Musica Albini ist eine musiktheoretische Schrift, die zusammen mit dem Tonar der Abtei Saint-Riquier/Centula, der ersten überlieferten Quelle der frühmittelalterlichen Tonartenordnung, von einer frühen Ordnung und Systematisierung des Choralrepertoires zeugen. Da dieser kurz vor 800 zu datierende Tonar als Zeuge für einen verschollenen Tonar von Aachen betrachtet wird, wirkt der Hinweis auf den Verfasser der Musica Albini glaubhaft. Eine zum Tonar zeitnahe Datierung der Musica Albini ist nachzuweisen, denn nach Möller ist dazu die Zeit Karls des Großen anzugeben.Möller 1993, S. 272f.; vgl. die Auflistung der in den frühen Quellen tradierten musiktheoretischen Fachbegriffe protus, deuteros etc., die „letztlich auf der Terminologie der Tonare aufbauen“ (Möller 1993, S. 280–282). Der Autor wäre demnach entweder der karolingische Gelehrte Alkuin („Albinus“) oder ein Autor in dessen unmittelbarem Umkreis am karolingischen Hof in Aachen. Es ist in diesem Zusammenhang von Interesse, dass Alkuin in einem Brief vom 22. Juli 798 den am Abend dieses Tages erfolgten Psalmengesang in dem Aachener Gotteshaus bezeugt.„psalmis, quos vespertina praesentis diei in capella cantavimus hora“ Brief Alkuins vom 22. Juli 798, S. 244, Zeile 14 Gleichzeitig wird mit diesem Brief die Anwesenheit Alkuins im Sommer des Jahres 798 in Aachen und damit sein unmittelbarer Kontakt zum karolingischen Hof und seine Beschäftigung mit der musikalischen Praxis bezeugt. Die genannten gut zueinander passenden Datierungen sprechen für die These einer möglichen Verortung dieser bedeutenden musikgeschichtlichen und musiktheoretischen Weichenstellungen in Aachen. Auch die Frage nach dem Autor der Musica Albini könnte sich aus der Zusammenschau sämtlicher Daten und der geistesgeschichtlichen Kontexte im Sinne von Möllers Thesen bestätigen.
Quellen Der relativ kurze Text der Musica Albini wurde von Martin Gerbert unter dem Titel Flacci Alcuini, seu Albini Musica herausgegeben. Der Herausgeber benutzte dabei eine Handschrift aus dem 16. Jahrhundert, die sich in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien befindet (Cpv 5271). Diese ist wiederum eine Kopie der ersten acht Folios einer älteren Handschrift (Cpv 2269), die sich ebenfalls in der Wiener Bibliothek befindet.Wiener Handschrift cpv 2269 online s. „Musica Albini“ F 7b = scan 9; Digitalisat Gerbert; elektronische Textübertragung online; vgl. Möller 1993, S. 366; weitere Textübertragung siehe Möller 1993, S. 276 Nachdem es zunächst Zweifel an der Autorenschaft Alkuins gab, konnte Hartmut Möller 1993 durch aufwendige Textvergleiche, Analysen und die Aufführung weiterer Quellen nachweisen, dass Alkuin durchaus als Verfasser dieses musiktheoretischen Traktats in Frage kommt.Möller 1993 In der im Jahr 829 veröffentlichten Vita Alchuini wird Alkuin als Autor eines Buches u. a. zur rhetorica, dialektica und musica genannt.In: Monumenta Germaniae Historica. Scriptores in Folio 15,1 (1887), S. 194, Z.47 Quelle online Weiterhin wird diese Autorschaft Alkuins in zwei alten Bibliothekskatalogen bezeugt.Bibliothekskatalog aus Fulda aus dem 9. Jahrhundert, hrsg. von Gustav Becker, Catalogi bibliothecarum antiqui, Bonn 1885, S.31 (Kap. 31, Nr. 20) online; Bücherkatalog des Kapitels von Le Puy aus dem 11. Jahrhundert, hrsg. von Léopold Victor Delisle, Le cabinet des manuscrits de la Bibliothèque Nationale, Bd. 2, Paris, 1874, S. 444. online vgl. Möller 1993, S. 273f. Ob die in den Quellen genannte Alkuin-Schrift zur Musik mit Musica Albini identisch ist, lässt sich zwar mit diesen Quellen nicht beweisen, aber sie stärken die Interpretation Möllers, zumal auch die Überschrift des kurzen Traktats in der Originalquelle Alkuin als Autor ausweist.In der frühesten erhaltenen Textüberliefung, die in einer Abschrift der Musica Disciplina des Aurelian Reomensis erscheint, fehlt der Hinweis auf Alkuin, denn es war bei dem üblichen Verfahren der Kompilation nicht üblich, jeweils die Verfasser der Schriften zu nennen. Diese um 900 verfasste Version der Musica Disciplina findet sich online in der Bibl. municipale, Valenciennes, ms. 148, f. 69r, Ausschnitt
