mini|Kastell Slăveni im Verlauf der dakischen Limites
Das Kastell Slăveni ist ein ehemaliges römisches Hilfstruppenlager auf dem Gebiet der Gemeinde Gostavățu, Kreis Olt, in der rumänischen Region Kleine Walachei. In antiker Zeit war es Bestandteil des Limes Alutanus und gehörte administrativ zur Provinz Dacia inferior, später zur Dacia Malvensis. Gemeinsam mit insgesamt 277 Stätten des Dakischen Limes wurde das Kastell Slăveni 2024 zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben.
Lage Im heutigen Siedlungsbild liegt das ehemalige Kastell und jetzige Bodendenkmal im Zentrum der Gemeinde Gostavățu, in der Flur „Cetate“.Nicolae Gudea: Der Dakische Limes. Materialien zu seiner Geschichte. In: Jahrbuch des Römisch Germanischen Zentralmuseums Mainz. 44, 2, 1997, S. 83, (Digitalisat.) Das Kastellgelände ist nicht überbaut, was dazu geführt hat, dass durch Steinraub und Raubgrabungen in der Vergangenheit einiger Schaden an den Strukturen angerichtet wurde. Östlich des Kastellareals, zwischen diesem und dem Fluss Olt, erstreckte sich der Auxiliarvicus. In antiker Zeit hatte die Kastellbesatzung die Aufgabe, den Verkehr auf dem Fluss und auf der parallel zu diesem verlaufenden Limesstraße zu überwachen. Darüber hinaus galt es, einen in der Nähe befindlichen Flussübergang ins Barbaricum zu kontrollieren. Innerhalb der Kastell-Linie des Limes Alutanus scheint dem Kastell eine Schlüsselposition zugekommen zu sein.Dumitru Tudor, Gheorghe Popilian, Dorel Bondoc und Nicolae Gudea: Castrul roman de la Slăveni. Editura Mega, Cluj-Napoca 2011, ISBN 978-606-543-198-0, (Digitalisat), S. 23.
Forschungsgeschichte
Die überlieferten Kenntnisse von einem römischen Siedlungsplatz in Slăveni reichen bis ins 18. Jahrhundert zurück. Es handelt sich dabei um Erwähnungen im Zusammenhang mit militärgeographischen Untersuchungen der Region. Den ersten Versuch einer systematischeren Beschreibung machte August Treboniu Laurian 1845.Laurian in Istriana, Magazin istoric pentru Dacia, II (1846), S. 65–127. Diese wurden 1851 durch die Beobachtungen von Johann D. F. Neigebaur, dem preußischen Konsul in Bukarest ergänzt.Johann D. F. Neigebaur: Dacien nach den Überresten Klass. Altertums. Kronstadt, 1854, S. 116f. Die erste ernstzunehmende Ausgrabung wurde 1893 in einer kurzen, aber intensiven Grabungskampagne, die drei Wochen lang dauerte und an der 50 Soldaten als Hilfskräfte beteiligt waren, unter der Leitung von Grigore Tocilescu und Pamfil Polonic durchgeführt. Systematische Erforschungen nach modernen wissenschaftlichen Kriterien erfolgten in den Jahren 1962 bis 1981 durch ein Wissenschaftlerkollektiv unter der Leitung von Dumitru Tudor. Viele der an den damaligen Ausgrabungen beteiligten Studenten entwickelten sich später ihrerseits zu provinzialrömischen Archäologen.Dumitru Tudor, Gheorghe Popilian, Dorel Bondoc und Nicolae Gudea: Castrul roman de la Slăveni. Editura Mega, Cluj-Napoca 2011, ISBN 978-606-543-198-0, (Digitalisat), S. 10f.
Archäologische Befunde
Im Rahmen der oben beschriebenen archäologischen Untersuchungen gelang es, zwei verschiedene Hauptbauphasen und eine Reparaturphase innerhalb der zweiten Bauphase zu differenzieren. Ferner konnten der Auxiliarvicus, die Thermen, die Gräberfelder und eine Töpferwerkstatt lokalisiert sowie der Verlauf der Limesstraße näher untersucht werden.Dumitru Tudor, Gheorghe Popilian, Dorel Bondoc und Nicolae Gudea: Castrul roman de la Slăveni. Editura Mega, Cluj-Napoca 2011, ISBN 978-606-543-198-0, (Digitalisat).
Holz-Erde-Lager 1 und 2 Das früheste Holz-Erde-Lager 1 entstand während der frühen Okkupationszeit durch die nach Norden vorrückenden Truppen und bestand für knapp zwei Jahrzehnte darüber hinaus. Archäologische Befunde aus dieser ersten Phase liegen kaum vor, jedoch sind wir inschriftlich über die daran beteiligten Truppenteile unterrichtet.Dumitru Tudor, Gheorghe Popilian, Dorel Bondoc und Nicolae Gudea: Castrul roman de la Slăveni. Editura Mega, Cluj-Napoca 2011, ISBN 978-606-543-198-0, (Digitalisat), S. 254.
