Mathijs Wier (auch Matthias, Matthes, Mattaeus Weyer; * 1520 oder 1521 vermutlich in Grave an der Maas in Nordbrabant; † 25. April 1560Dierick Mullem: Vorwort zu Grondelijcke onderrichtinghe, van veelen hoochwichtighen articulen, o. J., Bl. Aii (Google-Books): 11 Monate vor dem 2. März 1561. in Wesel) war ein Kaufmann und Mystiker, der am Niederrhein wirkte.

Leben miniatur|Wappen der Familie Weyer, 1593|150px Mathijs Wier war der jüngste Bruder des Arztes und Gegners der Hexenverfolgung Johann Weyer (1516–1588).Vgl. Johann Weyer: De praestigiis Daemonum. Johannes Oporinus, Basel 1566, S. 100: „cum fratribus Arnoldo & Matthia“; deutsche Ausgabe Basel 1565, S. 137 (Google-Books). Als ihre Eltern gelten der Kaufmann Theodor (Dirk) Wier (Wierus) und dessen Frau Agnes Rhordam (beide † vor 1566).Vgl. Carl Binz: Doktor Johann Weyer, ein rheinischer Arzt, der erste Bekämpfer des Hexenwahns. Ein Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte des 16. Jahrhunderts. In: Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 21 (1885), S. 1–171, bes. S. 6, u. a.Melchior Adam: Ioannes VViervs. In: Vitae Germanorum medicorum. Jonas Rosen, Frankfurt am Main; Georgius Geyder, Heidelberg 1620, S. 218 (Digitalisat der Universitätsbibliothek Mannheim), nennt nach De praestigiis Daemonum. Basel 1563, S. 88; Basel 1566, S. 100 (Google-Books; deutsche Ausgabe Basel 1565, S. 137 (Google-Books) nur die Vornamen Theodorus und Agneta der Eltern; der Vater handelte mit Hopfen (lupulus; Basel 1563, S. 88; Basel 1565, S. 137). Allerdings benennt die Grabplatte von Mathijs’ Neffen Dietrich von Weyer († 1604) in Beischriften die Wappen der vier Großeltern mit den Namen „Weier, Wintgen, Bocksmer“ und „Denholt“,Vgl. Rüdiger Fuchs: Die Inschriften der Stadt Worms. (Deutsche Inschriften. Mainzer Reihe 2). Reichert, Wiesbaden 1991, Nr. 609, S. 434 f., vgl. S. 574 und S. 577. so dass der Name von Dietrichs Großmutter väterlicherseits „Agnes Boxmeer“ oder „Agnes ten Holt“Vgl. den Hof ten Holt und den Ten Holtweg in der Gemeinde Gassel bei Grave. lautete und Theodor Wier noch eine andere Ehe geschlossen hat.

Mathijs Wiers weitere Geschwister waren Arnt (Arnold) Wyer († nach 1577)Vgl. Brief von Arnt Wier an Maria von Nassau vom 18. Dezember 1568; Archief Huis Bergh (Regest Nr. 5979).Vgl. Johann Weyer: Tractatus de commentitiis ieiuniis. Oporinus, Basel 1577 = De lamiis, Ausgabe Basel 1582, Sp. 109–137, bes. Sp. 116 f. (Google-Books); deutsche Ausgabe Frankfurt am Main 1586, S. 78 (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München). in Moers, Küchenmeister (nicht „Koch“) von Graf Hermann von Neuenahr (1520–1578),Vgl. Regest einer Urkunde vom 12. Oktober 1562 in: Ottomar Friedrich Kleine, Heinrich Averdunk: Das Stadtarchiv zu Duisburg. In: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein, insbesondere das Alte Erzbistum Köln 59 (1894), S. 171–229, bes. S. 227 (Google-Books; eingeschränkte Vorschau); Carl Binz: Doctor Johann Weyer, ein rheinischer Arzt, der erste Bekämpfer des Hexenwahns. Ein Beitrag zur Geschichte der Aufklärung und der Heilkunde. 2. Aufl. Hirschwald, Berlin 1896, S. 178 f. und Anna Wier (* vor 1540; † nach 1582), die zweite Frau von Karl von Utenhove d. Ä. (* um 1500; † 1580), des Herrn von Merckeghem,Vgl. Leonard Wilson Forster: Charles Utenhove and Germany (1971). In: Kleine Schriften zur deutschen Literatur im 17. Jahrhundert (Beihefte zum Daphnis 1). Rodopi, Amsterdam 1977, S. 88 (Google-Books): „apparently a relation of Johannes Wierus “. die dieser vor 1562 geheiratet hat.Vgl. Brief von Karl von Utenhove d. Ä. an Jan van Utenhove (1516–1566) vom 4. September 1562 aus Friemersheim. In: Jan Hendrick Hessels: Epistvlae et tractatvs cvm Reformationis tvm Ecclesiae Londino-Batavae historiam illvstrantes (1544–1622), Bd. II. (Ecclesiae Londino-Batavae Archivum 3). Typis Acodemiae, Cambridge 1897, Nr. 67, S. 205–207, bes. S. 206 (Digitalisat): „Vxor mea … salutem optat plurimam“. Dietrich von Weyer bezeichnete 1573 den „Her von Merckhem“ als seinen „Ohem“.Brief vom 31. Mai 1573 aus Wesel an die Grafen Johann VI. (1536–1606) und Ludwig von Nassau-Dillenburg (1538–1574). In: Jacob van Wesenbeeck (Hrsg.): Archives ou correspondance inédite de la maison d’Orange-Nassau, Bd. I/4 1572–1574. S. und J. Luchtmans, Leiden 1837, S. 133–143, bes. S. 143 (Google-Books). 1574 wurden „Anna Wyer, Frau des Herrn von Merkegem“ Grundstücke im Gericht Kellen übertragen,Regest einer Urkunde vom 31. August 1574; Landesarchiv NRW Abt. Rheinland Duisburg (Familienarchiv Haus Aldenhoven, Urkunde 13). und 1582 wurde ein Hof in Waldniel an „Anna Wijer, Witwe van Merchgem“, verpfändet.Vgl. Nationaal Archief Den Haag (Sammlung „Matenesse, van“, Eigendommen en bezittingen, Niel, o. Nr.).

