Techniken der Propaganda und Manipulation werden unter anderem in Logik und Rhetorik, Kognitionspsychologie, Massenpsychologie, Totalitarismusforschung, Medienkritik, Public Relations und Werbung oder Marketing analysiert. Auch im Bereich der hybriden Kriegsführung und der psychologischen Operationen (PSYOPS), der Gehirnwäsche und Umerziehung spielen sie eine entscheidende Rolle.
Klassifikationen Henry T. Conserva Henry T. Conserva ordnet in seinem Handbuch der Propagandatechnik 89 ausgewählte Techniken sieben Typen zu, die jeweils einem Kapitel entsprechen:
Logische Fehler Ablenkung und Vermeidung (Diversion and Evasion) Appell an Gefühle (Appealing to the Emotions) Falsche Tatsachen und Irreführung (Using Falsehoods and Trickery) Ausnutzung menschlicher Verhaltenstendenzen, geistiger Fähigkeiten und Prozesse (Playing on Human Behavioral Tendencies, Mental Capacities and Processes) Stil im Sprechen und Schreiben (Speaking or Writing Styles) Vernunft und gesunder Menschenverstand (Reason or Common Sense).
Bezüge zu unterschiedlichen Wissenschaftsfeldern Psychologie Eine Reihe von Techniken werden psychologisch eingeordnet, analysiert und interpretiert, etwa in der politischen Psychologie, der Massenpsychologie, der Sozialpsychologie und der Kognitionspsychologie, die kognitive Verzerrungen untersucht.
Logik und Rhetorik Viele dieser Techniken werden unter logischem Gesichtspunkt als so genannte Fehlschlüsse kategorisiert, da Propagandisten Argumente verwenden, die zwar psychologisch wirksam, aber nicht unbedingt logisch gültig sind. Dieselben oder ähnliche Techniken werden auch in der Theorie der Argumentation als Scheinargumente analysiert.
In der Rhetorik und Dialektik wurden und werden sie als Sophismen, Verfahren der Rabulistik und eristische Stratageme dargestellt (vgl. Schopenhauers Eristische Dialektik).Arthur Schopenhauer: Eristische Dialektik. Haffmans Verlag, 1995, ISBN 3-458-33358-4
Auch mit dem Bereich der rhetorischen Stilmittel literarischer und nicht-literarischer Texte gibt es Überschneidungen.
Gemeinsamkeiten Die Gemeinsamkeiten aller Techniken sind: die emotionalisierende Suggestion, der Appell an Grundbedürfnisse und Urängste, Instinkte, die Werte und Mythen der Gesellschaft, der mangelnde Bezug zur Realität, die Vereinfachung, die Abkürzung oder Auslassung der rationalen Analyse, die Ausschaltung von Widerspruch, Zweifel und Diskurs, das Freund-Feind-Schema, der Anspruch auf allgemeine Geltung.Ellul, Jacques (1973). Propaganda: The Formation of Men's Attitudes, p. 39–40. Trans. Konrad Kellen & Jean Lerner. Vintage Books, New York. ISBN 978-0-394-71874-3.
Notwendige Bedingung der Wirksamkeit der Propaganda ist, dass sie nicht explizit als Propaganda auftritt, sondern sich als sachliche Information oder als ethisch oder juristisch begründetes Werturteil präsentiert. Damit geht einher, dass Propaganda in der Regel mit der Unterstellung verbunden ist, nicht man selbst, sondern nur der Gegner benutze Propaganda. Bei der Propaganda für die eigene Überzeugung wird der Propagandacharakter oft nicht wahrgenommen oder mit dem guten Zweck begründet. Das gilt besonders für den Begriff von ausdrücklicher „positiver Propaganda“, der sich in allen totalitären Systemen, aber auch in Demokratien findet, aber auch für den Begriff der „sozialen Propaganda“ (Jaques Ellul): „Diese wird als notwendig für den Zusammenhalt der Gesellschaft und der Akzeptanz der Demokratie angesehen, eine Auffassung, die schon in Propaganda von Edward Bernays vertreten wurde.“
Einzelne Techniken der Propaganda In den meist englischsprachigen Darstellungen werden die folgenden Techniken identifiziert:Robert Cole, ed. Encyclopedia of Propaganda (3 vol 1998)
Accusation in a Mirror „Accusation in a Mirror“ („spiegelbildliche Anschuldigung“) ist eine Methode, bei der man die eigenen Motive und/oder Absichten dem Gegner zuschreibt, ihm also die eigenen Intentionen unterstellt. Mit dieser Propaganda-Taktik soll der Gegner diffamiert und dessen Glaubwürdigkeit untergraben werden. Diese Strategie bleibt meist unerkannt, weil es schwerfällt, zu glauben, dass derjenige, der eine Eigenschaft kritisch verurteilt, diese selbst besitzt (vgl. Projektion (Psychoanalyse), Kognitive Dissonanz, Confirmation Bias).
