mini|hochkant=1.3|Indigoterie in Bengalen (Chromolithographie von William Simpson, 1867) Eine Indigoterie war ein landwirtschaftlicher Betrieb, in dem Indigopflanzen angebaut, verarbeitet und der Indigo gewonnen wurde. Da geerntete Indigopflanzen schnell verarbeitet werden mussten, befanden sich Indigoterien meist in direkter Nähe zu den Indigofeldern. Die wesentlichen Einrichtungen einer Indigoterie umfassten zwei bis drei übereinander liegende Reihen von Becken, in denen die Indigopflanzen verarbeitet wurden.
Der gewonnene Indigo, eines der ältesten und bekanntesten Pigmente, das bereits in prähistorischer Zeit zum Färben von Textilien verwendet wurde, galt als Luxusgut und war von großer wirtschaftlicher Bedeutung. Mit zunehmender Verfügbarkeit wurde Indigo ab dem 17. Jahrhundert in Europa zum Färben von Uniformen und gegen Ende des 19. Jahrhunderts für das Färben von Jeans verwendet.
Im Zeitraum zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert etablierten die europäischen Kolonialmächte den Anbau von Indigopflanzen und deren Verarbeitung in Indigoterien an verschiedenen Orten in der Karibik, im spanischen Mittelamerika, in South Carolina und in Bengalen. Mit dem Beginn der industriellen Herstellung von Indigo durch die BASF und Hoechst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der bis dahin auf dem Markt befindliche natürliche Indigo durch den billigeren synthetischen Indigo verdrängt, wodurch die Indigoterien ihre Bedeutung verloren und natürlicher Indigo weitgehend in Vergessenheit geriet.
Seit Beginn des 21. Jahrhunderts erfolgt eine erneute Kultivierung von Indigopflanzen in geringem Umfang. Diese Entwicklung ist auf das wachsende Interesse an natürlichen Pigmenten sowie an nachhaltiger Entwicklung zurückzuführen.
Wortherkunft Indigoterie ist französischen Ursprungs, gebildet aus dem Substantiv Indigo und dem Suffix , mit der Bedeutung „wiederholte Tätigkeit“ oder „Ort einer Tätigkeit“. Der Name „Indigoterie“ wurde schriftlich zum ersten Mal von Jean-Baptiste Du Tertre in einem Brief vom 15. Januar 1657 an einen M. de Cérillac verwendet, jedoch in einer Schreibweise mit zwei T als „Indigotterie“. Der Brief ist in Du Tertres Werk Histoire générale des Antilles habitées par les François, Band 1, aus dem Jahr 1667 abgedruckt. Im zweiten Band desselben Werkes verwendet Du Tertre bereits die Schreibweise mit nur einem T.
Geschichte mini|Herstellung von Indigo aus Färberwaid (Isatis tinctoria) mit „Waidkugeln“ (Mitte) mini|Indigoterie, Kupferstich von Jean-Baptiste Du Tertre (1667) Orientalischer und indischer Indigo wurde im alten Ägypten und in der griechisch-römischen Welt seit dem zweiten Jahrtausend v. Chr. in beträchtlichen Mengen gehandelt. Die Verbindung Indiens mit Indigo spiegelt sich im griechischen Wort für das Farbmittel indikón wider, die Römer latinisierten den Begriff zu indicum. In der Zeit zwischen 600 und 500 v. Chr. stellte Indigo das wertvollste Exportgut des indischen Subkontinents dar. In seinem Werk Aṣṭādhyāyī aus dem 5. oder 4. Jahrhundert v. Chr. erwähnt der bekannte indische Sanskrit-Grammatiker Panini das Farbmittel Neel, das indische Wort für Indigo. Im Zuge der Invasion Alexander des Großen gelangte indischer Indigo nach Europa. Im ägyptisch-römischen Werk Periplus Maris Erythraei aus den Jahren zwischen 40 und 70 n. Chr. wird erwähnt, dass Indigo über den Hafen von Barbarikon exportiert wurde, das in der Nähe der heutigen Stadt Karatschi in Pakistan an der Mündung des Indus liegt.
