Herrschaftsformen charakterisieren die tatsächliche Art und Weise der Herrschaftsausübung und berücksichtigen hierbei unter anderem, welche Personen oder Gruppen politische Macht ausüben.
Davon abzugrenzen sind die Regierungssysteme, welche sowohl nach der Stellung des Staatsoberhauptes, Regierungschefs und Parlaments als auch nach deren Wechselbeziehung unterschieden werden. Es muss ebenfalls zwischen Herrschaftsformen und den Staatsformen, die sich heutzutage in der Regel nach der verfassungsrechtlichen Stellung des Staatsoberhauptes richten, differenziert werden.
Untersuchungen von Fallbeispielen ergeben, dass mehrere Herrschaftsformen parallel auftreten können.
Bei Gesellschaftsformen wie den Jäger-und-Sammler-Kulturen, die vorwiegend in der Jungsteinzeit zu finden sind, und auch bei Nomaden ist häufig die segmentäre Gesellschaft, bei der kein dauerhafter Herrscher existiert, sondern allenfalls Respektspersonen, die aufgrund gemeinschaftlicher Entscheidungen zeitweilig führende Aufgaben übernehmen dürfen.
Der Fall, dass keine Herrschaftsform vorliegt und somit faktisch niemand Herrschaft ausübt, wird als Anarchie bezeichnet. Im Gegensatz zur segmentären Gesellschaft muss die Anarchie jedoch als bewusst gewählte „Rückkehr“ aus einer vorher existierenden Herrschaftsform verstanden werden.Walter Leisner: Die Demokratische Anarchie: Verlust der Ordnung als Staatsprinzip?, Duncker & Humblot, 1982.
Übersicht über Herrschaftsformen Bezeichnung Herrschaft durch Anmerkungen Absolutismus ein von Kontrollen losgelöster Monarch Sonderform der Monarchie (siehe dort). Beispiele: Frankreich (Ludwig XIV.), Fürstentümer im Römisch-Deutschen Reich. Absolutistisch regierende Herrscher handelten aus eigener Machtvollkommenheit; Zeitalter des Absolutismus in Europa zwischen 1648 und 1789. Aisymnetie Schlichter Aisymneten waren in der Antike Schlichter, die Stadtstaaten nach Krisensituationen wiedervereinen sollten. Sie besaßen große Machtfülle. Akephalie („Herrschaftsfreiheit“) höchstens zeitweilige informelle und provisorische Anführer Sozialstruktur ohne dauerhafte Oberhäupter, beispielsweise bei Wildbeuter-Horden von Jägern, Fischern und Sammlern (Hordengesellschaft) oder in segmentären Gesellschaften Algokratie Rechner (Algorithmen) Die Herrschaft der Algorithmen Anarchie niemanden Anarchismus bezeichnet einen Zustand der Abwesenheit von Herrschaft. Anarchie wird nicht als Herrschaftsform im engeren Sinne angesehen, da die Ablehnung jeglicher Entscheidungsträger elementarer Bestandteil der Überzeugung ist ( „Herrschaftslosigkeit“). Deshalb gehört der Begriff im strengen Sinne nicht in die Liste; er wird hier zur Abgrenzung zu weiteren Begriffen trotzdem aufgeführt. Androkratie Männer Aristokratie den Adel bzw. die „Besten“ In der Regel bezeichnet die Aristokratie die Herrschaft des Adels (auch über einen Senat als Senatsaristokratie), seltener auch eine Priesteraristokratie oder frühbürgerliche Städtearistokratie (Patrizierherrschaft). In sozialistischen Schriften taucht auch der Begriff Arbeiteraristokratie auf. Im übertragenen Sinne findet auch die Bezeichnung Geldaristokratie Verwendung. Autokratie eine einzelne Person oder Gruppe wörtlich „Selbstherrschaft“, durch sich selbst legitimierte Herrschaft; siehe auch Autokrat Bürokratie Beamte Herrschaft durch Vorgaben, Normen und Regulierungen, die im Rahmen festgelegter Kompetenzen von festgelegten Beamten ausgeführt wird. Demarchie das Volk demokratische Herrschaftsform, in der Regierung und Volksvertreter durch das Losverfahren und nicht durch Wahlen bestimmt werden; eine Variante der Demokratie Demokratie das Volk (direkt) bzw. von diesem ausgewählte Mandatsträger (indirekt) direkte oder indirekte Herrschaftsausübung durch das Volk; in der Antike negativ besetzt, siehe Ochlokratie (entartete Form der Demokratie): Herrschaft des Pöbels, des Mobs. Für die verschiedenen Varianten der Demokratie im Detail siehe unten. Despotismus einen Herrscher totalitäre Herrschaft eines Tyrannen