Ad hominem Ad hominem ist ein lateinischer Ausdruck, der die Technik im Streitgespräch bezeichnet, persönliche Eigenschaften des Gegners zu kritisieren, anstatt seine Argumente zu widerlegen. Aus den negativ charakterisierten Eigenschaften der Person soll die Unwahrheit der vertretenen Meinung folgen.
Ad nauseam Der lateinische Ausdruck Ad nauseam (wörtl.: „bis zum Erbrechen“) bezeichnet die unermüdliche und „unendliche“ (ad infinitum) Wiederholung einer Behauptung, insbesondere in Form eines einfachen und eingängigen Slogans oder eines politischen Schlagworts. Diese werden so oft wiederholt, bis sie als Wahrheit akzeptiert werden oder niemand mehr widerspricht.
Ästhetisierung Durch Ästhetisierung werden eigentlich hässliche oder grausame Sachverhalte in der Darstellung so bearbeitet, dass sie ästhetisch ansprechend und faszinierend erscheinen. Bildmaterial zu Kriegsereignissen wird so ausgewählt, dass die Realität des Krieges nicht wahrgenommen werden kann. „Erreicht wird dies beispielsweise durch den Einsatz von Licht, Farben, Musik, bestimmte Kameraeinstellungen, die Anordnung der Bildobjekte oder die Verwendung von gemeinhin als schön wahrgenommenen Bildmotiven aus Kunst, Natur, Alltag und Werbung.“
Agenda-Setting Medien beeinflussen durch die Themenwahl und Schwerpunktsetzung nicht nur, was die Menschen über bestimmte Themen denken, sondern in noch viel stärkerem Maße, worüber die Menschen nachdenken.Patrick Rössler, Wolfgang Eichhorn: Agenda-setting. Theoretische Annahmen und empirische Evidenzen einer Medienwirkungshypothese. Opladen 1997. Agenda-Setting bedeutet die „Fähigkeit [der Nachrichtenmedien], die Bedeutung, die den Themen der öffentlichen Agenda beigemessen wird, zu beeinflussen“.McCombs, M; Reynolds, A (2002). „News influence on our pictures of the world“. Media effects: Advances in theory and research. Wenn eine Nachricht häufig und an prominenter Stelle behandelt wird, erscheint das Thema dem Publikum wichtiger. Umgekehrt werden bestimmte Themen nicht wahrgenommen oder für weniger wichtig gehalten, weil sie in den Medien nicht oder nur am Rande dargestellt werden. Die Themensetzung der Medien (Medienagenda) wird teilweise durch Themensetzungen im politischen Bereich (Politische Agenda), durch die Einschätzung des Bevölkerungsinteresses (Publikumsagenda) und durch Leitmedien beeinflusst (Intermedia Agenda Setting).Patrick Rössler, Wolfgang Eichhorn: Agenda-setting.Theoretische Annahmen und empirische Evidenzen einer Medienwirkungshypothese. Opladen 1997, S. 20.
Angsterzeugung Methodische Erzeugung von Angst wird auch Appell an die Angst, Furchtappell oder Argumentum ad metum genannt. Appelle an die Angst suchen nach Unterstützung, indem sie Ängste und Panik im Konsumenten, aber auch in der Bevölkerung erzeugen.
Angst wird erzeugt, indem furchterregende und übertriebene Gerüchte von einer unmittelbar bevorstehenden Gefahr erzeugt werden. Da Aggression meist aus dem Gefühl entsteht, bedroht zu sein, steigt mit der Angst vor dem Verlust des Besitzes oder gar des eigenen Lebens die Bereitschaft zu einem Konflikt. Angst wandelt sich in Wut und Hass. „Daher ist es äußerst wirksam, einen Zustand zu schaffen, in dem die Bedrohung von außen allgegenwärtig erscheint. Dies geschieht zum Beispiel durch die ständige Wiederholung der Größe der Gefahr und der Bedrohung durch den Feind.“ Rainer Mausfeld sieht in der Angsterzeugung ein Herrschaftsinstrument und rechnet Techniken zur Erzeugung von gesellschaftlicher Angst zum Handwerkszeug der Macht.Angst und Macht – Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien. Westend, Frankfurt am Main 2019, ISBN 978-3-86489-281-3.
