John „B-J“ Buettner-Janusch (geboren am 7. Dezember 1924 in Chicago, Illinois; gestorben am 2. Juli 1992 in Springfield, Missouri) war ein US-amerikanischer Anthropologe, Primatologe, Genetiker, Biochemiker, Evolutionsbiologe und Hochschullehrer. Er galt als einer der bedeutendsten physischen Anthropologen seiner Zeit und war ein Pionier des Einsatzes molekulargenetischer Methoden. Nach dem Verbüßen einer mehrjährigen Haftstrafe wegen der Herstellung von Betäubungsmitteln in seinem Labor an der New York University versuchte er, den Bundesrichter des United States District Court für das südliche New York, der ihn verurteilt hatte, und mehrere frühere Studenten und Kollegen mit vergifteten Pralinen zu ermorden. Er wurde dafür zu weiteren zwanzig Jahren Freiheitsentzug verurteilt und starb während der Haft.
Kindheit John Buettner-Janusch wurde im Dezember 1924 in Chicago, Illinois geboren. Er war der Sohn des in Wien geborenen Architekten Frederick Wilhelm Janusch und seiner in Chicago geborenen deutschstämmigen Ehefrau Gertrude Clare Buettner. Die jüngere Schwester wurde 1926 geboren. Wegen der Weltwirtschaftskrise, Frederick Janusch hatte durch den Zusammenbruch des Firmenimperiums von Samuel Insull große finanzielle Verluste erlitten, zog die Familie 1931 nach Eagle River, Wisconsin. Dort baute Frederick Janusch auf einem von seinen Eltern zur Verfügung gestellten Grundstück ein Haus für seine eigene Familie. John besuchte von 1931 bis 1942 öffentliche Schulen in Eagle River und galt wegen seines Interesses an klassischer Musik und Opern und wegen seines herablassenden Auftretens gegenüber seinen Mitschülern als Außenseiter, war aber ein sehr guter Schüler und engagierte sich in der Schülerzeitung und beim Schultheater. Später verbreitete er in seinem Umfeld, dass er wegen seiner Begabung bereits mit 16 Jahren die High School verlassen habe. Tatsächlich blieb er bis zum 18. Lebensjahr und schrieb sich dann an der University of Chicago ein. Dort zeigte er während seines ersten Studienjahrs nur mittelmäßige Leistungen. Er begann den Doppelnamen Buettner-Janusch zu führen, weil er ihn als würdevoll empfand, und ließ sich im Freundeskreis entsprechend „B-J“ nennen.Peter Kobel: The Strange Case of the Mad Professor, S. 1–10.
Kriegsdienstverweigerung und Haft Noch vor dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg, im November 1941, hatte sich Buettner-Janusch öffentlich gegen den Selective Training and Service Act ausgesprochen, mit dem zunächst alle Männer von 21 bis 45 Jahren zur Registrierung verpflichtet wurden. Nach dem Kriegseintritt wurden alle Männer von 18 bis 44 Jahren zum Militärdienst verpflichtet. Buettner-Janusch erklärte dazu, dass er, sofern es irgendeine Möglichkeit gebe sich zu verweigern, in keiner Armee und unter keiner Flagge der Welt dienen werde. Abgesehen von seinem zur Schau getragenen Antimilitarismus galt er in seinem Umfeld als ein glühender Bewunderer Adolf Hitlers, der die Deutschen als überlegene Rasse betrachtete und der die deutsche Weltherrschaft befürwortete. In seinem späteren Leben bezog er deutlich Positionen, die mit der nationalsozialistischen Ideologie unvereinbar sind, so dass seine Hitler-freundlichen Äußerungen rückblickend als jugendliche Verirrung und als Ausdruck seiner Geltungssucht betrachtet werden.
