Die Geschichte der Preußischen Armee war von Wandlungsprozessen unterschiedlicher Intensität geprägt, in deren Folge die Preußische Armee umgruppiert, neu ausgerichtet oder grundlegend reformiert wurde, um die bewaffnete Macht wieder in Einklang mit neu aufgekommenen politisch-gesellschaftlichen Verhältnissen zu bringen.

Zeitliche Übersicht Die fundamentalen Evolutionsetappen der preußischen Armee waren: Übergang vom temporären Söldnerheer zum stehenden Heer ca. 1650 bis 1680 Professionalisierung, Vereinheitlichung, Disziplinierung und Institutionalisierung von ca. 1680 bis 1710 Ausbau und der Erhalt einer Armee ersten Ranges in Europa von ca. 1710 bis 1790 Ablösung der Armee der Kabinettskriege durch eine Volksarmee von ca. 1790 bis 1820 Restauration der Armee als Herrschaftsinstrument und quasi Prätorianergarde des Königs von ca. 1820 bis 1850 Übergang zu einer modernen Massenarmee mit industrialisierter Kriegsführung von ca. 1850 bis 1910

Vorläufer der Armee Bereits im Spätmittelalter waren zeitweise Heere für Kriegszüge aufgestellt worden. Friedrich I. brachte 1420 in der Belagerung der Burg Alvensleben unweit von Magdeburg 8.000 Mann zusammen. Als sich Albrecht Achilles 1478 für einen Feldzug gegen Pommern-Wolgast rüstete, brachte er durch das Aufgebot 7.130 Mann, 2.000 Reiter bzw. Lehnspferde des Roßdienstes und durch Miettruppen und Verbündete ergänzte Truppen insgesamt 11.800 Mann zusammen.Marius Müller, Karl Heinz Spieß, Uwe Tresp: Erbeinungen und Erbverbrüderungen in Spätmittelalter und Früher Neuzeit, Generationsübergreifende Verträge und Strategien im europäischen Vergleich, Lukas Verlag, Berlin 2014, S. 74 1610 wurde die bereits seit dem 16. Jahrhundert existierende Schlosswache, die kurfürstliche Leibwache mit einer Stärke von 70 Mann festgesetzt.

Daneben gab es noch ein älteres Milizensystem und eine Landesdefension deren Aufstellung aber auf reine Verteidigungshandlungen gebunden war und zudem nur auf eigenes Territorium begrenzt war.Bruno Gebhardt, Johannes Burkhardt, Wolfgang Reinhard: Handbuch der deutschen Geschichte, Vollendung und Neuorientierung des frühmodernen Reiches 1648–1763, Band 11, 10. Auflage, Klett-Cotta Verlag, S. 135 In der Mark gelang es dem Kurfürsten Johann Sigismund in den Jahren vor dem Dreißigjährigen Krieg nicht, eine Defensionsverfassung moderner Art zu schaffen, die zum Beispiel eine festere Gliederung und Kommandostruktur vorhandener Mannschaften umfasste. Im Herzogtum Preußen gab es dagegen um 1600 ein Defensionswerk. Dort gab es die Einrichtungen der Wibranzen und des Ausschusses auf den Ämtern. Zudem kamen Praxisübungen, Zeughäuser und Offiziere dazu. Immerhin wurden im 16. Jahrhundert neue Festungen in Küstrin, Peitz, Spandau und Driesen angelegt, wo es auch Büchsenmeister und einige Garnisonsmannschaften gab. Die Mobilisierungsstärke in Brandenburg lag um 1600 bei etwa 4000 Mann zu Fuß und 1073 Reiter. Das Aufgebot der Infanterie setzte sich vornehmlich aus städtischen Angehörigen zusammen. Ein Aufgebot aus Landbewohnern war selten geworden mit Verfestigung der gutsherrlichen Verhältnisse in Folge des Bauernkrieges.Wolfgang Neugebauer: Die Hohenzollern: Band 1: Anfänge, Landesstaat und monarchische Autokratie bis 1740, Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart Berlin Köln 1996, S. 138 Vermessungsingenieure aus den Niederlanden angeworben, begannen mit der kartografischen Beschreibung des Landes. Rüstungsmaterial wurde eingekauft, das für ein Aufgebot von 12.000 Soldaten ausreichen sollte.Hans Bentzien: Unterm Roten und Schwarzen Adler – Geschichte Brandenburg-Preußens für jedermann, Verlag Volk&Welt, Berlin 1992, S. 58

