mini|450px|Stolpersteine im Stadtplan Die Liste der Stolpersteine in Tübingen Innenstadt erinnern an das Schicksal der Menschen, die in der Innenstadt von Tübingen lebten und von den Nationalsozialisten ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben worden sind oder sich aktiv den Nationalsozialisten entgegenstellten.
Im November 2011 wurden in der Südstadt Tübingen Stolpersteine verlegt.
Hier sind die Stolpersteine aufgelistet, die in der Tübinger Innerstadt verlegt wurden. Viele Beschreibungen stammen von Schülerinnen und Schüler der Geschwister-Scholl-Schule Tübingen. Die erste Verlegung war am 10. Juli 2018. Die zweite Verlegung war am 13. Juli 2020. Sie ist hier ab Uhlandstraße aufgeführt. Die dritte Verlegung war am 24. Juni 2022 mit einigen Ergänzungen zur bisherigen Verlegung (das Verlegungsdatum wird dort genannt), die Ermordung von Menschen im Zuge der „Euthanasie-Aktion T4“ in Grafeneck und Betroffene (Zeeb, Frank, Majer) im Widerstand gegen das NS-Regime. Die vierte Verlegung war am 7. Oktober 2024. In der Gartenstraße 42 (Hugo und Pauline Löwenstein, Ruth Böhm, geb. Löwenstein), Hölderlinstraße 31 (Emilie Schmidt, Aktion T4), Österbergstraße 15 (Helene Brodbeck, Aktion T4), Neustadtgasse 4 (Fritz Dieterich, Aktion T4), Schmiedtorstraße 11 (Pauline Hartmaier, Aktion T4), Wilhelmstraße 88 (Agnes Rösler, Im Widerstand, KPD), Nonnengasse 14 (Wilhelm Baudermann, Im Widerstand), Kornhausstraße 11 (Emil Panter, im Widerstand, KPD), Hohentwielstraße 9 (Anton Luible, Im Widerstand, KPD) und Haaggasse 31 (Karl Pfeiffer, Im Widerstand, KPD), Kronenstraße 10 (Hugo und Mina Benzinger, KPD). Eine weitere Verlegung erfolgte am 19. Mai 2026 zum Gedenken an das Schicksal der Zeugen Jehovas in der Äulestraße 4, dem Treffpunkt der Zeugen Jehovas in der Lustnauer Mühle. Weitere drei Stolpersteine wurden verlegt in der Stauffenbergerstraße 45 für Laura Schradin, in der Neustadtgasse 8 für Traugott Baumann, in der Burgsteige 5 für Gottlob Schmid und im Klosterberg 2 für Georg Mall.
Geschichte der Stolpersteinverlegung Nachdem 2011 Stolpersteine in der Tübinger Südstadt verlegt worden waren, setzte sich 2016 eine private Initiative für die Verlegung von weiteren Stolpersteinen in der Tübinger Innenstadt ein, hinter deren Forderungen sich im Juni 2017 die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) „einstimmig und mit Nachdruck“ gestellt hat. Der Kulturausschuss der Stadt Tübingen stimmte im September 2017 einem Antrag auf Stolpersteinverlegung mit großer Mehrheit zu.
Die ersten 29 Stolpersteine wurden am 10. Juli 2018 an acht Orten von dem Kölner Künstler Gunter Demnig in der Tübinger Innenstadt verlegt. Dazu waren für drei Tage 23 Nachkommen der Tübinger Juden aus England, Frankreich, Israel und den USA angereist. Die aufgeführte Reihenfolge entspricht der Verlegung und kann so auch durch die Stadt erwandert werden.
Weitere Stolpersteine wurden von Gunter Demnig am 13. Juli 2020 (hier ab Uhlandstraße aufgeführt) und am 24. Juni 2022 (hier ab Holzmarkt 2) in der Tübinger Innenstadt verlegt – coronabedingt ohne Beteiligung von Nachkommen.
Mit Abschluss der Verlegung im Jahre 2020 wird dann an fast alle jene ehemaligen Tübinger Juden, Jüdinnen und jüdische Kindern mit einem Stolperstein erinnert sein, deren Namen auf dem Denkmal Synagogenplatz Tübingen am Synagogenplatz stehen.
Jugendliche der Klassen 5 bis 12 der Geschwister-Scholl-Schule Tübingen haben sich vor dieser Stolpersteinverlegung ein ganzes Schuljahr mit der Tübinger Vergangenheit während der NS-Diktatur beschäftigt und bei den Lebensbeschreibungen, die hier Grundlage der Texte sind, mitgewirkt.
Ecke Holzmarkt/Neue Straße mini|300px|Ecke Neue Straße Holzmarkt
Jakob Oppenheim
HIER WOHNTE JAKOB OPPENHEIM JG. 1874"SCHUTZHAFT" 1938GESTAPOZENTRALEFLUCHT 1940USA Jakob Oppenheim wurde am 27. April 1874 in Bebra/Hessen geboren und kam 1905 nach Tübingen. Er war verheiratet mit Karoline Oppenheim, geb. Seemann aus dem fränkischen Aschbach. In Tübingen kamen 1907 sein Sohn Heinz und 1911 seine Tochter Gertrud zur Welt.
