Die Vignettenforschung und die Anekdotenforschung sind methodische Verfahren zur Erforschung schulischer Erfahrungen lernseitsMichael Schratz: Erkundung von Qualität lernseits von Unterricht. In: U. Steffens, R. Messner (Hrsg.): Unterrichtsqualität: Konzepte und Bilanzen gelingenden Lehrens und Lernens. Bd. 3 von Grundlagen der Qualität von Schule. Münster: Waxmann 2018, S. 317–332.Evi Agostini, Michael Schratz, Erika Risse: Lernseits denken – erfolgreich unterrichten. Personalisiertes Lehren und Lernen in der Schule. Hamburg: AOL 2018. von Unterricht, die ein Forschungsteam am Institut für LehrerInnenbildung und Schulforschung der Universität Innsbruck über Förderung durch den Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung entwickelte und die mittlerweile auch für Lern- und Bildungsprozesse in außerschulischen sozialen Räumen fruchtbar gemacht wurden.Hans Karl Peterlini: Phänomenologie als Forschungshaltung. Einführung in Theorie und Methodik für das Arbeiten mit Vignetten und Lektüren. In: Jasmin Donlic, I. Strasser (Hrsg.): Gegenstand und Methoden qualitativer Sozialforschung. Einblicke in die Forschungspraxis. Opladen: Barbara Budrich (2020), S. 121–138, speziell 129ff. (researchgate.net). Das 2020 gebildete „Netzwerk Vignetten- und Anekdotenforschung“, kurz VignA, umfasst Universitäten und Pädagogische Hochschulen in Graz, Innsbruck, Klagenfurt, Wien sowie in Bozen (Italien), Florina (Griechenland), Hannover (Deutschland), Pretoria (Südafrika), Zürich (Schweiz).[Netzwerk Vignetten- und Anekdotenforschung https://vigna.univie.ac.at/standorte/]
Eine Vignette bezeichnet in den Sozialwissenschaften meist eine „stimulierende Ausgangssituation, die die befragten Personen zu Beurteilungen oder zu weiterführenden Handlungsmöglichkeiten anregen soll“. So sollen die Lebenswirklichkeit, die Perspektiven und die Standpunkte befragter Personen deutlich werden können.
Als qualitativer Ansatz ist die Vignettenforschung theoretisch und -methodologisch in der Phänomenologischen Erziehungswissenschaft verortet und bezeichnet eine ethnographisch, narrativ und phänomenologisch orientierte Forschungsmethode, mit der zunächst das Lernen von Schülern im schulischen Unterricht mehrerer Länder untersucht wurde. In jüngeren Erprobungen des Ansatzes findet die Vignettenforschung, ebenso wie die Anekdotenforschung, auch Anwendung in Feldern außerhalb der Schule, zum einen in der Forschung über sozialräumliche und lebensweltliche (Lern-)Erfahrungen von MenschenIrene Cennamo, Jasmin Donlic, Hans Karl Peterlini: Die Vignette im Forschungsdesign. Potenziale, Grenzen und Anknüpfungspunkte einer Methodenkombination am Beispiel einer Antragsstellung. In: H.K. Peterlini, I. Cennamo, J. Donlic (Hrsg.): Wahrnehmung als pädagogische Übung. Theoretische und praxisorientierte Auslotungen einer phänomenologisch orientierten Bildungsforschung. Erfahrungsorientierte Bildungsforschung Bd. 7. Studienverlag, Innsbruck/Wien/Bozen 2020, S. 179–200., zum anderen als Möglichkeit, Lernprozesse miterfahrbar zu machen, die durch performative Methoden (z. B. Forumtheater) oder durch Auseinandersetzung mit Kunst hervorgerufen werden.Evi Agostini: Aisthesis – Pathos – Ethos. Möglichkeitsräume pädagogischer Achtsamkeit und Zuwendung. In: B. Engel, I. Loemke, K. Boehme, E. Agostini, A. Bube (Hrsg.): Im Wahrnehmen Beziehungs- und Erkenntnisräume öffnen. Ästhetische Wahrnehmung in Kunst, Bildung und Forschung (= Didaktische Logiken des Unbestimmten. Band 4). Kopaed Verlag, 2020, S. 139–155.Hans Karl Peterlini: Die Geburt des Pathos. Performative Anstöße zu pädagogischen Verstehens- und Handlungsmöglichkeiten durch Vignetten, Zeichnungen und szenische Darbietung. In: M. Ammann, T. Westfall-Greiter & M. Schratz (Hrsg.): Erfahrungsorientierte Bildungsforschung. Bd. 3. Erfahrungen deuten – Deutungen erfahren: Vignettes and Anecdotes as Research, Evaluation and Mentoring Tool. StudienVerlag, Innsbruck 2017, S. 41–60. Als Ansatz empirischer Unterrichtsforschung möchte sie insbesondere den Vollzug von Lernerfahrungen erschließen und Erfahrungsmomente pädagogischen Handelns versteh- und erfahrbar machen. Arbeiten mit der Vignettenforschung finden sich an der Universität Innsbruck, der Freien Universität Bozen, der Universität Klagenfurt, der Universität Wien und der Pädagogischen Hochschule Zürich.
