Die Europäische Human Biomonitoring Initiative (HBM4EU), bestehend aus 116 Partnern aus 30 Ländern sowie der Europäischen Umweltagentur, war ein European Joint Programme im Bereich Chemikalien, Umwelt und Gesundheit und wurde von der Europäischen Kommission im Rahmen von Horizont 2020 kofinanziert. Das Projekt hatte das Ziel, mit innovativer Forschung politikberatungsrelevante Fragen zur Chemikalienregulierung zu beantworten, ein europaweites Human-Biomonitoring (HBM) aufzubauen, einen nachhaltigen Rahmen für das Human-Biomonitoring in ganz Europa zu schaffen und die gesundheitlichen Gefahren aufgrund der Chemikalienbelastung weiter zu untersuchen und bewerten. Diese Aufgaben an der Schnittstelle von Politik und Wissenschaft wurden auf der Grundlage vereinter nationaler Fähigkeiten und Fachkenntnisse bearbeitet. Damit konnten regulierungsrelevante Fragen zur Chemikaliensicherheit auf Basis von HBM-Daten evidenzbasiert beantwortet werden, basierend auf den Anforderungen der europäischen und nationalen Behörden im Bereich Chemikalien, Umwelt und Gesundheit und mit dem Ziel, die Risikobewertung von Chemikalien in Europa zu verbessern und einen effektiven Beitrag zur länderübergreifenden Gesundheitspolitik zu leisten.

Das Projekt lief 5½ Jahre und wurde im Juni 2022 erfolgreich abgeschlossen. Die Leitung lag beim deutschen Umweltbundesamt (UBA), Fachgebiet „Toxikologie, gesundheitsbezogene Umweltbeobachtung“, von wo aus die Zusammenarbeit von 24 EU-Mitgliedstaaten sowie Norwegen, Island, Israel, Großbritannien, Nordmazedonien und der Schweiz koordiniert wurde.

Übergreifendes Projektziel Übergeordnetes Projektziel war die Verbesserung der Gesundheit und des Wohlbefindens der europäischen Bürger. Dazu wurde die Belastung mit ausgewählten Umweltchemikalien und deren Auswirkungen auf die Gesundheit verschiedener Bevölkerungsgruppen in Europa ermittelt. Um zu gewährleisten, dass alle Daten und die gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Beantwortung dringender politikberatungsrelavanter Fragen zu den priorisierten Stoffen und Stoffgruppen umgehend weiter kommuniziert und bearbeitet werden konnten, wurde das Projekt direkt an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politikberatung angesiedelt und die Ergebnisse an Politik, sowie politische Entscheidungsträger, weitergegeben und in politische Prozesse eingespeist. So konnte die Faktengrundlage für die Umwelt- und Chemikalienpolitik der Europäischen Union verbessert und die gesundheitsrelevante chemische Belastung langfristig verringert werden.

Um das zu erreichen, wurden acht Hauptziele im Projektvertrag festgelegt:

Harmonisierung des Human Biomonitorings auf EU-Ebene Bereitstellung existierender und Generierung neuer Daten über die innere (körperliche) Belastung des Menschen mit Schadstoffen Untersuchung möglicher Zusammenhänge zwischen innerer und äußerer Exposition gegenüber Chemikalien und Identifizierung der Expositionswege Entwicklung neuer Methoden zur Messung der inneren Exposition des Menschen gegenüber Umweltchemikalien und Chemikalien im Arbeitsumfeld und deren Einfluss auf die menschliche Gesundheit Bereitstellung von wissenschaftlich fundierten Daten für politische Entscheidungsträger und die breite Öffentlichkeit über die Exposition gegenüber Chemikalien sowie damit verbundene Gesundheitsrisiken und Möglichkeiten der Expositionsverminderung Untersuchung von Chemikalienwirkungen mit neuen Methoden und Methodenweiterentwicklungen, etwa in den Bereichen Bewertung von Mischungen oder non target / suspect screening. Verbesserung der Chemikalienpolitik und Chemikalienbewertung in der EU durch die effektive Nutzung von HBM-Daten Politikberatung

Prioritäre Stoffe im HBM4EU-Projekt (Stand Juni 2022) Bereits in der Planungsphase wurde der Beratungsbedarf der regulatorischen Behörden der HBM4EU Partnerländer und der EU-Institutionen für ausgewählte prioritäre Chemikalien ermittelt und auf dieser Grundlage entwickelt ein ambitioniertes Arbeitsprogramm. Es wurden insgesamt 18 Stoffe bzw. Stoffgruppen, die toxikologisch bedenklich sind und denen Menschen in ganz Europa durch Verbraucherprodukte, Kosmetika, Lebensmittel, die Innen- und Außenluft sowie durch andere Umwelteinflüsse ausgesetzt sind, ausgewählt und standen im Fokus der Arbeiten. Für diese prioritären Stoffe wurden durch HBM4EU Belastungs- und Wirkungsfragen beantwortet. Die Auswahl der Stoffe und Stoffgruppen erfolgte unter Einbeziehung verschiedener Interessensgruppen in zwei Priorisierungsrunden.

