mini|Sitzverteilung nach der Parlamentswahl in Marokko 1997 Die Parlamentswahl in Marokko 1997 fand am 14. November 1997 statt.
Die Wahl fand vor Ablauf der eigentlich vorgesehenen sechs Jahre als Folge einer Verfassungsänderung des Jahres 1996 stattsuedd.ch: Zur Verfassung Marokkos von 1996 In: Datenbank und Suchmaschine für direkte Demokratie; von Beat Müller, aus welcher sich ein neues Wahlgesetz ergab, mit Neuerungen wie der Rückkehr zu einem Zwei-Kammer-Parlament, deren Repräsentantenversammlung (oder „Nationalversammlung“) nun zur Direktwahl gestellt wurde.Th.Koszinowski & Hanspeter Mattes: „Nahost Jahrbuch 1997“, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Opladen 1998, ISBN 978-3-322-95089-5 Als Sieger ging die oppositionelle Partei Sozialistische Union der Volkskräfte (USFP) unter Abderrahmane Youssoufi aus der Wahl hervor, und zum ersten Mal in der Geschichte des Landes wurde auch der Wahlsieger mit der Regierungsbildung betraut. Dieser bildete daraufhin die sogenannte „Regierung des Wechsels“ unter anderem auch aus unabhängigen Spezialisten in Menschenrechtsfragen.
Vorgeschichte Sämtliche Parlamentswahlen des Landes fanden nach Verfassungsänderungen statt, welche die Bedingungen des Parlamentarismus jedes Mal neu definierten. Hierdurch sowie durch gezielt beförderte Partei-Neugründungen oder Abspaltungen war es dem König bislang gut gelungen, die Mehrheitsverhältnisse im Parlament immer ausgeglichen sowie die Parteien relativ schwach und zu Kooperationen gezwungen zu halten. In der Auswahl des Premierministers war der König keineswegs an den Ausgang der Parlamentswahlen gebunden. Alleiniger Garant für Stabilität in Parlament und Regierung sollte der König sein.
Allerdings ist zu konstatieren, dass die Verfassungsänderungen der Jahre 1993 und 1996 inhaltlich auf einem Forderungskatalog basieren, welcher dem König im Oktober 1991 von den Parteivorsitzenden der USFP und der Istiqlal übergeben worden war, nachdem die vorangegangenen Verhandlungen zur Bildung einer nationalen Einheitsregierung gescheitert waren.Telquel.ma, 19. März 2013
Beobachter werten sowohl die Verfassungsänderung von 1996 als auch die vorgezogene Wahl selbst als Versuch des mit zunehmenden gesundheitlichen Problemen kämpfenden Monarchen Hassan II., seinem Sohn und Erben eine reibungs- und problemlose Übernahme der Macht zu ermöglichen, indem gezielt die etablierten Oppositionsparteien umworben und in die Regierungsarbeit eingebunden werden.
Nach der Verfassungsänderung werden also die traditionell umstrittenen Wählerlisten ausgemistet, und die etablierten Parteien werden im März 1997 auf ein neues Wahlgesetz eingeschworen. Sie unterschreiben feierlich, dieses zu befolgen, keinen Wahlbetrug zu begehen und das Wahlergebnis anzuerkennen.
Die Wahl In den gemäß Verfassung jetzt alle 5 Jahre vorgesehenen Parlamentswahlen, der direkten Wahl der Repräsentantenversammlung im Zwei-Kammer-Parlament Marokkos, werden insgesamt 325 Parlamentssitze vergeben. Sie haben weiterhin im Zweifel lediglich beratende Macht, und bei der Ernennung eines Ministerpräsidenten ist der König nicht an die Wahlergebnisse bzw. die neuen Mehrheitsverhältnisse im Parlament gebunden.
16 Parteien stellen sich zur Wahl, ergänzt von diversen parteilosen Politikern, insgesamt rund 3300 Kandidaten treten an, davon 69 Frauen. Bei einer geschätzten Gesamtbevölkerung von rund 28 Millionen sind offiziell 12.790.631 Bürger in Wählerlisten als wahlberechtigt registriert. Insgesamt werden 7.456.996 Stimmen abgegeben (was einer Wahlbeteiligung von 58,3 % entspricht), davon 1.085.336 ungültige Stimmen (ca. 15 %), womit rund 50 % gültige wahlberechtigte Stimmen verbleiben.Interparliamentary Union – Wahlergebnisse Marokko 1997
Wahlergebnis Stärkste Partei wurde erstmals die USFP unter Abderrahmane Youssoufi, und zum ersten Mal in der Geschichte des Landes wurde, nach einem mythen-umrankten Treffen, vom König auch der Wahlsieger mit der Regierungsbildung betraut, und dieser akzeptierte ohne Bedingungen und ohne Rücksprache mit seiner Partei oder seinen Koalitionären, und bildete die sogenannte „Regierung des Wechsels“.