Jakob Oppenheim war einer der erfolgreichsten und angesehensten Kaufleute in Tübingen. Er übernahm 1906 das Damenkonfektions- und Aussteuergeschäft „Eduard Degginger u. Co.“ in der Neuen Straße 16; der Name wurde abgeändert in „Eduard Degginger Nachfolger“.
Später kaufte er von der Stadt Tübingen das frühere Offizierskasino Neue Straße 1, ließ es großzügig umbauen und verlegte sein Geschäft dorthin. Gesellschafter wurde sein Schwager Albert Schäfer, der 1911 nach Tübingen kam. Die Firma war für eine Stadt wie Tübingen in dieser Branche ein ungewöhnlich großes und repräsentatives Geschäft. Nach großen Einbußen während des Ersten Weltkrieges kam es Mitte der zwanziger Jahre zu einem erheblichen Aufschwung; entsprechend stiegen der Umfang des Geschäftes und das Ansehen seiner Inhaber.
Von 1914 bis 1925 war Jakob Oppenheim Synagogenvorsteher und von 1925 bis 1934 Gemeinde- und Stiftungspfleger der Tübinger jüdischen Gemeinde. Schon ab 1930 machte sich der zunächst schleichende, später offene Boykott jüdischer Geschäfte, flankiert von SA-Posten vor dem Geschäftshaus bemerkbar und brachte erhebliche Einbußen, die seiner Firma sehr schadeten und schließlich die Firma in den Ruin trieben. Unter enormem politischen Druck vermietete er zunächst sein Geschäft an den NSDAP-Stadtrat Karl Haidt und 1937 wurde bereits der Name „Eduard Degginger Nachfolger“ im Handelsregister gelöscht.
Wiederholt fanden Verhöre durch die Gestapo in Stuttgart statt und machten die Ausreise aus Deutschland unvermeidlich. Ihm und seiner Frau Karoline gelang 1940 als letzten der Tübinger Juden die Flucht über Genua in die USA. Der als Fracht aufgegebene Hausrat kam nie am Bestimmungsort an. Jakob Oppenheim lebte in Cleveland/Ohio mit gebrochenem Herzen, wie sein Sohn Heinz schreibt. Er starb dort am 5. März 1947.
Karoline Oppenheim, geb. Seemann
HIER WOHNTE KAROLINE OPPENHEIM GEB. SEEMANNJG. 1883Flucht 1940USATOT 7.11.1944 Karoline Oppenheim, geb. Seemann wurde am 28. Mai 1883 in Aschbach bei Bamberg geboren. Sie war die Ehefrau des Textilkaufmanns Jakob Oppenheim und kam mit ihm 1905 nach Tübingen. Dort wurden 1907 ihr Sohn Heinz und 1911 ihre Tochter Gertrud geboren.
Karoline Oppenheim war sozial sehr engagiert, sie war Mitbegründerin des Jüdischen Frauenchores und war im Jüdischen Frauenverein tätig, in dem alle jüdischen Frauen Tübingens organisiert waren. Die Vereinsaufgaben umfassten ein breites Spektrum von Bildungsarbeit über karitative Tätigkeiten bis hin zur gesellschaftlichen Standortbestimmung jüdischer Frauen. Karoline Oppenheim flüchtete 1940 mit ihrem Mann in die USA, zunächst nach Cleveland/Ohio, und zog später zu ihrer Tochter Gertrud nach Pennsylvania. In Philadelphia starb sie am 7. November 1944.
Dr. Heinz Oppenheim
HIER WOHNTE DR. HEINZ OPPENHEIM JG. 1907Flucht 1936USA Heinz Oppenheim wurde am 25. April 1907 in Tübingen geboren. Dort machte er 1925 sein Abitur und studierte anschließend Medizin in Tübingen, München und Wien. 1930 promovierte er. Von 1931 bis Ende April 1933 arbeitete er als Assistenzarzt an der Tübinger Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten. Ab Mai 1933 konnte er wegen eines inzwischen geltenden Erlasses des Reichsarbeitsministeriums seine Arbeit als Assistenzarzt in Deutschland nicht fortsetzen und bekam als Jude keine Kassenzulassung.
Deshalb ging er für ein halbes Jahr nach Straßburg und anschließend in die Schweiz an das Klinisch-Therapeutische Institut in Arlesheim. Da auch in Frankreich und der Schweiz keine Aussicht auf eine erfolgreiche berufliche Tätigkeit bestand, kehrte er nach Tübingen zurück und versuchte, sich in der Neuen Straße 1 eine Privatpraxis als praktischer Arzt aufzubauen. Auch dies erwies sich als aussichtslos, da er als Jude keine Kassenzulassung bekam und weil Privatpatienten nicht wagten, einen jüdischen Arzt zu nehmen.