Im Jülich-Klevischen Erbfolgestreit stellte der brandenburgische Kurfürst Johann Sigismund (Brandenburg) 1609 bewaffnete Truppen von etwa 4000 Mann auf, darunter stellte der Adel 1000 Infanteristen, die Städte boten 2600 Mann auf, 400 Reiter komplettierten das Korps. Diese Truppen wurden auf Kosten der Stände für wenige Monate unterhalten. Nach Ausbleiben der Zahlungen gingen die Einheiten wieder auseinander.

Unter Georg Wilhelm I. (1619–1640) 140px|rechts|alt=Brandenburg-Preußen mit der zentralen Kurmark und Preußen um 1688 Das Kurfürstentum Brandenburg-Preußen entwickelte sich im Verlaufe des 17. Jahrhunderts zu einem Staat von europäischen Dimensionen. Das Territorium erstreckte sich von der Memel bis zum Rhein. Es bestand aus dem Herzogtum Preußen, der Kurmark, Hinterpommern, dem Erzstift Magdeburg, den Bistümern Halberstadt und Minden, den Grafschaften Mark und Ravensberg und dem Herzogtum Kleve. Von 1598 bis 1648 wuchs es von 40.000 auf 110.000 km².Frank Bauer: Fehrbellin 1675 – Brandenburg-Preußens Aufstieg zur Großmacht, Potsdam 1998, S. 10

Die Entwicklung des Militärwesens im frühneuzeitlichen Europa wurde vor allem durch die Oranische Heeresreform beeinflusst. Diese sorgte europaweit für einen langanhaltenden Umbau der spätfeudalen Heereshaufen. Im 17. Jahrhundert setzte in Zentraleuropa der Frühabsolutismus ein, in denen die Landesfürsten nach absoluter Herrschaft zu Lasten der Ständeinstitutionen strebten. Der Aufbau und die Kontrolle eines stehenden Heeres wurde dabei ein wirkungsvolles Machtinstrument der Territorialherrscher nach innen und nach außen. Hierfür gab es zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Brandenburg noch keine sichtbaren Ansätze. Der Staat war erst durch kürzlich erworbene Landesteile in Preußen und am Rhein erheblich gewachsen und hatte noch keine zentralstaatlichen Institutionen außerhalb der fest tradierten und aus dem Mittelalter stammenden Einrichtungen der einzelnen Landesteile entwickelt. Wie überall im frühabsolutistischen Europa war auch unter der Regierung Georg Wilhelms die staatliche Hoheit zwischen Landesherren und Landständen geteilt. Finanzierung und Verfassungsrecht hingen eng zusammen, vom Steueraufkommen hing wiederum der kostspielige Truppenunterhalt ab und die hierzu erforderlichen Verwaltungsstrukturen fehlten. Folglich gab es auch keine funktionierende zentralstaatliche Verteidigungspolitik. Stattdessen hatten die regionalspezifischen und zentrifugal wirkenden politischen Kräfte die politische Initiative in diesem dynastischen Herrschaftsverband inne und die zentralstaatlichen Kräfte in dem zergliederten Staatsgebilde waren schwach entwickelt.

mini|Kurfürst Georg Wilhelms Leibgarde genannt Blauröcke um 1632 (das spätere Infanterieregiment No. 1), links Musketier, rechts Reiteroffizier

Entsprechend dem Zeitgeist stellten die Regierenden nur im akuten Kriegsfall ein bezahltes Söldnerheer auf, das sofort nach Kriegsende wieder aufgelöst wurde. Dieses Verfahren, so zeigte der Verlauf des Dreißigjährigen Krieges, war nicht mehr zeitgemäß. Das Vorgehen zum plötzlichen Heeresaufbau ohne Stammtruppen erforderte eine lange Anlaufzeit, die Kampfkraft der neugebildeten Einheiten war zweifelhaft, da sie nicht einheitlich ausgebildet wurden. Das mögliche Leistungsniveau in der Kriegsführung durch geworbene Truppen war insgesamt niedrig und lag deutlich unter dem abrufbaren Leistungsspektrum der stehenden Heere ein Jahrhundert später.