Mathijs Wier und sein Bruder Arnd wohnten eine Zeitlang als „aanzienlijke kooplieden (= bedeutende Kaufleute)“ in Antwerpen, Johannes Wier, beschouwd als den ijsbreker tegen de leer der vooroordeelen, wegens dem Duivel, de Duivelskunsten, Tooverijen en Heksenprocessen. In: Jacobus Scheltema (Hrsg.): Geschied- En Letterkundig Mengelwerk 4,1 (1825), S. 177–251, bes. S. 249 (Digitalisat der Österreichischen Nationalbibliothek Wien) später lebte Mathijs Wier in Wesel.Den 16. Brief an seinen „Oom / Ohm (= Onkel, naher männlicher Verwandter)“, der aus der Weseler Zeit stammen dürfte, ist 1552 datiert, auch hier wird die „coopmanschappen / Kauffmanschafft“ erwähnt; Mathijs Wijer: Grondelijcke Onderrichtinghe van veelen hoochwichtighen Articulen. Dirck Mullem, o. O. [Vianen] 1584, S. 34. Er verfasste mehrere Literaturbriefe an seinen Bruder den „lieue Johan“ bzw. „aen zijn Broeder D. Jan W.“,Den 17, 21.–22., 29., 35. Brief und acht volgende cleyne Brieue. In: Mathijs Wijer: Grondelijcke Onderrichtinghe van veelen hoochwichtighen Articulen. Dirck Mullem, o. O. [Vianen] 1584, S. 34 f., 41–45, 52 und 57–60; Eduard Simons: Matthes Wier, ein Mystiker aus der Reformationszeit. In: Theologische Arbeiten aus dem rheinischen wissenschaftlichen Predigerverein. Neue Folge 9 (1907), S. 30–49. an den Bruder Arnd WijerDen 23.–27., 30. Brief, S. 46–50 und S. 52 f. und an seine Schwester, an die er 9 Tage vor seinem Tod auch einen Abschiedsbrief schrieb.Den 10. Brief und Brief vom 16. April 1560 an seine Schwester „A…“. In: Mathijs Wijer: Grondelijcke Onderrichtinghe van veelen hoochwichtighen Articulen. Dirck Mullem, o. O. [Vianen] 1584, S. 25 f. und S. 60; vgl. Sjouke Voolstra: Beeldenstormer uit bewogenheid. Verloren, Hilversum 2005, bes. S. 95–103.