1935 heiratete er Dorothee Hayum aus der Rechtsanwaltsfamilie Hayum und emigrierte mit ihr 1936 in die USA. Im Jahre 1945 wurde ihre Tochter Lilian geboren. Von 1943 bis 1945 diente Heinz Oppenheim in der Sanitätsabteilung der amerikanischen Armee.
In den USA arbeitete Heinz Oppenheim als sehr angesehener Chefarzt und Professor der Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde und war Mitglied verschiedener wissenschaftlicher Vereinigungen. Er war in New York, in West-Virginia und in Kentucky als HNO-Spezialist zugelassen. Heinz Oppenheim war Mitglied der jüdischen Gemeinde „Adath Israel Congregation“. Er verstarb plötzlich am 23. September 1969 in seinem Büro in Louisville/Kentucky.
Dorothee Oppenheim, geb. Hayum
HIER WOHNTE DOROTHEE OPPENHEIM GEB. HAYUMJG. 1912Flucht 1936USA Dorothee Hayum wurde am 28. April 1912 in Tübingen geboren als einzige Tochter des Rechtsanwaltes und liberalen (DDP-)Stadtrats Simon Hayum und seiner Ehefrau Hermine, geborene Weil. Sie besuchte das humanistische Gymnasium (heute Uhland-Gymnasium) in Tübingen und legte dort das Abitur ab. Anschließend studierte sie Rechtswissenschaften in München, Freiburg und Tübingen. Dort schloss sie 1934 ihr Studium mit der Promotion ab.
1935 heiratete sie Dr. Heinz Oppenheim. Da die Nationalsozialisten durch Gesetze vom 07.04.1933 Berufsverbote gegen jüdische Beamte und Rechtsanwälte verhängt hatten, hatte sie keine Chance auf eine Zulassung als Rechtsanwältin und musste auf eine juristische Laufbahn verzichten. 1936 flüchtete sie mit ihrem Mann in die USA. 1945 wurde dort ihre Tochter Lilian geboren, die in Indiana studierte und Stand 2018 in Louisville/Kentucky lebt. Dorothee Oppenheim verstarb 1950.
Gertrud Oppenheim, verh. Adler
HIER WOHNTE GERTRUD OPPENHEIM VERH. ADLERJG. 1911Flucht 1938USA Gertrud Oppenheim wurde am 17. November 1911 als Tochter von Jakob Oppenheim und seiner Ehefrau Karoline Oppenheim, geb. Seemann in Tübingen geboren. Sie besuchte die Mädchen-Oberrealschule in Tübingen (heute Wildermuth Gymnasium) und anschließend ein Mädchenpensionat in der französischen Schweiz. Danach half sie im florierenden Textilgeschäft ihres Vaters mit.
In Frankfurt am Main heiratete sie 1935 den Juristen Dr. Otto Adler. Mit ihm flüchtete sie 1938 in die USA und lebte in Philadelphia/Pennsylvania. 1940 nahm sie ihre Eltern Jakob und Karoline Oppenheim bei sich auf und bestritt gemeinsam mit ihrem Bruder Heinz Oppenheim ihren Unterhalt.
Albert Schäfer
HIER WOHNTE ALBERT SCHÄFER JG. 1878„Schutzhaft“ 1938DachauGefoltertTot an den Haftfolgen4.5.1941 Albert Schäfer wurde am 26. August 1878 in Hainsfarth/Bayern geboren. Nach der höheren Schule und einer kaufmännischen Ausbildung war er über längere Zeit bei größeren Textilfirmen in Nürnberg, Würzburg und München tätig.
1911 kam er nach Tübingen und übernahm dort zusammen mit seinem Schwager Jakob Oppenheim die Geschäftsführung des Konfektionshauses „Eduard Degginger Nachfolger“. Sie erwarben das ehemalige Offizierskasino in der Neuen Straße 1 und bauten es um zu einem repräsentativen Geschäfts- und Wohnhaus. Schon bald galt es als das renommierteste Konfektionshaus in Tübingen.
Von 1913 bis 1933 war „Eduard Degginger Nachfolger“ marktführend in Tübingen, aber bereits 1931 begann zunächst schleichend, dann ab 1. April 1933 auf staatliche Initiative ein Boykott aller jüdischen Geschäfte (Judenboykott). Infolgedessen kam es zu rapiden Gewinneinbrüchen; nur wenige treue Kunden blieben. Am Morgen nach der Reichspogromnacht im November 1938 wurde auch Albert Schäfer verhaftet und ins KZ Dachau deportiert. Er wurde am Monatsende aus dem KZ Dachau entlassen unter der Auflage, Deutschland sofort zu verlassen, und mit dem erzwungenen Versprechen, niemandem von seinen Erlebnissen im KZ zu erzählen.