Das Duke Lemur Center (DLC), früher das Duke University Primate Center (DUPC), ist eine 1966 gegründete primatologische Forschungseinrichtung und eine Erhaltungszuchtstation für Lemuren der Duke University in Durham, North Carolina. Das Duke Lemur Center ist nach der Anzahl der gehaltenen Lemuren die größte Haltung dieser Tiergruppe außerhalb von Madagaskar. Mit mehr als 1.400 wissenschaftlichen Veröffentlichungen seit seiner Gründung haben hier forschende Wissenschaftler einen maßgeblichen Beitrag zur Kenntnis der Lemuren und anderer Primaten geleistet. Die Bemühungen des DLC zum Schutz der madagassischen Fauna beinhalten neben der Nachzucht und Auswilderung vom Aussterben bedrohter Arten auch die Unterstützung von Bildungsprojekten für die Bevölkerung, den Einsatz gegen die Zerstörung der Lebensräume und die Entwicklung von Alternativen zum Bushmeat.

Geschichte Seit 1958 hatte der US-amerikanische Anthropologe John Buettner-Janusch an der Yale University eine Gruppe von etwa 90 Lemuren und Galagos aufgebaut, um an ihnen Forschungen zur Biochemie der Blutproteine und zur Molekulargenetik durchzuführen. 1963 wurde ihm eine Professur auf Lebenszeit verweigert, stattdessen erhielt Sidney Mintz die Professur und Buettner-Janusch verließ Yale. 1965 wurde er als Associate Professor an die Duke University berufen, wo er gemeinsam mit dem Primatologen Peter Klopfer 1966 das Duke University Primate Center gründete. Klopfer wollte Verhaltensstudien an Muttertieren der Primaten durchführen, und Buettner-Janusch seine biochemischen und genetischen Forschungen fortsetzen. Als Standort wählten sie ein Gelände am Rand des Duke Forest, westlich des Campus der Duke University, den die Universität als Naherholungsgebiet für ihre Studenten und als Forschungsgelände nutzte. Klopfer hatte dort in der Vergangenheit bereits Verhaltensstudien an Ziegen durchgeführt. Die Einrichtung des Zentrums wurde von der National Science Foundation gefördert und die Errichtung der Gebäude wurde nach etlichen Verzögerungen 1968 abgeschlossen. Leiter des Primate Center wurde Buettner-Janusch.Anne D. Yoder, Elwyn L. Simons und Jon Pollock: Conservation at Duke University Primate Center. In: IUCN/SSC Primate Specialist Group Newsletter 1984, Band 4, S. 48–50.Peter Kobel: The Strange Case of the Mad Professor. A True Tale of Endangered Species, Illegal Drugs, and Attempted Murder. Lyons Press, Guilford, CT 2013, ISBN 978-0-7627-9656-4, S. 426–433.Anne D. Yoder: Duke Lemur Center. In: Agustín Fuentes: The International Encyclopedia of Primatology. John Wiley & Sons, Hoboken 2017, .

Das Primate Center arbeitete schon früh mit madagassischen Partnern zusammen. Der Außenminister und spätere Staatspräsident Didier Ratsiraka zwang 1972 Forscher wie Ian Tattersall, Alison Richard, Robert W. Sussman, Alison Jolly, Peter Klopfer und John Buettner-Janusch zum Verlassen des Landes, verbot ihnen die Einreise und untersagte die weitere Lemurenforschung durch Ausländer. Der 1975 nach dem Putsch Ratsirakas eingesetzte sozialistische Revolutionsrat war unentschlossen, ob in Zukunft mit westlichen Forschern oder solchen aus den COMECON-Staaten zusammen gearbeitet werden sollte. Mit dem Wechsel Buettner-Januschs an die New York University im Jahr 1973 verlor das Primate Center zudem seinen Leiter.Bruce Lambert: John Buettner-Janusch, 67, Dies. N.Y.U. Professor Poisoned Candy, The New York Times, 4. Juli 1992, abgerufen am 1. April 2019. Das Primate Center befand sich daraufhin im Niedergang und war in seinem Fortbestand bedroht.

