeten, die bestätigen, dass die dargestellten Instrumente Metalltrompeten waren.

Es ist unklar, inwiefern für die im Alten Testament genannten Musikinstrumente eine kulturelle Klassifizierung nach festgelegten Kriterien existierte; sie besaßen jedenfalls damals eine symbolische Bedeutung, nach der sie nicht durchgängig einheitlich und mit gewissen Überlappungen eingeteilt werden. Zu den Musikinstrumenten der frühen nomadischen Zeit mit einer magischen Bedeutung gehören das gebogene Widderhorn schofar, die gerade Metalltrompete chazozra (hasosrah), die Rahmentrommel tof und die Zimbeln mesiltayim (in der Septuaginta kimbalom). Daneben gab es Instrumente der städtischen Musik und Kunstmusik während der Königreiche (Leier kinnor, größeres Zupfinstrument nevel und Blasinstrument chalil). Zu den sakralen Musikinstrumenten am Tempel gehörten wiederum schofar, chazozra, chalil, kinnor, nevel und mesiltayim.Joachim Braun, 2001, S. 11

Der hebräische Name der aus gehämmertem Silber bestehenden Metalltrompete, chazozra (Plural chazozrot), kommt 31 Mal im Alten Testament vor, in den meisten Fällen als Kultinstrument der Priester und nur drei Mal im Zusammenhang mit Krieg (darunter ). Joachim Braun (2002) zufolge ist chazozra vermutlich mit dem arabischen Verb hsr („heulen“, „schreien“) verbunden,Joachim Braun, 2002, S. 14 während David Wulstan die entsprechende hebräische Konsonantenwurzel mit „Gehäuse“, „Umzäunung“, folglich „Röhre“, übersetzt.David Wulstan: The Sounding of the Shofar. In: The Galpin Society Journal, Band 26, Mai 1973, S. 29–46, hier S. 30 Damit ist der Name der israelitischen Metalltrompete nicht aus dem Ägyptischen abgeleitet; nach weit verbreiteter Ansicht scheint jedoch die chazozra von den in Form und Material ähnlichen altägyptischen Militärtrompeten scheneb abzustammen, wenn auch ein Einfluss von Trompeten der Philister oder Phönizier nicht auszuschließen ist. Eine der beiden Exemplare im Grab des Tutanchamun ist 58 Zentimeter lang und besteht aus Silber, die andere, 49 Zentimeter lange besteht aus teilweise vergoldetem Bronzeblech. Beide Grabfunde produzieren zwei brauchbare Töne in ungefähr demselben Intervall wie auch eine über 1000 Jahre jüngere Trompete aus der griechisch-römischen Zeit (1. Jahrhundert v. Chr.).Percival R. Kirby: Trumpets of Tut-Ankh-Amen and Their Successors. In: The Journal of the Royal Anthropological Institute of Great Britain and Ireland. Band 77, Nr. 1, 1947, S. 33–45, hier S. 35, 37

mini|Hellenistisches Wandbild in einer Grabhöhle beim antiken Ort Marescha. Langtrompete tuba in einer magischen Funktion bei der Jagd, 3. Jahrhundert v. Chr.