mini|x240px|Das ‚Weiße Haus‘, Hauptgebäude der Gemeinschaftsschule

Die Alemannenschule Wutöschingen (ASW) in der Gemeinde Wutöschingen, im Landkreis Waldshut in Baden-Württemberg, ging 2011 als Gemeinschaftsschule aus einer Grund- und Werkrealschule hervor.

Mit Genehmigung durch das Kultusministerium Baden-Württemberg vom Oktober 2018 wurde die ASW ab dem Schuljahr 2019/2020 mit einer gymnasialen Oberstufe erweitert. Die Alemannenschule gilt als Vorreiter„Die Gemeinschaftsschule […] ist für den Deutschen Schulpreis 2019 nominiert und gilt als Vorreiter des modernen Unterrichts. […] 'An der Alemannenschule gibt es gar keine Schulräume mehr und nichts, was daran erinnert.' […] Die Schüler lernen dort in sogenannten Input-Räumen, meist in 20-minütigen Phasen. Danach wechseln sie an Einzelarbeitsplätze oder an einen anderen Ort, der zu ihrer neuen Aufgabe passt.“ nach Marc Kirschbaum, Professor für Architekturtheorie und Entwerfen an der SRH Hochschule Heidelberg, zitiert in: Anne Backhaus: Offene Denkräume, in: Zeit & Schule, Beilage in Die Zeit, 5/Januar, Hamburg 2019, S. 23. einer neuen Vorstellung von Lehren und Lernen in Verbindung mit einer der pädagogischen Konzeption angepassten Architektur der Schulgebäude.Schule machen Harald Willenbrock in Brand eins 1/2020

Die im Schulalltag der ASW entstandene und in Kooperation mit anderen Schulen (im sogenannten „Materialnetzwerk“) binnen 10 Jahren entwickelte digitale Lernumgebung „DiLer“ ist mittlerweile institutionell und staatlich anerkannt und europaweit verbreitet.

Die Schule unterrichtete im Schuljahr 2019/2020 159 Grund- und 491 Gemeinschaftsschüler.

Von 2005 bis 2024 war Stefan Ruppaner Rektor der Alemannenschule.

mini|Schriftzug und Logos beim Schulplatz

Aktuelle Entwicklung Nach Einführung der gymnasialen Oberstufe (Sekundarstufe II) im Schuljahr 2019/2020 konnten im Juli 2022 die ersten Abiturzeugnisse mit einem Gesamtdurchschnitt von 1,7 an 20 Abiturienten ausgegeben werden. 11 sind auch Preisträger. Aufgrund der Premiere übergab Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer in einer Feierstunde die Zeugnisse. Mit Schulleiter Stefan Ruppaner und Bürgermeister Georg Eble wurde auch des gemeinsamen Engagements zur Durchsetzung des „Erfolgsmodells“ gedacht. Eble fand auch „klare Worte für alle Kritiker: ‚Ihnen wurde gezeigt, dass hier Abitur möglich ist, und ihnen wurde damit eine Klatsche erteilt!‘“Gerald Edinger: Meilenstein für die Alemannenschule, Alb-Bote, 12. Juli 2022.

Wenige Tage zuvor fand die Einweihung des neuen Schulgebäudes für die Sekundarstufe statt: Der Neubau „erfolgte in 18-monatiger Bauzeit. Bis zur Fertigstellung der Außenanlagen hat der Bau 8,7 Millionen Euro gekostet, wobei 3,7 Millionen durch Zuschüsse abgedeckt sind.“Sandra Holzwarth: Schulhaus der Zukunft eingeweiht, Alb-Bote, 9. Juli 2022.

Zu dem ab dem 5. September begonnenen neuen Schuljahr konnte die Schule „15 neue Lehrer“ verpflichten, 12 Frauen und drei Männer. Mit den neuen „Familienklassen im Grundschulbereich […] werden die Kinder von 95 Lehrern unterrichtet.“ Aktuell werden 15 Geflüchtete „gemeinsam in einer Vorbereitungsklasse in der Mediathek unterrichtet.“Yvonne Würth: Verstärkung an der Alemannenschule, Alb-Bote, 10. September 2022.

Hintergrund Die Geschichte der Alemannenschule steht nicht stellvertretend für Schulentwicklung im ländlichen Raum – sie fußt auf einer spezifischen Ortsgeschichte im Rahmen der frühen Industrialisierung und einer dadurch bedingten kommunalen Herausforderung, die auch zu einer Tradition im Zusammenwirken ortsansässiger Persönlichkeiten führte.

