mini|170px|Der Evangelist Johannes, Rabbula-Evangeliar Als johanneische Schule (auch johanneischer Kreis) werden nach Jens-Wilhelm Taeger (1989) die Verfasser der Schriften des Johannesevangeliums, der drei Johannesbriefe und der Offenbarung des Johannes bezeichnet. Udo Schnelle zufolge ist die Stellung der Offenbarung des Johannes bezüglich ihrer Zugehörigkeit zur johanneischen Schule jedoch umstritten.Udo Schnelle: Das Evangelium nach Johannes. Theologischer Handkommentar zum Neuen Testament. 5. Auflage. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2016, ISBN 978-3-374-04317-0, S. 2. So bestünden hierin gewichtige Unterschiede sowohl in der Diktion, der Betrachtung historischer Fakten und der gesamten Denkstruktur.
Die These, es handle sich bei den Verfassern der johanneischen Schriften um einen bestimmten Autorenkreis oder eine gemeinsame Schule, bezieht sich auf den Ansatz, die Schriften seien zu unterschiedlich, als dass wissenschaftlich ein einziger Autor Johannes angenommen werden könne, erläutert aber auch die zahlreichen stilistischen und theologischen Gemeinsamkeiten dieser Schriften.
Belege für eine johanneische Schule Die neutestamentliche Forschung geht inzwischen mehrheitlich davon aus, dass sowohl die literarische Gestaltung als auch das theologische Profil des Johannesevangeliums dagegen sprechen, dass ein Augenzeuge und Jünger Jesu der Verfasser des Textes war. Einige Theologen sehen in Johannes den PresbyterZur Frage des Verfassers siehe auch Evangelium nach Johannes #Der Presbyter Johannes. den hypothetischen Verfasser des 2. und 3. Johannesbriefes.Hugh J. Schonfield: Preface to the Letters of John the Elder. In: The Original New Testament. The definitive translation of the New Testament in 2000 years. Element Books Ltd, Shaftesbury 1998, S. 533 f.
Als mögliche Varianten für den Entstehungsort des Johannesevangeliums werden in der Forschung Kleinasien – hier die Stadt Ephesos – sowie die römische Provinz Syria diskutiert. Für Kleinasien sprechen vor allem die altkirchlichen Traditionen, die Auseinandersetzung mit doketischen Tendenzen und die Wirkungsgeschichte des Johannesevangeliums. Dazu gehören vor allem die drei Johannesbriefe,Siehe auch jeweils den 1.; 2.; 3. Brief des Johannes. Der 2. und 3. Johannesbrief gleichen sich untereinander sowohl inhaltlich als auch sprachlich sehr, unterscheiden sich aber stark vom 1. Johannesbrief. Der 2. und 3. Johannesbrief sind Gelegenheitsbriefe, die jeweils auf eine konkrete Situation reagierten. Aufgrund der Verfasserangabe wird davon ausgegangen, dass der zeitliche Abstand zwischen der Abfassung der beiden Briefe relativ kurz war. die ähnliche Themen behandeln. Auch die sieben Sendschreiben an Gemeinden mit Ephesos als Zentrum nach der Offenbarung des Johannes können als Hinweis auf eine „Johanneische Schule“ in Ephesos gelten.Udo Schnelle: Die ersten 100 Jahre des Christentums 30–130 n. Chr. Die Entstehungsgeschichte einer Weltreligion. 2. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2016, ISBN 978-3-8252-4606-8, S. 351 ().
Für die römische Provinz Syria sprechen der Ursprung der angesprochenen Gemeinde sowie die Nähe zu gnostisch-mandäischen Texten.
