mini|Porträt von Friedrich Wilke als Gymnasiallehrer in Neuruppin
Christian Friedrich Gottlob Wilke (* 13. März 1769 in Spandau; † 31. Juli 1848 in Treuenbrietzen) war ein deutscher Organist, Komponist, Musiklehrer, Musikschriftsteller und Orgelrevisor.
Leben und Wirken Ausbildung Den ersten Musikunterricht erhielt Friedrich Wilke von seinem Vater, einem Lehrer in Spandau. Später brachte der Spandauer Organist und Sänger (Bass) Heinrich Neumann dem damals Achtjährigen das Orgelspielen bei. Im Alter von zehn Jahren spielte er schon gelegentlich in der Kirche Spandaus sonntags die Orgel, später in Charlottenburg.
Da er nach dem Wunsch seines Vaters Theologie studieren sollte, besuchte er seit dem 13. Lebensjahr das Rittercollegium (Domgymnasium) in Brandenburg. Entsprechend seiner musikalischen Neigung strengte er sich vor allem im Musikunterricht des Lehrers und Brandenburger Organisten der St. Gotthardt-Kirche Michael Ehregott GroseGerber, Ernst Ludwig: Neues historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler …, 2. Teil [E-I], Leipzig 1812, Spalte 414 (1747–1795) an und erhielt bei ihm Privatunterricht an der Orgel und im Generalbass.Schilling, Gustav (Redakteur): Encyclopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften oder Universal-Lexicon der Tonkunst. Neue Ausgabe. Band 6, Verlag von Franz Heinrich Köhler, Stuttgart 1840, Stichwort „Wilke“, S. (867-869) 867 Er trat durch Teilnahme an Konzerten des Rittercollegiums hervor, insbesondere als Klavierspieler. In seiner Freizeit besuchte er die Werkstatt des Orgelbauers Grüneberg (1751–1808).
Nach drei Jahren in Brandenburg wechselte Wilke auf das Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin. Sein Interesse am Orgelbau verstärkte sich durch Besuche von Orgelwerkstätten, beispielsweise der Orgelbauer Buchholz (1796–1806) und Marx (1728–1799). Hinzu kamen Konzertbesuche, teils als Hörer, teils als Mitwirkender, und ein Selbststudium von Büchern über Tonkunst und Orgelbau. Durch Vermittlung erhielt er Unterricht in Komposition bei Christian Kalkbrenner (1755–1806), dem Kapellmeister der preußischen Königin.
Organist und Lehrer Am 27. Juli 1791 trat Wilke seine erste Stelle als Organist in Spandau an. Daneben erteilte er privaten Musikunterricht. Nach der Niederlage Preußens gegen Frankreich im Jahre 1806 wurde seine Stelle gestrichen, und er musste – nun in Charlottenburg – ausschließlich von den Einkünften als Privatlehrer leben.
Seit dem 1. Dezember 1809 war er Musiklehrer am Friedrich-Wilhelms-Gymnasium in Neuruppin sowie Kantor und Organist an beiden Kirchen der Stadt, der Pfarrkirche St. Marien und der Klosterkirche St. Trinitatis.
Freimaurer In Neuruppin initiierte Wilke 1811 die Gründung einer Freimaurerloge, die dann 1812 unter dem Namen „Ferdinand zum Rothen Adler“ offiziell eröffnet wurde. Wilke hatte es zwar abgelehnt, das Amt des Meisters vom Stuhl zu übernehmen, war aber ab 1813 deputierter (stellvertretender) Meister und überhaupt sehr tätig in der Logenarbeit. Von 1834 bis 1838 amtierte er schließlich doch noch als Meister vom Stuhl, war aber nach Ansicht des Chronisten für die Leitung der Loge jetzt schon zu alt und zu schwach. Er erkrankte bereits in diesem Jahre lange andauernd, mußte eine Badereise machen, verlor im nächstfolgenden Jahre seine Gattin und kam so fortdauernd kränkelnd leiblich und geistig immer mehr herunter. 1838 wurde er dann zum Ehrenmeister ernannt und 1842 auch zum Ehrenmitglied der befreundeten Loge „Constantia“ in Kyritz.Julius August Becker: Geschichte der Loge Ferdinand zum rothen Adler im O[rient] von Neu-Ruppin, während der ersten funfzig Jahre ihres Bestehens. Neu-Ruppin 1862.
Musikschriftsteller und Orgelrevisor Seine publizistische Tätigkeit begann Wilke 1811 mit einer Beschreibung der Orgel in der Pfarrkirche zu NeuruppinAllgemeine musikalische Zeitung, Leipzig, 13. Jg. 1811, Nr. 13 u. 14, Sp. 217–224 u. 231–239., veröffentlichte danach aber auch einen Leitfaden zum praktischen Gesang-Unterricht (Berlin 1812) und 1816 einen Artikel Ueber den jetzigen Verfall des Kirchengesanges, und über seine Verbesserung.Allgemeine musikalische Zeitung, Leipzig, 18. Jg. 1816, Nr. 7 u. 8., Sp. 97–103 u. 113–117 Es folgten viele weitere Beiträge, überwiegend zu Fragen des Orgelbaus (s. u.).