Während Brandenburg fähige Heerführer im Dreißigjährigen Krieg wie Hans Georg von Arnim-Boitzenburg, Georg Ehrentreich von Burgsdorff oder Christian von Ilow hervorbrachte, waren die administrativen Amtsinhaber nicht in der Lage, ein schlagkräftiges Heer aufzustellen. Noch um 1618 verfügte der Kurfürst lediglich über eine kleine Trabantengarde zum persönlichen Schutz. Erst als die Kriegshandlungen auch nach Norddeutschland übergriffen, begannen in Brandenburg die Söldnerwerbungen. Doch bewilligten die Stände viel zu geringe Mittel, um eine eigene wirksame Verteidigung aufzustellen. Da die Stände zu längerfristigen Finanzierungen nicht bereit waren, entließ Georg Wilhelm die 1300 geworbenen Soldaten 1621. Auch die Berliner Garnison, die beiden Leibkompanien des Kurfürsten mit 350 Mann und 152 Pferden wurden auf 70 Fußsoldaten 1623 reduziert. Mitte der 1620er Jahre waren erst 3000 Infanteristen und 500 Reiter gemustert worden. Die Plünderung der Mark durch fremde Armeen konnten sie allerdings nicht verhindern. Ende 1626 verlegte der Kurfürst seine Residenz unter Mitnahme fast aller seiner Truppen in Höhe von 4500 Mann nach Preußen. Nur 900 Mann ließ er in Brandenburg zurück, eine Zahl, die sich noch weiter reduzierte.Wolfgang Neugebauer: Die Hohenzollern: Band 1: Anfänge, Landesstaat und monarchische Autokratie bis 1740, Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart Berlin Köln 1996, S. 141 f.

1631 betrug die Truppenstärke noch 1600 Mann in zwei Regimenter.Ingo Materna, Wolfgang Ribbe: Brandenburgische Geschichte, Akademie Verlag, Berlin 1995, S. 300 Nach dem Prager Frieden 1635 erfolgte auf Betreiben von Adam von Schwarzenberg eine Heeresvermehrung. Nach dem Plan des Ministers sollte eine Truppe von 25.000 Mann aufgestellt werden. Die Aushebungen fanden statt und die Treueschwüre erfolgten auf den Kaiser und den Kurfürsten. Die Generäle dieser Armee wurden Hans Caspar von Klitzing, Hildebrand von Kracht und Georg Ehrentreich von Burgsdorff. Klitzing, der den Oberbefehl dieser Armee führte, gilt als der erste brandenburgische General. Bei der Musterung bei Neustadt-Eberswalde 1638 erschien das Heer in einer Stärke von 8000 Mann Infanterie und 2900 Reitern, doch schon kurz darauf wurde es wieder deutlich reduziert, da die Finanzmittel zur Unterhaltung fehlten.Ingo Materna, Wolfgang Ribbe: Brandenburgische Geschichte, Akademie Verlag, Berlin 1995, S. 302 Brandenburg geriet durch das Fehlen einer starken Militärmacht in eine Bedrohungslage und Gefährdung seiner Existenz durch äußere Mächte. Fremde Heere durchzogen das Land ungehindert. Kurfürst Georg Wilhelm I. und sein Hof musste mehrfach vor dem Anmarsch fremder Truppen fliehen.

Trotz der geringen Truppenzahl fanden im Dreißigjährigen Krieg 30 Gefechte mit brandenburgischen Truppen, vornehmlich innerhalb von Brandenburg bis 1640 statt.Günther Gieraths: Die Kampfhandlungen der brandenburgisch-preussischen Armee, 1626–1807: ein Quellenhandbuch, Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Band 8, Walter de Gruyter, Berlin 1964, S. 522

Unter dem Großen Kurfürsten (1640–1688) mini|Brandenburgischer Soldat und Schalmeienpfeifer des Infanterieregiments „Kurfürstin Dorothea“ nach 1675 Zeichnung von Maximilian Schäfer mini|Brandenburgischer Hauptmann und Leutnant des Infanterieregiments „Kurfürstin Dorothea“ nach 1675

Übergang vom Kriegswesen zum Militärwesen