Nach der Konstituierung der Provinz Dacia inferior unter Hadrian, etwa um die Jahre 119/220 wurde das neue Holz-Erde-Lager 2, diesmal als reguläres Standlager einer Ala, errichtet, das zu den bedeutendsten Lagern der neu errichteten Provinz zählte.Dumitru Tudor, Gheorghe Popilian, Dorel Bondoc und Nicolae Gudea: Castrul roman de la Slăveni. Editura Mega, Cluj-Napoca 2011, ISBN 978-606-543-198-0, (Digitalisat), S. 254f. Dieses besaß einen rechteckigen Grundriss von 169 m mal 190,4 m, was einer Fläche von 3,21 Hektar entspricht. Mit seiner Praetorialfront (Vorderseite) war es nach Nordosten hin orientiert. Umwehrt war es mit einem 6,00 m breiten und 1,00 m hohen Holz-Erde-Wall. Auf dem Befestigungswall befand sich ein 1,10 m breiter Patrouillenweg aus Ziegelsteinen, die direkt ins Erdreich verlegt waren.Felix Marcu: The Internal Planning of Roman Forts of Dacia. (= Bibliotheca Mvsei Napocensis XXX), Mega Publishing House, Cluj-Napoca 2009, ISBN 978-606-543-058-7, S. 227. Als Annäherungshindernisse dienten zwei Gräben, von denen der innere 4,80 m breit und 3,50 m tief war, während der äußere nur eine Breite von 4,30 m und eine Tiefe von 3,15 m erreichte. Vor den Kastelltoren waren beide Gräben unterbrochen. Von der Innenbebauung konnten die Lagerhauptstraßen, die Principia und insgesamt sechs Holzbaracken identifiziert werden. Die Agglomeration zahlreicher Truppen (siehe weiter unten) in der ersten Bauphase hatten wohl zu der ungewöhnlichen Größe des Lagers geführt, die auch in der zweiten Bauphase erhalten blieb.Dumitru Tudor, Gheorghe Popilian, Dorel Bondoc und Nicolae Gudea: Castrul roman de la Slăveni. Editura Mega, Cluj-Napoca 2011, ISBN 978-606-543-198-0, (Digitalisat), S. 25.
Steinkastell Mittels einer Bauinschrift konnte die Errichtung des Steinkastells auf das Jahr 205 datiert werden. Das Original der Inschrift befindet sich im Muzeul Național de Istorie a României (Nationalmuseum der Geschichte Rumäniens) in Bukarest. Die Bauinschrift lautet in Majuskeln: [ ]M[ ] L SEP[ ] SEVER[ ] PE[ ] AVG [ ]AB AD[ ] PARTH MAX TRIB POT XIII [ ]ERAT[ ] COS III P P ET [ ] CAES M [ ]NT[ ]NI[ ]VS PIVS AVG COS II [ ]ONTIF MAX [ ]IIII ALAE I HISPANOR [ ]M[ ]S FECERV[ ]TInschrift in Majuskeln und Transkription in der Epigraphischen Datenbank Heidelberg, abgerufen am 7. April 2019.
Sie wird zu folgendem Text transkribiert: [I]m[p(erator) Caes(ar)] L(ucius) Sep[t(imius)] Sever[us Pius] Pe[rtinax] Aug(ustus) / [Ar]ab(icus) Ad[iab(enicus)] Parth(icus) max(imus) trib(unicia) pot(estate) XIII / [imp]erat[or XI] co(n)s(ul) III p(ater) p(atriae) et / [Imp(erator)] Caes(ar) M(arcus) [Aur(elius) A]nt[o]ni[n]us Pius Aug(ustus) co(n)s(ul) II / [p]ontif(ex) max(imus) [tr(ibunicia) pot(estate) V]IIII alae I Hispanor(um) / [a funda]m[enti]s(?) feceru[n]t
Danach wurden in dem Jahr die Fundamente des Kastells erneuert, als Septimius Severus (193–211) zum dreizehnten Mal im Besitz der tribunizischen Gewalt, zum elften Mal Imperator und zum dritten Mal Konsul war (= 205). mini|Grundriss des Steinkastells Gegenüber dem Holz-Erde-Lager wurde das Kastell noch einmal ein wenig erweitert und beanspruchte nun mit seinem rechteckigen Grundriss von 198 m mal 176,60 m eine Grundfläche von 3,5 Hektar. Umwehrt wurde es mit einer 1,40 m mächtigen Mauer, die in der Technik des Opus incertum konstruiert war. Vor der Mauer verlief als Annäherungshindernis ein dreifaches Grabensystem. Die Abmessungen der beiden inneren Gräben entsprachen denen des Holz-Erde-Lagers. Der äußere Graben war sechs Meter breit und 3,30 m tief. Im Gegensatz zu den beiden anderen Gräben war er nicht vor den Kastelltoren unterbrochen. Die Ecken der Wehrmauer waren mit trapezförmigen (4,6 m / 5,0 m / 5,0 m / 6,5 m) Ecktürmen besetzt. Sich an dem älteren Holz-Erde-Lager orientierend war das Kastell mit seiner Praetorialfront (Vorderfront) nach Nordosten hin ausgerichtet und mit insgesamt vier Toren versehen. Drei der Tore hatten eine einfache Durchfahrt von sieben Metern Breite, die Porta praetoria (Haupttor) besaß eine doppelte Durchfahrt, war insgesamt jedoch nur 6,50 m breit. Flankiert wurden die Tore von nach innen vorspringenden Tortürmen. Bei der Porta praetoria wurde ein Turmgrundriss von 5,45 m mal 6,67 m ermittelt.Nicolae Gudea: Der Dakische Limes. Materialien zu seiner Geschichte. In: Jahrbuch des Römisch Germanischen Zentralmuseums Mainz. 44, 2, 1997, S. 84, (Digitalisat).
