Der Mond und die Feuer (italienischer Originaltitel: La luna e i falò) ist der letzte Roman Cesare Paveses, den er im Herbst 1949 in weniger als zwei Monaten niederschrieb, nachdem er den Sommer in Santo Stefano Belbo, dem Ort seiner Kindheit, verbracht hatte. Dort hatte er viele Gespräche mit seinem Freund Pinolo Scaglione geführt, über die Ereignisse in der kleinen Stadt und ihre Geschichte, insbesondere über die Resistenza in der dortigen Gegend, also über den Widerstand gegen die deutsche Besatzung und die italienischen Faschisten und das Schicksal der Bewohner. Alle diese Themen werden im Roman aufgenommen, auch Scaglione selbst ist in der Figur des Nuto wiederzufinden. Der Roman, der starke autobiographische Züge trägt, wurde im April 1950 veröffentlicht, nur einige Monate, bevor Pavese sich im August 1950 das Leben nahm. Er ist der letzten Geliebten Paveses gewidmet, der amerikanischen Schauspielerin Constance Dowling. Der Roman vereint alle wichtigen Themen und Motive seines gesamten Schaffens und gilt als das vollkommenste und reifste Werk des Dichters.
Inhalt
Der Roman spielt in der Nachkriegszeit, etwa um 1949. Der namenlose Ich-Erzähler (man erfährt nur seinen Spitznamen, den man ihm in der Kindheit gab, Anguilla, der Aal) kehrt nach 40 Jahren in den Ort seiner Kindheit im Piemont zurück. Der Name des Ortes wird nicht genannt, aber der Leser erkennt unschwer an den geographischen Gegebenheiten, dass es sich um Santo Stefano Belbo handelt. Der Grund seiner Rückkehr ist nicht ganz klar: Einerseits will er nur den Sommer dort verbringen, andererseits hofft er insgeheim, dort „Wurzeln zu schlagen, sich Land und ein Dorf zuzulegen, damit das eigene Fleisch etwas an Wert gewinnt und einen gewöhnlichen Jahreszeitenzyklus überdauert“. Während seines Aufenthalts dort, der letztlich nur vierzehn Tage dauert, sucht er die Orte seiner Kindheit und Jugend auf und erinnert sich an sein eigenes Leben und das der anderen Personen, die er damals kannte. Aber alles, was von der Vergangenheit geblieben ist, sind die Landschaft und die Orte seiner Kindheit. Die Personen dagegen leben alle nicht mehr, außer Nuto, dem Freund seiner Kindheit, dem es als Einzigem gelungen ist, ein erfülltes und zufriedenes Leben in der Heimat zu führen. Nachdem er in der Jugend als Musikant auf allen Dorffesten der Gegend gespielt hatte, arbeitet er später als Zimmermann, gründet eine Familie und engagiert sich in der Gemeinde. Er stellt in vielerlei Hinsicht das Gegenteil des Protagonisten dar: Er ist in der Heimat geblieben und hat dort Wurzeln geschlagen.
Zu Anfang spielen die Orte der Kindheit eine wichtige Rolle, die Hügel, die Nussbäume und die Weinberge, die Häuser, die Wege und der Fluss, die für ihn eine fast heilige Bedeutung haben, obwohl seine Kindheit alles andere als idyllisch war. „Anguilla“ ist ein Findelkind, das seine Herkunft nicht kennt und von einer armen Familie auf dem kleinen Hof Gaminella aufgezogen wird, auf dem es kaum genug zu essen gibt. Als sein Pflegevater Padrino durch einen Hagelschlag alles verliert und den Hof aufgeben muss, wird er als dreizehnjähriger Junge auf den größeren wohlhabenden Hof der Mora gegeben, wo es ihm viel besser geht, da er in der Gemeinschaft freundlicher Menschen lebt und eine Ausbildung zum Bauern erhält. Durch den um drei Jahre älteren Freund Nuto, der sich für Bücher interessiert und schon viel mehr vom Leben weiß, gewinnt auch Anguilla mehr Kenntnisse von der Welt.
Die wichtigsten Ereignisse seiner Jugend betreffen aber nicht ihn selbst, sondern das Schicksal seines Herrn, des Sor Matteo, und dessen zwei älteren Töchtern Irene und Silvia. Diesen beiden Mädchen gelingt es trotz ihrer außergewöhnlichen Schönheit und ihres Reichtums nicht, sich ein glückliches Leben aufzubauen, da sie durch den Reichtum ihres Vaters ihren Platz in der Gesellschaft verloren haben; sie sind keine Bäuerinnen mehr, aber auch keine Damen der höheren Gesellschaft. Ihr verzweifelter Versuch, einen Platz in der Welt des städtischen Großbürgertums und des Adels zu finden, scheitert, da sie von den Männern, mit denen sie sich einlassen, missachtet und betrogen werden.
