Der Seehund (Phoca vitulina) ist eine in allen nördlich-gemäßigten Meeren verbreitete Robbe aus der Familie der Hundsrobben.
Aussehen mini|Schädel (Sammlung Museum Wiesbaden) Seehunde sind im Vergleich zu der anderen an deutschen Küsten verbreiteten Robbe, der Kegelrobbe, kleine und schlanke Robben (Männchen etwa 170 cm, Weibchen 140 cm, Gewicht 150 beziehungsweise 100 kg). Von der Kegelrobbe unterscheiden sie sich auch durch ihren rundlichen Kopf. Die Färbung ist regional sehr variabel; in deutschen Küstengewässern sind Seehunde dunkelgrau gefärbt und haben unregelmäßig über den Körper verteilte schwarze Flecken.
Verbreitung und Lebensraum mini|links|Verbreitungsgebiet mini|Seehunde auf der Helgoländer Düne mini|hochkant|Seehunde im Wappen von Câmara de Lobos Der Seehund kommt auf der Nordhalbkugel im Atlantik und Pazifik vor. Er bevorzugt Küsten mit trockenfallenden Sandbänken. Man findet ihn aber auch an geschützten Felsküsten.
Die weltweite Gesamtpopulation der Seehunde wird auf rund 500.000 Individuen geschätzt. Von diesen leben etwa 90.000 an europäischen Küsten.
Während der Seehund an der gesamten Nordseeküste verbreitet ist, ist er in der Ostsee eine extreme Seltenheit; der Bestand in diesem Binnenmeer wird auf 250 Tiere geschätzt, womit Seehunde in der Ostsee noch seltener als Kegel- und Ringelrobben sind. Die Ostsee-Seehunde leben an den Küsten dänischer Inseln und des südlichen Schwedens. Umherwandernde junge Seehunde kommen manchmal auch an deutsche Ostseeküsten. Auch an der französischen Atlantikküste leben Seehunde. In der Somme-Bucht existiert die größte französische Seehund-Kolonie mit bis zu 700 Tieren.
Lebensweise mini|Seehunde vor Norwegen Seehunde sind sehr gute Schwimmer, die bis zu 200 m tief und 30 Minuten lang tauchen können. Für gewöhnlich dauert ein Tauchgang aber nur drei Minuten. Ausgewachsene Seehunde fressen ausschließlich Fische, und zwar Heringe, Sardinen, Dorsche, Lachse, Stinte und Plattfische. Jüngere Seehunde ernähren sich zu einem Großteil von anderen Meerestieren wie Krebs- und Weichtieren. Im Wasser sind Seehunde einzelgängerisch, auf Sandbänken kommen sie oft zu kleinen Gruppen zusammen. Sie sind jedoch keine sozialen Tiere und reagieren aggressiv auf Berührung durch Artgenossen; vor allem Männchen fügen sich gelegentlich gegenseitig blutige Wunden zu. Auf den Sandbänken findet man sie daher meistens gleichmäßig verteilt, mit eineinhalb Metern Mindestabstand zwischen zwei Tieren.
Von Juli bis Anfang September findet die Begattung im Wasser statt. Mehrere Männchen sammeln sich dabei um ein Weibchen und versuchen, auf ihren Rücken zu gelangen. Das Weibchen wehrt sich zunächst mit Bissen und Fluchtversuchen gegen die Paarung. Letztlich siegt eines der Männchen, indem es das Weibchen mit einem Biss in den Nacken ruhigstellt. Nach etwa drei Minuten ist der Paarungsakt beendet und beide Partner schwimmen ihrer Wege. Ein Seehundmännchen kann sich mit mehreren Weibchen paaren.
Die Tragzeit beträgt 11 Monate, wobei das embryonale Wachstum über die ersten zwei bis zweieinhalb Monate ausgesetzt wird. Die Wurfzeit liegt dadurch im folgenden Jahr erneut in den Monaten Juni und Juli. Es wird in der Regel nur ein Jungtier geboren, das bei der Geburt rund 8–12 kg schwer, 80–90 cm lang und voll schwimmfähig ist. Es wird ungefähr drei bis sechs Wochen gesäugt und dann allein gelassen.
Freilebende Seehunde werden ca. 30 bis 35 Jahre alt, dabei haben Weibchen in der Regel eine höhere Lebenserwartung als Männchen, die sich bei Kämpfen mit Geschlechtsgenossen verausgaben und selten ein höheres Alter als 25 Jahre erreichen. Der älteste in einem Zoo gehaltene Seehund starb im Alter von 53 Jahren. mini|Bananenstellung des Seehundes – Zeichen von Entspannung mini|Schwimmender Seehund Nicht jeder Seehund am Strand ist ein „Heuler“. Einzelne Robben liegen immer wieder an den Stränden und ruhen. Typisches Anzeichen von Entspannung ist die „Bananenstellung“. Der Kopf und das Hinterteil befinden sich dann in der Luft und die markante Bananenkurve ist zu erkennen.