An seinem 18. Geburtstag kam Buettner-Janusch seiner Pflicht zur Registrierung als Wehrpflichtiger nach. Am 13. November 1943 erschien er jedoch nicht bei der lokalen Dienststelle des Selective Service System zur Musterung. Er wurde einen Monat später festgenommen und im Februar 1944 zu drei Jahren Haft im Bundesgefängnis in Sandstone, Minnesota verurteilt. Er verbüßte nur sechs Monate dieser Haftstrafe und wurde auf Bewährung entlassen, um die Reststrafe durch gemeinnützige Arbeit zu verbüßen. Buettner-Januschs eigener Darstellung zufolge hatte er rechtzeitig einen Antrag auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer gestellt, war aber abgelehnt worden. Eine Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer hatte religiöse Gründe zur Voraussetzung, und er war erklärter Atheist. Später zeigte sich Buettner-Janusch stolz auf seine Inhaftierung als Kriegsdienstverweigerer, doch bisweilen erklärte er die Lücke in seinem Lebenslauf mit wirren Geschichten über eine Tätigkeit für einen nicht konkret benannten Geheimdienst „hinter den feindlichen Linien“.Peter Kobel: The Strange Case of the Mad Professor, S. 12–14.Linda Wolfe: The Strange Case Of Dr. Buettner-Janusch. In: New York 15. September 1980, S. 18–22.
Von September 1944 bis Januar 1946 arbeitete Buettner-Janusch entsprechend seiner Bewährungsauflagen als Pfleger in der Psychiatrie des University of Michigan Hospital in Ann Arbor. Er besuchte zugleich Lehrveranstaltungen der Universität, wurde jedoch wegen mangelhafter Arbeitsleistung und psychischer Auffälligkeit entlassen. In ihrer Beurteilung nannte ihn seine Vorgesetzte einen sehr kranken jungen Mann, der niemals in der neuropsychiatrischen Abteilung hätte beschäftigt werden dürfen. Sie habe ihm empfohlen, sich in psychiatrische Behandlung zu begeben. Nach seiner Entlassung ging Buettner-Janusch nach New York City und arbeitete bis August 1946 am Mount Sinai Hospital in der Lower East Side. Anschließend arbeitete er bis zum Ende seiner Bewährungszeit im März 1947 im Sydenham Hospital in Harlem.
Studium Buettner-Janusch kehrte nunmehr an die University of Chicago zurück und setzte sein Studium fort, zeigte aber wiederum nur im Fach Physiologie gute Leistungen. Im September 1949 graduierte er zum Bachelor of Science. Zugleich entwickelte er ein Interesse an naturwissenschaftlicher Anthropologie und gewann mit Sherwood L. Washburn einen wichtigen Förderer. Buettner-Januschs Studienleistungen verbesserten sich umgehend und Washburn stellte ihn als Laborassistenten ein. Bei dieser Tätigkeit hatte Buettner-Janusch erstmals mit Pavianen zu tun, da diese Primaten für Washburns Arbeit von großer Bedeutung waren. Buettner-Janusch graduierte 1953 zum Magister Artium. Zu diesem Zeitpunkt war sein gutes Verhältnis zu Washburn bereits abgekühlt und er brauchte eine Arbeit.Peter Kobel: The Strange Case of the Mad Professor, S. 15–19.
1952 und 1953 leitete Buettner-Janusch mit seinem Kollegen Howard Winters Ausgrabungen im Randolph County, Illinois, die von der Abteilung für Anthropologie der University of Chicago und dem Illinois State Museum durchgeführt wurden. Das Team entdeckte in Abris am Barbeau Creek ein indianisches Dorf, dessen Alter sie auf 7.000 bis 10.000 Jahre schätzten. Die Entdeckung erregte großes Aufsehen, auch in den Medien, und war Anlass für Buettner-Januschs erste wissenschaftliche Veröffentlichungen.
Ab September 1953 arbeitete Buettner-Janusch als Forschungsassistent in der Abteilung für medizinische Prävention der University of Utah in Salt Lake City. Bereits im folgenden Semester wurde er in Teilzeit als Dozent für Anthropologie verpflichtet. Diese Anstellung erhielt er lediglich wegen der unwahren Angabe, er sei weiter als Doktorand an der University of Chicago eingeschrieben und wolle dort im August 1954 seine Dissertation einreichen und sie wenige Monate später verteidigen. Die Dauer der Verpflichtung in Utah, die nur ein Jahr währte, gab er fortan mit zwei Jahren an. Seither hat Buettner-Janusch seine Lebensläufe stets und in zunehmendem Umfang verfälscht.Peter Kobel: The Strange Case of the Mad Professor, S. 20–23.
