mini|hochkant|Lage von Midlothian in Schottland Die Midlothian-Kampagne () war eine Serie von Wahlkampfauftritten, die der liberale Politiker William Ewart Gladstone in den Jahren 1879 und 1880 in seinem neuen schottischen Wahlkreis Edinburghshire, gemeinhin Midlothian genannt, absolvierte. Vom liberalen Oberhausmitglied Earl of Rosebery unter großem Aufwand als Medienevent nach US-amerikanischem Vorbild organisiert, gilt die Midlothian-Kampagne als Meilenstein und als die erste moderne Wahlkampagne in der politischen Geschichte des Vereinigten Königreiches. Im Gegensatz zum vormals etablierten Modell sprach Roseberys Wahlkampforganisation breite Massen der örtlichen Bevölkerung an und versuchte die Auftritte unter Einbindung der Presse als ein mediales Großereignis zu inszenieren, um der Kampagne eine landesweite Aufmerksamkeit zu sichern. Dabei wurden die Auftritte wie in den USA auch durch ein Rahmenprogramm mit Umzügen, Reiterparaden und Feuerwerk begleitet.
Gladstone, der bei seinen Auftritten scharfe Attacken auf die konservative Regierung seines ihm verhassten langjährigen Rivalen Benjamin Disraeli ritt, bestätigte durch die Midlothian-Kampagne wiederholt seinen in früheren Jahrzehnten erworbenen Ruf als populärer und volksnaher Politiker („The People’s William“) und zementierte über die folgende Dekade hinaus seine Vorrangstellung als führender Mann innerhalb der Liberalen Partei. Bei den vorgezogenen Unterhauswahlen 1880 triumphierte er in Midlothian und bildete dank des landesweiten Erfolgs der Liberalen Partei nachfolgend seine zweite Regierung als Premierminister.
Gladstones persönliche Situation Mitte der 1870er Jahre mini|hochkant|Gladstone auf seinem Landsitz Hawarden Castle, 1877 Nach sechs Jahren an der Regierung hatten die Liberalen unter Premierminister William Ewart Gladstone bei den Britischen Unterhauswahlen 1874 eine eindeutige Niederlage hinnehmen und die Macht an die Konservative Partei unter ihrem Führer Benjamin Disraeli abgeben müssen.Robert Blake: Disraeli. Faber and Faber, London 2010, S. 537 f. Nach einer kurzen Übergangsphase gab Gladstone auch die Führerschaft der Liberalen Partei ab, da er nicht erneut als Oppositionsführer agieren wollte. Er behielt jedoch seinen Parlamentssitz und beabsichtigte, weiterhin von den Hinterbänken aus zu agieren, sofern Belange der Church of England auf der politischen Tagesordnung erscheinen würden.Dick Leonard: The Great Rivalry: Gladstone and Disraeli. IB Tauris, London 2013, S. 160. Nach weiteren persönlichen Niederlagen – er musste im Zuge des im Unterhaus (House of Commons) beschlossenen Public Worship Regulation Act 1874 (der den wachsenden römischen Ritualismus in der anglikanischen Church of England verbieten sollteDick Leonard: The Great Rivalry: Gladstone and Disraeli. IB Tauris, London 2013, S. 161.) eine für ihn äußerst schmerzliche Abstimmungsniederlage hinnehmenRichard Aldous: The Lion and the Unicorn. Gladstone vs Disraeli. Pimlico, London 2007, S. 257 f. – fand sich Gladstone allerdings zunehmend bezugslos zur herrschenden Stimmung im Land, die der Agenda von Disraelis wieder aufstrebender konservativer Partei folgte.H. C. G Matthew: Gladstone: 1809–1898. London 1997, S. 257 f.
1875 machte er deshalb sein schon vor Jahrzehnten gegebenes privates Versprechen wahr und zog sich aus der Politik zurück. Er verbrachte stattdessen viel Zeit auf seinem walisischen Landsitz Hawarden Castle, wo er sich seinen Homer-Studien widmete, sich vor allem auch mit religiösen Studien befasste und unter anderem ein Traktat über himmlische Bestrafung nach dem Tod verfasste.John Campbell: Pistols at Dawn: Two Hundred Years of Political Rivalry from Pitt and Fox to Blair and Brown. Vintage Books, London 2009, S. 125 f. Nach seinem selbstgewählten Rückzug übernahmen Lord Hartington im Unterhaus und Lord Granville im Oberhaus die Führung der Liberalen.Richard Aldous: The Lion and the Unicorn. Gladstone vs Disraeli. Pimlico, London 2007, S. 261. Gladstones Biographen stimmen jedoch darin überein, dass sein Exil niemals vollständig war und er insgeheim mit einer Rückkehr in die aktive Politik liebäugelte, sobald sich ihm ein geeigneter Anlass dafür bot.D.C. Somervell: Disraeli and Gladstone. Jarrolds Publishers, London 1925, S. 173 f.Francis Birrell: Gladstone. Duckworth, London 1933, S. 89.H. C. G Matthew: Gladstone: 1809–1898. London 1997, S. 256.Richard Aldous: The Lion and the Unicorn. Gladstone vs Disraeli. Pimlico, London 2007, S. 260 f.John Campbell: Pistols at Dawn: Two Hundred Years of Political Rivalry from Pitt and Fox to Blair and Brown. Vintage Books, London 2009, S. 126.