Vor der Einfuhr von Indigo wurde das Pigment in Westeuropa aus Färberwaid gewonnen. So konnten bei der Untersuchung des Grabs des Hochdorfer Stammesfürsten, das um 550 v. Chr. angelegt wurde, Textilien nachgewiesen werden, die mit Färberwaid durch Küpenfärberei blau gefärbt waren. Zu dieser Zeit erfolgte die Gewinnung von Indigo durch die Herstellung von „Waidkugeln“. Die Blätter wurden dazu zerkleinert, zu Kugeln mit einem Durchmesser von 10 bis 12 Zentimetern geformt und 4 bis 6 Wochen lang getrocknet. Dabei bildete sich durch Oxidation der Indigo. Im Anschluss wurden die Kugeln zerkleinert, aufgeschichtet, mit Wasser gefüllt und mehrere Wochen lang gären gelassen. Der Indigo konnte dann vom Färber genutzt werden. Der Anbau von Färberwaid hatte vom 13. bis zum 16. Jahrhundert in Europa eine große wirtschaftliche Bedeutung. Der Indigogehalt des Färberwaids betrug jedoch lediglich 3–4 % der tropischen Indigopflanze. Das machte die Indigoproduktion aus Färberwaid zu einem aufwändigen Prozess, der große Anbauflächen und die Verarbeitung großer Pflanzenmengen erforderte.
Mit dem Beginn des Imports von in Indigoterien im industriellen Maßstab hergestellten Indigo aus Übersee sank ab dem 17. Jahrhundert die europäische Produktion. Der preußische Historiker Johann Samuel Halle beschrieb 1779 eine Indigoterie folgendermaßen:
In der Zeit des Dreißigjährigen Krieges erfolgte der Übergang vom aus Färberwaid gewonnenen Indigo zum importierten, trotz protektionistischer Maßnahmen der europäischen Staaten. In Deutschland, Frankreich und England galt das Verbot bis Anfang des 17. Jahrhunderts.
Indigo-Produktion in der Karibik mini|Ruinen einer Indigoterie bei Grand Fond, Dominica Die Franzosen betrieben ab etwa 1680 Indigoterien auf den Inseln der Kleinen Antillen. Allein auf der Insel Marie-Galante befanden sich 89 Indigoterien. Um 1735 wurde die Produktion aufgrund der Konkurrenz durch die enormen Mengen von Indigo, die in Saint-Domingue hergestellt wurden, vollständig auf den französischen Antillen eingestellt.
Zu Beginn des 17. Jahrhunderts war nicht abzusehen, dass die Saint-Domingue später eine bedeutende Rolle unter den französischen Kolonien spielen würde. Die ersten französischen Siedler setzten sich aus ehemaligen Piraten zusammen, sowie aus Bukaniern, die jagten und im Pelzhandel tätig waren. Die zunächst betriebene Selbstversorgungswirtschaft wurde in den 1670er Jahren zunächst durch den Anbau von Tabak und ab 1685 von Indigopflanzen ersetzt. Dies erforderte eine Plantagenwirtschaft und die Einführung von Sklavenarbeit. Der Ertrag eines Sklaven betrug etwa 18 Kilogramm Indigo pro Jahr, was einem Wert von 1000 Livre entsprach, etwa der Hälfte des ursprünglichen Kaufpreises für einen Sklaven. Eine Indigoterie mit Plantage umfasste Sklavenhütten, ein von Zugtieren angetriebenes Schöpfwerk zur Wassergewinnung für die Hydrolyse des Indikans, Vorrichtungen zum Einrühren von Luft in die Oxidationsbecken sowie eine Baracke zur Trocknung des Indigos. Die Anzahl der auf den Indigoplantagen beschäftigten Sklaven variierte zwischen 35 und 100.
Saint-Domingue stieg zu Beginn des 18. Jahrhunderts zum wichtigsten Indigo-Produzenten auf und behauptete diese Position im weiteren Verlauf des Jahrhunderts. Im Jahr 1713 gab es dort etwa 1000 Indigoterien, deren Zahl bis 1790 auf 3160 anstieg. Die Haitianische Revolution zwischen 1789 und 1804 durch Sklaven und freie Schwarze beendete die Sklavenhaltergesellschaft der Plantagenbesitzer auf Saint-Domingue und damit den Betrieb der Indigoterien.
Indigo-Produktion in South Carolina mini|Sklaven, die 1757 Indigo in South Carolina verarbeiten Der Anbau von Indigopflanzen in South Carolina hat seinen Ursprung in Anbauversuchen durch die Pflanzerin Eliza Lucas im Jahr 1739. Sie verwendete Samen der westindischen Sorte Indigofera suffruticosa, die ihr Vater, der damalige Gouverneur von Antigua, ihr geschickt hatte. Die Arbeitsschritte vom Anpflanzen der Samen über die Ernte, Extraktion und Oxidation des Indigos bis zum Verpacken der fertigen Farbkuchen wurden von Sklaven durchgeführt. Innerhalb weniger Jahre wurde Indigofera suffruticosa zu einer der wichtigsten Kulturpflanzen der Südstaaten, deren Endprodukt Indigo ab Mitte des 18. Jahrhunderts etwa ein Drittel der Exporte der Kolonie ausmachte. Bis 1775 exportierte South Carolina jährlich mehr als 450 Tonnen Indigo.