Appell an die Autorität oder Berufung auf Autoritäten / Argumentum ad verecundiam Ein Autoritätsappell zitiert eine Autorität oder beruft sich auf prominente Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, besonders auch Wissenschaftler, um Positionen, Ideen, Argumente oder Vorgehensweisen überzeugend, allgemeinverbindlich, vorbildlich oder wertvoll wirken zu lassen.
Appell an Vorurteile Man verwendet belastete oder emotionale Begriffe oder Stereotype, um dem Glauben an den eigenen Vorschlag einen moralischen Wert zu verleihen.
Astroturfing Beim Astroturfing geben sich wenige Personen als große Zahl von Aktivisten aus, die für eine bestimmte Sache eintreten. Dabei werden meist „Sockenpuppen“ eingesetzt.
Bandwagon Bandwagon-Appelle nutzen den Mitläufereffekt, um die Zielgruppe zu überzeugen, mitzumachen und den Kurs zu ergreifen, den angeblich alle anderen schon eingeschlagen haben.
mini|Propaganda mit dem Zweck, Immigranten zu bewegen, nach Kalifornien zu ziehen, 1876Diese Technik ist verwandt mit der Ausnutzung des natürlichen „Herdentriebs“ der Menschen. Sie stärkt das natürliche Verlangen der Menschen, auf der Gewinnerseite zu sein.
Brunnenvergiften Bei der Methode der rhetorischen Brunnenvergiftung (engl.: poisoning of the well) handelt es sich darum, die Quelle einer Information zu diskreditieren, meist eine Person oder Institution.
Tatsachenbehauptung Vorstellungen und Meinungen einfach als Tatsachen darzustellen, ohne eine Einschränkung zu machen oder eine Erklärung zu geben und jeden Zweifel daran unsinnig erscheinen zu lassen, gilt als wirksame Propagandatechnik. Die Ursache der Wirksamkeit wird darin gesehen, dass Menschen im Prinzip gutgläubig seien. Außerdem sei der Haupteffekt der Propaganda schon erreicht, wenn die Nachricht als solche aufgenommen worden sei. Das ist bei einfachen Behauptungen leichter möglich als bei umständlichen Darstellungen. „Behauptungen sind ein einfacher und schneller Weg, sich im Bewusstsein der Menschen festzusetzen.“ Als Beispiel zitiert Magedah Shabo den Nazislogan „Europas Sieg, dein Wohlstand“. Die Tatsachenbehauptung hat oft einen deutlichen impliziten Appellcharakter, wie etwa in dem Werbeplakat Kaliforniens: „Room for Millions of Immigrants“.
Berufung auf berühmte Menschen Diese Art von Propaganda beruft sich auf berühmte Menschen oder auf attraktive und glücklich erscheinende Menschen. Dem entspricht Anne Morellis Prinzip der Kriegspropaganda: „Die Künstler und Intellektuellen unterstützen unsere Sache (Les artistes et intellectuels soutiennent notre cause.)“
Big Lie, die „große Lüge“ Bezug auf ein historisches Ereignis, ein tatsächliches oder erfundenes (Revisionismus), um dadurch eine Maßnahme zu begründen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde etwa die Dolchstoßlegende zur Rechtfertigung für die Re-Militarisierung und den Revanchismus der Nazis. In den USA benutzt Donald Trump die Legende vom groß angelegten Wahlbetrug und der „gestohlenen“ Wahl, um die Präsidentschaftswahl 2020 in Verruf zu ziehen und Joe Bidens Präsidentschaft zu delegitimieren. Ein weiterer Aspekt des manipulativen Charakters der großen Lügen ist die, dass sie leichter geglaubt werden als kleine Lügen.
Dekontextualisierung/Isolierung/Fragmentierung Bei der Dekontextualisierung wird ein Nachrichteninhalt oder ein Ereignis aus seinem tatsächlichen Kontext herausgelöst, so dass das Ereignis nur für sich, also isoliert, wahrgenommen wird. Bei Ereignissen (zum Beispiel einer gewaltsamen Demonstration) fehlt die Vorgeschichte oder der politische Hintergrund. Das Ereignis oder die Nachricht kann daher nicht von Rezipienten eingeordnet und interpretiert werden. Zum richtigen Verständnis muss der ursprüngliche Kontext wiederhergestellt werden. Dekontextualisierung ist eine Form der Fragmentierung von Information.Rainer Mausfeld: Warum schweigen die Lämmer? Wie Elitendemokratie und Neoliberalismus unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen zerstören, Westend, Frankfurt am Main 2018, S. 32 ff., 39–42.