Die Liste der 18 priorisierten Stoffen und Stoffgruppen umfasst: Phthalate und Hexamoll DINCH Bisphenole Flammschutzmittel Per- und polyfluorierte Verbindungen Cadmium und Chrom(VI) Polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) Stoffe der Anilin-Familie Chemische Mischungen neue / unbekannte und potentiell bedenkliche Stoffe („emerging substances“) Acrylamid Aprotische Lösungsmittel Arsen Diisocyanate Blei und Bleiverbindungen Quecksilber und organische Quecksilberverbindungen Mykotoxine Pestizide, einschließlich Pyrethroid Chemische UV-Filter – Benzophenon

Projektstruktur Die europäische Human Biomonitoring Initiative gliederte sich in die folgende Steuerungskomponente: Governing Board: Das Governing Board war das oberste Entscheidungsgremium des Projekts. Es bestand aus den Behörden, die für die nationalen HBM- bzw. Forschungs-Programme verantwortlich sind und sie finanzieren („Programm-Besitzer“), der Europäischen Umweltagentur (EUA), der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) und der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Management Board: Das Management Board war für die inhaltliche Steuerung und das Tagesgeschäft, die jährlichen Arbeitspläne, die Umsetzung des Projekts gemäß dem 5-Jahres-Gesamtplan und alle damit verbundenen wissenschaftlichen Fragen verantwortlich. Stakeholder Forum (SF): Das Stakeholder Forum bestand aus Vertretern von Interessengruppen außerhalb des Projekts (Nichtregierungsorganisationen, Industrie und Zivilgesellschaft), die am Priorisierungsprozess teilnahmen und strategische Beiträge leisteten, um die Verantwortlichkeit und Glaubwürdigkeit der Projektaktivitäten zu unterstützen. National Hubs (NH): Die National Hubs haben ein nachhaltiges Netzwerk aufgebaut, nationale HBM-Aktivitäten zusammengeführt und national koordiniert, die nationalen Bedürfnisse in den europäischen Prozess eingebracht und Gewinn aus der Arbeit von HBM4EU und den neuen HBM4EU Netzwerken gezogen. Advisory Board (AB): Das Advisory Board bestand aus herausragenden internationalen Experten, die mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung zum Projekt beitrugen Ethic Board: Der Ethikrat beriet über das ethisch korrekte Verhalten innerhalb des Projektes.

Inhaltlich umfasste HBM4EU insgesamt 16 Arbeitspakete, die sich bis auf das koordinierende Arbeitspaket 1 auf folgende drei Pfeiler aufteilten:

Pfeiler 1: Science to Policy: eine Aktivität, die sich auf die Umsetzung der Projektergebnisse in Politikberatung konzentriert. Pfeiler 2: Europäische HBM-Plattform: eine Plattform, die alle Komponenten von HBM-Studien umfasst und u. a. das Netzwerk qualifizierter HBM-Labore, umfangreiche Materialien für die Studiendurchführung und die Kommunikation mit Studienteilnehmern und eine Dateninfrastruktur umfasst. Pfeiler 3: Exposition und Gesundheit: eine Forschungstätigkeit zur Bewertung der toxikologisch/gesundheitlichen Auswirkungen der Schadstoff-Exposition auf die menschliche Gesundheit, zur methodischen Weiterentwicklung von non target-Screening und zur Beschreibung und toxikologischen Bewertung von Chemikalienmischungen im Körper.