1977 wurde der Mammaloge, Geologe und Paläontologe Elwyn L. Simons erster Direktor des Duke University Primate Center. Simons hatte als Paläontologe wiederholt in schwierigen Situationen mit ausländischen Regierungsbehörden verhandelt, so in den 1960er Jahren mit Indien und dem Iran und während des Sechstagekriegs mit der ägyptischen Regierung. Während mehrerer Reisen nach Madagaskar konnte Simons bis 1981 erreichen, dass das Duke University Primate Center mit der Université d’Antananarivo und dem Botanischen und Zoologischen Garten von Tsimbazaza eine Zusammenarbeit beginnen durfte. Die dazu zwischen den beteiligten Institutionen abgeschlossenen Verträge waren nach mehrjähriger Isolation die ersten Schritte zu einer Öffnung Madagaskars für die internationale Forschung. Simons wichtigste Ansprechpartnerin in Madagaskar war die Primatologin und Professorin Berthe Rakotosamimanana von der Université d’Antananarivo. Simons und Rakotosamimanana schufen in den folgenden Jahrzehnten die Grundlagen für den Schutz der madagassischen Biodiversität.Patricia C. Wright: Decades of Lemur Research and Conservation. The Elwyn Simons Influence. In: John G. Fleagle und Christopher C. Gilbert (Hrsg.): Elwyn Simons: A Search for Origins. Springer, New York 2008, ISBN 978-0-387-73895-6, S. 283–310.

Simons war mit dem Schicksal der infolge menschlicher Einflüsse in den vergangenen tausend Jahren ausgestorbenen madagassischen Riesenlemuren vertraut und er machte den Artenschutz und die Paläontologie zu Schwerpunkten der Arbeit des Primate Center. Er blieb bis 1992 Direktor des Primate Center und war weitere zehn Jahre wissenschaftlicher Leiter. Von 1977 bis 2006 leitete er alljährlich eine Expedition zur Fossillagerstätte Fayyum im nördlichen Ägypten. Weitere paläontologische Ausgrabungen führten nach Madagaskar. Sowohl in Ägypten als auch in Madagaskar gelangen bedeutende Funde fossiler Primaten. Das Primate Center erlebte unter Simons auch in der Tierhaltung einen Aufschwung, die Zahl der gehaltenen Tiere und der Tierarten, die Nachzuchterfolge, die erschlossenen Fördermittel und die Zahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen mit Bezug zum Primate Center nahmen stetig zu.

Als Folge der jahrelangen Isolation Madagaskars waren die Lemuren des Primate Center teilweise von Inzucht betroffen und es wurden von manchen Arten wie dem Larvensifaka nur noch Einzeltiere gehalten. Von einigen Arten existierten Hybriden verschiedener Unterarten, die in der Vergangenheit zum Studium der Karyotypen und der Vererbung der Transferrine gezüchtet worden waren. Als Zootiere und unter dem Aspekt des Artenschutzes hatten sie keinen Wert. Simons wollte das Primate Center zu einer genetischen Reserve der vom Aussterben bedrohten Lemuren Madagaskars und zu einer Erhaltungszucht machen. Dazu strebte er den Aufbau von Zuchtgruppen der besonders gefährdeten Arten an, wie dem noch nie in den Vereinigten Staaten gehaltenen Fingertier oder den noch nie in Gefangenschaft nachgezogenen Koboldmakis.