Wier stand in der mystischen Tradition von Johannes Tauler († 1361), er erwähnt die Nachfolge Christi des Thomas von Kempen († 1471) sowie die Theologia deutschDat Boeck der Sproecken. Dierick Mullem, o. O. [Vianen 1584], S. 52 (Google-Books); Sjouke Voolstra: Beeldenstormer uit bewogenheid. Verloren, Hilversum 2005, S. 94 Anm. 3. und war der reformatorischen Theologie verbunden. Gegenüber anderen mystisch-spiritualistisch geprägten Zeitgenossen vertrat er eigenständige Positionen, mit den Täufern oder den Schwenkfeldianern sympathisierte er nicht.Christiaan Sepp: Kerkhistorische Studiën. Brill, Leiden 1885, S. 140 und 142. Er bestritt unter anderem die Ansichten des Mennoniten Dirk Philips (1504–1568) über Buße und WiedergeburtDen 21. Brief. In: Mathijs Wijer: Grondelijcke Onderrichtinghe van veelen hoochwichtighen Articulen. Dirck Mullem, o. O. [Vianen] 1584, S. 41–43. oder die Berufung zur „Liebesbrüderschaft“ („Haus der Liebe“), die Heinrich Niclaes (* 1501; † um 1580) propagierte.Den 22. bis 24. Brief. In: Mathijs Wijer: Grondelijcke Onderrichtinghe van veelen hoochwichtighen Articulen. Dirck Mullem, o. O. [Vianen] 1584, S. 43–47. Jedoch wurden eine kritische Bemerkung über David Joris († 1556) und eine weitere Erwähnung von Heinrich Niclaes von den Herausgebern erst nachträglich in die hochdeutscheGründliche Unterrichtung. Aufl. Henrich Betkius, Amsterdam 1658, S. 331; vgl. S. 181 u. ö. und lateinischeTheologiae mysticae … Praxis viva. Amsterdam 1658, S. 159. Ausgabe seiner Werke eingefügt. Ursprünglich waren an der entsprechenden Stelle „huydens-daechs … dwael-gheesten / heutiges Tages … Irrgeister“ ohne konkrete Namensnennung genannt.Dat boeck der sproecken. Dierick Mullem, o. O. [Vianen 1584], S. 85. In einem seiner Briefe setzte sich Wier mit der Frankfurter Disputation über Willensfreiheit und Prädestination auseinander, die im September 1556 zwischen Johannes Calvin, Robert Horne († 1579), Johannes a Lasco und Justus Velsius (1502–1582) geführt wurde. Er grenzte sich dabei sowohl von Calvin als auch von Velsius ab.Den 20. Brief an „A. G.“; vgl. Den 18.–19. Brief an Justus Velsius. In: Mathijs Wijer: Grondelijcke Onderrichtinghe van veelen hoochwichtighen Articulen. Dirck Mullem, o. O. [Vianen] 1584, S. 40f; vgl. S. 35–40.

Wier war überzeugt, dass der Mensch immer Buße üben muss: Absolute Sündlosigkeit kann in diesem Leben nicht erworben werden.Piet Visser: Zeldzame mennonitica: een liedboek uit 1630, een herdruk van Matthias Weyer en het werk van de onbekende Popken Wierts. In: Doofngezinde Bijdragen 20 (1994), S. 241–247, bes. S. 243f (PDF der Doopsgezinde Historische Kring). Das Ziel der Vereinigung mit Gott („Wiedergeburt“) wird über die Stufen der – äußeren und inneren – Reinigung erreicht, die mit Askese, Absterben des Kreatürlichen (des „Fleisches“) und Leiden verbunden ist und zur Erleuchtung führt.Sjouke Voolstra: Beeldenstormer uit bewogenheid. Verloren, Hilversum 2005, S. 96. „Und alsdann in freyer Gelassenheit, schawet, kennet und liebet Gott sich selbst in uns“.Gründliche Unterrichtung. 2. Aufl. Henrich Betkius, Amsterdam 1658, S. 215f (Google-Books).

Mathijs Wier starb nach schwerer Krankheit, die möglicherweise durch psychosomatische Faktoren beeinflusst war,„Matthias Weyer, der durch … innerliche Angst und Schmerzen sein Leben verlohr, wie er am Ende, und gleichsam im letzten Schritt seiner völligen Reinigung war“; Pierre Poiret: Die Reinigung der Seelen, vor oder nach dem Tode. o. O. 1711, S. 161 (Google-Books). im Alter von 39 Jahren und hinterließ seine Frau und kleine Kinder. Seine Aussprüche und Schriften waren von seinem „Haußgenossen“, dem „iongen gesellen“ Johann (Jan) Spe († 2. März 1561)Konrad Pellikan erwähnt den Besuch eines „Johannes Spe Gelrensis (= aus Geldern)“ 1550 bei ihm in Zürich; Bernhard Riggenbach (Bearb.): Das Chronikon des Konrad Pellikan. Bahnmaier, 1877, S. 178 (Google-Books). Im Herzogtum Geldern war die Familie Spee z. B. in Grefrath oder Wankum ansässig. „von Edlem Geschlecht“ gesammelt worden.Vgl. Matthes Weyer: Gründliche Unterrichtung von Vielen hochwichtigen Articuln. 2. Aufl. Henrich Betkius, Amsterdam 1658, S. 5–8 (Google-Books). Johann Spe – vermutlich ein naher Verwandter des Friedrich Spee von Langenfeld – übergab das Manuskript 1561 auf seinem Sterbebett an gemeinsame Freunde.Van die Hercoemste deses Boecks een corte verclaringhe. In: Mathijs Wijer: Grondelijcke Onderrichtinghe van veelen hoochwichtighen Articulen. Dirck Mullem, o. O. [Vianen] 1584, unpaginiert.Vgl. Gottfried Arnold: Unparteyische Kirchen- und Ketzer-Historie, Bd. III. Fritsch, Frankfurt am Main 1729, S. 16–21, bes. S. 17 (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München); Tünde Beatrix Karnitscher: Der vergessene Spiritualist Johann Theodor von Tschesch (1595–1649). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015, S. 273 f. (Google-Books; eingeschränkte Vorschau).

Die Texte wurden erstmals 1563 von Pieter Overd’hage und 1569 von Dirck Mullem herausgegeben und in Wesel in