Da der junge Anguilla schon lange von dem geträumt hat, was jenseits der Hügel liegt, und der Enge des bäuerlichen Lebens entkommen will, die ihm keine Perspektive bietet, verlässt er mit 20 Jahren seine Heimat, geht zunächst nach Genua und flieht von dort einige Jahre später, da er gegen die Faschisten gearbeitet hat, nach Amerika. Dort etabliert er sich zwar beruflich erfolgreich und wird reich, aber er fühlt sich in der Neuen Welt unwohl und wurzellos. Nach dem Krieg kehrt er nach Genua zurück und besucht von dort aus das Dorf seiner Kindheit. Von diesen Besuchen wird im Roman erzählt. Am Ende kehrt er endgültig nach Genua zurück und verabschiedet sich von Nuto mit den unbestimmten Worten: „Vielleicht schiffe ich mich ein … und komme nächstes Jahr wieder zum Fest.“
Der Ich-Erzähler erzählt die Geschichte seines vergangenen Lebens nicht chronologisch, sondern in verschiedenen Rückblicken, als Erinnerungen, die ihm bei bestimmten Gelegenheiten, beim Anblick eines Ortes oder durch die Begegnung mit einer Person, in den Sinn kommen. So setzt sich die Vergangenheit erst nach und nach für den Leser zusammen und ergibt erst am Schluss ein klares Bild.
Zunächst lernt der Ich-Erzähler die Familie Valinos kennen, der nun im Haus der Gaminella lebt. Das elende und unmenschliche Leben dieser Familie macht ihm wieder deutlich, wie recht er hatte, als junger Mann vor diesen Lebensbedingungen zu fliehen. In Cinto, dem hinkenden und immer hungrigen Sohn Valinos, erkennt er seine eigene Jugend wieder. Er kümmert sich um ihn und versucht ihm etwas beizubringen. Als Valino aus Verzweiflung über seine ausweglose Lage seine Familie auslöscht, das Haus anzündet und sich erhängt, ergreift Nuto die Gelegenheit, den überlebenden Cinto zu sich zu nehmen, und der Ich-Erzähler verspricht, ihm später eine Arbeit in Genua zu verschaffen.
Deutung Der Schluss des Romans bleibt zweideutig und offen: Einige Interpreten meinen, Baracca stelle das Gute dar, dem es gelinge, das Böse (Santa) zu zerstören. Andere betonen die Sympathie, die der Autor für Santa und ihren geheimnisvollen Tod hege, und seine geheime Antipathie gegen BaraccaVgl. die Darstellungen von Gilberto Finzi und Michele Tondo.
Auch der Roman in seiner Gesamtheit wird auf gegensätzliche Weise gedeutet. Die einen meinen, Pavese sei ein Pessimist gewesen und der Roman ende in völliger Verzweiflung; sogar Paveses ehemaliger Lehrer und Freund Augusto Monti, ein engagierter Antifaschist, warf ihm vor, alles und alle zu hassen. Andere verstehen den Roman ganz anders, so z. B. Heinrich Böll, der in dem Roman „sehr viel Weisheit, Ruhe und eine große Zärtlichkeit dem Leben und den Lebenden gegenüber“ findetZitiert in Kindlers Literatur Lexikon 1974, Artikel "La luna e i falò"..
Ausgaben
Cesare Pavese: La luna e i falò. Giulio Einaudi, Turin 1950. Cesare Pavese: Junger Mond. Übersetzung von Charlotte Birnbaum. Claassen, Hamburg 1954. Später: Bibliothek Suhrkamp, Frankfurt (Die Übersetzung enthält etliche Fehler.) Cesare Pavese: Der Mond und die Feuer. Neu übersetzt von Maja Pflug. Rotpunkt, Zürich 2016, ISBN 978-3-85869-715-8. Cesare Pavese: Der Mond und die Feuer. Neu übersetzt von Maja Pflug. Mit einem Nachwort von Paola Traverso. Diogenes Taschenbuch, Zürich 2018.
Literatur
Johannes Hösle: Cesare Pavese. 2. durchgesehene und erweiterte Auflage. De Gruyter, Berlin 1964. Kindlers Literatur Lexikon. Herausgegeben von Helmut Kindler. 25 Bände. dtv, München 1974. Verena Lenzen: Cesare Pavese. Tödlichkeit in Dasein und Dichtung. Piper, München und Zürich 1989. Gilberto Finzi: Come leggere "La luna e i falò" di Cesare Pavese. Mursia, Milano 1987. Michele Tondo: Invito alla lettura di Pavese. Mursia, Milano 1984.
Einzelnachweise
Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Roman, Epik Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Italienisch)