Uwe Schnelle sieht in den Ergebnissen der Untersuchungen der beiden Neutestamentler Wilhelm Bousset (1915)Wilhelm Bousset: Jüdisch-christlicher Schulbetrieb in Alexandria und Rom. Literarische Untersuchungen zu Philo und Clemens von Alexandria, Justin und Irenäus (= Forschungen zur Religion und Literatur des Alten und Neuen Testaments. N. F., Heft 6). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1915, , S. 316; 2. Nachdruck: (= Forschungen zur Religion und Literatur des Alten und Neuen Testaments. Heft 23 = N. F., Heft 6). Olms, Hildesheim / Zürich / New York 2004, ISBN 3-487-05611-9. und Wilhelm Heitmüller (1914)Wilhelm Heitmüller: Zur Johannes-Tradition. In: Zeitschrift für die Neutestamentliche Wissenschaft. Band 15, 1914, S. 189–209. einen sicheren Beleg für die Existenz einer „johanneischen Schule“.Udo Schnelle: Antidoketische Christologie im Johannesevangelium. Eine Untersuchung zur Stellung des vierten Evangeliums in der johanneischen Schule. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1987, ISBN 3-525-53823-5, S. 53. Schnelle diskutiert auch die Frage der Abfolge der johanneischen Texte. Er beschreibt zwei Modelle: das „klassische Modell“; mit der Abfolge: Johannesevangelium → 1. Johannesbrief → 2. Johannesbrief → 3. Johannesbrief das alternative Modell; mit der Abfolge: 2. Johannesbrief → 3. Johannesbrief → 1. Johannesbrief → JohannesevangeliumUdo Schnelle: Die Reihenfolge der johanneischen Schriften. In: New Testament studies. (NTS) Band 57 (2011), , S. 91–113, doi:10.1017/S0028688510000275.Udo Schnelle: Das Evangelium nach Johannes. Theologischer Handkommentar zum Neuen Testament. 5. Auflage. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2016, ISBN 978-3-374-04317-0, S. 9. In dem „alternativen Modell“ findet nach Schnelle die Überlegung ihren Ausdruck, dass sich dieser Reihenfolge eine fortschreitende Entwicklung und Entfaltung der johanneischen Theologie abzeichnen würde.
Theologische Gemeinsamkeiten So gäbe es Hinweise in den theologischen Übereinstimmungen in den drei Briefen des Johannes und dem Evangelium nach Johannes. So seien einige zentrale Vorstellungen gemeinsam: Einheit von Vater und Sohn: In den Briefen , , , ; im Evangelium: , , Fleischwerdung Jesu Christi: Briefe: , ; Evangelium: Dualismus zwischen Gott und der Welt: Briefe: , , ; Evangelium: Aus Gott gezeugt sein: Briefe: , , ; Evangelium: , Erkennen Gottes: In den Briefen und , und , , ; Evangelium: , , , Bleiben in Gott, in Jesus, in der Wahrheit und in der Lehre: Briefe: , und , ; Evangelium: , und , Wasser und Blut Jesu Christi: Briefe: ; Evangelium: Gebot der Liebe: Briefe , ; Evangelium: Aus der Wahrheit sein bzw. die Wahrheit erkennen: Briefe: , , ; Evangelium: , Aus Gott sein: Briefe: , , ; Evangelium: Halten der Gebote: Briefe: , , ; Evangelium: und , Udo Schnelle: Das Evangelium nach Johannes. Theologischer Handkommentar zum Neuen Testament. 5. Auflage. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2016, ISBN 978-3-374-04317-0, S. 1.
Sprachliche Gemeinsamkeiten Nach Schnelle wiesen die Idiolekte der einzelnen Autoren auf einen Soziolekt des „johanneischen Kreises“ hin.Eduard Ruckstuhl: Zur Antithese von Idiolekt und Soziolekt im johanneischen Schrifttum. In: Studien zum Neuen Testament und seiner Umwelt. (SNTU) Serie A (Aufsätze). Band 12 (1987), , S. 141–181, . So wiesen „Vorzugswörter“ aus der griechischen Sprache, die sich in den Briefen und dem Evangelium häuften, aber in den übrigen Schriften des Neuen Testaments in weitaus geringerer Anzahl vorkämen, auf eine deutliche Gemeinsamkeit hin. Aber auch der Gebrauch bzw. das Fehlen von Wörtern im johanneischen Schrifttum im Vergleich zum übrigen Neuen Testament gäben Indizien. Letztlich sind gemeinsame Redewendungen Ausdruck des johanneischen Soziolekts.Udo Schnelle: Antidoketische Christologie im Johannesevangelium. Eine Untersuchung zur Stellung des vierten Evangeliums in der johanneischen Schule. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1987, ISBN 3-525-53823-5, S. 54.