Der bulgarische Aufstand mini|hochkant|Künstlerische Darstellung verübter Gräueltaten in Bulgarien, 1877 Während Gladstone sich in seinem Exil befand, hatte im April 1876 auf dem Balkan der bulgarische Aprilaufstand gegen die Osmanische Herrschaft begonnen. Dieser wurde durch die osmanische Armee und unterstützende irreguläre Truppen brutal niedergeschlagen; dabei wurden auch Massaker an der bulgarischen Zivilbevölkerung verübt. So kam die Orientalische Frage zum wiederholten Mal auf die politische Tagesordnung. London hielt seit langem enge Beziehungen zur osmanischen Regierung, der Hohen Pforte, aufrecht. Der Schutz des Osmanischen Reiches, inzwischen als „kranker Mann am Bosporus“ bekannt, galt London als unerlässlich für den britischen Handel, die machtpolitischen Interessen und den Schutz des britischen Empires vor der russischen Expansion.John Campbell: Pistols at Dawn: Two Hundred Years of Political Rivalry from Pitt and Fox to Blair and Brown. Vintage Books, London 2009, S. 126 f. So hatte Großbritannien bereits im Krimkrieg Mitte der 1850er-Jahre gemeinsam mit dem napoleonischen Frankreich interveniert, um den Bestand des Osmanischen Reiches zu sichern.Richard Aldous: The Lion and the Unicorn. Gladstone vs Disraeli. Pimlico, London 2007, S. 269. Vor allem Konstantinopel sowie die Meerengen an Bosporus und Dardanellen waren in britischen Augen der Schlüssel zur Verteidigung dieser Interessen. Diese strategisch neuralgischen Punkte in russische Hände fallen zu lassen, erschien unter diesem Gesichtspunkt undenkbar für das politische London, da dies unausweichlich zu einem rapiden Machtzuwachs Russlands geführt und das bestehende Machtgefüge gefährdet hätte. Zwar waren Stimmen in der konservativen Partei laut geworden, die dieses Dogma mittlerweile für veraltet hielten, dazu schien durch den Kauf des Suezkanals auch der Seeweg nach Britisch-Indien abgesichert. Jedoch bewies der Fall mehrerer unabhängiger Khanate in Zentralasien in den 1860er-Jahren, die unter russische Herrschaft gerieten,Robert Blake: Disraeli. Faber and Faber, London 2010, S. 576 f. in den Augen von Disraeli erneut die Wichtigkeit des Osmanischen Reiches als Schutzschild vor der russischen Expansion. Mit Disraelis Wahlsieg endete die seit 1865 bestehende und von beiden Parteien unterstützte außenpolitische Inaktivität Großbritanniens. Disraeli selbst legte sein besonderes Augenmerk auf die Außenpolitik und auch insbesondere auf das Schicksal Britisch-Indiens.R.W. Seton-Watson: Disraeli, Gladstone, and the Eastern Question: A Study in Diplomacy and Party Politics. W.W. Norton & Company, 1972, S. 3 ff. Für ihn lag der Schlüssel zur Sicherheit Britisch-Indiens und des Seewegs dorthin über den Suezkanal weiterhin in Konstantinopel, welches nicht in russische Hände fallen dürfe.Robert Blake: Disraeli. Faber and Faber, London 2010, S. 577. Dem anwachsenden Nationalismus, der die treibende Kraft für den Aufstand gegen die osmanische Herrschaft bildete,R.W. Seton-Watson: Disraeli, Gladstone, and the Eastern Question: A Study in Diplomacy and Party Politics. W.W. Norton & Company, 1972, S. 51. stand er zudem generell misstrauisch gegenüber.Robert Blake: Disraeli. Faber and Faber, London 2010, S. 578 f.