Inhalt Der Verfasser beruft sich auf die alten griechischen Autoren (graeca lingua auctorem) und zeigt auf, dass acht Tonarten in Gebrauch waren.Hier nimmt der Verfasser offensichtlich Bezug auf das byzantinische System der Octoechos, dessen angebliche Urheberschaft durch Johannes von Damaskus nicht nachweisbar ist. Möglicherweise deutet diese Passage aber auch an, dass bei Boethius Hinweise auf acht Tonarten zu finden sind. In beiden Fällen sind zwar terminologische Überschneidungen nachzuweisen, aber kaum inhaltliche Gemeinsamkeiten mit dem frühmittelalterlichen Tonsystem. Gerlach (2006) fasst zusammen, die lateinische frühmittelalterliche Rezeption bedeute „eine radikale Vereinfachung“ einer wesentlich komplexeren älteren Musiktheorie. Es gebe vier Grundtonarten („authenticum“), die mit den griechischen Ordnungszahlen protus, deuterus, tritus und tetrachius bezeichnet würden. Außer diesen originalen Tonarten verweist der Autor auf vier weitere, die aus den vorherigen abgeleitet seien („Plagi“). Diese sind identisch mit der später zunächst aus acht Kirchentonarten bestehenden Tonordnung: I. Ton(art): Dorisch, II. Ton(art): Hypodorisch, III. Ton(art): Phrygisch etc.
Eine besondere Bedeutung kommt der Tatsache zu, dass der Traktat nicht nur den einzelnen Ton als den kleinsten Teil der Musiklehre definiert, sondern auch die Parallele zu dem Buchstaben als dem kleinsten Teil der Sprachlehre und dem Einheitsmaß (gemeint ist die Zahl Eins) als dem kleinsten Teil der Arithmetik betont.Eine ähnliche Auffassung zur Analogie des Buchstabens mit dem in der Musik erklingenden Einzelton wird in der frühmittelalterlichen Schrift „Musica enchiriadis“ vertreten. Für den Autor dieses Traktats ist das Notieren und Singen von Tönen genauso erlernbar wie das Schreiben und Lesen von Buchstaben („sonos… notare vel canere non minus quam litteras scribere vel legere“). Verfasser der ältesten vorliegenden Fassung der „musica enchiriadis“ ist höchstwahrscheinlich der Abt Hoger von Werden (Torkewitz 1999). Das südlich von Essen gelegene Kloster Werden liegt nur etwa 100 Kilometer nordöstlich von Aachen. Angesichts der überragenden Bedeutung Alkuins und seiner Schüler, der räumlichen Nähe und der hier aufgezeigten inhaltlichen Übereinstimmung („minima pars“/„litteras“/„sonos… notare“) wäre eine wie auch immer beschaffende Beziehung dieser wichtigen musiktheoretischen Traktate gut denkbar. In der „musica enchiriadis“ werden sowohl Dasia-Zeichen (8. Kapitel) als auch Abbildungen der Textsilben in einem die Töne darstellenden System waagerechter Linien mit Angabe der Tonbuchstaben A–G als eine Art Notenschlüssel benutzt. Die Dasia-Zeichen wäre eine Realisierung der Idee, analog zur Sprachlehre buchstabenähnliche Zeichen bei der Notation von Musik zu verwenden [„Tamen sicut minima pars Grammaticae littera, sic minima pars Arithmeticae unitas: et quomodo litteris oratio“ (Zitat aus der Musica Albini)]. Offensichtlich analysierten die Gelehrten am karolingischen Hof die Melodien und setzten die einzelnen Töne in Beziehung zu einem System von Halbton- und Ganztonschritten. Die konkreten Tonhöhen des Gesangs traten mehr und mehr ins Bewusstsein und wurden hinsichtlich ihrer Zugehörigkeit zu einzelnen Modi (Tonarten) kategorisiert.