mini|Säuglinge von Lemuren im Duke Lemur Center: (a) Kronenmaki; (b) Katta; (c) Roter Vari; (d) Blauaugenmaki; (e) Zwerglori; (f) Coquerel-Sifaka; (g) Schwarzweißer Vari; (h) Grauer Mausmaki; (i) Fingertier Seit den späten 1970er Jahren gelangen dem Primate Center zahlreiche Zuchterfolge, in vielen Fällen waren dies die ersten Nachzuchten einer Art außerhalb Madagaskars. Durch eine Vielzahl von Veröffentlichungen trug das Primate Center wesentlich zu erfolgreichen Haltungen von Feuchtnasenprimaten und Koboldmakis in Zoos und Forschungseinrichtungen der ganzen Welt bei. Dabei liegen mittlerweile Langzeitstudien vor, in denen die Erfolge und Misserfolge bei der Haltung und Zucht bestimmter Arten über Jahrzehnte dokumentiert wurden.Matt C. Cartmill et al.: Hand‐rearing twin Ruffed lemur Lemur variegatus at the Duke University Primate Center. In: International Zoo Yearbook 1979, Band 19, Nr. 1, S. 258–261, .Lauren E. Charles-Smith, Peter Cowen und Robert Schopler: Environmental and Physiological Factors Contributing to Outbreaks of Cryptosporidium in Coquerel's Sifaka (Propithecus coquereli) at the Duke Lemur Center: 1999–2007. In: Journal of Zoo and Wildlife Medicine 2010, Band 41, Nr. 3, S. 438–444, .Sarah M. Zehr et al.: Life history profiles for 27 strepsirrhine primate taxa generated using captive data from the Duke Lemur Center. In: Scientific Data 2014, Band 1, Artikel 140019, .Katherine Cassady, John M. Cullen und Cathy V. Williams: Mortality in Coquerel's Sifakas (Propithecus coquereli) under human care: a retrospective survey from the Duke Lemur Center 1990-2015. In: Journal of Zoo and Wildlife Medicine 2018, Band 49, Nr. 2, S. 315–323, .

Als erste Partnerschaft mit einer madagassischen Körperschaft nach der erneuten Öffnung des Landes wurde 1981 die Kooperation mit dem Botanischen und Zoologischen Garten von Tsimbazaza begonnen. 1988 wurde in Zusammenarbeit mit der Madagascar Fauna Group nahe der zwei Jahre zuvor von einem Zyklon verwüsteten Stadt Ivoloina der Parc Ivoloina eingerichtet. Auf die Initiative von Elwyn Simons und Patricia C. Wright vom Duke Lemur Center ging die Gründung des Nationalpark Ranomafana im Jahr 1991 zurück. In den 1990er Jahren konnten erstmals im Duke Lemur Center nachgezogene Lemuren, dreizehn vom Aussterben bedrohte Schwarzweiße Varis, im Nationalpark Betampona ausgewildert werden.Adam Britt et al.: The re-stocking of captive bred ruffed lemurs (Varecia variegata variegata) into the Betampona Reserve: Methodology and recommendations. In: Biodiversity and Conservation 2004, Band 13, S. 3, 635–657, . Die Förderung von Artenschutz- und Umweltschutzprojekten in Madagaskar ist bis heute ein Schwerpunkt der Arbeit. Das jüngste Projekt ist das SAVA Conservation Project in der im äußersten Nordosten von Madagaskar gelegenen Region Sava. Dort wurde ein Naturschutzgebiet eingerichtet und neben der Information der Bevölkerung fördert das Duke Lemur Center die Nutzung moderner Brennöfen, die weniger CO2 und andere Rauchgase ausstoßen, weniger Holzkohle verbrauchen, und so die Abholzung der Lebensräume der Lemuren reduzieren. Darüber hinaus wird die Einrichtung von Fischfarmen gefördert, damit die Bevölkerung ihren Bedarf an tierischem Protein ohne die Nutzung von Bushmeat decken kann. In diese Richtung zielen auch Forschungen zur Zucht von Insekten, die in der Geschichte Madagaskars schon einmal ein wichtiges Nahrungsmittel waren.SAVA Conservation, Website des Duke Lemur Center, abgerufen am 4. April 2019.Capacity Building, Website des Duke Lemur Center, abgerufen am 4. April 2019.Matt Simon: Save the Lemurs! Eat the Crickets!, Wired, 5. März 2019, abgerufen am 4. April 2019.