Diktatur den Befehlenden Zwangsherrschaft durch einen Diktator, eine politische Partei oder eine andere Gruppe. Ausprägung bewegt sich zwischen den Aspekten „autoritär“ und „totalitär“. Für mögliche Varianten einer Diktatur siehe unten. Dyarchie zwei gleichberechtigte Personen wörtlich „Doppelherrschaft“ Ecclesiarchie Kleriker Epistokratie Philosophen nach Platon nicht Herrschaft der Intellektuellen; Kant favorisiert Koexistenz von Herrschern und Philosophen Expertokratie Experten vgl. Technokratie Exarchie Bischöfe Feudalismus Lehnsherren siehe auch Grundherrschaft Gerontokratie die Alten auch durch den Ältestenrat Globokratie internationale Regime bzw. Organisationen z. B. UNO, WTO oder noch zu schaffende internationale Organisationen, EU Grundherrschaft den Grundbesitzer ähnlich wie Gutsherrschaft durch den Gutsbesitzer Gynarchie Frauen Häuptlingstum dauerhaft anerkannter Anführer Bindung an ein vererbbares Amt, jedoch zumeist nur eingeschränkte Macht Hierokratie Priester Holokratie Integrative Entscheidungsfindung Steuerung einer Organisation durch transparente und partizipative Beteiligung aller Ideokratie Ideologien Infokratie Massenmedien vgl. Telekratie (Problem: Informationsselektion der Medien) Kakistokratie den Schlimmsten als „Herrschaft der Schlechtesten“ analog zu Aristokratie („Herrschaft der Besten“) Kleptokratie die Korrupten als Herrschaft derer, die willkürliche Verfügungsgewalt über Besitz und Einkünfte der Beherrschten haben und entweder sich oder ihre Klientel auf Kosten der Beherrschten bereichern Kommunismus alle gemeinsam Idee einer herrschaftsfreien und klassenlosen Gesellschaft Korporatokratie Unternehmen politische Ordnungen oder politische Systeme werden von führenden Konzernen, den sogenannten Global Playern, beeinflusst und bestimmt („Konzernherrschaft“) Kritarchie Richter als unzulässige Herrschaft von Richtern. Insbesondere im Kontext, dass sich Richter willkürlich Verfügungsgewalt über Freiheit, Leben, Besitz und Einkünfte der Beherrschten anmaßen und entweder sich oder ihre Klientel auf Kosten der Beherrschten bereichern. Kyriarchat einen „Herren, Gebieter“ steht für miteinander verbundene, interagierende Systeme von Herrschaft und Unterwerfung. Kyriarchie den Potentaten Einflussnahme eines weltlichen Herrschers auf kirchliche Hierarchien Lobbykratie Lobbyisten Eine indirekte Kleptokratie, in der leicht steuerbare Politdarsteller Subventionen und Gesetze entsprechend den Wünschen reicher und einflussreicher Gruppen festlegen.Logokratiedas Wort/die VernunftHerrschaft des Wortes, Herrschaft der Vernunft (Nach Kurt Hiller) Matriarchat Mütter/die Älteste Eine von Frauen dominierte Gemeinschaft Mediokratie (Medienherrschaft) Eigentümer medialer Plattformen Missbrauch von Medienmacht (siehe Medium als Kommunikationsmittel) durch Beschränkung der verfügbaren Informationen und andere Beeinflussung der öffentlichen Meinung Mediokratie (Herrschaft der Mittelmäßigkeit) Herrschaft des Mittelmaßes Eher mittelmäßig () begabte Menschen halten die entscheidenden Schaltstellen einer Gesellschaft besetzt und nutzen ihre Macht dazu, höher begabten Konkurrenten den Aufstieg zu verwehren Meritokratie verdiente Persönlichkeiten Herrschaft durch Amtsträger, welche aufgrund ihrer Leistung oder ihres Verdienstes ausgewählt wurden, damit es keinen Machtmissbrauch gibt. Minarchie (Minimalstaat) „Freiheit und das Eigentum jedes Individuums“ Minimale Herrschaftsausübung durch Parlamente; Herrschaft begrenzt auf Justiz, Polizei, Gefängnisse und Streitkräfte Monarchie eine – oft angeblich von Gott autorisierte – Einzelperson wörtlich „Alleinherrschaft“, durch Erbfolge oder durch Wahlen (Absolute Monarchie: König kann ohne ständische Vertretung, ohne Parlament und Verfassung regieren; Konstitutionelle Monarchie: König ist einer Verfassung unterworfen; Parlamentarische Monarchie: König ist nur Chef der Exekutive, Parlament ist Legislative) Monokratie Alleinherrscher, Einen kann sowohl eine legitime Monarchie