Das Wahlergebnis selbst brachte kaum Überraschungen und keine dramatischen Verschiebungen zwischen den politischen Lagern. Die Ausnahme bildet das Erstarken und die Etablierung der islamistischen Sammelbewegung MPCD, welche kurze Zeit später unter dem neuen Namen Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD) noch bekannter und erfolgreicher werden sollte. Insgesamt jedoch ergab sich ein sehr ausgewogenes Kräfteverhältnis im Repräsentantenhaus. Dass die neue Regierung als „Regierung des Wechsels“ in die Geschichte eingehen sollte, war letztlich ein geplanter politischer Schachzug des Königs.
Ebenfalls zu den Gewinnern zählten 3 neugegründete Parteien, welche den Einzug ins Parlament schafften, nämlich die Demokratische und Soziale Bewegung (MDS), die Front der Demokratischen Kräfte (FFD) sowie die Partei der Sozialdemokratie (PSD). Partei Ausprägung Führender Kopf Resultate1993Interparliamentary Union – Wahlergebnisse Marokko 1993Resultate1997 Sozialistische Union der Volkskräfte (USFP) Sozialdemokratie Abderrahmane Youssoufi 15,62 % der Stimmen52 Sitze 17,53 % der Stimmen57 Sitze Konstitutionelle Union (UC) Royalismus, Konservatismus,Wirtschaftsliberalismus Mohammed Abied 16,22 % der Stimmen54 Sitze 15,38 % der Stimmen50 Sitze Nationaler Zusammenschluss der Unabhängigen (RNI) Liberalismus, Mitte-rechts Ahmed Osman 12,31 % der Stimmen41 Sitze 14,15 % der Stimmen46 Sitze Volksbewegung (MP) Royalismus,Vertretung des ländlichen Raums Mohand Laenser 15,32 % der Stimmen51 Sitze 12,3 % der Stimmen 40 Sitze Istiqlal oder „Partei der Unabhängigkeit“ (PI) Konservatismus, Nationalismus Abbas al-Fassi 15,62 % der Stimmen52 Sitze 9,84 % der Stimmen32 Sitze Demokratische und Soziale Bewegung (MDS) Konservativismus Mahmoud Archane - % der Stimmen- Sitze 9,84 % der Stimmen32 Sitze Nationale Volksbewegung (MNP) Konservativ Mahjoubi Aherdane 7,51 % der Stimmen25 Sitze 5,84 % der Stimmen19 Sitze Partei der Nationalen Demokraten (PND) Liberalismus Abdalah Kadiri 7,21 % der Stimmen24 Sitze 3,07 % der Stimmen10 Sitze Mouvement populaire constitutionnel et démocratique (MPCD) Islamistische Sammelbewegung Abdelkrim al-Khatib 0,0 % der Stimmen0 Sitze 2,76 % der Stimmen9 Sitze Front der Demokratischen Kräfte (FFD) Sozialismus Thami El Khyari - % der Stimmen- Sitze 3,76 % der Stimmen9 Sitze Partei der Erneuerung und des Fortschritts (PRP) bzw. Partei des Fortschritts und des Sozialismus (PPS) Sozialismus Ismael Alaoui 3,0 % der Stimmen10 Sitze 2,76 % der Stimmen9 Sitze Partei der Sozialdemokratie (PSD) Sozialismus ? - % der Stimmen- Sitze 1,53 % der Stimmen5 Sitze Organisation der demokratischen Aktion des Volkes (OADP) Sozialismus Mohamed Bensaïd Aït Idder 0,6 % der Stimmen2 Sitze 1,23 % der Stimmen4 Sitze Partei der Aktion (PA) Liberalismus ? 0,6 % der Stimmen2 Sitze 0,61 % der Stimmen2 Sitze Demokratische Partei der Unabhängigkeit (PDI) Konservativismus Thami El Wazzani 2,7 % der Stimmen9 Sitze 0,3 % der Stimmen1 Sitz
Regierungsbildung Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes wurde vom König der Wahlsieger, also Abderrahmane Youssoufi, mit der Regierungsbildung betraut, der daraufhin die später so genannte „Regierung des Wechsels“ formte.
Am 14. März 1998 wurde seine links-liberale Regierung offiziell eingesetzt, gebildet aus bewährten, königstreuen Ministern im Innen-, Außen, und Justiz-Ressort, unabhängigen Spezialisten in Menschenrechtsfragen, sowie Abgeordneten der Koutla-Parteien USFP, PPS und Istiqlal, sowie der RNI und dem MP.Historique des gouvernements auf Archiv von Maroc.ma auf Wikiwix.com
Siehe auch Politisches System Marokkos Geschichte Marokkos
Einzelnachweise
#1997 Marokko