Bald wirkte er auch als Sachverständiger bei der Abnahme neu erbauter Orgeln mit; so war er Revisor der 1816 von Johann Tobias Turley (1773–1829) aus Treuenbrietzen erbauten Orgel in HohenbruchNekrolog: Johann Tobias Turley. In Allgemeine Musikalische Zeitung, 31. Jg. 1829, Sp. 551. und im Jahre 1821, gemeinsam mit Regierungsbauinspektor Salomo Sachs, Gutachter der Orgel von Firma Buchholz & Sohn in der Dorfkirche Schöneberg. Als Inspektor (Commissarius / Revisor) in Orgelbauangelegenheiten wurde er von der Königlichen Regierung in Potsdam vereidigt, und am 24. August 1821 gab diese bekannt, „durch die thätige und unermüdete Mitwirkung des kunstverständigen Herrn Wilke“ seien seit einigen Jahren mehrere bedeutende Orgelbauten erfolgt und deshalb solle vor der Antragstellung zur Anschaffung von Orgeln zunächst dessen Rat eingeholt werden.Amtsblatt der Regierung zu Potsdam vom 7. September 1821, S. 182 Verordnung und Bekanntmachung No. 177 vom 24. August 1821 Kirchen-Orgelbau.
Wegen der Bevorzugung des autodidaktisch zum Orgelbauer gewordenen Bäckers Turley und der Zurücksetzung regulär ausgebildeter Orgelbauer (wie z. B. Friedrich Emanuel Marx und Gottlieb Heise) wurden jedoch zunehmend Beschwerden gegen Wilke laut, an deren Spitze sich schließlich Carl Friedrich Zelter und August Wilhelm Bach, die Leiter des 1822 gegründeten Berliner Instituts für Kirchenmusik, stellten. Daraufhin untersagte der preußische Kultusminister Karl Frhr. vom Stein zum Altenstein im Jahre 1825 der Regierung in Potsdam, Wilke weiterhin mit Revisionen zu betrauen, und ernannte Bach zum Commissarius für Orgelangelegenheiten in der Kgl. Oberbaudeputation.Eingabe des Berliner Orgelbauers Ernst Marx (II) vom 24. Mai 1842; Artikel des Templiner Kantors J. Chr. Koch in "Urania", 6. Jg. 1849 Nr. 5, S. 52. Wilke musste sich nun Auftraggeber für Orgelrevisionen unter den städtischen Magistraten in abgelegeneren Regionen Preußens (Altmark und Schlesien) sowie im benachbarten Ausland (Mecklenburg und Anhalt) suchen. Dabei arbeitete er dann auch mit Friedrich Turley, dem Sohn und Nachfolger von Tobias Turley, mehrfach zusammen.Hackel, Wolfram: Der Orgelneubau 1839–1841 in St. Marien Wismar durch Johann Friedrich Schulze und der Streit mit Musikdirektor Friedrich Wilke. In: „Wismarer Beiträge. Schriftenreihe des Archivs der Hansestadt Wismar“, Heft 17, Hrsg.: Archiv der Hansestadt Wismar (2011), S. (4-25) 21;
Nach dem 1839 bis 1841 zum Teil abweichend von seinem Entwurf ausgeführten Bau der großen Orgel in der Marienkirche zu Wismar, geriet Wilke in heftigen Streit mit anderen Orgelsachverständigen (u. a. mit Bach) und über eine zweimalige Revision in Neubrandenburg (1841 und 1843) auch mit dem dortigen Organisten. Diese in Zeit- und Streitschriften hartnäckig ausgetragenen Auseinandersetzungen dauerten bis zu seinem Lebensende – ein Letztes Wort des Musikdirektors Wilke über die Bau-Angelegenheiten der Orgeln zu Wismar und Neubrandenburg, und die daraus hervor gegangenen bösartigen Veröffentlichungen, mit welchen derselbe von den Organisten Baake zu Halberstadt und Gerlach zu Neubrandenburg, seit einigen Jahren, und zwar immer noch bis jetzt verfolgt wurdeUrania. Eine musikalische Zeitschrift zur Belehrung für Deutschlands Organisten, sowie für Behörden, Geistliche und Freunde der Orgel und des Orgelspiels. 5. Jg. Nr. 6, Hrsg. Gotthilf Wilhelm Körner (1809–1865), Erfurt 1848, S. 87–96 erschien noch kurz vor seinem Tode.
