mini|hochkant|Selbstbildnis Meister Schro, Dom Halle (1525)
Peter Schro (* um 1485 in Mainz; † vor dem 18. August 1544 ebenda),Wolf Stadler (Hrsg.): Lexikon der Kunst. Malerei, Architektur, Bildhauerkunst. 10. Band: Rein–Sel. Karl Müller Verlag, Erlangen 1994, ISBN 3-86070-452-4, S. 341–342. auch SchrörUrsula Thiel: Der Bildhauer und Medaillenschneider Dietrich Schro und seine Werkstatt in Mainz (1542/44–1572/73). Selbstverlag der Gesellschaft für Mittelrheinische Kirchengeschichte, Mainz 2014, ISBN 978-3-929135-70-1., Schror und Schrot geschriebenIrnfriede Lühmann-Schmid: Peter Schro, Ein Mainzer Bildhauer und Backoffen-Schüler, Teil 1. In: Mainzer Zeitschrift. Band 70, 1975., war ein deutscher Bildhauer zwischen Spätgotik und Frührenaissance. Er wurde zwischen 1522 und 1542/44 in Mainz urkundlich nachgewiesen.
Leben mini|hochkant|Maria Magdalena, Dom Halle (Schönermark 1886) mini|hochkant|Hl. Mauritius, Dom Halle (Schönermark 1886)
Identifizierung des Namens Über lange Zeit blieb der Meister des Halleschen Doms ein Namenloser. Die letztendliche Identifizierung seines Namens lässt sich als kunsthistorische Kriminalgeschichte verstehen, die fast über 130 Jahre hinwegreicht. In der Rückschau ergeben sich folgende Meilensteine.
Spurensuche im 19. Jahrhundert Gustav Schönermark (1886): Umfassende Darstellung der figuralen und architektonischen Details des Halleschen Doms. Nimmt unzutreffend an, dass es sich beim Dom in Halle um einen Neubau handelte, der von 1520 bis 1523 fertiggestellt wurde.Gustav Schönermark: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler der Stadt Halle und des Saalkreises. Halle 1886. Ermittelt, dass es sich beim verwendeten Material der Skulpturen nicht um Sandstein, sondern um ein vulkanisches Produkt, ein Trassgestein vom Rhein handelt. Dieses Material ordnet er der großen und, irrtümlicherweise, auch der kleinen Weihetafel zu. Der leichte, graugelbe Stein ließ sich selbst mit dem Messer bearbeiten, so dass Schwerter, Stäbe und Schnurverzierungen freischwebend über längere Strecken gefertigt wurden. Sieht im Meister von Halle „den ersten Künstler der Neuzeit“, der der Gotik entwachsen ist und sich ausgiebig bei den neuen Elementen der Renaissance bedient (Perlenstäbe, Akanthusblätter, Palmetten usw.). Er vermutet daher Reisen des Meisters nach Italien und Spanien und zweifelt nicht daran, dass alle Kunstwerke im Dom von einer Hand herrühren. Veröffentlicht detaillierte Zeichnungen, u. a. auch zur Konsolenfigur unter dem Hl. Mauritius, in der er ein Selbstbildnis des Meisters vermutet. Paul Redlich (1900): Weist durch gründliche recherchierte archivalische Befunde zum Hallenser Dom nach, dass die alte Dominikanerkirche zum Neuen Stift Kardinal Albrechts umgebaut wurde.Paul Redlich: Cardinal Albrecht von Brandenburg und das Neue Stift zu Halle. 1520–1521. Eine kirchen- und kunstgeschichtliche Studie. Mainz 1900. Erstmals wird vermutet, dass ein Schulzusammenhang zwischen den beteiligten Bildhauern und Steinmetzen bestanden haben müsse (es wird die Magdeburger Domhütte angenommen). Das Werk kann in der kurzen Zeit von sechs Jahren nur nach den Entwürfen und unter der Oberleitung eines Meisters über mehrere Gesellen vollendet worden sein. Wenn auch aufgrund der Renaissanceelemente der Meister nicht selbst in Italien gewesen sein muss, so hat er zumindest die großen süddeutschen Handelsstädte gekannt. Die Pfeilerstatuen gehörten zweifellos zum Besten, was die deutsche Plastik jener Zeit geleistet hat.