Projektziele Harmonisierung auf EU-Ebene

HBM4EU hat Human-Biomonitoring-Studien auf EU-Ebene harmonisiert und die Vergleichbarkeit etwa von Studiendurchführung, Analytik und Fragebogendaten sowie eine einheitliche Bewertung von Expositionen gegenüber Umweltchemikalien vorangetrieben. Dies wurde durch die Entwicklung und Etablierung eines einheitlichen Konzepts für die Planung und Durchführung von HBM Studien erreicht, unter anderem durch die Etablierung eines Qualitätssicherungs-/Qualitäts-Kontrollprogramms und den Aufbau eines Netzwerks europäischer Laboratorien, welches vergleichbare Analysedaten in hoher Qualität liefert. Außerdem wurden zur Datenerhebung Vorlagen für ein Studiendesign einschließlich einheitlicher Fragebögen entwickelt.

Zusammenführung von Studien und Datenverfügbarkeit

Die „HBM4EU Aligned Studies“ haben neue, vergleichbare HBM-Daten für Europa generiert und Informationen über die aktuelle interne Exposition der Allgemeinbevölkerung gegenüber ausgewählten prioritären Substanzen sowie über Belastungs-Biomarker (z. B. Expositions-Biomarker für Phthalate, DINCH, Flammschutzmittel, Pestizide, Acrylamid, PFAS, Arsenspezies, UV-Filter, Cadmium, Bisphenole, PAKs und Mykotoxine) von über 10.000 Bürgern gewonnen. Harmonisierte Studien zur Exposition am Arbeitsplatz wurden u. a. für Chrom (VI) und, verschiedene andere schädliche Chemikalien, etwa Diisocyanate, und durch die Arbeit mit Elektroschrott durchgeführt. Eine gezielte Interventionsstudie zu Quecksilber hat die Auswirkungen von Ernährungsempfehlungen für schwangere Frauen bewertet, die aus Ländern kommen, in denen die Ernährung einen hohen Anteil an Süßwasser- und Meeresprodukten sowie hohe Quecksilberwerte enthält.

Gesundheitsbezogene Beurteilungswerte: Human Biomonitoring Guidance Values

Um die gemessenen Belastungsdaten in Bezug auf ihre toxikologischen und gesundheitlichen Wirkungen hin bewerten zu können, wurden gesundheitsbezogene Beurteilungswerte abgeleitet- die HBM Guidance Values (HBM GVs). HBM GVs wurden für die Allgemeinbevölkerung und, wenn möglich, auch für beruflich exponierte Erwachsene abgeleitet. Die HBM GVs sind im Rahmen des HBM4EU Projektes entwickelt, unter Beteiligung der Expertise aus allen HBM4EU Partnerländern festgelegt und im open access in internationalen wissenschaftlichen Journalen veröffentlicht worden. Damit stehen sie zur Anwendung auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene zur Verfügung und können auch von Regulierungsbehörden und Risikobewertern außerhalb des HBM4EU Projekts genutzt werden. HBM-GVs gibt es derzeit für ausgewählte Phthalate (DEHP, DnBP, DiBP, BBzP, DPHP), den Ersatzweichmacher DINCH, die Bisphenole A und S, Cadmium, Schwermetalle, aprotische Lösungsmittel und für das Mykotoxin Deoxynivalenol (Stand März 2023).

Science-to-Policy

Von Anfang an war die Verknüpfung von wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn und einer datenbasierten Politikberatung das zentrale Ziel. HBM4EU hat ein leistungsfähiges Netzwerk aufgebaut, in dem die verantwortlichen Akteure aus den Partnerländern, etwa die regulatorischen Behörden und die Betreiber der nationalen Studien sich mit den EU-Behörden und Generaldirektionen austauschen und zusammenarbeiten. Über dieses innovative Netzwerk wurde eine schnelle und kostenlose gemeinsames Nutzung von Daten sichergestellt, vertraglich vereinbart und praktiziert.

Die wissenschaftlichen Ergebnisse von HBM4EU dienten unter anderem als direkter Beitrag für öffentliche Konsultationen der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA), der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und des Sekretariats des Minamata-Übereinkommens beim Umweltprogramm der Vereinten Nationen. Sie dienen zudem als Grundlage für die Beurteilung von Handlungsnotwendigkeiten und künftigen Erfolgen für die Strategien und Aktionspläne der Europäischen Kommission im Rahmen des Europäischen Green Deal. Die HBM4EU Expositionsdaten für Europa liefern Indikatoren und die Ausgangsbasis, anhand derer der Erfolg der EU-Chemikalienstrategie für Nachhaltigkeit, der Strategie „Vom Erzeuger zum Verbraucher“ und des Zero Pollution Aktionsplans im Rahmen des Green Deals gemessen werden können.

Veröffentlichung der Daten über IPCHEM und das HBM4EU Dashboard