Parasiten Der Seehund ist einer der Wirte für die Seehundlaus Echinophthirius horridus.Echinophthirius horridus. Abgerufen am 25. November 2024.
Unterarten mini|Gebiss Es werden geografisch fünf Unterarten unterschieden: BildUnterartTrivialnameVerbreitungzentriert|rahmenlos|110x110pxP. v. vitulina (L., 1758)Europäischer SeehundEuropa und westliches Asienzentriert|rahmenlos|110x110pxP. v. concolor (DeKay, 1842) (Status als Unterart umstritten)Westatlantischer SeehundOstküste Nordamerikas vom Arktischen Ozean bis MaineP. v. mellonae (Doutt, 1942)Ungava-SeehundSeen im nördlichen Québec, Kanada (einziger im Süßwasser lebender Seehund)zentriert|rahmenlos|110x110pxP. v. richardii (Gray, 1864)Pazifischer SeehundWestküste Nordamerikas von Alaska bis Baja Californiazentriert|110x110pxPhoca vitulina stejnegeri (J. A. Allen, 1902) (Status als Unterart umstritten)KurilenseehundKüsten Hokkaidōs, der Kurilen und Kamtschatkas Die Largha-Robbe wurde früher als Unterart des Seehundes, heute aber als selbständige Art eingestuft.
Mensch und Seehund Etymologie Die Bezeichnung „Seehund“ hat ursprünglich weder etwas mit der See noch mit Hunden zu tun, sondern ist eine volksetymologische Umdeutung eines germanischen Wortes (gemeingermanisch *selha, ahd. sēlah(o), mhd. seleh, sel) das schlicht „Robbe“ bedeutet und sich im englischen seal und dem schwedischen säl erhalten hat. Noch im Frühneuhochdeutschen finden sich gelegentlich Formen mit l wie Seel und Seelhund. Die weitere Herleitung ist ungewiss, wahrscheinlich geht das Wort auf die indogermanische Wurzel *selk- „ziehen, schleppen“ zurück; möglicherweise handelt es sich aber auch um eine Entlehnung aus einer ostseefinnischen Sprache (vgl. finnisch hylje).Wolfgang Pfeifer (Hrsg.): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 2. Auflage. Akademie-Verlag, Berlin 1992, s. v. Seehund (online im Rahmen des Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache des 20. Jahrhunderts); siehe auch: W.J.J. Pijnenburg: De etymologie van mnl. zale ‘zeehond’. In: Naamkunde 17, 1985. S. 284–291; F. de Tollenaere: Van zee-, zeel- en zaalhonden. In: Tijdschrift voor Nederlandse Taal en Letterkunde 106, S. 249–259. Alternativ wurde der Seehund auch Meerkalb genannt.
Seehundjagd in Vorzeit und Mittelalter
Von Bewohnern der Küsten wird der Seehund zum Nahrungserwerb und zum Fell- und Ölgewinn seit Jahrtausenden gejagt. Entlang des Unterrheins hat man zehn Steinplatten entdeckt, auf denen eiszeitliche Siedler die Umrisse von Robben eingraviert haben – wobei nicht immer deutlich ist, ob die dargestellten Tiere Seehunde oder die einstmals ebenso häufigen Kegelrobben sein sollen. Auch andere Robbenarten, die heute auf die Arktis beschränkt sind, lebten während der letzten Eiszeit an europäischen Küsten. Seehunde schwammen wohl immer wieder die Flüsse aufwärts und gelangten so selbst in die Netze von Binnenfischern. Auch heute noch schwimmen Seehunde gelegentlich Rhein, Weser und Elbe aufwärts, kommen aber nicht mehr so weit wie einst.
An dänischen Küsten fand man auf 7.500 v. Chr. Jahre datierte Holzkeulen, die unter einer Torfschicht konserviert waren. Da man mit ähnlichen Keulen bis ins 19. Jahrhundert an den Nordseeküsten Robben schlug, geht man davon aus, dass schon die Jäger der Jungsteinzeit dieser Betätigung nachgingen. Des Weiteren hat man in Robbenknochen Pfeilspitzen gefunden. Allerdings stammen aus dieser Zeit nur wenige Überreste von Seehunden. Damals bewohnten Kegelrobben, Ringelrobben und Sattelrobben in großer Zahl Nord- und Ostsee, und erst um die Zeitenwende wurde der Seehund hier häufig. Aus dem 1. Jahrhundert findet man entlang der Wesermündung Seehundknochen, die in den Abfallgruben der Warftbewohner zusammen mit Haustierknochen lagerten. Ähnliche Funde stammen aus dem frühen Mittelalter von der Insel Föhr. In den folgenden Jahrhunderten wurde die Seehundjagd zunehmend unüblich. Nach dem 11. Jahrhundert sind Seehundknochenfunde bei menschlichen Siedlungen die Ausnahme.