Erfinder Wilke erfand ein Instrument zum Stimmen des Klaviers und nannte es Octochord.Oscar Paul: Handlexikon der Tonkunst. Leipzig 1873, Band 2, S. 206. Die Verbesserung der Erfindung der „Rohrwerke mit durchschlagenden Zungen“ bei Orgelpfeifen und die Ermittlung aller diesbezüglichen Erfinder geht ebenfalls auf ihn zurück.Wilke: Ueber die Erfindung der Rohrwerke mit durchschlagenden Zungen; Wikisource: „Ueber die Erfindung der Rohrwerke mit durchschlagenden Zungen“.Aus „Allgemeine Musikalische Zeitung“, Bd. 25, Sp. 149–155 Eine „Kompensationsmixtur“, die Wilke erfunden hatte, wurde in die Orgel von St. Marien in Wismar auf Grund einer Zusatzvereinbarung zwischen dem Musikdirektor und dem Orgelbauer Schulze mit den erforderlichen Pfeifen nachträglich eingebaut.
Ehrungen Ernennung zum Musikdirektor am 12. März 1821. Amtsblatt der Regierung zu Potsdam vom 27. April 1821, S. 76, Personalchronik
Verleihung der Großen goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft im Jahre 1830 durch König Friedrich Wilhelm III.G. Schilling: Das musikalische Europa. Speyer 1842, S. 359; Digitalisat: Books Google, Stichwort: „Wilke, C. Friedrich“ als Anerkennung für seine Komposition mit Harmoniebegleitung, die am 26. August 1829 bei der Einweihung des von Karl Friedrich Schinkel entworfenen und Christian Friedrich Tieck geschaffenen Denkmals für König Friedrich Wilhelm II. von einem Chor mit 120 Sängern und zahlreichen Instrumentalisten unter Wilkes Leitung öffentlich vorgetragen wurde. Er komponierte auch weitere Kantaten, Motetten und sonstige Kirchenmusik; die Einnahmen aus seinen Konzerten spendete er unbemittelten Einwohnern des jeweiligen Veranstaltungsortes beziehungsweise armen Schulkindern.Nekrolog. In: Allgemeine Musikalische Zeitung, Nr. 48 vom 29. November 1848, Spalte 772.
Ehrenmitgliedschaft im „Deutschen National-Verein für Musik und ihre Wissenschaft“ (unter der Präsidentschaft von Louis Spohr) 1839.Jahrbücher des Deutschen Nationalvereins für Musik und ihre Wissenschaft. Erster Jahrgang 1839, März 1839, S. 4; BSM München, Scan 16: „Musikdirector Wilke“ unter „C. Ehren-Mitglieder“
Schriftliche, ehrenvolle Anerkennungen des Wirkens für die Jugend sowie für die Kunst und Wissenschaft durch Behörden und durch König Friedrich Wilhelm IV. – nach eigener Angabe.Wilke, Friedrich: Zur richtigen Würdigung eines Sendschreibens des Organisten C. Gerlach zu Neu-Brandenburg …, Hamburg/Leipzig 1846, S. 34.
Verleihung des Roten Adler-Ordens IV. Klasse anlässlich seiner Pensionierung 1845.Annalen des Friedrichs-Wilhelms-Gymnasiums zu Neuruppin, Berlin 1915, S. 37; Allg. mus. Zeitung, 47. Jg. Nr. 23, Leipzig 4. Juni 1845, Sp. 400.
50-jähriges Dienstjubiläum Am 27. Juli 1841 beging Wilke in Neuruppin sein 50-jähriges Dienstjubiläum.Friedrich Wilke. In: Allgemeine Musikalische Zeitung, Leipzig 1841, Band 43 August Nr. 32 Spalte 639 f.; Digitalisat: Books Google Ehrungen des Jubilars erfolgten durch die Stadt und die Bürgerschaft, u. a. mit einem Festmahl sowie mit einem abendlichen Feuerwerk. Festliche Musik gestalteten der Garnisonschor und ein auswärtiges Militärorchester. Unter den Gratulanten befanden sich eine Abordnung der Stadt Spandau und weitere Ehrengäste wie z. B. der Komponist Gottfried Wilhelm Fink (1783–1846), der ein Lied für den Jubilar komponiert hatte. Weiter waren anwesend der Landrat des Ruppinschen Kreises Friedrich Graf von Zieten (1765–1854), der Komponist Friedrich Johann von Drieberg (1780–1856) und einige von Wilkes ehemaligen Schülern, darunter der Organist und Komponist David Hermann Engel (1816–1877), dem er den ersten Orgelunterricht erteilt hatte.
Pensionär in Treuenbrietzen Nach seiner Pensionierung 1845 zog Wilke zu seiner Pflegetochter nach Treuenbrietzen. Sie hatte dort 1844 einen Kaufmann geheiratet. Die nahe Verwandte starb aber bereits vor ihm Anfang 1847.Nekrolog (Nachruf) in: Allgemeine Musikalische Zeitung, Nr. 48 vom 29. November 1848, Spalte 774.
Noch zu Lebzeiten schenkte Wilke seine Musikbibliothek dem Potsdamer Schullehrerseminar, und testamentarisch stiftete er 4000 Rth. zur Aufstockung des Gehalts seiner Amtsnachfolger.