als auch eine Tyrannei oder Diktatur darstellen und ist somit ein Oberbegriff für diese Herrschaftsformen. Das Gegenteil ist die Polykratie. Neopatrimonialismus Günstlingsherrschaft Mischform aus den beiden Weberschen Herrschaftstypen der patrimonialen und der rational-legalen Herrschaft; zwischen Demokratie und Autokratie. Kennzeichen sind Klientelismus, Korruption und Rentenökonomie. Vor allem in der Neuzeit (insbes. in Afrika) verbreitet. Nomokratie Herrschaft des Gesetzes In einer Nomokratie kann der Herrscher die Regeln (Gesetze) nicht oder kaum verändern. Oligarchie eine Minderheit/eine eigennützige kleine Gruppe, wörtlich „Herrschaft weniger“ Bei einer Oligarchie herrschen einige, die allerdings nur an ihrem Eigennutz interessiert sind. Sie bildet im Verfassungskreislauf so das Gegenstück zur Aristokratie. Ochlokratie die Masse/den „Pöbel“ Im Verfassungskreislauf neben der Demokratie die entartete Form der Politie Panarchie alle Systeme Trennung von Regierung und Territorium – d. h. in einem Territorium können „alle“ Systeme bestehen Pantisokratie alle gleichermaßen S. T. Coleridge, R. Southey und R. Lovell nutzten Ende des 18. Jahrhunderts den Begriff als Namen für ihre zu gründende Kolonie in der Neuen Welt. Siehe auch: Utopischer Sozialismus Patriarchat Väter/den Ältesten in einer von Männern dominierten Gemeinschaft Plutokratie die Reichen Unterform der Oligarchie; Staatsämter sind nur den Reichen zugänglich (auch Plutarchie). Politie Vernünftige, Besonnene Gemäß Aristoteles im Verfassungskreislauf die beste Form der legalen Herrschaft. Polyarchie Viele, Mehrere im Gegensatz zur Monarchie Polykratie Viele parallel Gegenstück zur Alleinherrschaft eines Einzelnen (Monokratie). Pornokratie Mätressen Beeinflussung der Regierenden durch ihre (offizielle) Geliebte Ptochokratie die Armen Sozialismus Herrschaft des Proletariats (Arbeiterklasse) nach Karl Marx und Friedrich Engels (Marxismus) kann und sollte das in einer Partei organisierte Proletariat die Macht erobern, diese Herrschaft des Proletariats (Sozialismus) hat ihre Hauptaufgabe in der Aufhebung des wirtschaftlichen Privateigentums und kann zur klassenlosen Gesellschaft (Kommunismus) führen. Soziokratie die (gesamte) Bevölkerung keine klare Abgrenzung zur Demokratie bzw. Ochlokratie möglich; schließt jedoch meist auch normalerweise nicht wahlberechtigte Einwohner mit ein. Stratokratie Militär bürgerliche Regierung mit militärischer Intervention der Streitkräfte Synarchie von vielen Menschen gleichzeitig Herrschaftsform, bei der die Regierung gleichzeitig von vielen Menschen ausgeführt wird; viele Verschwörungstheorien sehen in Synarchien „Weltregierungen“ wie zum Beispiel die Freimaurer oder den Illuminatenorden. Der Begriff existiert seit dem 19. Jahrhundert. Synkratie von Vielen Herrschaftsform eines Staates, bei der das Volk beteiligt ist an Gesetzgebung und Regierung, etwa durch Abstimmung oder gewählte Vertreter. Technokratie Experten-Kommissionen abwertend für Entscheidungen nach Sachzwängen durch Fachleute und Politiker, meist fortschrittsgläubig Thalassokratie des Meeres Herrschaftsform eines maritim-kommerziell ausgerichteten Staates oder einer Vereinigung von Staaten, die über eine auf der Seemacht beruhende Überlegenheit zur Sicherung ihres Handelsmonopols sowie über eine leistungsfähige Wirtschaft und Handelsflotte verfügen. Theokratie eine göttlich erwählte Person oder die Priesterklasse wörtlich „Gottesherrschaft“; Herrschaftsform, bei der der Herrschende von seinen Anhängern als göttlich erwählte Person verehrt wird und seine Macht allein religiös legitimiert wird. Siehe auch „Cäsaropapismus“ mit einem weltlichen und geistlichen Herrscher in einer Person Timokratie die Angesehensten/die Besitzenden wörtlich „Ehrenherrschaft“ Tyrannis einen absoluten Herrscher vorwiegend antike Form der Alleinherrschaft, in welcher der Herrscher gemäß Aristoteles absolut regieren kann. Xenokratie Fremde „Fremdherrschaft“
Demokratie- und Diktaturvarianten