Textanfang gemäß der Wiener Handschrift der Musica Albini (Cpv 2269):
„[O]CTO TONOS IN MUSICA consistere musicus scire debet, per quos omnis modulatio quasi quodam glutino sibi adhaerere videtur. Tonus est minima pars musicae regulae.“
Übersetzung: „Ein Musiker muss wissen, dass es acht Töne [die später so genannten Kirchentonarten] in der Musik gibt, wodurch jede Melodiebildung gewissermaßen als ein zusammenhängendes Band [d. h. als einer Kirchentonart zugehörig] betrachtet wird. Der Ton ist der kleinste Teil der Musiklehre (musicae regulae)“.
Kontext und Rezeption Der von Aurelian Reomensis übernommene Text des Traktats erscheint im 8. Kapitel seiner in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts verfassten Musica Disciplina, hier mit der Überschrift de tonis octo. Diese Textfassung stimmt fast wörtlich mit der Quelle Musica Albini (Cpv 2269) überein. Außerdem bezeugt Aurelian hier, daß Karl, von seinen Kantoren unterrichtet, die Einführung von vier weiteren Tonarten für nötig befand, um dem Schatz der Melodien gerecht zu werden. Einige Kantoren hätten versichert, daß gewisse Antiphonen nicht in die Ordnung der acht Kirchentöne hineinpaßten.vgl. Gushee 1975, S. 82. Damit gibt Aurelian einen Hinweis auf den Zeitpunkt der Diskussion über die acht bzw. zwölf Töne und bezeugt, dass diese Fragen in direktem Umfeld von Karl dem Großen erörtert wurden, den Aurelian an dieser Stelle seinen „avus“ (Vorfahren, Großvater) nennt.Bailey 1977/78, S. 48. Es wundert kaum, dass in der Musica Disciplina mehrfach von einer Notation (notas) der Melodien die Rede ist und konkrete Notationen aufgeführt werden, denn eine Analyse von Melodien passt gut zu den Bemühungen Karls um eine einheitliche Gesangspraxis und steht im Zusammenhang mit dem Beginn der musikalischen Notation. In dem Standardwerk der Musikwissenschaft zum Mittelalter von Hartmut Möller/Rudolf Stephan werden die entsprechenden Kontexte aufgeführt, denn es habe unter der Herrschaft der Karolinger eine regelrechte „Explosion“ der Schriftkultur gegeben.Möller/Stephan 1991, S. 82.
Der bereits erwähnte Musikwissenschafter Möller hat sich 1993 ausführlich zur Musica Albini geäußert und diesen Traktat in einen Zusammenhang mit dem Tonar der Abtei in Saint-Riquier/Centula gebracht. Musica Albini und Tonar erläutern sich gegenseitig, denn die Musica Albini führt die Tonarten auf, die der Tonar anhand zahlreicher Beispiele demonstriert. Die erhaltene Handschrift des Tonars wurde im Hinblick auf das Osterfest des Jahres 800 angelegt.Tonar der Abtei in Saint-Riquier/Centula online Karl der Große verbrachte dieses Fest in Begleitung Alkuins in der Abtei Saint-Riquier. Angilbert, der zunächst Schüler Alkuins war, wurde in dieser Zeit Laienabt in dieser Abtei. Die von Michel Huglo nachgewiesenen engen Beziehungen zwischen Saint-Riquier/Centula und Aachen lassen aufhorchen.Huglo 2000, S. 83f. Möller vertrat sowohl aus diesen als auch aus anderen Gründen die These, der Tonar sei „der geistigen Produktivität der Aachener Akademie zuzuordnen“.Möller 1993, S. 285 Man könne – so Möller – diesen Tonar im Zusammenhang mit der Musica Albini sehen, in denen die acht Tonarten ebenfalls mit den Begriffen protus, deuteros etc. klassifiziert werden. Als Autor beider Schriften käme durchaus Alkuin in Frage und Aachen sei als Ort der Entstehung dieser beiden Dokumente anzusehen.