Ein wesentlicher Faktor für den Erfolg der Indigo-Produktion in South Carolina war der War of Jenkins’ Ear. Infolgedessen wurden die britischen Häfen zwischen 1739 und 1743 für die Einfuhr französischer und spanischer Waren wie Indigo gesperrt. Dadurch sicherten sich die Plantagenbesitzer in South Carolina praktisch ein Monopol auf dem Markt, das sie zur raschen Steigerung ihrer Produktion nutzten. In den Nachkriegsjahren erreichten die Indigoexporte mit 63 Tonnen ihren Höhepunkt. Schätzungen zufolge existierten um 1791 etwa 160 Indigoterien in den britischen Kolonien, der Großteil davon in South Carolina.
Britische Ostindien-Kompanie mini|Ruine eines Indigo-Handelszentrums in Mongalganj in der Nähe von Bangaon (Westbengalen), das um 1777 durch die East India Company erbaut wurde mini|Wert der jährlichen Indigo-Exporte aus Indien zwischen 1795 und 1935 (in Rupien) Vor der britischen Kolonisation gab es zahlreiche Orte in Indien, an denen Indigo hergestellt wurde. Bayana in Nordindien beispielsweise war für die Produktion von Indigo hoher Qualität bekannt, der zum Teil nach Europa exportiert wurde. In den 1630er Jahren erreichte Berichten zufolge die Gesamtproduktion von Bayana-Indigo mit etwa 450 Tonnen ihren Höhepunkt. Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts kam es zu einem grundlegenden Wandel in der Indigoindustrie. Im Jahr 1757 übernahm die britische Ostindien-Kompanie die Kontrolle über die Provinz Bengalen, deren Hauptstadt wurde Kalkutta. Die Grundlage der britischen Herrschaft in Bengalen bildete zunächst die Erhebung von Steuern sowie der Export von Opium nach China. Darüber hinaus wurde der Anbau anderer Nutzpflanzen erprobt, darunter die Indigopflanze. Da die traditionellen Anbaugebiete der Indigopflanze in den Westindischen Inseln zunächst nicht erreichbar waren, sollte im Hinterland von Kalkutta eine neue Industrie aufgebaut werden.
Nach der Niederlage der britischen Kolonialmacht im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg 1783 und dem damit verbundenen Verlust der Anbaugebiete in South Carolina begannen sogenannte „Pflanzer“ mit der Kommerzialisierung des Indigoanbaus in Bihar und Bengalen. Eine steigende europäische Nachfrage und die britische Kolonisation des indischen Subkontinents führten zu einer Umstrukturierung der weltweiten Indigoproduktion und des Indigohandels. Bengalen und Bihar stiegen zum größten Indigoproduzenten auf und im 19. Jahrhundert war bengalischer Indigo der Marktführer.
Einer begrenzten Anzahl von britischen Pflanzern wurde die Niederlassung in ländlichen Gebieten sowie die Errichtung von Indigoterien gestattet. Die Bezeichnung „Pflanzer“ war irreführend, da sie keine Plantagenbesitzer, sondern Betreiber der Indigoterien waren. Das Land befand sich im Besitz lokaler Grundbesitzer und wurde meist von Landwirten bewirtschaftet. Das Permanent Settlement, eine 1793 getroffene Vereinbarung zwischen der Britischen Ostindien-Kompanie und den lokalen Grundbesitzern Bengalens regelte die Einkünfte aus dem Landbesitz. Es etablierte eine Klasse indischer Grundbesitzer, sogenannte Zamindare, die für die Einziehung der Einnahmen zuständig waren und die britische Autorität unterstützten. Zur Sicherung der Versorgung ihrer Fabriken übten die Pflanzer Druck auf die Landwirte aus, indem sie Barvorschüsse anboten oder „Mord, Totschlag, Aufruhr, Brandstiftung, Raub, Plünderung und Kinderraub“ anwendeten, um sie zum Anbau von Indigo zu zwingen. Bengalen exportierte bereits 1795 etwa 1300 Tonnen Indigo nach England und damit mehr als alle anderen Länder der Welt zusammen.
Kronkolonie