Im Sommer 1955 zog das Ehepaar Buettner-Janusch nach Ann Arbor, wo John an der University of Michigan sein Doktorandenstudium aufnahm. Er promovierte im Juni 1957 mit einer Dissertation über die Rolle der Blutgruppen in der natürlichen Auslese zum Ph.D. Seine Dissertation wurde von Frederick Thieme betreut und im Prüfungsausschuss saßen James Spuhler und William Schull. Während des Studiums nutzte Buettner-Janusch die Gelegenheit, während eines Semesters an der Wayne State University in Detroit, Michigan einen einführenden Anthropologie-Kurs zu geben.Robert W. Sussman, Alison F. Richard und Jeffrey Rogers: Obituary: John Buettner-Janusch (1924-1992). In: American Journal of Physical Anthropology 1993, Band 91, Nr. 4, S. 529–530, .
Forschung Buettner-Janusch erbrachte seine wichtigsten Leistungen in der molekularbiologischen und zytogenetischen Erforschung der Primaten. Anerkennung gewann er mit der Erforschung der unterschiedlichen Karyotypen verschiedener Arten von Lemuren und mit seinen Arbeiten über die genetische Struktur von natürlichen und halbwilden Populationen von Primaten. Dazu gehörte auch die Untersuchung der von der Universität von Puerto Rico auf der Insel Cayo Santiago unterhaltenen Kolonie von Rhesusaffen. Buettner-Janusch war einer der ersten Forscher, die die Serumelektrophorese zur Untersuchung genetischer Variation in natürlichen Tierpopulationen nutzten. Mit seinen Forschungen an Primaten gehört er zu den Begründern der modernen Primatologie. Das von ihm gegründete Duke University Primate Center ist seit mehr als einem halben Jahrhundert die bedeutendste Einrichtung zur Erforschung der Lemuren und spielt als Duke Lemur Center eine bedeutende Rolle im internationalen Artenschutz.Robert W. Sussman: Buettner‐Janusch, John. In: The International Encyclopedia of Biological Anthropology. John Wiley & Sons, Hoboken, NJ 2018, .
Buettner-Janusch veröffentlichte mehr als 80 wissenschaftliche Publikationen und mehr als 100 Essays und Buchbesprechungen. Bereits der 1962 von Buettner-Janusch herausgegebene Konferenzband The relatives of man. Modern studies of the relation of the evolution of nonhuman primates to human evolution und die in den beiden folgenden Jahren herausgegebenen Bände Evolutionary and Genetic Biology of Primates waren insofern bahnbrechend, als sie erstmals die Evolution, die Genetik und die Ökologie der Primaten gemeinsam behandelten. Buettner-Janusch publizierte während seiner Haftstrafen nur in stark vermindertem Umfang, er arbeitete jedoch bis zu seinem Tod an der Überarbeitung der Origins of Man und an einem Buch über die Lemuren Madagaskars.
Lehrtätigkeit Yale University Nach dem Abschluss seines Studiums zog Buettner-Janusch mit seiner Frau nach New Haven, Connecticut, um als Assistant Professor an der Yale University Anthropologie zu lehren. Binnen weniger Jahre baute er eine Haltung von Primaten auf, die er für molekularbiologische Untersuchungen benötigte und die wegen der begrenzten Kapazität seines eigenen Labors über etliche Gebäude des Campus verteilte. Er reiste mehrfach nach Afrika, dabei machte er in Kenia die Bekanntschaft des Ehepaars Louis und Mary Leakey. Deren Sohn Richard Leakey fing als Teenager für Buettner-Janusch Primaten.Peter Kobel: The Strange Case of the Mad Professor, S. 24–33.
Die Primaten in Buettner-Januschs Labor wurden für die Forschung rasch zu einer wertvollen Ressource. Auf sie wurde auch Elwyn L. Simons aufmerksam, der 1960 nach Yale gekommen war, um am Peabody Museum of Natural History die Abteilung für die Paläontologie der Wirbeltiere zu leiten und als Professor für Geologie an der Yale University zu lehren. Viele Jahre später wurde Simons Leiter des Duke University Primate Center, zu dem sich Buettner-Januschs Menagerie entwickelte. Eine der ersten bedeutenden primatologischen Forschungsarbeiten war die Dissertation von Alison Jolly, die den Gebrauch der Hände „niederer“ Primaten behandelte. 1962 wurde John Buettner-Janusch zum Associate Professor befördert. Im selben Jahr trat das Ehepaar Buettner-Janusch ein Sabbatical an, das sie für eine lange Reise nach Madagaskar nutzten.Peter Kobel: The Strange Case of the Mad Professor, S. 34–38.