In der Zeit des Philippus Arabs (244–249) fanden Reparaturmaßnahmen statt, von denen jedoch nur die Innenbauten des Lagers betroffen waren. Nur kurze Zeit später, vermutlich während eines Einfall der Goten in den Jahren 249 bis 251, wurde das Kastell zerstört und nicht wieder neu errichtet.Dumitru Tudor, Gheorghe Popilian, Dorel Bondoc und Nicolae Gudea: Castrul roman de la Slăveni. Editura Mega, Cluj-Napoca 2011, ISBN 978-606-543-198-0, (Digitalisat), S. 45–47.
Im Innenbereich wurden die Via praetoria (Lagerhauptstraße), die Via principalis (große Lagerquerstraße), die Via quintana (rückwärtige Lagerquersstraße) und die Via decumana (rückwärtige Lagerstraße) lokalisiert und untersucht. Die Via praetoria war 16,20 m breit und auf beiden Seiten von 1,50 m tiefen Portiken flankiert. Ihr Belag bestand aus einer Pflasterung aus Fels- und Backsteinbrocken. Die Via principalis war 24,00 m breit und ungepflastert. Die Breite der Via decumana belief sich auf 14,20 m, die der Via quintana auf 13,00 m; lediglich die erste der beiden war mit einer Pflasterung bedeckt.Felix Marcu: The Internal Planning of Roman Forts of Dacia. (= Bibliotheca Mvsei Napocensis XXX), Mega Publishing House, Cluj-Napoca 2009, ISBN 978-606-543-058-7, S. 227f.
Principia mini|Grundriss der Principia des Steinkastells Die, wie üblich, im Zentrum des Kastells befindlichen Principia (Stabsgebäude), wurden auf einem knapp einen Meter dicken Steinfundament aus Backsteinen errichtet. Die Principia maßen 43,20 m mal 37,40 m und nahmen somit eine Grundfläche von 1.615 Quadratmetern ein. Dies entspricht einem Anteil von 4,6 % der gesamten Kastellfläche, was unterdurchschnittlich und vermutlich dem Umstand geschuldet ist, dass die Lagerstraßen in Slăveni außergewöhnlich breit konzipiert waren. Der Eingang war 4,40 m breit und auf jeder Seite von drei Räumen flankiert, die als fünf Meter tiefe Raumflucht den Gebäudekomplex zur Via principalis hin abschlossen. Der Eingang öffnete sich zu einem 16,40 m mal 28,50 m (= 467,40 m²) großen Innenhof, der von Portiken gesäumt, und auf der rechten und der linken Seite von jeweils vier weiteren Räumlichkeiten flankiert war. Ungewöhnlich viele Waffenfunde weisen darauf hin, dass zumindest einige dieser Räume als Armamentaria (Waffenkammern) gedient haben. Auf den Innenhof folgte eine 35,40 m mal 9,00 m (= 318,6 m²) große Basilika, deren Rückseite von einer Flucht aus mehreren Räumen abgeschlossen wurde. Im Zentrum dieser Raumflucht befand sich das mit einer Apsis und einem Keller für die Truppenkasse versehene Fahnenheiligtum (aedes oder sacellum). Dieses wies mit einer Grundfläche von 10 m mal 10 m und einem Apsidenradius von 5,60 m eine beachtliche Größe auf.Felix Marcu: The Internal Planning of Roman Forts of Dacia. (= Bibliotheca Mvsei Napocensis XXX), Mega Publishing House, Cluj-Napoca 2009, ISBN 978-606-543-058-7, S. 229f.
Praetorium