Theoretische Grundlagen und forschungsmethodologische Positionierung Die Vignettenforschung orientiert sich an der Phänomenologie als Philosophie der ErfahrungBernhard Waldenfels: Bruchlinien der Erfahrung: Phänomenologie – Psychoanalyse – Phänomenotechnik. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2002.Käte Meyer-Drawe: Leiblichkeit und Sozialität. Phänomenologische Beiträge zu einer Pädagogischen Theorie der Intersubjektivität. 3. korr. Aufl. München: Fink 2001., einem auf Edmund Husserl zurückgehenden philosophischen Denkstil, die sich zum Ziel gesetzt hat, Lernen als (bildende) Erfahrung zu erforschen und somit schwer erfassbare Phänomene von Lern- und Bildungsprozessen der wissenschaftlichen Betrachtung auf andere Art und Weise zugänglich zu machen, als es bisherigen Verfahren der empirischen Bildungsforschung gelingt. Erfahrungsvollzüge von Menschen werden so erforscht, wie sie die Forschenden in der unmittelbaren Begegnung selbst wahrnehmen und mit-erfahren. Phänomenologischer Tradition folgend, transformieren Forschende aus der Haltung der teilnehmenden ErfahrungTon Beekman: Hand in Hand mit Sascha. Über Glühwürmchen, Grandma Millie und einige andere Raumgeschichten. Im Anhang: Über teilnehmende Erfahrung. In: W. Lippitz, K. Meyer-Drawe (Hrsg.): Kind und Welt. Phänomenologische Studien zur Pädagogik. 2., durchges. Aufl. Frankfurt am Main: Athenäum 1987, S. 11–25. diese miterfahrene Erfahrung der Lernenden in narrative Texte. Die von den Forschenden miterfahrenen Erfahrungen werden protokolliert und anschließend in so genannte Vignetten als prägnante erfahrungsträchtige Erzählungen verdichtet. Insbesondere räumliche, zeitliche, relationale und leibliche Artikulationen schulischer Erfahrungen finden dabei spezifische Beachtung. Tonales, Stimmen, Blicke, Bewegungen, Gestik und Mimik sind insofern bedeutsam, weil sie Mit-Erfahrenes, Mit-Empfundenes, Mit-Gehörtes oder Mit-Gesehenes als leibliche Verkörperungen schulischer Erfahrung in besonderem Maße in sich tragen. Als „Klangkörper des Lernens“Michael Schratz, Johanna F. Schwarz, Tanja Westfall-Greiter: Auf dem Weg zu einer Theorie lernseits von Unterricht. In: Wolfgang Meseth, Matthias Proske und Frank-Olaf Radtke (Hrsg.): Unterrichtstheorien in Forschung und Lehre. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2011, S. 103–115. erfassen Vignetten somit Erfahrungsmomente, in denen die Forschenden selbst Erfahrungen gemacht haben, und verdichten diese in rekursiven Schreibprozessen in prägnante Narrationen. Die phänomenologische ForschungshaltungHans Karl Peterlini: Phänomenologie als Forschungshaltung. Einführung in Theorie und Methotik für das Arbeiten mit Vignetten und Lektüren. In: J. Donlic, I. Strasser (Hrsg.): Gegenstand und Methoden qualitativer Sozialforschung. Budrich, Opladen 2020, S. 121–138. übt durch das Einklammern von Vorannahmen das Einfühlen in die jeweilige konkrete Situation und der jeweiligen Subjekte jenseits vorgegebener Ordnungen, was Zuschreibungen im UnterrichtJohanna F. Schwarz: Zuschreibung als wirkmächtiges Phänomen in der Schule. Erfahrungsorientierte Bildungsforschung. Bd. 4. Studienverlag, Innsbruck/Wien/Bozen 2018. ebenso sichtbar machen kann wie es im Kontext von Schule und Gesellschaft macht- und diskriminierungskritische Perspektiven eröffnet.Hans Karl Peterlini: Lernen und Macht. Prozesse der Bildung zwischen Autonomie und Abhängigkeit. Erfahrungsorientierte Bildungsforschung, Bd. 1. Studienverlag, Innsbruck/Wien/Bozen 2016.Hans Karl Peterlini: Der zweifältige Körper. Die Leib-Körper-Differenz als diskriminierungskritische Perspektive. Vignettenforschung zu Rassismus, Sexismus und Behinderung. In: H.K. Peterlini, I. Cennamo, J. Donlic (Hrsg.): Wahrnehmung als pädagogische Übung. Theoretische und praxisorientierte Auslotungen einer phänomenologisch orientierten Bildungsforschung (= Erfahrungsorientierte Bildungsforschung. Band 7). Studienverlag, Innsbruck/Wien/Bozen 2020, S. 25–45. Der in den Vignetten verdichtete Bedeutungsüberschuss kann in der anschließenden Analyse mittels Vignetten-Lektüren phänomenspezifisch ausdifferenziert werden. Weder Operationalisierung noch Kategorisierung ist das Ziel solcher Lektüren, sondern das respektvolle Beschreiben leiblicher, räumlicher, zeitlicher und relationaler Artikulationen von ErfahrungenWilfried Lippitz: Differenz und Fremdheit. Phänomenologische Konzeptionen menschlichen Lernens – didaktische Konsequenzen. 3. Aufl. Frankfurt am Main: Lang 2003.. Während sich das Schreiben der Vignette am Konzept des Beispiel-Gebens orientiert, richtet sich die Lektüre einer Vignette am Beispiel-Verstehen ausGünther Buck: Lernen und Erfahrung – Epagogik: zum Begriff der didaktischen Induktion. 3., erw. Aufl. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1989..