Spurensuche im 20. Jahrhundert Paul Kautzsch (1911): Formuliert für den unbekannten Künstler des Pfeilerzyklus von Halle den Notnamen „Meister der Hallischen Domskulpturen“.Paul Kautzsch: Der Mainzer Bildhauer Hans Backoffen und seine Schule. Verlag Klinkhardt & Biermann, Leipzig 1911. Zwei Spuren führen von Halle nach Mainz. Die durchgängige Verwendung von rheinischem Tuffstein für die Hallenser Figuren verweist in die Nähe des Rheins. Und Kardinal Albrecht würde wohl auch eher einen Meister nach Halle holen, der ihm aus Mainz am Rhein bekannt war. Der stilkritische Vergleich verortet den Hallenser Meister in der in Mainz nachweisbaren Schule Hans Backoffens († 1519). Hervorgehoben werden die bedeutenden Portraitköpfe der Pfeilerfiguren, die auf Modellstudien beruhen müssen. Nur mit Unterstützung des Meisters durch mehrere Gesellen kann das Werk in sechs Jahren entstanden sein. Zeitgleich zur Dissertation von Kautzsch (1909)Paul Kautzsch: Die Werkstatt und Schule des Bildhauers Hans Backoffen in Mainz. Ein Beitrag zur Geschichte der Mainzer Plastik von 1500–1530. Inaugural-Dissertation, Vereinigte Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg, Druck Ehrhardt Karras, Halle 1909. und unabhängig voneinander weist auch Dehio (1909)Georg Dehio: Der Meister des Gemmingendenkmals im Dom zu Mainz. In: Jahrbuch der Preußischen Kunstsammlungen. Band 30, 1909, S. 139–152. den Hallenser Meister der Backoffen-Schule zu. Ernst Kähler (1955/56): Der Figurenzyklus will eher einen bestimmten Sinngehalt seiner Zeit ausdrücken als eine künstlerische Aussage machen.Ernst Kähler: Der Sinngehalt der Pfeilerfiguren und Kanzelplastiken im Dom zu Halle. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Ernst Moritz Arndt-Universität Greifswald, Gesellschafts- und sprachwissenschaftliche Reihe. Band 4/5 1955/56. Wesentlich ist dabei u. a. die Figur des Erasmus. Die intensive Verehrung Kardinal Albrechts für Erasmus und seinen Humanismus drückt sich in speziellen Besonderheiten aus (Erasmus kommt als Pfeiler- und Baldachinfigur zweimal vor, Zitat aus Erasmus’ griechischer Bibelübersetzung herausgehoben am Ärmel des Paulus). Es wird eine komplette Bedeutungsanalyse der vorhandenen und fehlenden Attribute aller Figuren vorgelegt (vgl. Tabellen Pfeiler- und Baldachinfiguren). Die lateinischen Inschriften an den Gewandsäumen können einer bestimmten Gattung liturgischer Gebete zugeordnet werden. Die Gebetsverse dieser mittelalterlichen Vorlage, der „Litania maior“, bestimmen die Reihung und Gruppierung der Pfeilerfiguren. Die Kanzel wird als Ausdruck des „omnis sermo Dei“, des ganzen Wortes Gottes interpretiert und zwar hinführend zu einem reformfreundlichen, katholischen Humanismus. Heinz Wolf (1957): Die plastischen Werke im Dom zu Halle wurden durch drei beteiligte Werkstätten geschaffen: Bastian Bindersche Dombauhütte, Pfeilerfigurenwerkstatt und Kanzelwerkstatt von Ulrich Creutz.Heinz Wolf: Die Kanzel und die Plastik des Domes zu Halle aus der Zeit Kardinal Albrechts. Dissertation, Humboldt-Universität zu Berlin, Berlin 1957, (unveröffentl. Typoskript). Später wird die Urheberschaft von Ulrich Creutz durch Nickel (1991)Heinrich L. Nickel: Der Dom zu Halle (= Kleine Kunstführer. Band 1955). Schnell + Steiner, Regensburg 1991. und Bischoff (2006)Franz Bischoff: Neues zu Ulrich Creutz oder Wie lange währte die Lebensarbeitszeit spätgotischer Künstler? In: Jiři Fajt, Markus Hörsch (Hrsg.): Künstlerische Wechselwirkungen in Mitteleuropa. (= Studia Jagellonica Lipsiensia. Band 1). Jan Thorbecke Verlag, Ostfildern 2006, ISBN 978-3-7995-8401-2, S. 347–369. wieder in Frage gestellt, da die Hallesche Domkanzel „lebendiger und qualitätsvoller“ ist als die von Wolf (1957) zum Vergleich herangezogenen Arbeiten. In den Pfeilerfiguren manifestieren sich zwei Kunstepochen mit ihren ganz spezifischen Merkmalen (Gewänder sind der Spätgotik verhaftet und besitzen eine manieristische Nuance, Köpfe und Hände entsprechen der neuen Renaissanceauffassung). Nach Auflösung der Backoffen-Schule 1519 wird eine „Rumpfwerkstatt“ angenommen, die durch seine