Vorspiel zur Midlothian-Kampagne: Außerparlamentarische Protestbewegungen mini|hochkant|Lord Salisbury, Disraelis Unterhändler und Außenminister nach Derbys Rücktritt. (Unbekanntes Datum) Nachrichten über verübte Gräuel und Opfer in der bulgarischen Zivilbevölkerung erreichten Europa und die britische Öffentlichkeit zunächst nur sehr spärlich, fanden jedoch sofort großes Interesse. Im Juni berichtete die den Liberalen nahestehende Zeitung Daily News über verübte Gräueltaten und Tausende von Toten, was einen Sturm der Entrüstung in weiten Teilen der Öffentlichkeit auslöste.Dick Leonard: The Great Rivalry: Gladstone and Disraeli. IB Tauris, London 2013, S. 167. Die britische Regierung und Premierminister Disraeli ignorierten die eingehenden Berichte dagegen zunächst; Sir Henry Elliot, ab 1867 britischer Botschafter in Konstantinopel und ein überzeugter Turkophiler, gab die Beschwichtigungen der osmanischen Regierung nach London weiter.Robert Blake: Disraeli. Faber and Faber, London 2010, S. 592. Der ebenfalls turkophile britische Konsul in Sarajewo, Holmes, gab ungeprüft die Ausführungen der örtlichen Behördenvertreter weiter und führte aus, dass es sich bei dem Aufstand eher um Unruhen von auswärtigen Banden handele, die von serbischen Agitatoren verursacht worden wären.R.W. Seton-Watson: Disraeli, Gladstone, and the Eastern Question: A Study in Diplomacy and Party Politics. W.W. Norton & Company, 1972, S. 29 f. Daraufhin tat Disraeli in einer Stellungnahme im Unterhaus die Berichte als „wenig mehr als Kaffeehausgeschwätz“ ab.Richard Aldous: The Lion and the Unicorn. Gladstone vs Disraeli. Pimlico, London 2007, S. 270. Weiter erteilte er einer möglichen militärischen Intervention des zaristischen Russlands eine entschiedene Absage. Auch unter dem Druck von Königin Victoria drohte Disraeli für diesen Fall offen mit einem allgemeinen europäischen Krieg zwischen den Großmächten. Gleichzeitig ließ er diskret Lord Salisbury mit der russischen Seite bezüglich eines Kompromissabkommens verhandeln. Während Victoria sich betont militant gabRobert Blake: Disraeli. Faber and Faber, London 2010, S. 605.Dick Leonard: The Great Rivalry: Gladstone and Disraeli. IB Tauris, London 2013, S. 160. und während der ganzen Krise viel konfrontativer agieren wollte als ihr Premierminister, sah sich Disraeli auf der anderen Seite einem skeptischen Kabinett gegenüber, das sehr vorsichtig agieren wollte.Ian St John: Disraeli and the Art of Victorian Politics. Anthem Press, London 2010, S. 158.
mini|Disraeli versus Gladstone, Cartoon von John Tenniel Intellektuelle und Geistliche begannen unterdessen, Proteste zu organisieren. Nach anfänglichem Zögern – die Führer der Liberalen neigten eher dazu, die Politik der konservativen Regierung zu unterstützen – beschloss der tiefreligiöse Gladstone, sich an die Spitze der Protestbewegung zu setzen und begann einen regelrechten moralischen Kreuzzug.John Campbell: Pistols at Dawn: Two Hundred Years of Political Rivalry from Pitt and Fox to Blair and Brown. Vintage Books, London 2009, S. 126. Er veröffentlichte ein Pamphlet, The Bulgarian Horrors and the Question of the East, von dem allein in vier Tagen 40.000 Kopien verkauft wurden. Darin klagte er die Türken als inhumane Rasse an, deren bestialische Gelüste sie dazu treibe, Freveltaten zu begehen.Roy Jenkins: Gladstone: A Biography. Macmillan, London 1995, S. 403. Er stellte drei Kernforderungen auf: Ein Ende der anarchischen Missregierung im Osmanischen Reich, die Verhinderung weiterer Gewalttätigkeiten durch administrative Reformen und die Wiederherstellung des britischen Namens, der schweren Schaden durch die Inaktivität der Regierung genommen habe. Als einzig mögliche Reaktion forderte er ein gemeinsames Eingreifen eines vereinten Europas und die Türken aus Europa zu vertreiben.R.W. Seton-Watson: Disraeli, Gladstone, and the Eastern Question: A Study in Diplomacy and Party Politics. W.W. Norton & Company, 1972, S. 75 f.John Campbell: Pistols at Dawn: Two Hundred Years of Political Rivalry from Pitt and Fox to Blair and Brown. Vintage Books, London 2009, S. 126 f.