In der Monographie Lernen als bildende Erfahrung. Vignetten in der Praxisforschung (2012)Michael Schratz, Johanna F., Tanja Westfall-Greiter: Lernen als bildende Erfahrung. Vignetten in der Praxisforschung. Studienverlag, Innsbruck 2012. werden sowohl das dem Forschungsansatz zugrunde liegende Lernverständnis, die theoretischen Grundlagen, das empirische Verfahren, eine Sammlung von Vignetten, die im Rahmen des Pilotprojektes zur Neue Mittelschule (NMS) an Schulstandorten in ganz Österreich erhoben wurden, sowie verschiedene Einsatzmöglichkeiten in Praxis, Lehre und Schulforschung vorgestellt. Neben zahlreichen Publikationen sind aus Forschungsprojekten zur Vignettenforschung bisher neun Dissertationen und drei Habilitationen entstanden.
Lernen als Erfahrung Der Vignettenforschung liegt ein pädagogisch-leibphänomenologisches Lernverständnis zugrunde, das auf einem Lernbegriff von Lernen als Erfahrung gründet.Günther Buck: Lernen und Erfahrung – Epagogik: zum Begriff der didaktischen Induktion. 3., erw. Aufl. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1989.Käte Meyer-Drawe: Diskurse des Lernens. München: Fink 2008. Lernen ist nach Käte Meyer-Drawe „ein phänomenologischer Gegenstand par excellence.“Käte Meyer-Drawe: Zur Erfahrung des Lernens. Eine phänomenologische Skizze. In: Santalka 18(3), 2010. Hier: S. 6f. Wir lernen nicht nur durch oder aus Erfahrung, sondern Lernen selbst ist eine Erfahrung. Im Lernen als Erfahrung machen wir eine Erfahrung über die eigene Erfahrung. Dies ist dann der Fall, wenn die Übereinstimmung zwischen unseren Erwartungen und den Vollzügen nicht mehr gegeben ist. Als Erfahrung hat Lernen den Charakter eines Widerfahrnisses: sie stößt uns zu und durchkreuzt unsere Erwartungen; sie entzieht sich unserer Initiative, wobei wir in diesem Akt zwar präsent sind, ihn aber nicht initiativ auslösen.Käte Meyer-Drawe: Diskurse des Lernens. München: Fink 2008. Die Erfahrung des Lernens ist etwas das von Anderem und dem Anderen herkommt und, ähnlich wie das Erwachen, aktiv und passiv zugleich ist. Wir sind als leibliche Wesen anwesend, aber wir lösen das Lernen nicht aus. Es ist nicht initiativ, etwa durch Lehren, herstellbar. Beginn und Vollzug des Lernens entziehen sich uns und Lernen kann, wenn überhaupt, nur von seinen Resultaten her, gemessen oder eindeutig bestimmt werden. Lernen ist nicht unmittelbar das Ergebnis von Lehren, Lernen und Lehren sind aber vielfältig miteinander verstrickt. Meyer-Drawe zufolge vollzieht sich Lehren im Lernen der Anderen. Im Verweis auf Bernhard Waldenfels und Maurice Merleau-Ponty entsteht in diesem sich responsiv vollziehenden Prozess ein Gewebe, ein Geflecht, dessen Produkt weder dem Lernen noch dem Lehren von Personen eindeutig zugeordnet werden kann.
Lernseitigkeit