Vorgeschichte mini|Das ‚Grüne Haus‘ der ASW

Die Alemannenschule war ursprünglich eine kleine bäuerliche Dorfschule in der Ortschaft Wutöschingen, die sich jedoch nach der frühen Ansiedlung eines Aluminiumwerkes mit den Kindern einer zugezogenen Arbeiterschaft konfrontiert sah. Dies prägte seitdem im Ort eine ungewöhnliche Aufmerksamkeit und bewirkte auch Erfahrung im Umgang mit ‚Schulproblemen‘. Auch heute ist Wutöschingen ein überregionales Zentrum der Aluminium- und Metallindustrie mit einem entsprechend soliden Haushalt. Im Zuge der Gemeindereform 1975 wurde Wutöschingen zum Hauptort unter sieben Dörfern und die Alemannenschule zentraler Schulort ab der 5. Klasse; alle Schulpflichtigen der Umgebung, die nicht die weiterführenden Schulen (Realschule oder Gymnasium) besuchen konnten oder wollten, wurden nun mit den regulären Bahnbussen nach Wutöschingen gefahren. Die Hauptschule Wutöschingen war auch Anlaufstelle für die Schüler, die es nicht schafften, auf den weiterführenden Schulen zu verbleiben; unter anderem führte dies zu Klassengrößen mit über 30 Schülern, zeitweise gab es bis zu 3 Parallelklassen. Die Schule verfügte bereits über einen Physikraum, eine kleine Bibliothek und für den Sport die neu erbaute Sporthalle (Alemannenhalle) mit Außenanlage. Später wurde die Schule zur 2-zügigen Werkrealschule erweitert.

Eher zufällig wurde 2009 im Ort jedoch eine Studie über Schulentwicklung im Landkreis bekannt, die von einer Schließung der Alemannenschule wegen zu geringer Schülerzahlen ab der 5. Klasse bis 2017 ausging. „Diese Studie war für uns die Initialzündung für die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Schulentwicklung […] wie niemals zuvor in unserer Ortsgeschichte.“Georg Eble: Wie kann die Gemeinde ihre (Gemeinschafts-)Schule unterstützen? In: Lehren & Lernen: Das Betriebssystem Schule am Beispiel der Alemannenschule (GMS) Wutöschingen, Zeitschrift, Neckar-Verlag, 6–2017, S. 17.

Siehe Kapitel: Chronologie der Alemannenschule ab 2009: Chronik

Digitales Zeitalter „Die erfolgreiche Integration digitaler Medien in den schulischen Alltag ist derzeit eine der zentralen Herausforderungen“, die nicht mehr mit den traditionellen Formen von Lernen und Unterricht vereinbar sei – dies war die Erkenntnis nicht nur von Fachautoren, sondern zunehmend auch von Lehrkräften und Verwaltungen:

In Deutschland sei selbst die Diskussion im internationalen Vergleich zwar „nur sehr schleppend“ geführt worden, doch könne es nicht darum gehen, „die digitalen Medien möglichst umfassend, aber blind und unreflektiert in den schulischen Alltag zu übernehmen.“Die digitale Ausstattung in Verbindung mit dem pädagogischen Konzept in Wutöschingen besitzt Modellcharakter, denn „seit mehreren Jahren (setzt die) Alemannenschule um, […] was im Hinblick auf die zukünftige Lernkultur als Empfehlung als auch Forderung an die Bildungspolitik ausgesprochen wurde (Studie der Bertelsmann-Stiftung ‚Digitales Lernen‘, 2017.). Nach dieser Studie verwenden die meisten Schulen ‚digitale Medien lediglich für administrative Zwecke und 81 Prozent der Lehrer sowie 88 Prozent der Schulleiter sehen […] nur darin bessere Chancen, diese Aufgaben zu bewältigen‘.“ (H. Glaser, Südkurier, 20. Oktober 2017). Diese Langsamkeit ermöglichte es anderseits, auf pädagogische Konzepte und Ideen zurückzukommen, die vor allem werteorientiert entwickelt worden waren – meist noch ohne die neuen technischen Möglichkeiten einzubeziehen. Diese führe zu einer Integration zahlreicher Aspekte, denn „der Einsatz digitaler Medien (führt) nicht per se zu nennenswerten, positiven Effekten“.

Öffentlichkeitsarbeit Durch das große Interesse deutscher und zunehmend ausländischer Schulen an der selbst entwickelten Lernplattform DiLer und der gemeinnützigen Genossenschaft Materialnetzwerk eG (Kooperation von gegenwärtig 43 Schulen aus Baden-Württemberg) ist ein beständiger Austausch gewährleistet; hinzu kommt die Teilnahme an zahlreichen Veranstaltungen.

Zusammenarbeit mit der Gemeinde „Der wichtigste Kooperationspartner ist allen voran unser Schulträger, die Gemeinde Wutöschingen, die in ihrer Aufgabe als Schulträger als überregionales Vorbild gilt.“Stefan Ruppaner: Wie funktioniert das Betriebssystem Schule an der Gemeinschaftsschule Wutöschingen. In: Lehren & Lernen (L&L): Das Betriebssystem Schule, S. 12.