Ausrottungskampagnen des 19. und 20. Jahrhunderts
Erst seit dem späten 19. Jahrhundert wurde auf Seehunde wieder aus anderem Grund Jagd gemacht: Der Beginn des industriellen Fischfangs und die sich abzeichnende Überfischung der Meere verleitete Fischer zu der Überzeugung, dass der Seehund als Nahrungskonkurrent die Fischbestände plündere. Die Ausrottung des Seehundes wurde als erstrebenswertes Ziel gesehen. So beklagten sich 1902 die Fischer von Rügen in einer gemeinsamen Petition an den Regierungsbezirk Stralsund, dass sie ohne eine „Vertilgung der Seehunde“ ihrem „Ruin unzweifelhaft entgegen gingen“. Pro erlegtem Seehund wurden in Vorpommern 5 Mark gezahlt, und bald zogen andere Ostseestaaten nach und zahlten ebenfalls Prämien. Dabei wurden die Tiere geschossen, erschlagen und mit Netzen und Reusen gefangen; auch das Auslegen vergifteter Fischköder wurde in manchen Regionen als Methode angewandt. Zwischen 1886 und 1927 wurden in der Ostsee 353.329 Robben getötet und damit der Seehund wie auch die Kegelrobbe an den Rand der vollständigen Ausrottung gebracht.
Auch in der Nordsee wurde Seehunden von Prämienjägern nachgestellt. Die größere Weitläufigkeit der Nordsee machte eine so effektive Ausrottung wie in der Ostsee allerdings schwerer – vor allem, da der Bestand aus dem Atlantik ergänzt wurde. Doch ab den 1930ern zeichnete sich ab, dass Seehunde seltener wurden. 1953 wurde im Bundesjagdgesetz die ungeregelte Jagd beendet. Von da an musste ein Interessierter bei der Jagdbehörde seines Landkreises einen Erlaubnisschein beantragen, mit dem er das Recht auf die Seehundjagd bekam. Für etwa 250 Mark konnte man sich von einem Führer zu einem Seehund bringen lassen und diesen erlegen. Die Populationen brachen in den 1960ern zusammen, und der Seehund wurde eine Seltenheit. Die Niederlande verboten die Jagd 1962, 1971 folgten Niedersachsen, 1973 Schleswig-Holstein und 1977 Dänemark. Da es heute nur noch selten zur Wilderei kommt, sterben kaum noch Seehunde in der Nordsee durch Abschuss. Seit Einstellung der Jagd haben sich die Bestände von einem bedrohlichen Tief wieder erholt. So gibt es im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer geschätzte 7000 Seehunde. mini|Verletzte Tiere
Probleme durch Fischerei und Umweltverschmutzung
Die allgemeine Beeinträchtigung durch die zunehmende Verschmutzung der Ozeane sowie die Gefahr von Verletzungen durch schwimmende Abfälle, sind für viele Meeresbewohner lebensgefährlich. Seehunde verfangen sich unter anderem in Fischernetzen,„Guten Gewissens kann man höchstens noch Süßwasserfische essen“. sueddeutsche.de; abgerufen am 2. August 2023. Geisternetzen, Angelschnüren aus Nylon und sonstigen Plastikabfällen (siehe: Umweltverschmutzung durch Plastik),Young Seal Trapped in Pajamas! Einzelfall eines in einem Pyjama eingeschlossenen Jungseehundes. Youtube; abgerufen am 17. Juli 2023 und Angelhaken und -leinen aus der professionellen Hai- und Thunfischfischerei.Baby Robbe aus großem Angelhaken gerettet. Ocean Conservation Namibia. Youtube; abgerufen am 27. Juni 2023. Bei Seehunden, die sich nicht aus Umreifungen und anderen im Meer treibenden Abfällen befreien können, können diese in die Haut oder die Flossen der Tiere einwachsen. Sowohl Jungtiere als auch ausgewachsene Seehunde können daran verenden.Extreme Verletzung mit der Folge einer gelähmten linken FlosseFishing Line Nearly Amputates Seal’s Flipper. Ocean Conservation Namibia. Youtube; abgerufen am 27. Juni 2023.