Schüler betrieben wurde und in Mainz verblieb. Zumindest zwei Personengruppen sind an den Pfeiler- und Baldachinfiguren beteiligt. Zur ersten gehört der Meister, der für alle Entwürfe der Großfiguren und die Fertigung der Christusfigur zuständig war. Weitere Personen dieser Gruppe waren für die Ausführung der übrigen Großfiguren, alle Baldachingehäuse, die Baldachinfiguren von Ecclesia und Madonna sowie die Konsolen von Christus, Petrus, Mauritius und Magdalena verantwortlich. Auch die beiden Weihetafeln wurden von dieser Gruppe ausgeführt. Alle anderen Baldachinfiguren und Konsolen dürften von einer zweiten Personengruppe geschaffen sein, die nicht über die gleiche künstlerische Qualität verfügte. Die Inschriften auf den Gewandsäumen werden komplett ermittelt. Hans Volkmann (1963): Während Wolf (1957) die kleine Weihetafel im Halleschen Dom noch sicher der Pfeilerfigurenwerkstatt zuschreibt, wird dies hier korrigiert, um sie dem Werk von Loy Hering zuzuordnen.Hans Volkmann: Die Weihetafeln des Kardinals Albrecht von Brandenburg in der Stiftskirche zu Halle. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Gesellschafts- und sprachwissenschaftliche Reihe. 12, Nr. 9/10 1963. Für die große Weihetafel wird kein Zuschreibungsversuch an einen Bildhauer unternommen, wiewohl sie irrtümlich in die Nähe des Kanzelmeisters gerückt wird. In jedem Fall wird ein Meister angenommen, der das Renaissancegefühl des Südens vollständig verinnerlicht hatte. Irnfriede Lühmann-Schmid (1975, 1976/77): Ihre Arbeiten verändern die Situation grundlegend, da sie Peter Schro als ausführenden Meister der Halleschen Pfeilerfiguren und anderer Werke identifizieren kann. Die Auswertung urkundlicher Erwähnungen in Mainz ergibt einige Nachweise des Namens Peter Schro in den Akten aus der Zeit von 1522 bis 1544, die sich auf Zahlungen durch Kardinal Albrecht beziehen. Daraus ergibt sich, dass er „peter schro Bilthauer“ genannt wurde und sein Todesdatum um das Jahr 1545 zu suchen ist. Da die Urkunden über die von ihm geschaffenen Werke keine Auskunft geben, werden der Werke der Backoffen-Schule untersucht, innerhalb derer drei Werke mit der Signatur „P·S“ identifiziert werden können (Epitaph Walter von Reiffenberg, Grabplatte Heinrich Meyerspach und Grabstein Kuno von Walbrunn). Über stilkritische Vergleiche wird Schritt für Schritt das verbliebene Œuvre Peter Schros erschlossen und in eine Chronologie seiner Schaffensphasen eingeordnet (Lühmann-SchmidIrnfriede Lühmann-Schmid: Peter Schro, Ein Mainzer Bildhauer und Backoffen-Schüler, Teil 2. In: Mainzer Zeitschrift. Band 71/72, 1976/77.). Für die Ausführung der Arbeiten im Dom zu Halle werden neben dem Hauptmeister, Peter Schro, drei Gesellen und weitere Mitarbeiter angenommen. Abschließend kann daraus seine künstlerische Ausstrahlung auf andere Meister seiner Zeit (Meister Jacob, Meister Wendel und, bedingt, Ulrich Creutz) abgeleitet werden. Die damit einhergehende Schulbildung wird über seinen Sohn (vielleicht auch Neffen), Dietrich Schro, und über Hans Wagner vermittelt und weitergetragen. Seine regionale und überregionale Bedeutung ist unstrittig.
Spurensuche im 21. Jahrhundert Ursula Thiel (2006): Die von Lühmann-Schmid erkannte Signatur Peter Schros auf dem Epitaph des Walter von Reiffenberg kann nicht bestätigt werden und scheint eher zufällig entstanden zu sein.Ursula Thiel: Der „Meister von Halle“. Die Arbeiten der Mainzer Bildhauerwerkstatt Peter Schro für Kardinal Albrecht von Brandenburg in Halle. In: Andreas Tacke (Hrsg.): Der Kardinal Albrecht von Brandenburg. Renaissancefürst und Mäzen. Band 2: Essays. Schnell + Steiner, Mainz 2006, ISBN 978-3-7954-1912-7. Peter Schro muss schon zu Lebzeiten Backoffens († 1519) eine eigene Werkstatt in Mainz unterhalten haben. Er wird nicht nur für Entwurf und Ausführung der einzelnen Bildplastiken verantwortlich gewesen sein, sondern auch für die Gesamtkonzeption des Zyklus. Während die weiteren Werke Schros bzgl. ihrer Urheberschaft auch kontrovers diskutiert werden, ist der Pfeilerfigurenzyklus mit Sicherheit seiner Person und Werkstatt zuzuordnen.