Dies wurde von dem Schweizer Lernberater Peter Fratton, der zum Aufbau der Schulorganisation als Berater zur Verfügung stand, auch personalisiert: „Das Wichtigste ist ein Bürgermeister, […] der dafür sorgt, dass der politische Wille umgesetzt wird, und sich nachher so einbringt, wie es viele vom eigenen Hausbau her kennen.“Peter Fratton: Statt schulgerechte Kinder eine kindgerechte Schule. Das Lerndorf Wutöschingen in: Zylka (Hrsg.), S. 25.

Gemeinde Wutöschingen Der Bürgermeister selbst bezog diese Funktion auch auf den Gemeinderat: Dieser habe „alle Entscheidungen, die mit der Gemeinschaftsschule im Zusammenhang standen, quer durch alle Fraktionen, jeweils einstimmig gefasst.“Georg Eble: Wie kann die Gemeinde ihre (Gemeinschafts-)Schule unterstützen?, L&L, S. 18.

mini|An der Bahnstation der Ortschaft Dazu zählt auch die Verbesserung von Verkehrsverbindungen, so der Einrichtung eines Bahnsteigs an der lange stillgelegten Eisenbahnstrecke im Wutachtal – eine maßgebende Initiative zur Reaktivierung auch eines ‚Schülerverkehrs‘ seit dem September 2018 durch die Bahnbetriebe Blumberg.

Andere Unterstützer Im langwierigen Auseinandersetzungsprozess um die Durchsetzung der Schulentwicklungspläne der letzten 10 Jahre gewannen Schulleitung und Bürgermeister nicht nur die einhellige Unterstützung des Gemeinderates, sondern neben den Institutionen der Bürgerschaft (Vereine und religiöse Gemeinschaften) auch die Solidarität von Firmen, wobei die Aluminium-Werke Wutöschingen (AWW) als traditionelles Unternehmen und größter Arbeitgeber regelmäßig mit finanziellen Spenden die Investitionen der Gemeinde unterstützen.So Anfang Februar 2019 mit einem Scheck über 1.000 €. (Amtsblatt Wutöschingen, Ausgabe 6/2019).

Ökonomischer Aspekt Ein besonderer Kostenfaktor resultierte aus der Erkenntnis, dass die Baulichkeiten der neuen Schulform angepasst werden müssen: „So verstehen wir heute die Lernumgebung bzw. deren räumliche Gestaltung als den ‚dritten Pädagogen‘; denn die räumliche Gestaltung der Lernumgebung mit Schaffung einer Wohlfühl-Atmosphäre in unseren Lernhäusern, zwischenzeitlich drei an der Zahl, war eine unabdingbare Grundlage für das Gelingen unseres Vorhabens.“Eble: Gemeinde, in: L&L, S. 18.

mini|Innenraum „Weißes Haus“ Bereits parallel zur Antragsstellung zur Einrichtung der Gemeinschaftsschule 2011 wurde als Hauptgebäude das „Weiße Lernhaus“ geplant, das zu Beginn – bei 240 Schüleranmeldungen – mit „zwischen 7 und 8 Mio. Euro“ zu teuer erschien: „Noch eine Woche vor der Einreichungsfrist beim Regierungspräsidium Freiburg hatten wir keine Lösung für dieses Problem.“ Schließlich entstand die Idee, „das Schulgebäude in der räumlichen Ausdehnung nicht in die Länge, sondern in die Höhe zu ziehen, was deutlich kostengünstiger ist.“ Es entstand ein Schulgebäude, in dem die „Lernhäuser“ in Holzbauweise übereinander gebaut wurden – „Und über diese außergewöhnliche Planung konnten wir die Kosten auf 5,2 Mio. Euro reduzieren.“Eble, L&L, S. 20.

Zur Einrichtung der gymnasialen Oberstufe ist seit 2018 ein weiteres Gebäude in Planung – hierfür veranschlagt die Gemeinde Kosten von sechs Millionen Euro. Der Bau wird noch 2019 beginnen, „mit der Fertigstellung rechnet die Schulleitung zum Beginn des Schuljahres 2020/21.“Gerald Edinger: Oberstufe nimmt Formen an in: Südkurier, 1. Februar 2019.

Das Bauensemble mini|„Das Blaue Haus“ (Inputräume/Marktplatz/Lernateliers) mini|„Marktplatz“

Die Lernhäuser haben jeweils eine eigene Grundfarbe (weiß, blau und grün). „Im Erdgeschoss befinden sich Inputräume für die Hauptfächer sowie der kooperative Arbeitsbereich, der Marktplatz. […] Im oberen Stock befinden sich die Lernateliers, wo Flüsteratmosphäre herrscht.“Tanja Schöler/Verena Schabinger: Individuelles und gemeinsames Lernen. In: Zylka (Hrsg.): Schule auf dem Weg zur personalisierten Lernumgebung. Modelle neuen Lehrens und Lernens. Beltz-Verlag, Weinheim 2017, S. 91.

Lern- und Lebensräume