Ekklesiologische Termini, ethische Aussagen, Darstellung Jesu Funktionsbezeichnungen für und innerhalb der christlichen Gemeinden, Anreden, Ehrenbezeichnungen sind weitgehend identisch. Bruderliebe und Nächstenliebe sind kennzeichnende Merkmale des christlichen Handelns. Jesus wird vermehrt als Lehrer, als Rabbi () beziehungsweise aramäisch Rabbuni „Meister, Lehrer“, betrachtet. Diese Anrede ist weitaus häufiger als in den synoptischen Evangelien.Udo Schnelle: Antidoketische Christologie im Johannesevangelium. Eine Untersuchung zur Stellung des vierten Evangeliums in der johanneischen Schule. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1987, ISBN 3-525-53823-5, S. 54–56.
Anonyme Gestalt des „Lieblingsjüngers“ Der „Lieblingsjünger“ wird im Johannesevangelium nie mit seinem Namen genannt. Die anonyme Gestalt des „Lieblingsjüngers“ rückt in die unmittelbare Nähe Jesu (, , , , ) und stellt eine Kontinuität zwischen der Zeit Jesu und der johanneischen Schule her. Denn der „Lieblingsjünger“ wäre der ideale Tatsachenzeuge gewesen, habe er doch alles genau gesehen und dies aus der richtigen Perspektive.Thomas Söding: „Er hat es gesehen“ (Joh 19,35). Der Lieblingsjünger in der Leidensgeschichte Jesu. (PDF; 19 kB) In: kath.ruhr-uni-bochum.de, 12. Januar 2010, abgerufen am 1. November 2024. Hierdurch stünde er in einer Art Identitätsverhältnis zu Jesus und würde mit dem Geist, der in den Jüngern wirke, identifiziert. Die johanneischen Schule könnte demnach die Paraklet-Vorstellung benutzt haben, um ihre eigene Theologie zu legitimieren. Im Johannesevangelium nennt Jesus den Heiligen Geist „den Parakleten“, der von Gott herkommt, den er, Jesus Christus, seinen Jüngern senden wird, um sie zu ermutigen in Schwierigkeiten, um für sie zu sprechen, um sie zum Ziel zu bringen. Ebenso ist es der Heilige Geist, der die Menschen mit Gott verbindet, sie zur Erkenntnis Gottes und des Erlösungswerkes in Jesus Christus, zu reuiger Selbsterkenntnis und zur Hoffnung führt (vgl. Joh ; ; ; ).
Ephesos als Ort der johanneischen Schule mini|Historische Topographie von EphesosGeographische Daten von Peter Scherrer (Hrsg.): Ephesus. The New Guide. Revised Edition. Ege Yayinlari, [Selçuk] 2000, ISBN 975-8070-36-3; zuerst als: Ephesos, der neue Führer. 100 Jahre österreichische Ausgrabungen 1895–1995. Österreichisches Archäologisches Institut, Wien 1995, ISBN 3-900305-19-6. mini|300px|Die frühe Ausbreitung des Christentums (Zentren=dunkelrosa). Gebiete christlicher Gemeinden um das Jahr 100 n. Chr. Nur knapp 20 Jahre nach dem Wirken Jesu war seine Lehre durch Apollos nach Ephesos an der kleinasiatischen Westküste gelangt . Die Gemeinde von Ephesos war damit eine der ältesten christlichen Gemeinden überhaupt.
Auf die Verkündigung des Apollos konnte der Apostel Paulus aufbauen, der bereits auf dem Rückweg von seiner 2. Missionsreise (ca. 52 n. Chr.) dort kurz Station gemacht hatte . Er erregte dort unter anderem den Unwillen der Devotionalienhändler, die um ihr gutes Geschäft mit der „Diana der Epheser“ fürchteten. Rechtlich wurde Paulus aber in der Stadt geduldet. Ungefähr ein Jahr später traf er erneut in Ephesos ein und blieb vermutlich drei Jahre, von denen er wohl einige Zeit im Gefängnis verbringen musste. Während dieser Gefangenschaft schrieb er die Briefe an die Philipper und an Philemon. Auch weitere seiner Briefe sind höchstwahrscheinlich in Ephesos entstanden (so der Römerbrief, der 1. und 2. Brief an die Korinther sowie der Galaterbrief).Stefan Meißner: Paulus in Ephesus. Christoph Burchard zum 70. Geburtstag. In: christen-und-juden.de, 2000, abgerufen am 1. November 2024. Ein wichtiges Schreiben richtete sich an die Epheser selbst. Die christliche Gemeinde in Ephesos ist sodann die Empfängerin des ersten Sendschreibens der Offenbarung des Johannes an die sieben Gemeinden in Kleinasien .